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M 43.

Mittwoch, den 31. Mai 1905.

56. Jahrgang.

Amtliches.

St. 439. In allen Schriften, welche die Ein- kommen« und Ergänzungssteuer betreffen, ist die Aufschrift: An den Herrn Vorsitzenden der Steuerveranlagungskommisiion zn Schlüch« tern in solchen, welche die Steuer Dom stehenden Gewerbe und die Bttriebssteuer betreffen, stets die Aufschrift:

An den Herrn Vorsitzenden der Steuer ausfchüsie der Gen bestenerklasien 3. 4. zu Schlächtern zu fertigt

Anch die Stadt« rd Gemeindebehörden wollen dieses ferner in beachten.

Schlüchtern, den 27. Mai 1905.

Der Vorsitzende

der Einkommensteuer-VeranlagungS-Kommission:

_______________Graf zu Solms._________

Himmelfahrt.

Verglommen ist des Spätrots Schimmer, Der Nachtwind wiegt den Wald zur Ruh O duft'ge Frühlingswelt, noch immer Selbst in der Nacht wie schön bist du!

Und Stern an Stern beginnt zu funkeln,

Aus Nebeln steigt empor der Mond,

Und über allen Erdendunkeln

Der lichte Gottesfrieden thront.

Wie durch die Nacht ich lauschend schreite,

Raunt mir ins Ohr ein sel'ger Gruß,

Als wallten Engel mir zur Seite

Im Sternenschein mit leisem Fuß.

Und doch, in all dem holden Frieden

Geht inir ein Sehnen durchs Gemüt,

Als wär ein Fremdling ich hienieden,

Dem fern die schönre Heimat blüht.

Seit du uns bist vorangegangen,

Du unser Haupt, im Siegeslauf, Weckt dieser Erde schönstes Prangen

Ein Himmelsheimweh in uns auf.

Himmelfahrt.

Apostelgesch. 7, 55. Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen.

Das Fest der Himmelfahrt Jesu verknüpft. in wunderbarer Klarheit die untere Welt des irdischen Daseins mit der oberen Welt des himmlischen Lebens.

Der Mine Doktor,

Roman Hon W. Sartory. 19

Mit einem kleinen Ruck machte der kleine Doktor mie­tet K ehrt, und ging entschlossen auf sein Ziel los.

Ein Hausdiener kam ihm im Gang entgegen. Retlow hielt ihn an:Wollen Sie bitte nachsehen, ob der Herr Baron von Stotzler zu Hans ist? Ist das der Fall, dann melden Sie mich bei demselben an."

Der Hausdiener eilte weg, während Retlow in der Richtung folgte.

Er war noch nicht an der Tür angekommen, sn wel­cher der Hausdiener verschwunden war, als dieser wieder zum Vorschein kam.Herr Baron von Stotzler ist nicht pg. Jedenfalls ist er im Park," meldete er.

Dr. Retlow ging in den Park. Vielleicht fand er hier Gelegenheit, den Baron allein zu sprechen.

Nachlässig an einen Baum gelehnt, stand der Baron vor Irma von Hochheim, die in ihrem Faulenzer saß und seinen Schmeichelwprten ein willig Ohr schenkte.

Irma sah den Doktor schon von weitem kommen.Da kommt ja auch unser kleiner Doktor," sagte sie lustig- chelnd zum Baron.

Eine Wolke des Unmuts legte sich auf dessen Gesicht. Der läuft Ihnen nach, wie ein Hund seinem Herrn," be­merkte er spöttisch.

Gönnen Sie ihm das Vergnügen nicht?" frug Jrnia.

Offen gestanden, nein 1"

Sie sind eifersüchtig, Herr Baron?"

Der Baron strich sich selbstbewußt seinen Schnurrbart. Kuff spöttisches Lächeln im Gesicht, meinte er, sie scharf fischend:Ich glaubte nicht, daß gnädiges Fräulein einen solchen schlechten Geschmack entwickele."

Still, Baron, da kommt er wahrhaftig direkt auf unS zu. Wo er nur den Mut her hat? Sonst ist er doch zuerst immer drumherum gelaufen," kicherte Irma vor sich hin.

Der Baron warf demAnkommenden einen gerade nicht sehr freundlichen Blick zu.

