SchlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Zum pfingstfest e.
Zu des Himmels leuchtenden Sternen Hebt sich der Blick in der Winternacht; Denn sie künden aus ewigen Fernen Unvergängliche, himmliche Pracht.
Da sieht das Auge den Himmel offen,
Und es bringt das verlorene Glück, Unserer Kindheit Frieden und Hoffen, Uns verklärt das Christkind zurück.
Und die Sonne fid) wieder wendet,
Und das neue Leben ersteht;
Aber der Frühling Stürme sendet,
Daß sie zerbrechen, was welkt und vergeht;
Denn was der Himmel der Erde gegeben
Muß sich bewähren in Haß und in Not, Soll uns die Osterbotschaft erheben:
Liebe überwindet den Tod!
Und die Herzen erheben vor Wonne,
Füllen sich wieder mit seliger Lust, Jauchzend steckt der Erde die Sonne Duftende Blumen ins Haar, an die Brust, Um sie wieder bräutlich zu schmücken,
Und sie fordert das Feftgetön:
Alles, was lebt, will der Himmel beglücken, Drum ist die Erde so wunderschön!
Von dem klaren Himmel hiernieder
Strahlt der Sonne unendliche Pracht,
Und geheimnisvoll weht es wieder
Durch die wonnige Frühlingsnacht;
Denn wie einst in des Tempels Hallen,
Waltet auf Erden der ewige Geist, Drum laßt zum Pfingstfest die Glocken erschallen,
Preiset ihn, der die Liebe heißt!
Schmücket die Hütten mit duftenden Maien,
Singet und spielet ein neues Lied!
Uns zu beglücken, uns zu erneuen, Himmlischer Frieden die Welt durchzieht.
Weiht ihm die Herzen und Hütten der Erde,
Windet der Liebe Blumen zum Kranz, Daß uns die Erde zum Himmel werde
In des Festes heiligem Glanz!
Pfingsten.
Das Pfingstfest ist für viele nicht von so großer
Bedeutung wie Ostern oder auch Weihnachten. Nicht
Samstag, den 10. Juni 1905.
wenigen ist dieses heilige Geistesfest kaum mehr als eine vergeistigte Naturfeier. Die Schuld daran liegt nicht am Feste selbst, sondern einzig an der Glaubensstellung vieler Christen. Leicht begreiflich ist es ja, warum das Verhältnis zu ihm bei vielen kein so inniges und vertrautes ist, wie das zu den beiden andern hohen Festen. Die Person des Heilandes, der da ist Gottes Sohn von Ewigkeit und Mensch geworden in der Zeit, steht uns näher als die Person des heiligen Geistes. Dort sehen wir dych ein ganzes uns verwandtes Leben von der Geburt un bis zum Tode, es ist das alles klar und faßlich, wir sehen da einen Herrn, einen Heiland, einen Hirten, einen Freund. Aber der Geist Gottes ist unsichtbar, sein Wirken geheimnisvoll, und wenn uns schon der eigene Geist oft ein Rätsel ist, soll es uns da noch wundern, daß der Geist Gottes es uns noch in viel höherem Grade ist? In der Tat, es ist ein Zeichen nicht bloß tiefer Gotteserkenntnis, sondern auch großer Glaubensreife, wenn man sich in dem dritten Artikel des apostolischen Glaubens ganz so heimisch, ganz so festgewurzelt fühlt wie in dem zweiten. Wie viele bleiben bei dem ersten Glaubensartikel stehen, wissen nur von der Schöpfung und Erhaltung der Welt; sie verdienen saunt den Christennamen. Wie viele dringen wohl bis zum zweiten vor, aber nur bis zum zweiten. Sie glauben an eine Erlösung, aber erkennen zu wenig, welche Hand sie zu Jesu geführt, welche Kraft sie im Glauben erhält, wer ihnen Friede und Seligkeit ins Herz bringt. Nur wenige steigen bis zur letzten Stufe hinan, erkennen das Wirken und die Segnungen des heiligen Geistes und bleiben in dankbarer Anbetung desselben. Wenn uns doch der Geist Gottes auch dazu verhülfe, wenn er uns heute eine solche Gnadenstunde bescherte und sich und sein Werk reicher und vollkommener als je unsern Herzen offenbarte, dann hätten auch wir von heiliger Pfingstfreude zu sagen, dann hätten auch wir, wie wir es allen wünschen, ein gesegnetes Fest- Wohl uns, daß wir dessen gewiß sein dürfen: noch immer weht Gottes heiliger Geistesodem in der christlichen Kirche, auch heute feiert die Kirche ihr Pfingsten, Gotl gebe, voll heiligen Geistes. Und je mehr der heilige Geist in uns wohnt und waltet, desto reinere, hellere Glockentöne steigen aus dem Herzen empor zum Throne Gottes. So laßt uns Gott anbeten im Geist und in der Wahrheit, dann werden wir selbst, was wir sein sollen, ein Tempel des heiligen Geistes!
