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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 7. Juni 1905.
56. Jahrgang.
Amtliches.
J. Nr. 1750 K- A- Voraussichtlich wird der Kreis schon in diesem Herbst in der Lage sein, den Verkauf sämtlicher Obstsorten zu vermitteln. Näheres wird noch rechtzeitig bekannt gemacht werden.
Es wird deshalb jetzt schon vor übereilten Abschlüssen gewarnt, besonders da die Obstpreise sich voraussichtlich günstig gestalten werden, da in verschiedenen Gegenden Mißernten zu erwarten sind.
Schlüchtern, den 6. Juni 1925.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Graf zu Solms.
J-Nr. 1714 K. A. Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden wollen mir bis zum 12. d. Mts. anzeigen, welche Aufwendungen Seitens ihrer Gemeinden für das Hebammenwesen im Elatsjahre 1904/05 gemacht worden sind.
Schlüchtern, den 3. Juni 1905.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Graf zu Solms.
J.-Nr. 1614 K. A. Der Kreis hat einen Apparat beschafft, mit dem die Zimmer nach ansteckenden Krankheiten ordnungsmäßig desinsicirt werden können.
Da die Benutzung des Apparates nur durch besonders ausgebildete Desinfektoren geschehen kann, und solche im Kreise nicht vorhanden sind, ist mit dem in Dipperz, Kreis Fulda, wohnenden geprüften Desinfektor Ludwig Atzert ein Abkommen dahin getroffen worden, daß dieser die Ausführung der im Kreise notwendig werdenden Desinfektionen gegen eine Vergütung von 5 Mk. pro Tag, sowie Erstattung der Reisekosten übernimmt
Für Benutzung des Apparates wird eine Gebühr nicht beansprucht; es kommen zu den Kosten des Desinfektors lediglich nur noch die geringen baren Auslagen für die Desinfektionsmittel.
Bestellungen sind an den Kreisausschuß zu richten und zwar stets durch Vermittelung des betr. Gemeindevorstandes, welcher auch die Verpflichtung zur Zahlung der entstandenen Desinfektionskosten, sowie für unbeschädigte Abholung und Rücklieferung des Apparates mit der Bestellung übernimmt.
Schlüchtern, den 25. Mai 1905.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Graf zu Solms.
Deutsches Reich.
— Der Großherzog und die Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin trafen um 117* Uhr auf dem Lehrter Bahnhöfe ein und wurden von: Kaiser, welcher vom Schloß aus die rosenge- schmückte Feststraße Unter den Linden unter den Hochrufen einer vieltausendköpfigen Menge zum Bahnhöfe gefahren war, begrüßt. Das Großherzogspaar, welches im Schlosse Wohnung nahm, begab sich nach Schloß Bellevue. Zu gleicher Zeit trafen Prinz und Prinzessin Christian von Dänemark ein, welche ebenfalls im Schlosse Wohnung nahmen. Der Kaiser fuhr mit seinen Adjutanten ebenfalls nach Schloß Bellevue.
— Der Reichstag hat am Dienstag seine Pforten geschlossen. In der letzten wieder sehr schwach besuchten Sitzung wurden zunächst einige Petitionen und Rcch- nungssachen erledigt, ferner wurde beschlossen, die Genehmigung zur Strafverfolgung der Abgg. P8us und Thiele (Soz.) wegen Beleidigung durch die Presse nicht zu erteilen. Es folgte der Bericht durch die Geschäftsordnungskommission in der Angelegenheit des Abg. Jeffen (Däne). Das Königl. Amtsgericht zu Flensburg hatte auf Antrag der Staatsanwaltschaft am 1. März 1904 in der Strafsache gegen den Abg. Jeffen, Redakteur der Zeitung „Flensburg Avis", die Beschlagnahme eines Manuskripts sowie die Durchsuchung der Redaktionsräume zwecks Beschaffung von Beweismitteln angeordnet. Die Geschäftsordnungskommission hat eine Resolution vorgeschlagen, daß der Reichstag in dieser Strafuntersuchung, welche ohne Genehmigung des Reichstages erfolgte, einen Verstoß gegen Artikel 31 der Reichsverfassung erblickte, die einstimmig beschlossen wurde. Hierauf wurde der Reichstag durch eine vom Staatssekretär Grafen Posa- dowsky verlesene Kaiserliche Botschaft geschlossen. Der Abg. V. Normann sprach dem Präsidenten Grafen Ballestrem den Dank des Hauses für seine umsichtige und pflichttreue Leitung aus. Dieser gedachte sodann der Mitarbeit der Vizepräsidenten und des Bureaus und schloß mit einem dreifachen Hoch auf Seine Maj. den Kaiser, in das, nachdem die Sozialdemokraten sich entfernt hatten, alle Anwesenden begeistert ein- stimmten.
