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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 17. Juni 1905.
56. Jahrgang.
Amtliches.
Mit dem heutigen Tage beginnt im hiesigen Kreise die Revision der Quittungskarten durch einen Beamten der Landesversicherungsanstalt zu Cafsel.
Ich mache hierauf mit dem Ersuchen aufmerksam, die Quittungskarten derart bereit zu halten, daß sie auch im Falle der Abwesenheit des Arbeitgebers nachgesehen werden können.
Schlüchtern, den 16. Juni 1905.
Der Königliche Landrat: Graf zu Solms.
Friede?
Pfingsten, das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes, hat in diesem Jahre den Völkern einen positiven Anhalt für die Hoffnung auf Wiederherstellung des Weltfriedens gebracht. Eine neue Hoffnung, noch keine Gewißheit. Aber zunächst ist doch die Anregung des Präsidenten Roosevelt, eine direkte Aussprache über die Beendigung des Krieges einzuleiten, von beiden kriegführenden Reichen freundlich aufgenommen worden.
Es war klug und geschickt, daß sich Roosevelt nicht als Vermittler angeboten, sondern sich lediglich als Sprecher für die allgemeinen Menschheitsinteressen eingeführt hat. Noch vor acht Tagen schien es, als ob der Zar unter allen Umständen auf der Fortsetzung des Krieges beharren, also auch jede Anregung zu einem Friedensversuch ablehnen werde. Vorschläge, Bestellungen auf Kriegsmaterial rückgängig zu machen und in der Rüstung nachzulassen, waren von ihm nicht genehmigt worden. Er glaubte, daß Rußland durch ein Hinziehen der kriegerischen Operationen an der russisch-mandschurischen Grenze nur gewinnen könnte Ohne Zweifel vermöchte ja auch das russische Reich die Kriegslasten noch länger zu tragen als Japan, das trotz aller Erfolge zu Wasser und zu Lande doch eher an Menschen und wirtschaftlichen Kräften sich erschöpfen würde. Anderseits verlangt die innere politische Lage Rußlands aufs dringendste systematische Reformen, die mit der Fortdauer der Uebel des Krieges und der daraus fließenden Ermunterung der revolutio- niäre Geister nur immer schwieriger werden.
Die Initiative Roosevelts richtet sich darauf, daß Japan und Rußland direkt und ohne Vermittelung dritter Mächte Vertreter an einen Ort senden sollen, die Erklärungen über die Friedensbedingungen abgeben und entgegennehmen sollen. Natürlich wird die Er
reichung des Endziels wesentlich von dem Inhalte der Forderungen Japans abhängen. Aber immerhin ist durch die Bereitwilligkeit des Zaren und des Mikado, hierauf einzugehen, der erste Schritt geschehen, und nach dein französischen Sprichwort c’est le premier pas qui conte könnte man nun auch mit einem günstigen Endergebnisse rechnen. Sollte sich eine annehmbare Basis für weitere Verhandlungen ergeben, so wird alsbald ein Waffenstillstand abgeschlossen. Erscheinen die Forderungen Japans Rußland ganz unannehmbar, so bleibt die Lage, wie sie ist. Welcher von den beiden Fällen eintritt, muß abgewartet werden. Vorläufig hat der Schritt Roosevelts eben doch nur eine Verstärkung der Friedeushoffnung gebracht.
Deutsches Reich.
— Im Anschluß an die Vermählungsfeierlichkeiten des deutschen Kronprinzenpaares wird jetzt ein Dank des Kaisers und des Kronprinzen bekannt gegeben. Der Kaiser hat an den Berliner Oberbürgermeister Kirschner eine Kabinettsordre erlassen, in der er in überaus herzlichen Worten seinem Danke Ausdruck gibt für die „freudige Teilnahme, welche die Stadt Berlin und ihre Bürgerschaft in so erhebender Weise bekundet haben" und die ihn von neuem hat erkennen lassen, welch begeisterten Widerhall das Glück seines Hauses in dem Herzen der Berliner Bürgerschaft findet. Der Kronprinz und die Kronprinzessin erlassen folgende Danksagung: „Aus Anlaß unserer Vermählung sind uns aus allen Teilen des deutschen Vaterlandes und aus allen Kreisen der Bevölkerung eine Fülle herzlicher Glückwünsche dargebracht worden. Dieselben haben uns wahrhaft erfreut und danken wir hiermit aufrichtigst allen denen, welche unser so freundlich gedacht haben."
— Bei schönstem Wetter wurde am Montag Vormittag vor dem Neuen Palais in Anwesenheit des Kaisers und der Kaiserin, der Prinzen und Prinzessinnen, der fremdherrlichen Offiziere u. a. das Stiftungsfest des Lehr-Jnfanterie-Bataillons gefeiert. Nach dem Gottesdienst, den Hof- und Garnisonprediger Keßler abhielt, hielt der Kaiser Parade über das Bataillon ab. Während der sich anschließenden Speisung der Mannschaften machte der Kaiser einen Rundgang an den Tischen und trank auf das Wohl der Armee. Generaladjutant General der Infanterie v. Kessel brächte ein Hoch auf den Kaiser aus.