56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Die Vermählungs-Feierlichkeiten am Kaiserhofe sind zu Ende, die Hochzeitsgäste und nicht zuletzt die Neuvermählten selbst werden gewiß aufatmen, daß sie die Anstrengungen, denn solche sind es tatsächlich gewesen, glücklich überstanden haben. Den Höhepunkt und zugleich den Abschluß der Feste bildete die am Dienstag Nachmittag vollzogene Eheschließung des hohen Brautpaares. Während an den voraufgegangenen Feierlichkeiten das Volk regen Anteil nehmen konnte, beschränkte sich der Trauungsakt naturgemäß auf den immerhin engen Kreis der geladenen Hochzeitsgäste. Wie vordem, so verlief auch hier alles programmgemäß, unter Entfaltung großen höfischen Pompes. Um 4 */a Uhr vollzog Hausminister v. Wedel im Kurfürstenzimmer des Königsschlosses die Ziviltrauung in Gegenwart der kaiserlichen Majestäten, der Fürstlichkeiten, des Reichskanzlers und der Minister. Dann begab man sich im feierlichen Zuge unter Vorantritt des Hofstaates nach der Schloßkapelle, wo die kirchliche Einsegnung von statten ging. Gewaltige Orgelklänge durchbrausten das Gotteshaus, als der Hochzeitszug erschien. Blitzende Uniformen und Ordenssterne, kostbare lichte Roben und glitzernde Edelsteine, wohin das Auge blickte. Das Hauptinteresse richtete sich selbstverständlich auf das Brautpaar. Der Bräutigam in der Uniform des 1. Garderegiments zu Fuß, die Braut in ihrem prächtigen weißen Gewände mit langer, von Pagen getragener Schleppe, den Brautkranz im Haar, ein Bild bezaubernder Liebenswürdigkeit und Anmut bietend. Der Kranz bildete ein Gewinde aus frischen Myrtenzweigen mit künstlichen Blüten und verlor sich unter dem lang herabwallenden Schleier und der Brautkrone, die die Kaiserin ihrer Schwieger- -tochter ins Haar gedrückt hatte. Prächtig nahm sich auch das aus schneeweißen Nelken, den Lieblingsblumen des Kronprinzen, aus Orangeblüten und Myrten mit weißen Atlasbändern bestehende Brautbukett aus. Nachdem Orgelklänge und Gesang verstummt waren, hielt Oberhofprediger Dryander die Traurede über den vom Kaiser gewählten Text aus dem Buche Ruth 1, Vers 16: „Ruth antwortete: Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen, wo Du bleibst, bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und Dein Gott ist mein Gott." Die Worte des greisen Geistlichen klangen eindringlich und ergreifend. Bei dem Ringwechsel sprach der Kronprinz sein „Ja" laut und fest, die Kronprinzessin ihr Wort mit einer Stimme, der man
Aer Kleine Koittor.
Roman von W. Sartory. 23
Eines Tages, als ich nach dem Ballspiel erschöpft im Garten auf einer versteckten Bank Platz nehmen wollte, finde ich sie schon besetzt. Der Maler saß da und hatte ein Skizzenbuch in der Hand, das er schnell zuklappte, als er mich kommen sah. Er stand auf und wollte mir Platz machen.
„Darf ich einmal sehen, was Sie eben gezeichnet haben?" fragte ich, indem ich näher trat.
Schwarz errötete wie ein Schulknabe und senkte verwirrt seinen Blick vor meinen Augen. „Verzeihen Sie, Fräulein Gertrud," sagte er dann stammelnd. „Es ist nichts von Wert, ich bin ja nur noch ein Anfänger, und Sie wär- den mich gewiß auslachen." •
Ich bestand hartnäckig auf meinem einmal ausgesprochenen Wunsche, und schließlich nach hartem Kampfe ließ er sich denn auch herbei, mir die Skizze zu zeigen.
„Wer soll das denn sein?" fragte ich ihn, den leicht hingeworfenen Kopf eines jungen Mädchens betrachtend.
Da wurde er wieder rot bis hinter die Ohren und wußte sich vor Verlegenheit nicht zu helfen. Endlich kam eS zögernd über seine Lippen. „Sie, Fräulein Gertrud."
Ich lachte in meinem Uebermut hell auf, war aber gleich wieder still, als ich sah, daß ihn mein Lachen beleidigte.
„Verzeihen Sie," sagte er stotternd, „ich habe es ja nur aus dem Kopf gezeichnet."
„Meinen Sie, es würde besser, wenn ich mich als Modell stelle?" entgegnete ich lachend.
Da zuckte es freudig in seinen Zügen auf. „Wenn Sie das tun wollten, Fräulein Gertrud?" kam es zweifelnd und hoffend über seine Lippen und dabei sah er mich so flehend an, daß ich seinen Wunsch nicht versagen konnte. Ich setzte mich auf die Bank und er stellte sich vor mir auf und begann hastig, als ob er eine Störung befürchtete, zu skizzieren. Seine Hand zitterte förmlich vor Erregung und mir war so komisch zu Mute, wenn er mich ansah. Ich
war noch zu jung, um das Gefühl der Liebe zu kennen, aber das war mir bewußt, ich konnte ihn gut leiden.