— Das preußische Herrenhaus erledigte am Dienstag zunächst eine Reihe von Petitionen. Der Entwurf über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten muß wieder an das Abgeordnetenhaus zurück, ebenso derjenige zur Verhütung von Hochwassergefahren. Der
Gesetzentwurf, betr. Abänderung des Warenhaussteuergesetzes wurde entsprechend dem Kommissionsantrag abgelehnt. Das Arbeiter- und Beamtenwohnungsgesetz wurde ohne Debatte nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses erledigt. —. In der Freitagssitzung wurde die Bergarbeiter-Novelle in erster Lesung beraten. Der Reichskanzler Graf Bülow hielt eine einleitende Rede, in der er darauf hinwies, daß die Novelle nichts enthalte, was nicht in den staatlichen Gruben schon eingeführt wäre und sich bewährt hätte. Aufgabe des Hauses sei es, das zwischen der Regierung und dem Abgeordnetenhause vereinbarte Werk zu einem guten Ende zu führen. Sollten uns in Zukunft Krisen bevorstehen, so sei zu deren Ueberwindung erforderlich die Autorität der Monarchie und ein gutes Gewissen gegenüber den Arbeitern. Die Sozialdemo- kratie laure förmlich darauf, daß die Vorlage im Herrenhause versenden möge. Das Scheitern der Novelle würde nur bedeuten, den Arbeitern das Vertrauen zur Regierung und ihren Glauben an die Monarchie rauben. Die Annahme der Vorlage würde der Sozialdemokratie zum Nachteil, dem sozialen Frieden und der Monarchie aber zum Vorteil gereichen. Die Konservaliven verhielten sich ablehnend gegen die Vvrlage, während Graf Oppersdorf und die Professoren Schmoller-Berlin und Niehues-Münster für dieselbe eintraten. Nachdem nochmals der Reichskanzler warm für die Vorlage gesprochen hatte, wurde dieselbe einer Kommission überwiesen, ebenso die beiden andern betr. Stillegung der Zechen und zeitweises Mutungsverbot. Der Grenzvertrag mit Bremen wurde angenommen.
— Im preußischen Abgeordnetenhause wurden am Mittwoch zunächst Vorlagen beraten, die in abgeänderter Fassung vom Herrenhause zurückgekommen sind. Der Gesetzentwurf, betr. die Kosten der Prüfung überwachungsbedürftiger Anlagen, wurde nach den Beschlüssen des Herrenhauses erledigt. Ueber das Gesetz, betr. die Verwaltung gemeinschaftlicher Jagdbezirke, kam es noch zu keiner Verständigung. Die Herrenhausfassung wurde wiederum geändert, so daß das Gesetz noch einmal an das Herrenhaus zurückgehen muß. Nach Erledigung einer großen Reihe von Petitionen ging das Haus in die Ferien. Präsident v. Kröcher erhielt vom Hause die Ermächtigung, die nächste Sitzung, die voraussichtlich erst Anfang Juli nach Erledigung der Berggesetze im Herrenhaus statt- finden wird, anzuberaumen.
Per Kleine Poktor.
Roman von W. Sartory. 22
Vergebens hatte Krummbaum bis jetzt versucht, etwas von dem zu erlauschen, was der Baron von Stotzler in seiner Wohnung tat. Die Wände waren zu dick, sie hat. ten keine Ohren. Heute war ihm die Aehnlichkeit des Barons mit der Photographie wieder deutlich aufgefallen. Aber was nützte ihm die Aehnlichkeit, dieselbe konnte ja auch eine zufällige sein.
* ♦
*
Irma von Hochheim saß noch immer unter der breit- ästigen Fichte und sah hinauf nach dem blauen Himmel. ES war ihr so komisch zu Mute, jetzt wo sie allein war. Sie grübelte darüber nach, ob sie wirklich dem Baron von Stotzler ihr Jawort gegeben hatte.
Warum dachte sie auf einmal zurück ? War es ihr schon wieder leid geworden? Hatte sie sich von einer augenblicklichen Eingebung denn vollständig überrumpeln las. sen? Osten gestanden war sie im Augenblick nicht recht zufrieden. Es war ihr, als ob eine geheime Beklemmung ihre Brust zuschnürte und ihren Atem beengte. Mit Gewalt suchte sie das unbequeme Gefühl von sich abzuschüt- teln, doch immer kehrte es wieder zurück.
Endlich richtete sie sich hastig aus ihrer bequemen Lage auf und ging über den Rasenplatz auf den Weg zu. Aber auch durch die Bewegung konnte sie das unbequeme Gefühl nicht bannen. Ihr Gang wurde immer hastiger und nervöser. Erst als sie am Kreuzgang angelangt war, wurde sie etwas ruhiger. Eine kühle Luft wehte hier durch und fächelte ihre heiße Stirn.
Tante Gertrud saß auf dem Sofa und arbeitete an einer Stickerei. Das Fenster stand weit auf und die warme würzige von Blumenduft geschwängerte Luft hatte freien Eintritt.