— Dem Kaiser ist von der Königin von Holland
das Großkreuz des neuen Hausordens von Oranien verliehen worden, eine Erwiderung auf die Auszeichnung, die der Kaiser dem zur Hochzeitsfeier erschienenen Prinz-Gemahl Heinrich zuteil werden ließ.
— Der plötzliche Tod des Fürsten Leopold von Hohenzollern macht nach den freudigen und glänzenden Festen, zu denen der kurz vor Vollendung des 70. Lebensjahres stehende Fürst nach Berlin gekommen war, einen erschütternden Eindruck. Der verstorbene Fürst war derjenige, dem im Jahre 1870 von den spanischen Cortes die Krone Spaniens angeboten wurde, und der dadurch zur unschuldigen Ursache des von Napoleon III. trotz des Verzichtes des Fürsten vom Zaune gebrochenen Krieges 1870/71 wurde. Er hinterläßt drei Söhne, den jetzigen Fürsten Wilhelm, der als Oberst und Regimentskommandeur des 2. Garderegiments im preußischen Heere dient, den Prinzen Ferdinand, der von dem kinderlosen Könige Karl von Rumänien, einem Bruder des verstorbenen Fürsten Leopold, als rumänischer Thronfolger designiert ist, und des Prinzen Karl Anton, der von deutscher Seite in das japanische Hauptquartier entsandt war und in dieser Eigenschaft an dem russisch-japanischen Kriege teilnahm, sich jetzt jedoch schon auf der Rückreise nach Deutschland befindet.
— Der große Plötzensee-Prozeß hat ein plötzliches Ende genommen, und die Autorität des Staates ist wieder siegreich daraus hervorgegangen. Die Angeklagten haben sämtliche Vorwürfe, die sie der Strafanstalt Plötzensee und ihren Beamten gemacht hatten, selbst für haltlos und ungerechtfertigt erklärt, und daraufhin wurden die Strafanträge zurückgezogen und das Verfahren eingestellt. Jedenfalls bedeutet der Ausgang des Prozesses eine moralische Niederlage der Angeklagten.
" — Schwerer Vergehen gegen Arbeitswillige haben sich in Memel etwa 30 entlassene bezw. ausständige Bauarbeiter aus Memel und Jsterburg schuldig gemacht Sie überfielen vom Bludauschen Kasernenbau heimkehrende Arbeitswillige, von denen mehrere durch Messerstiche und Steinwürfe zum Teil schwer verletzt wurden. Zu Hülfe eilende Arbeiter gaben blinde Revolverschüsse ab, worauf sich die Angreifer zerstreuten. Der Haupträdelsführer, ein Bauarbeiter H. aus Jnsterburg, ist verhaftet worden; nach den übrigen Angreifern wird gefahndet.
— Die Landesversicherungsanstalt für das Königreich Sachsen will Darlehen zu einem billigen Zinsfuß
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 25
„Du fragst noch? Hab' ich nicht eher Ursache, zu fragen: WaS soll das?"
„Ich verstehe Dich nicht! WaS willst Du von mir?"
Emma kam näher auf ihn zu. „Paul! Sage mir die Wahrheit! Hast Du mich betrügen wollen?" Flehend sah sie ihn an.
Baron von Stotzler machte eine ungeduldige Bewegung.
' „Warum hast Du mir einen falschen Namen genannt
„Das war nur so ein Augenblickseinsall."
Emma lachte hart auf.
„Ich bitte Dich, sei etwas ruhiger," sagte er ungeduldig.
„Willst Du Dein Wort halten? Ich frage Dich, willst Du?"
Der Baron wollte sie um die Taille fassen.
Emma aber wehrte energisch ab. „Gib mir Antwort!"
„Kind, ich verstehe Dich nicht. Wie kommst Du denn nur zu dieser Frage? Der Doktor hat Dir wohl den Kopf vollgeschwatzt? Uebrigens liebe ich es nicht, daß Du andere Leute in unsere Geheimnisse einweihest."
"' Emma Borgaü stand zweifelnd da. Er sprach, als ob poch alles beim Alten wäre? Die Hoffnung stieg in ihrem Herzen wieder auf, ein Herz hofft ja so leicht.
„Warum hast Du mich denn verlassen, als ich ohn- Mächtig und hilflos oben auf dem Berge lgg?"
„Du willst mir einen Vorwurf Wachen, Emma, und hpch habe schalle Mühe darauf verwandt, Dich zu finden. Ich glaubte, Du seiest den Berg hinuntergegaugen, da hab' ich Dich aber nicht finden können."
„Ist das wahr?"
„Schenkst Du mir keinen Glauben mehr?"
