SchlüchternerMun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Alk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 41.
Bekanntmachung.
Die Firma, Chemische Fabrik Solitaria Strauß & Cie. zu Schlüchtern beabsichtigt in ihren Fabrikräumen an der Bahnhofsstraße
Milchsäure (Alphaoxypropionsäure) herzustellen. Ich bringe dieses Vorhaben zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen binnen 14 Tagen bei der unterzeichneten Behörde schriftlich in zwei Exemplaren oder zu Protokoll anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesem Verfahren nicht mehr angebracht werden.
Zeichnungen und Pläne der Anlage können während der Dienststunden im Geschäftszimmer des Bürgermeisteramtes eingesehen werden.
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht daselbst
Dienstag, den 13. Juni d. J.
Bormittags 10 Uhr vor dem Unterzeichneten an und wird hierbei bemerkt, daß im Falle des Ausbleibens der Unternehmer oder der Widersprechenden gleichwohl mit Erörterung der Einwendungen vorgegangen wird.
Schlüchtern, den 22. Mai 1905.
Die Ortspolizeibehörde: Salomon.
Deutsches Reich.
— Ihre Majestät die Kaiserin und Königin haben sich am Sonntag Nachmittag im Schloß Wiesbaden durch Fall auf der Treppe eine Quetschwunde auf der linken Stirnseite zugezogen. Das Allgemeinbefinden ist befriedigend.
— Der Reichstag wählte am Donnerstag zunächst an Stelle des Abg. Pauli-Oberbarnim, dessen Wahl für ungültig erklärt worden ist, den Abg. Schlüter (Rpt.) zum Schriftführer. Sodann wurde das Fleisch- abkomnien mit Luxemburg in erster und zweiter Lesung angenommen. Ferner wurde die Totalisatorgesetzvorlage, bet welcher Becker (Z) dafür eintrat, daß die Frist, zu der die Vereinstotalisatoren zur Reichsstempelabgabe herangezogen werden, bis zum 1. Januar 1906 hinausgeschoben würde, in zweiter Lesung erledigt. Schließlich begann die zweite Beratung des Gesetzentwurfs zur Entlastung des Reichsgericht. — In der Freitagssitzung wurde zunächst die erste Lesung der Vorlage betr. Ausgabe von Reichsbanknoten von 50 und 20 Mark vorgenommen. Der Gesetzentwurf wurde von
Mittwoch, den 24. Mai 1905.
den Abgg. Büsing (natl.), Dr. Arendt (Rp.), Bernstein (Soz.) und Raab (Antisem,) heftig bekämpft, während die Abgg. Dr. Bachem (Z.), Eickhoff (frs. Vp.), Frhr. v. Richthofen (kons.), Mommsen (frs. Vg.) und Paasche (natl.) für die Vorlage, als lediglich einem Verkehrs- bedürfnis entsprechend, eintraten. In diesem Sinne wurde die Vorlage auch vom Staatssekretär Graf Posadowski und Reichsbankpräsidenten Dr. Koch befürwortet. Sodann wurde die zweite Beratung der Novelle zur Zivilprozeßordnung fortgesetzt.
— Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Donnerstag die zweite Beratung des Bergarbeiterschutzgesetzes bezüglich der Bestimmungen über Zeit und Art der Abrechnung und Lohnzahlung, über Bildung, Zusammensetzung und Aufgaben der Arbeiterausschüsse fortgesetzt und nach den Kommissionsbeschlüssen erledigt. Oberberghauptmann von Velsen gab die bemerkenswerte Erklärung ab, daß die Ergebnisse der Revision der Bergwerke und alle Umfragen einen für die Besitzer sehr günstigen Verlauf genommen hätten. Gleichfalls in der Fassung der Kommission wurden angenommen die Bestimmungen, wonach die im Laufe eines Kalendermonats gegen einen Arbeiter wegen ungenügender oder vorschriftswidriger Beladung von Fördergefäßen verhängten Geldstrafen fünf Mark nicht übersteigen dürfen. Zum Schluß trat das Haus noch in die Diskussion über die Arbeiterausschüsse ein. — Bei der Fortsetzung der Beratung am Freitag erklärte Abg. Frhr. v. Heydebrand (kons.) in längerer Rede, er werde keinem Anträge zustimmen, der die Kommissionsbeschlüffe abändern oder gar abschwächen werde. Seine Freunde wollten es nicht länger mit ansehen, daß die sozialpolitischen Maßnahmen, die zum Zweck der Versöhnung geschaffen seien, ausgebeutet würden im Interesse staatsfeindlicher Parteien. Justizminister Schönstedt bezeichnete die nationallieberale Forderung, daß die Arbeiterausschüsse sich politisch nicht betätigen dürfen sollen, als eine unzulässige Beschränkung der Koalitionsfreiheit, die den Arbeitern durch die Gewerbeordnung und das Reichswahlrecht gewährleistet sei. Auch Handelsminister Möller wandte sich gegen das Verbot der politischen Tätigkeit der Arbeiterausschüsse, wodurch das Vertrauen der Arbeiter, das durch die Vorlage gestärkt werden sollte, wieder geschwächt würde. Schließlich wurde die Vorlage sowohl in der Regierungs- wie in der Kommissionsfassung abgelehnt.
