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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M E ™ Samstag, den 27. Mai 1905. ” 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag setzte am Sonnabend bei sehr schwachem Besuch die zweite Lesung des Entwurfes betreffend Aenderungen der Zivil-Prozeßordnung bei Artikel 1 der Kommissionsbeschlüsse (Heraufsetzung der Revisioussuinmen) fort. Da die namentliche Abstimmung darüber um 2 Uhr Beschlußunfähigst ergab, wurde vom Präsidenten Graf Ballestrem auf 2l/2 Uhr eine neue Sitzung angesetzt. In dieser Sitzung wurde ohne Debatte erledigt in dritter Lesung das Abkommen mit Luxemburg über die Freizügigkeit des zum menschlichen Genuß bestimmten Fleisches und in zwei Lesungen die Vorlage über die Bildung deutscher Konsularver. bände in den deutschen Konsulargerichtsbezirken. Das Totalisatorgesetz wurde ebenfalls debattelos in dritter Lesung gegen die Stimmen der Freisinnigen und der Sozialdemokraten erledigt. — In der Montagssitzung wurde zunächst der Antrag Blell betr. Abänderung des § 44 der Gewerbeordnung wurde in erster und zweiter Beratung erledigt. Bei der dritten Beratung von Rechnungsübersichten über die Kolonien kam es zu einer kurzen Auseinandersetzung zwischen den Abgg. Storz (Dtsch. Vpt.) und Erzberger (Ztr.) über die Eisenbahnfrage in den Kolonien. Der Gesetzentwurf über die Bildung deutscher Kommunalverbände in den deutschen Niederlassungen zu Tientsin und Hankau wurde in dritter Beratung debattelos erledigt. Die wiederholte namentliche Abstimmung über den ersten Paragraphen zur Zivilprozeßordnung, wonach die Revisionssumme beim Reichsgericht auf 2500 Mk. erhöht werden soll, ergab abermals, wie am Sonnabend, Beschlußunfähigkeit des Hauses, weshalb die Sitzung geschlossen wurde.
— Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Sonnabend der Gesetzentwurf, betr. Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der Unterbeamten und der in staatlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter in zweiter Beratung erledigt. Der Antrag der Abgg. Gamp (frk.) und Genossen betr. Erhöhung der im Etat ausgeworfenen Unterstützungen für Geistliche aller Be- kenntnisse wurde nach kurzer Debatte angenommen. Der Antrag des Abg. Arendt-Gartschin (frf) und Gen. auf anderweite Regelung der Ruhezeit der in Gast- uhb Schankwirtschaften beschäftigten Gehilfen und Lehrlinge wurde gemäß dem Kommissionsantrag abgelehnt. Hierauf wurde noch eine Reihe von Petitionen erledigt. — Am Montag wurde die zweite Beratung der Bergarbeiternovelle fortgesetzt. Nach § 93b der Regierungsvorlage darf bei einer Teinperatur von mehr
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Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 18
Unruhig lief er im Zimmer aus und ab. Wenn er doch nur Irma von Hochheim die Augen öffnen könnte! Aber sie war ja blind gegen seine Warnungen. Sie hielt es für Eifersucht. Wenn sie auch ins Verderben rannte?
Der kleine Doktor faßte sich unwillkürlich an den Kopf. Es war ihm, als ob da drinnen etwas entzwei gesprungen wäre. Stöhnend sank er aus einen Stuhl zurück.
Den ganzen Morgen rannte Retlow im Park herum, Irma zu finden. Aber all sein Suchen war vergebens. Auch den Baron betam er nicht zu Gesicht. Erst nach dem gemeinschaftlichen Essen erschien Irma von Hochheim aus der Terrasse. Aber sie war nicht allein. Tante Gertrud war bei ihr, der sich noch einige ältere Damen angeschlossen hatten.
Irma nickte ihm freundlich auf seinen Gruß zu.
Dr. Retlow wartete auf eine günstige Gelegenheit; aber er wartete vergebens darauf.
Am Nachmittag niachte er sich auf den Weg nach dem nahen Josephinental. Er wußte nicht genau, wo die beschriebene Stelle war. Langsam, gedankenvoll schritt er das Tal hinauf bis zu dem Wegweiser, welcher den Weg nach dem Kreuzberg rechts anzeigte.
Suchend blickte Dr Retlow umher. Hier in der Nähe mußte doch die Bank sein. Etwas oberhalb von der Kreuzung bewegten sich die Büsche.
Emma Borgau trat auf den Weg, sie hatte schon gewartet und den kleinen Doktor kommen hören. Ein flüchtiges Rot huschte über ihr schönes, blasses Gesicht, als sie auf ihn zutrat und ihm wie dankend die Hand reichte. „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, daß Sie sich die Mühe gegeben haben," sprach sie leise.
Ihre Hand, die der Doktor unwillkürlich noch fest» hielt, zitterte vor innerer Erregung.