Da wurde plötzlich hastig die Tür aufgemacht und Zrma trat ein. Sie fiel ihrer alte» Hüterin stürmisch um
den Hals. Zuerst lachte sie und dann begann sie plötzlich zu schluchzen.
Tante Gertrud hatte die Stickerei in den Schoß sinken lassen, und schauderte verwundert auf ihren Liebling nieder. Zärtlich strich sie ihr die dunklen Locken aus der Stirn. „Was ist Dir denn, mein Liebling?" fragte sie zärtlich. „Warum weinst Du denn?"
„Der Baron!" schluchzte Irma.
„Hat er Dir etwas zu leid getan ?" fragte sie erschrocken.
„Nein, Tante Gertrud. Er hat um meine Hand anae- halten und ich . .."
Tante Gertrud stand fast das Herz still. „Und Du . was hast Du getan?"
„Ja hab' ich gesagt?"
Das gab der alten Dame auf einmal einen Ruck. Fast entsetzt blickte sie die kleine Irma an. Aber dann ging es wie ein freudiges Aufleuchten über ihre Züge. „Du hast ja gesagt, Irma, und jetzt ist es Dir auf einmal wieder leid geworden, nicht wahr?"
Irma sah sie mit ihren tränenfeuchten Augen fast er. schreckt an. „Nein!" wehrte sie ab „Das nicht."
Tante Gertrud blickte sie traurig an. „So willst Du seine Gattin werden?"
»Ja, ich freue mich ja so darüber," entgegnete Irma, „Hast Du ihn denn wirklich lieb?"
„Ich glaube," kam es zögernd von Irmas Lippen.
„Aber weinst Du denn, wenn Du glücklich bist, Irma?" Die alte Dame sah ihr forschend in die Augen.
Irma wandte heftig errötend ihren Blick ab.
„Ich weiß nicht, mir war's so fryh und doch so weh UMs Herz," entgegnete sie leise.
Tante Gertrud faßte warm ihre Hand und zog sie zärtlich heran. „Irma," begann sie mit warnender Stimme. „Irma! Ehe Du Dich ganz bindest, frage Dein Herz. Forsche in Deinem Herzen, ob Du ihn auch wirklich lieb hast. Laß Dich nicht vom äußeren Schein blenden. Denke daran, daß Dein ganzes Leben von einer einzigen Minute der Entscheidung abhängt."
Irma hörte schweigend die Ermatznungen ihrer Beschützerin an. Eine Pause entstand. Irma hatte neben Same Gertrud auf dem Polster Platz genommen und grübelte still vor sich bin, während die Blicke der erstere» teilnehmend das unschuldige Kindergesichtchen streifte.
„Sag einmal, Tante Gertrud: was ist denn nur die Liebe? Hast Du auch in Deinem Leben einmal geliebt?" fuhr Irma plötzlich aus ihrem Grübeln auf.
Tante Gertrud schaute eine Weile schweigend nach bet Zimmerdecke, dann kam eS wie ein unterdrückter Seufzer aus ihrer Brust. „Ob ich einmal geliebt habe? Wenn Dich meine schlichte Lebensgeschichte nicht langweilt, dann will S sie Dir erzählen. Bis jetzt hab' ich sie still in meiner Brust verschlossen."
„O bitte, Tante Gertrud, erzähle sie mir," bat Irma.
„Ich war noch ein Mädchen von kaum siebzehn Iah. ren. Da lernte ich durch meinen etwas älteren Bruder einen jungen Mann kennen. Zwanzig Jahre war er alt, der Sohn eines armen Geschäftsmannes. Es war ein stil. ler Mensch. Wir kamen öfter im Garten beim Lawn»Ten« mS-Spiel zusammen, das heißt, er beteiligte sich selbst nicht daran, sondern sah immer von der Ferne zu. Bon meinem Bruder erfuhr ich, daß der junge Mann, Schwarz hieß er, Maler sei, der nur danach strebte, eS zu etwa! Großem zu bringen. Oft sah ich, wie er bei un8 im Gar. ten saß und Skizzen machte. Ich weiß nicht, wie eS kam, aber ich faßte ein großes Interesse für ihn und verfolgt« ihn heimlich mit meinen Blicken. Fast den ganzen Sommer hindurch ging das weiter, ohne daß Schwarz auch nur gewagt hatte, sich ein wenig freundschaftlich mir zu nähern. Ich als ein unerfahrenes Mädchen ärgerte mich gewaltig Über diese Vernachlässigung und dachte gar nicht daran, daß Schwarz die weite Kluft, die zwischen ihm und mit bestand, beachtete. Ich legte seine Zurückhaltung für Stolz aus, und daß dieser stolze, junge Mann ein armer Teufel gegen mich war, trug zu meinem Aerger noch meh»
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