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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 28. Juni 1905.

56. Jahrgang.

Einladung zum Abonnement

auf die AMückterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt.

Die Schlüchterner Zeitung, die älteste Zeitung des Kreises Schlächtern, (56. Jahrg.) bringt Berichte über wissenswerte Vorgänge in unserem Reiche wie auch im Auslande.

UnterLokales und Provinzielles" berichtet die Tchlkchterner Zeitung über alle neue und be- merkenswerte Vorkommnisse aus dem Kreise und der Provinz.

Die Schlüchterner Zeitung mit dem amtlichen Kreisblatt bringt alle Anzeigen sämtlicher Behörden des Kreises.

finden in der über alle Ort- fünften des Kreises und weiter hinaus verbreiteten Schlüchterner Zeitung wirk­same Verbreitung.

Bezugspreis vierteljährlich mit amtlichem Kreisblatt

1 Mark.

Um gefl. Neubestellung bittet höflichst

Spedition der Schlüchterner Leitung.

Berufstreue.

Berufstreue ist das Geheimnis der Leistungsfähig­keit eines jeden, der in seinem Stand und Amt etwas Brauchbares leistet. Unsere Gaben und Kräfte sind für uns alle das Kapital, welches uns von höherer Hand zur Verwaltung anvertraut worden ist. Wir sind weder Eigentümer der Gaben und des Gutes, das uns geworden ist, noch auch Erzeuger der Anlagen des Geistes und Verstandes, der Gemüts- und Willens­kräfte, die in uns stecken. Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, heißt es mit Recht im Vibel- buch. Und dort lesen wir auch das Geständnis des mit hohen Geistes- und Gemütsgaben ausgestatteten Apostels Paulus:Was hast du aber, das du nicht empfangen hast?"

Ein frommer Fürst hatte eine brennende Kerze in seinem Wappen und den Wahlspruch darunter:Im Dienste anderer verzehre ick mich " Ein vielsagender Wahlspruch unseres Hohenzollerngeschlechts lautet:Ich dien'". Friedrich der Große nannte sich darum den ersten Diener des Staates. Der hychselige Kaiser

Wilhelm I. sprach noch auf seinem Sterbebette:Ich habe keine Zeit, müde zu sein." Von unserm jetzigen Kaiser rühmt sein Erzieher, daß in ihm, wie in allen Gliedern seines Geschlechts, das Pflichtgefühl die stärkste und wirksamste Triebfeder sei. Das ist königliche Berufstreue. Und wir haben alle Ursache, Gott zu danken, der unserm Staatswesen ein Geschlecht an die Spitze gestellt hat, dessen Glieder in solch ausge­sprochener Weise ihren königlichen Beruf ausüben.

Daß der eine in Reichtum und Wohlleben auf» wächst, von treuen Eltern angehalten wird zu einem fleißigen Leben, der andere dagegen in Not und Elend aufwachsen und mit dem Leben ringen muß, um es zu etwas zu bringen, dazu hat weder jener noch dieser etwas getan. Es ist von höherer Hand also geordnet. Und schnell genug ändert dieselbe hohe Hand die Ver­teilung der Gaben und Güter dieses Lebens. Es geschieht oft in verhältnismäßig kurzer Zeit, daß der Reiche arm und klein, der Arme groß und reick gemacht wird. Forscht man aber nach, welchen Ein­flüssen ein Mensch seine geachtete Stellung, seine Wirksamkeit, seine Anerkennung zuzuschreiben hat, s.o findet man, daß es die Treue war, diese ganz allein, welche das Geheimnis des Erfolges in seinem Leben bildete.

Treue in Beruf kein größeres Lob, keine ehren­vollere Auszeichnung gibt es, die man uns nachsagen könnte. Wer sie ausübt, bei dem wird die Fülle der natürlichen Anlagen zu ihrer ganzen Schönheit gebracht, bei dem wird auch das geringe Maß von Fähigkeiten eine Quelle verhältnismäßig großer Leistungen. Treu aber sind wir, wenn wir stets von dem gewissenhaften Gedanken uns leiten lassen, daß alles dasjenige, was wir unter unseren Händen, nicht unser eigen ist, daß es uns vielmehr anvertraut ist, und daß der, welcher es uns anVertraut hat, darauf rechnet, daß wir damit handeln nicht nach unserm Willen, sondern nach seinen Anordnungen, zu seinem Vorteil, in seinem Interesse.

Unser Beruf ist das uns von höherer Hand anver­traute Gut, bei dessen Verwaltung wir nur dann rechten Nutzen und innere Befriedigung, dazu ein gut Gewissen haben werden, wenn wir mit treuem Fleiß unsere Schuldigkeit in demselben tun. Es gehört wohl ein reiches Maß von Selbstzucht und Dienstwilligkeit dazu, um treu in seinem Berufe zu sein. Aber kein ander Ding hat auch reicheren Lohn aufzuweisen als redliche Berufstreue. Sie ist schon in sich selbst das lohnendste Ding, Sie bringt anderseits uns reiche Anerkennung bei Gott und Menschen.