Wenn draußen die Natur in ihrem schönen Frühlings­schmucke prangt und Wald und Feld ein lautes Zeug­nis ablegen von dem gütigen Walten des Schöpfers, der in allerlei sichtbarer Schönheit die Ahnung ewiger Schönheit in unseren Herzen weckt, so tut sich für die christliche Gemeinde am Himmelfahrtstage das Reich der göttlichen Herrlichkeit weit auf, und anbetend schauen die Gläubigen aufwärts dem Heilande nach, der ihnen entschwebte, ohne doch von ihnen zu scheiden, und der ihnen die Bahn weist, auf der es aufwärts zum Vater geht. Und wer des Apostels Wort sich hat zu eigen machen können: was sichtbar ist, das^ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig, dem strahlt aus dem bunten Kleide des Weltdaseins das ewige Licht des göttlichen Lebens entgegen, und er ahnt in der Ver­klärung des Irdischen, die in dem auferstandenen Heiland zur geschichtlichen Tatsache geworden ist, Ziel und Inhalt der gesamten Schöpfung. In Christi Himmelfahrt ist anschaulich und wirklich zu sehen, worauf der Glaube seine Hoffnung des ewigen und himmlischen Lebens gründet. Weil wir es wissen und die Schrift es uns bezeugt, daß Jesus zum Vater ge­gangen und von dieser Erde mit aufgehobenen Segens­händen zum Leben in der Herrlichkeit entschwebt ist, so ist kein Zweifel mehr, wo unsere Heimat und unserer Pilgerschaft Ziel ist.Ihr kennet den Vater," sagt der Herr,und den Weg kennet ihr auch."

Kein ergreifenderes Zeugnis gibt es für die Kraft der Himmelfahrtsbotschaft als den Bericht, den uns die Schrift selber von den letzten Augenblicken des ersten Blutzeugen Christi gibt. Stephanus, nachdem er ein mannhaftes Bekenntnis für den gekreuzigten wider das halsstarrige Judentum abgelegt hat, umtost von der Wut seiner Richter und den sicheren Tod vor Augen, sieht, erfüllt mit dem heiligen Geiste, die Herrlichkeit Gottes, den Lichtglanz des ewigen Schöpfers am Himmel leuchten und Jesum zur Rechten Gottes stehen. Und in heiliger Entzückung ruft er aus :Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen." Der Himmel ist offen für den, der Jesum kennt und an ihn glaubt. Da des Menschen Sohn, als Gottes Sohn erwiesen durch die Auferstehung von den Toten, zur Rechten des Vaters sich erhoben hat, ist die Schranke gefallen, die Himmel und Erve getrennt hat, ist die Bahn gebrochen, die zwischen dem Diesseits und Jenseits die Verbindung hergestellt. Im Augenblicke cher bittersten Leiden und der tiefsten ^odesaugst^erscheint dem brechenden Auge

Dr. Retlow trat grüßend näher. Galant küßte er Irma die weißen Fingerspitzen, was dem Baron ein wütendes Lächeln abzwang. Dann wandte er sich an diesen.

Herr Baron, ich habe eine dringende Angelegenheit mit ihnen zu besprechen."

Hm," machte dieser, dem er etwas unheimlich zu Mute wurde.Ist die Sache wirklich von solcher Wichtig­keit?"

Für mich nicht, für Sie, Herr Baron."

Irma von Hychheim strampelte ungeduldig mit den Keinen Füßchep auf dem Rasen herum. Sie war ärgerlich darüber, daß der kleine Doktor mit so geschäftsmäßiger Miene in ihren schönen Zeitvertreib hineinschritt.

Aber, Herr Doktor, es brennt doch nicht!" Ref sie gezwungen lachend.

Dr. Retlow zuckte die Achseln..Am besten wär'S, Herr Baron, wenn wir die Sache gleich abmachten, Wollen Sie tzie Güte haben, mir etwas auf dem Weg zu folgen?"

«Und wenn ich das nicht tue

So muß ich eben hier in Gegenwart von Fräulein von Hochheim meinen Auftrag ausrichten, aber ich kann Ihnen gleich sagen, daß Ihnen das nicht angenehm sein wird."

Wie geheimnisvoll!" rief Irma ungeduldig.

Der Baron biß sich wütend auf die Hippen.Kom- men Sie," sagte er kurz und entfernte sich nach dem Weg.

Sie entschuldigen doch die Störung, Fräulein Irma ?" fragte Retlow.

Garnicht!" kam es schmollend über ihre Lippen,Ich bin Ihnen böse, Doktor."

Das kann ich nicht glauben," flüsterte ihr Doktor Ret« low zu.Sy kleinlich können Sie doch nicht fein?"'

Ach! Gehen Sie, Sie Störenfried!y Wiewandtesich ab. Retlow warf ihr einen, wehmütigen Blick zu und ging dann dem Baron nach.