„Bitte, Fräulein Borgau, wenn ich Ihnen einen Dienst erweisen kann, soll es gerne geschehen."
als 22 Gr. C. die tägliche Arbeitszeit vom 1. Oktober 1905 ab 8 Stunden nicht übersteigen. Die Kommission hat diese Bestimmung (sanitären Maximalarbeitstag) gestrichen und dafür Artikel 2b eingefügt, wonach die Oberbergämter verpflichtet sein sollen, zu prüfen, ob mit Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeiter eine Festsetzung der Dauer der täglichen Arbeitszeit geboten ist. Bei dieser Prüfüng soll der Gesundheitsbeirat gutachtlich gehört werden. Dieser besteht aus dem Berghauptmann als Vorsitzenden sowie aus vier vom Oberbergamt berufenen Mitgliedern, die zu gleichen Teilen aus der Zahl der Bergwerksbesitzer und der Zahl der aus den Arbeitern gewählten Knappschaftsältesten zu entnehmen sind. Hierzu wurden von den Abgg. Dippe (natl.), Fischbeck (Frs. Vpt.) Brust (Z.) und Gen., v. Brandenstein (kons.) verschiedene Abänderungsanträge gestellt. Handelsminister Möller trat in längerer Rede für den sanitären Arbeitstag ein. Sämtliche Abänderungsanträge wurden abgelehnt und die Kommissionsbeschlüsse aufrecht erhalten. Der Rest des Gesetzes wurde ohne Debatte angenommen.
— In Dresden hat der nationalliberale Parteitag getagt. Am ersten Versammlungstage wurde das neue Organisationsstatut im allgemeinen unverändert angenommen. Am zweiten stand als einziger Punkt auf der Tagesordnung das Referat des Abg. Bassermann über die politische Lage im Reiche, worin er warm für die Wehrkraft Deutschlands inbezug auf Heer und Flotte eintrat. Nach einer vierstündigen Diskussion, an deren Schluß zwei Resolutionen zur Schulfrage und zur akademischen Freiheit einstimmig angenommen wurden, wurde der Parteitag geschlossen.
— In Köln ist der sozialdemokratische Gewerkschaftskongreß zusammengetreten, der fünf Tage dauern wird. Die Tagesordnung ist sehr reichhaltig. U. a. wird den Kongreß die Maifeier beschäftigen und voraussichtlich lebhafte Debatten zeitigen. Den heißesten Streit der Meinungen dürfte die Frage des Generalstreiks hervorrufen. Schließlich werden auch die jünsten Vorgänge auf gewerkschaftlichem Gebiete, vor allem der Ausstand im Ruhrrevier, zur Verhandlung kommen.
— Der Zentral-Verein für Hebung der deutschen Fluß- unb. Kanalschiffahrt wird seine letzte Winter- Sitzung am 30. b. M. im Abgeordnetenhause abhalten. Den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildet ein Licbtbilder-Vortrag von Generaldirektor Pohlig-Köln über neuzeitliche Transport-Umlade-Vorrichtungen für Eisenbahnen und Wasserstraßen, für dessen Abhaltung
Dr. Retlow führte sie nach der Bank zurück.
Eine Weile saß Emma schweigend neben ihm, die Hände krampshaft ineinander geschlungen. Dann hob sie den feuch- teu, traurigen Blick zu ihm auf. „Viel ist es nicht, was ich von Ihnen verlange, Herr Doktor. Sie sollen mir nur noch einmal sagen, ob ich gestern recht verstanden habe. Der Herr, mit dem Sie mich sahen.. heißt.. Paul . . Leh- nert?"
„Nein Fräulein, eS ist Baron von Stotzlex.
Mit einem schweren Seufzer sank ihr Kopf gegen die Lehne der Bank zurück. Eine lange Zeit saß sie da und hielt die Augen geschlossen, um ihren Mund zuckte ein um terdrückter Schmerz und Weh.
Dr. Retlow fühlte tiefes Mitleid mit dem armen, verratenen Geschöpf. Ein unnennbarer Haß gegen den Baron quoll, in seinem Herzen auf. „Vergessen Sie den Menschen," sprach er sanft. „Er ist nicht wert, daß ein Herz UM ihn trauert.**
Emma sah ihn erst mit einem verständnislosen Blick an.
„Vergessen?" kam es gepreßt aus ihrer Brust. „Mein Gott! Könnt ich noch vergessen!"
Der kleine Doktor verstand nicht recht den Sinn ihrer Worte. „Sie werden noch mit einem anderen glücklich werden."
Da kam es wie ein heißeres Lachen aus ihrem Munde heraus. Erschreckt sah sie der Doktor an. „Für mich gibt es nur ein's. Der Tod!"
„Sprechen Sie nicht so," bat Doktor Retlyw aufs tiefste ergriffen. „Geben Sie nicht alles verloren, erinnern Sie den Baron an sein Wort. Vielleicht ist er doch nicht gar sy ehrlos."