Deutsches Reich.

Seine Majestät der Kaiser besuchte in Kiel am 25. Juni die Yacht Viktoria Luise und die Yacht Leu- sahn des Großherzogs von Oldenburg. Am 25. Vor­mittag 9 Uhr hielt Seine Majeüät den Gottesdienst an Bord der Hohenzollern ab. Nach dem Gottesdienst begab er sich an Bord des Meteor, um an der heutigen Regatta teizzuuehmen.

Den thüringischen Blättern zufolge soll die schon wiederholt als bevorstehend angekündigte Ver­lobung der früheren Großherzogin von Hessen mit dem Großfürsten Kyrill von Rußland für Mitte Juli bevorstehen. Der Großfürst weilt seit Montag zu Besuch in Koburg.

Daß Frauen als Vormünder über fremde un­eheliche Kinder bestellt werden, ist keine ganz so seltene Erscheinung mehr. In Hamburg üben etwa 150, in Düsseldorf 124, in Magdeburg und Bromberg je 50 Frauen dieses Ehrenamt aus. In Berlin haben sich die weiblichen Vormünder zu einer Organisation zu­sammengeschlossen, die für Belehrung über die Ob­liegenheiten des Amtes sorgt und sich bemüht, passende Persönlichkeiten ausfindig zu mache». Jedenfalls ist diese Art der öffentlichen Betätigung der Frau, als ihrem ganzen Wesen naheliegend, nur gutzuheißen und verdient überall Nachahmung.

Ueber die Wiederanstellung bestrafter Personen im Justizressort besagt ein Erlaß des Justizministers, daß keine Veranlassung vorliegt, bestrafte Personen, selbst solche, die eine Freiheitsstrafe erlitten haben, von einer Beschäftigung oder Anstellung grundsätzlich auszuschließen. Es sei vielmehr in jedem Einzelfalle zu prüfen, ob nach der Straftat und der dabei zutage getretenen Gesinnung anzunehmen sei, daß der Be­strafte sich nicht für eine Beschäftigung im Staatsdienste eigne und ob durch die Verurteilung das äußere Ansehen des Bestraften eine solche Einbuße erlitten habe, daß seine amtliche Wirksamkeit durch den auf ihm lastenden Vorwurfe beeinträchtigt, oder daß durch seine dienstliche Verwendung das berechtigte Ehrgefühl seiner Mitarbeiter verletzt werden würde.

Zur Verhütung von Waldbränden sind die Eisenbahndirektionen vom Minister der öffentlichen Arbeiten veranlaßt worden, die Vorkehrungen sorgfältig zu prüfen und zu überwachen, die zum Schutze der einer Entzündung durch Flugfeuer besonders ausge­setzten Waldstrecken getroffen sind. Besonders ist für Wundhalten der Schutzstreifen und Schutzgräben und für ausreichende Bewachung der gefährdeten Stellen

Der Kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. 28

Wo waren die beiden nur hin? Aber dort oben konnten sie nicht sein, sonst hätte er sie auf dem Schlangenpfad durch die Büsche ganz sicher sehen müssen.Vielleicht waren Sie nach dem Brudermichelstal, zur Klause.Dort gibt es ja lauschige Plätzchen für ein liebendes Paar," sagte Retlow wütend vor sich hin.

Als er dort ankam, wo der Weg rechts nach der Bru- bermichelsklause abführte, hörte er schon Irmas über- mütiges Lachen.

Da stand er und und wußte nicht was er tun sollte. Ging er weiter, so mußten die beiden ihn sehen. Retlow überlegte. Aber warum? Konnte er nicht auch zufällig hier sein? Langsam ging er weiter den Pfad hinauf. An der verfallenen Mauer, wo ehemals des Bruder Michels Kirchlein gestanden, blieb er doch wieder stehen.

Irma und der Baron befanden sich links von ihm, in der Klause.

Sie besteht auS einem freien Platz. Aus Steinen hat sich Bruder Michel, wie die Sage erzählt, zwei Bänke er- richtet und dazwischen ein breiteres Ding, sein Bett soll's gewesen sein. Der spärliche Rasen darauf war sein Pol- ster. Daneben kann man noch die Spur eines, teils in Fels gehauenen, teils daran angelehnten Hauses sehen. Als der fromme Einsiedler starb, erzählt die Sage weiter, da wurde von unsichtbarer Hand das Glöcklein geläutet und verkündigte den Bewohnern den Tod des frommen Man­nes.