„Aber warum hast Du Dich denn Paul Lehuert genannt?"
„Es war nur so eine Idee, Emma. Ich reise oft unter
dem Namen und dann wollte ich Dich später mit meinem wahren Namen überraschen."
Der Baron sprach so ruhig, daß Emma in ihrer Unbefangenheit ihm glaubte.
„Liebst Du mich denn noch?" fragte sie hoffend.
Zärtlich umarmte er sie und drückte einen Kuß auf ihre zitternden Lippen. „Wie hast Du nur daran zweifeln können? Eigentlich müßte ich Dir recht böse sein, aber dafür hab ich Dich viel zu, gern, mein süßer Schatz."
„O Gott! Wie glücklich ich bin!"
„Komm, Emma, geh jetzt," sagte der Baron. „Man soll nichts Schlechtes von Dir reden." Sanft drängte er sie nach der Tür.
Als ihre Schritte in dem Kreuzgang verhallt waren, trat der Baron in das Zimmer zurück und schloß die Tür. Mitten im Zimmer blieb er stehen und pfiff leise yor sich hin, dann plötzlich lachte er auf. „Das hat besser gegangen, als ich anfangs zu hoffen wagte.! Eigentlich tut sie mir leid," sprach er dann nach Mister Pause weiter. „Aber
mir leid," sprach er dann nach einer Paus was kann ich daran machen ?"
Unruhig ging er zum Fenster und wieder zurück. Wü- tend schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, daß dieser bedenklich ins Wanken kam. Knirschend kam es zwischen seinen Zähnen hervor: „Die Welt hat mich schlecht gemacht. Es gibt jetzt kein Zurück mehr, das ist zu spät! Nur vorwärts auf der Bahn, wozu mich diese elende Welt mit ihrem Treiben getrieben hat!" Etwas ermattet sank er auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hand.
„Und wie mich oft die Sehnsucht packt, mit aller Macht, nach einem ruhigen, sorglosen 8t Herzen nagt! Doch zwecklos ist b Verworfener, mir steht nur noch weite Welt offen."
r ^ mit aller Macht, wen! Wie sie mir oft am i« Hilferu. ich bin ein das Zuchthaus und die
Bei dem Gedanken an das Zuchthaus lief es ihm eiskalt über den Rücken. Erregt sprang er auf. „Rein, so weit soll'S nicht kommen! Das ist schlimmer für mich, als ein qualvoller Tod. Wenn alles verloren ist, dann ..
Aber die Lebenslust war in seiner Brust noch nicht er«
sterben. Er wollte leben, leben so lange, bis ihm der Atem ausging. Da dachte er an Irma von Hochheim. Mit Gewalt suchte er die Gewissensbisse zu beschwichtigen. Er wollte ja nicht sie, nur Geld mußte er haben, Geld!
Emma Borgau war schnell durch den Kreuzgang kni Freie geeilt. Die Welt kain ihr ganz anders vor, jetzt, nachdem sie wieder hoffen konnte. Die leisen Zweifel, die sich in ihrer Brust noch regten, suchte sie zu ersticken, aber etwas blieb doch noch zurück, was ihr ein ängstliches Ge- fühl nicht ersparte..
Als sie über die Terrasse schritt, ohne auch nur einen Blick auf ihre Umgebung zu werfen, hörte sie plötzlich leise ihren Namen nennen. Etwas hastig wandte sie sich nach dem Rufer um. Der kleine Doktor stand an ihrer Seite und hatte seineAugen mit fragendem Ausdruck auf sie gerichtet.
„Sie waren selbst bei ihm, Fräulein Borgau?"
„Ja," antwortete sie verwirrt.
Seine Augen schienen noch mehr zu fragen. Emma verstand ihn.
fuhrsi^errö^ ^t^ ^ h^en uns getäuscht,'
Auf des kleinen Doktors Gesicht zuckte einen Moment e,n wehmütiges Lächeln auf, doch er besann sich, sollte e, ihr die Hoffnung rauben, die Hoffnung, an der vielleicht chr ganzes Lehen hing? „Es freut mich für Sie," entgeg- nete er warm.
„ Als Emma Borgau von ihm ging, blickte er ihr weh. mütig nach. „Armes Mädchen," murmelte der Doktor vor sich. „Du bist leicht von einem Schuft zu täuschen."
In diesem Moment fühlte Retlow eine Hand auf seiner Schulter,-er wandte sich um und erblickte Wilhelm Krummbaum, welcher lächelnd hinter ihm stand. 112,18
„Du scheinst mir ein richtiger Mädchenwerber zu sein,“ lachte er. „Wer war denn das blonde hübsche Kind?"
„ES ist ein Mädchen hier aus der Stadt. Aber Du irrst Dich ganz gewaltig, wenn Du denkst, daß ich mit ihr irgend ein Verhältnis habe," entgegnete der kleine Doktor