Wieder kam ein grelles Lachen aus ihrem Munde. „Ehr- los?" Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte sie. „Herr Doktor, ich war ein Kind, ein unschuldiges Kind, ich kannte die Welt nicht. Da kam dieser Mann, er war freundlich zu mir, und sprach dann von Liebe. Ich weiß nicht, wie es kam, ich glaubte ihm. Mein Gott!"
Dr. Retlow hatte ihre Hand gefaßt. „Verzweifeln Sie
der Präsident des Abgeordnetenhauses bei dem allgemeinen Interesse der Frage den großen Saal des Abgeordnetenhauses zur Verfügung gestellt hat. Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses werden hierzu gleichfalls eingeladen. Weiter wird Regierungsrat a. D. Dr. Leidig-Berlin über die Transport-Versicherung in dem Entwürfe eines Reichsgesetzes, betreffend den Versicherungsvertrag, mit besonderer Berücksichtigung ' der Interessen der Binnenschiffahrt berichten, während Reedereidirektor Rodenacker -Danzig das Korreferat übernommen hat. Als letzter Punkt der Tagesordnung erscheint die Frage der Anwendung der Eisenbahn- Ausnahmstarise für Holz auf die Rhein-Umschlagsplätze, insbesondere für den Versand nach dem lothringisch-luxemburgischen Industriegebiete. Die Beratungen werden bei der Reichhaltigkeit der Tagesordnung für die weitesten Kreise Interesse haben. Die Teilnahme von Gästen ist, wie wir hören ausdrücklich gestattet.
Ausland.
— Die französische Mission bei der Hochzeit des deutschen Kronprinzen wird voraussichtlich am 2. Juni in Berlin eintreffen. Sie besteht, wie jetzt endgültig bestimmt ist, aus dem Gouverneur von Lyon, General de Lacroix, beut Konteradmiral de Marolles, dem Obersten Chabaud vom Militärstaat des Präsidenten Loubet, dem Gesandten und Deputierten Arago und dem Botschaftssekretär Guellemin, Chef-Adjoint des Kabinetts des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten.
— Eine Studienreise nach Deutschland wird Anfang Juli eine größere Zabl hervorragender französischer La «dwirte unter Führung bet Pariser Professoren Troude und Dr. Heiler unternehmen. Von feiten der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft werden bereits Vorbereitungen zum Empfange der französischen Kollegen getroffen.
— Aus Budapest wird zur ungarischen Minister- krifis gemeldet : Dem Vernehmen nach hat Graf Julius Andrassy die ihm vom leitenden Ausschuß der koalierten Opposition angebotene Mission angenommen. Bezüglich seinens weiteren Vorgehens wird sich Graf Andrassy neuerlich ins Einvernehnien setzen.
— In Moskau hat ein russischer Frauenkongreß getagt, au dem 500 Frauen aller Stände teilgenommen haben. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Notwendigkeit einer politischen Befreiung Ruß-
nicht, Fräulein. Noch ist ja nicht alles verloren. Ich werde selbst einmal mit dem Baron reden."
„Das wollen Sie tun? O, Dank, tausend Dank. Sie ind ein ehrlicher Mann, Ihnen kann ich vertrauen." Be- chämt senkte sie den Kopf und fuhr leise fort: „Was müs- en Sie von mir denken, Herr Doktor?"
Eine Weile saßen sie noch schweigend da, als Emma aufstand. Ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Freund- lichkeit, leben Sie wohl."
Flüchtig reichte sie ihm die Hand hin und wollte weg- eilen, doch Dr. Retlow hielt ihre Hand fest. „Wir haben zurück einen Weg. Lassen Sie mich doch bis Marienbera Ihr Begleiter sein." *
»Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor'."
Schweigend gingen sie das Tal hinunter. Sie achteten beide nicht auf d,e sie umgebende herrliche Sommernatur und aus den lachenden Sonnenschein.
$"’ Parktor verabschiedete sich Dr. Retlow von dem Mädchen. „Vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder," sagte er freundlich. Sie nickte ihm zu und ging dann fluch- tigen Schrittes zur Stadt hinunter.
Retlow hatte wirklich den festen Vorsatz, Herrn von Stotzler über die Angelegenheit zu sprechen. Als er aber Kht burch den stillen Kreuzgang ging, kam ihm doch dir Sache etwas gewagt vor.
Wie kam er dazu, sich als Anwalt des ihm bis jetzt llflfl) unbekannten Mädchens aufzuwerfen? Der Baron wurde ihm, wie leber an feiner Stelle, wahrscheinlich aus- lachen und chmms Gesicht sagen: „Was geht Sie denn die Sache an. Mischen Siesich nicht in meine Angelegenheiten! 112,18
Retlow war schon an der Seite des Hauses angelangt, in dem der Baron wohnte, als er wieder unschlüssig Kehrt machte. Wirklich lächerlich machte er sich nur dabei, sonst kam wahrscheinlich doch nichts bei der Sache heraus.
Und Irma? Nun, der Mensch sollte wenigstens missen, daß er in seine tiefsten Geheimnisse eingeweiht war.