Retlow konnte durch die Büsche aus den Platz mit dem Steinbett sehen. Er hörte auf einmal nicht mehr so laut sprechen und blickte demzufolge aufmerksam herüber.

Erschrocken prallte er zurück, als er den Baron auf der Steinbank sitzen sah, Irma eng umschlungen haltend. Das gab ihm auf einmal einen Stich ins Herz, er fühlte, wie das Blut zu kochen anfing, wie ihm so ungestüm das Herz pochte. Mit brennenden Augen sah er durch die

Büsche, wie versteinert stand er da. Plötzlich zuckte er heftig zusammen, krampfhaft ballten sich seine Hände.

Wirklich! Sah er denn richtig? Er küßte sie und Irma ließ eS ruhig geschehen. Doch, was war das? Sie sprang auf, sie schüttelte ihn ab? Aber bei Gott! Sie lachte dazu und der Baron zog sie wieder zu sich und küßte sie abermals.

Wie es kam, Retlow hätte es nicht sagen können. Aber eS war ihm auf einmal wie ein elektrischer Strom durch die Glieder gefahren und dann stand er plötzlich nur einige Schritte von dem Paar entfernt, das erschrocken aufge­sprungen war.

Einen Augenblick herrschte Ruhe, unheimliche Ruhe, die Ruhe vor dem Sturm

Irma hatte dem kleinen Doktor einen ärgerlichen Blick zugeworfen, aber sie wandte sich dann gleich über und über errötend ab.

Der Baron war blaß vor Wut.Herr Doktor, was fällt Ihnen ein?" kam es endlich über seine Lippen.

Dr. Retlow war etwas ruhiger geworden, er hielt den vernichtenden Blick, den der Baron ihn zuwarf, ruhig aus.Herr Baron, wollen Sie Fräulein Irma auch zu Ihrem Spielzeug machen?"

Höhnisch lachte der Angeredete auf, eSwar schon mehr ein heiseres, wütendes Lachen.

Irma war beiseite getreten und tat, als ob sie die ganze Sache nichts anging.

Siewerden noch mehrvonmir hören, HerrDoktor!" knirschte der Baron und wandte ihm den Rücken zu.

Retlow entgegnete nichts. Er nickte Irma grüßend zu, was diese aber gar nicht beachtete, und ging langsam den Weg zurück.

Zu Hanse, auf seinem Zimmer angekommen, wartete Retlow am Fenster auf das Zurückkommen der beiden. Es dauerte auch kaum eine Viertelstunde, so erschienen sie, scheinbar verstimmt. *

Am anderen Tage erhielt Dr. Retlow den Besuch eines Herrn von Ahlen, Hauptmann a. D.

Retlow ahnte den Zweck noch ehe Herr v. Ahlen ein Wort darüber verloren hatte; er hieß den Besucher Platz nehmen und sich ihm gegenübersetzend, begann er:Ich irre wohl nicht, Herr von Ahlen, wenn ich Ihr Erscheine» mit dem Herrn Baron von Stotzler zusammenbringe?"

Allerdings," entgegnete Herr von Ahlen,Herr von Stotzler hat mir die Ehre seiner Vertretung zu teil wer« den lassen."

Retlow mußte heimlich lächeln.Zweifelhafte Ehre," hatte er schon entgegnen wollen, aber er besann sich recht« e und entgegnete ziemlich gleichgültig:Sie sind ge» ien, mir seine Forderung zu bringen? Da muß ich Ihnen gleich bemerken, Herr von Ahlen, daß ich Katholik bin und mir meine Religion den Zweikampf verbietet. Unb- wenn das auch nicht der Fall wäre, so hätte ich mit ge« sundem Menschenverstand Grund genug, nicht darauf ein» zugehen."

Sie schlagen also rundweg alle» ab?" Herr von Ahlen lächelte etwas mitleidig.

Jawohl," entgegneteRetlow ernst.Wenn Herr Ba­ron von Stotzler sich von mir beleidigt glaubt, wozu sind die Gerichte da? Dort werde ich ihm zu jeder Zeit »u« Verfügung stehen."

Herr von Ahlen erhob sich stolz.Ein echter Kavalier verteidigt mit der Waffe in der Hand seine Ehre, Herr Doktor!"

Dr. Retlow zuckte die Achseln.Ansichten sind da», Herr von Ahlen. UebrigenS scheint bei Herrn Baron von Stotzler der Begriff von Ehre in gewissen Punkten sehr dehnbar zu sein."

Das heißt, Herr Doktor?"

Melden Sie ihm das, bitte, er wird selbst wissen, wa» ich meine."

Herr Doktor! Soll da» eine neue Beleidigung feint Sie scheinen das leicht zu nehmen, da Sie eine Genug», tuun^ ausschlagen. Wissen Sie, wie man solche Leute nennt -