„Ich bin fertig," sagte er endlich, und dann machte er ein betrübtes Gesicht, als ob es ihm leid täte, daß er schon fertig war.
Ich blieb sitzen, während er sein Skizzenbuch einsteckte.
„Darf ich ein Bild von Ihnen malen, Fräulein Gertrud ?" fragte er dann und nahm zögernd neben mir Platz.
„Aber schön muß es werden," entgegnete ich lächelnd.
„Ich werde all meineKunsthineinlegen.liebesFräulein."
Das sagte er so schwärmerisch, daß es auch mir ganz warm ums Herz wurde. „Sie wollen ein großer Künstler werden, nicht wahr?" fragte ich Ich fühlte, daß mir das heiße Blut unter seinem Blick in den Kopf geschossen war.
Da begann er mir von seinen Hoffnungen zu erzählen, von seinen Träumen der Zukunft. Ich hörte ihm still zu, so halb, als ob ich träumte. Als wir uns verabschiedeten, reichte ich ihm die Hand, ich wußte, er hätte das doch nicht getan Aber als er sie einmal hatte, hielt er sie lange fest. Dann stammelte er etwas vor sich hin, ich konnte es nicht verstehen, zog meine Hand plötzlich an seine Lippen und drückte einen heißen Kuß darauf. Dann ging er hastig fort. Von dem Tage an mußte ich immer an ihn denken, sogar nachts im Traume verfolgte mich sein Bild. So ver- ging eine Woche, ohne daß ich ihn wiedersah. Ich dachte schon, er hätte das Bild nicht fertig bekommen und genierte sich Da kam er endlich wieder, gerade, als wir wieder im Garten umhertollten. Er trug etwas unter dem Arni, das in ein schwarzes Tuch eingehüllt war. Ich ahnte, daß es das Bild war und wußte mich geschickt von den übrigen zu trennen. Schwarz war schon auf die Bank zu- geschritten, dieselbe, wo er mich skizziert hatte. Hier zeigte er mir mein wohlgetroffenes Porträt. Ich sage Dir, Irma, es war so schön gemalt, ich wußte gar nicht, daß ich so schön war, deshalb sagte ich ihm Fächelnd: „Sie haben aber sehr geschmeichelt."
„Nein, nein," wehrte er ab, „im Gegenteil, Sie sind ja so schön!"
Wieder spürte ich, daß mir daS Blut indenKopf schoß.
Schwarz wickelte das Bild wieder ein, während ich stumm dabei stand. „Wollen Sie mir das Bild schenken?“ fragte ich endlich.
„Bitte, Fräulein, lassen Sie eS mir, dann hab' ich Sir wenigstens immer vor Augen."
„Sehen Sie mich denn so gerne?" fragte ich ganz dumm.
Da haschte er nach meiner Hand und sah mir liebevoll in die Augen. „Liebes Fräulein," sagte er warm und innig, „wenn ich von Ihrem Stand wäre, dann.. dann würde ich Ihnen sagen, wie lieb ich Sie habe. So lieb! Ich kann es in Worten nicht ausdrücken."
Ich glaube, ich war bei diesem Geständnis etwas fassungslos geworden," fuhr Tante Gertrud fort. „Es war mir so selig zu Mute, als er das sagte, ich fühlte nicht die weite Kluft, die zwischen mir und dem armen Schwarz gähnte. Stumm hielt er meine Hand in der seinen und dann auf einmal, ganz plötzlich zog er mich an seine Brust und küßte mich. Ich war zuerst gar nicht im stande, mich zu wehren und duldete eS ruhig. Aber dann wurde ich auf einmal erschreckt und machte mich hastig auS seinen Armen frei. DaS Herz klopfte mir stürmisch, eS war schon mehr ein Hämmern. Ich sah nichts mehr, nur ihn, der mit flehendem Blicke vor mir stand. Da fühlte ich wie- der den warmen Druck seiner Hand und flüsternd fragte er mich: „Gertrud, liebst Du mich auch ein wenig?" Ich konnte ihm nur stumm zunicken, ich war nicht fähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Aber Schwarz verstand mein stummes Ja, wieder umarmte er mich, wieder fühlte ich seine stürmischen Küsse.
, „Was macht Ihr denn da für Dummheiten?" klang plötzlich die ärgerliche Stimme meine» Bruder» hinter uns.
Erschreckt riß ich mich aus der Umarmung lo».
„Hör' mal, Schwarz," vernahm ich dann seine Stimme, „unsere Freundschaft hört aus. Ich dachte nicht, daß ©w ein solch' hinterlistiger Patron wärest, der so ein tmerfah- renes Mädchen zu betören sucht!" ' 113,19