^Machen Sie die Sache möglichst kurz, Sie sehen doch^ daß ich keine Zeit mehr zu verlieren habe."

der erhöhte Heiland und Freund unserer Seelen und öffnet uns die Tore, die zu den Wohnungen in seines Vaters Hause führen. Und im Ausblick zu dem Herrn, der uns vorangegangen ist, können wir täglich und überall aus dem Wirrwar und dem Verfall alles Irdischen an des Vaters Herz uns flüchten und be­kennen : Fahr' hin, was heißet Raum und Zeit, ich bin schon in der Ewigkeit, weil ich mit Jesu lebe!

Deutsches Reich.

Der Kaiser traf am Sonntag nachmittag in Berlin ein, empfing um 6.57 Uhr auf dem Anhalter Bahnhof die kronprinzlich griechischen Herrschaften, geleitete diese nach dem Hotel Kaiserhof und wohnte abends der Vorstellung im Schauspielhause bei, wo Leoncavallo's Roland von Berlin gegeben wurde.

Auf Befehl des Kaisers werden am 31. Mai anläßlich der Frühjahrsparade und am 3. Juni zum Einzugstage der Herzogin Cecilie sämtliche Schulen Berlins geschlossen.

Für die Hochzeitsreise des Kronprinzen soll der Kaiser, wie aus Potsdam gemeldet wird, dieHohen- zollern" zur Verfügung gestellt haben, auf der das junge Paar eine Reise von Kiel aus unternehmen soll, um dann erst das Marmorpalais zu beziehen. Der kleine KreuzerBerlin" wird angeblich derHohen- zollern" als Begleitschiff beigegeben werden.

Der Reichstag nahm am Donnerstag die zweite Lesung der Kamerun-Eisenbahn«Vorlage vor. Abg. Ledebour (Soz.) kritisierte die Proklamation Trothas, die, nach Berichten englischer Blätter, Preise auf die Köpfe der Hottentottenführer aussetzt, und bezeichnete das Verfahren Trothas, die Richtigkeit der betreffenden Mitteilung vorausgesetzt, als das Dingen von Meuchel­mördern. Kolonialdirektor Dr. Stübel erklärte, es seien von Trotha Berichte in dieser Sache gefordert worden. Abg. Erzberger (30 verteidigte die Prokla­mation und hielt dem Tadel Ledebours das Lob des Vorwärts" entgegen, das dieser dem Mörder des Großfürsten Sergeus gespendet habe. Ledebours Er­widerung auf diese Ausführungen waren derart, daß Präsident Graf Ballestrem eingreifen mußte und er* klärte, es nicht dulden zu können, daß im deutschen Reichstage ein Meuchelmörder als Held qualifiziert nnd seinerhabenes Opfer" herabgezogen werde. Ueber den Paragraph 1 wurde auf Antrag der Sozialdemo- kraten namentlich abgestimmt. Kurz vor Beendigung einer zweiten namentlichen Abstimmung über Paragraph

Sie werden ZMhaben, Herr Baron," entgegnete Ret­low ruhig.

Bitte, was haben Sie mit mitzuteilen?"

Fräulein Emma Borgau hat sich bei mit nach einem gewissen Paul Lehnert erkundigt."

Doktt>?!"d°^°" Ia$U toütenb °"s .Sie scherzen, Her»

Durchaus nicht, Herr Baron, Sie können sich den­ken, daß mir die Sache durchaus peinlich ist und dennoch habe ich der Dame versprochen, mit Ihnen ein ernste» Wort zu reden."

Weiter," machte der Baron kalt.

Das Mädchen erinnert Sie an Ihr Wort, daß Si« ihr unter dem Namen Paul Lehnert gegeben haben. Äle Ehrenmann werden Sie natürlich dasselbe nicht brechrn."

Hahaha! SiehatJhnen wohl alles gebeichtet?"

In der Hoffnung, daß ich ihr zum Rechte verhelfen könnte."

Herr Doktor, wie kommen Sie dazu, sich mit mei­nen Angelegenheiten so eingehend zu beschäftigen? Dies, Worte klangen höhnisch und herausfordernd.

Sie wollen doch ein Ehrenmann sein!" entgegnete Dr. Retlow ruhrg.

Bezweifeln Sie da», Her« Doktor?"

Nun, dann erinnere ich Sie an Jh« Pflicht * $$J8eWten Sie gefälligst Ihre weisen Ratschläge für

Sie müssen eS missen.

Ich glaube, wir sind fertig?"

Sie wissen woran Sie zu halten haben, andernfalls Nun, die Konsequenzen können Sie sich selbst ziehen, Herr Baron."

Sie werden Irma von Hochheim nichts verraten," klang es zischend an sein Ohr. 112,18

Dr. Retlow zuckte die Achseln und ging weiter, wäh» repd der Baron stehen blieb und ihm wütend nachblickte.

Erst als der Doktor schon eine gute Strecke von ihm entfernt war» ging er zu Irma von Hochheim zurück.