— Daß das Gut Cadinen dem Kaiser nicht geschenkt worden ist, stellt die „Nordd. Allg. Ztg." in folgender
56. Jahrgang.
Form fest: Bei dem kürzlich erfolgten Tode des Land- rats a. D. Birkner-Cadinen ist durch die Tageszeitungen erneut die Nachricht verbreitet worden, daß der Verstorbene sein Gut Cadinen dem Kaiser geschenkweise übereignet habe. Dieses entspricht nicht den Tatsachen. Das Gut Cadinen ist in das Eigentum des Kaisers auf Grund eines Vertrages übergegangen, inhalts dessen als Gegenleistung die Uebernahme der mehr als eine halbe Million betragenden Hypotheken und sonstigen Lasten, die Zahlung einer reichlichen jährlichen Leibrente und endlich die Errichtung eines dem Werte des lebenden und toten Inventars entsprechenden Kapitals festgesetzt wurden. Hiernach handelt es sich nicht um eine Schenkung, sondern um einen zweiseitigen Vertrag, in welchem Leistung und Gegenleistung genau fixiert waren.
— Auf eine Anfrage der Elberfelder Handelskammer über die deutsch-spanischen Handelsvertrags-Verhältnisse hat der Handelsminister folgendes erwidert: „Aus Anlaß der Kündigung des spanisch-schweizerischen Handelsvertrages sind mit der spanischen Regierung Verhandlungen in die Wege geleitet worden, um unserer Ausfuhr nach Spanien die zur Zeit geltenden spanischen Einfuhrzölle zu sichern. Nach mir vorliegenden Mitteilungen ist anzunehmen, daß die spanische Regierung beabsichtigt, einen entsprechenden Gesetzentwurf den Cortes bei deren Wiedereröffnung vorzulegen. Der Termin für die Cortesverhandlungen steht noch nicht fest und dürfte sich bis Anfang Juni d. J. hinausziehen."
— Seit einiger Zeit sind Bestrebungen hervorgetreten, die den Erlaß besonders strasgesetzlicher Bestimmungen gegen die Bestechung der Angestellten kaufmännischer und industrieller Betriebe durch Lieferanten zum Ziel haben. Vom Staatssekretär des Innern aus sind deshalb die Bundesregierungen ersucht worden, in dieser Richtung Ermittelungen anzustellen. In erster Linie wird die Anhörung der Handelskammern in Betracht kommen; in Orten, wo geeignete Vertretungen von Angestellten bestehen, soll auch letzteren Gelegenheit gegeben werden, über die betreffenden Fragen sich zu äußern.
Ausland.
— Obgleich die Angaben über eine deutsche Flaggen- Hiffung in Haitschou bereits von amtlicher deutscher Stelle als jeder Begründung entbehrend bezeichnet worden sind, suchen ostasiatische Korrespondenten
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 16
Emma Borgau wußte nicht, was sie davon halten sollte. In ihrem Kopfe brannte eS wie Feuer. Wie konnte er nur so kalt über die Sache hinweg gehen. „Also, Du heißt nicht Lehnert?"
„Nein, Baron von Stotzler. Du hast ja den Namen setzt schon so oft gehört."
Emma wankte nach der Bank zurück. Ihre Beine konnten Sie nicht mehr tragen. Mit einem schweren Seufzer sank sie nieder, der Schmerz brach sich in heißen Tränen Bahn.
Stotzler stand da, rasend vor Wut. Die ganze Welt hätte er vergiften können. Der Schmerzensausbruch des verliebten Mädchens rührte ihn nicht, das krampfhafte Schluchzen weckte in ihm keinen Ton des Mitleids. Nur Wut erfüllte ihn. Namenlose Wut gegen den Doktor, der das alles heraufbeschworen.
Plötzlich stand Emma auf, stürzte an ihm vorüber ins Freie und war gleich verschwunden.
Stotzler stieß eine Verwünschung aus. Noch einen Augenblick wartete er. Sollte er sie zurückhalten? Sie war im stände und tat sich ein Leid an, dann war sicher alles für ihn verloren. Hastig eilte er hinaus und blickte sich suchend um. Den Weg zum Berg hinunter hatte sie nicht eingeschlagen, sonst hätte er sie sehen müssen. Er eilte die kleine Anhöhe hinter dem Häuschen hinauf.
Jetzt sah er sie. Mit aufgelösten Haaren floh Emma über den Bergrücken weiter. Stotzler lief nach, so schnell es seine Beine erlaubten, aber er kam ihr nicht näher. Keuchend blieb er stehen. Der Schweiß stand ihm in dicken Perlen auf der Stirn. Wütend rief er sie beim Namen, sie hörte nicht oder wollte nicht hören. Doch plötzlich fiel sie auf die Erde nieder. Stotzler eilte zu ihr. Dort lag sie in einer kleinen Vertiefung mie tot vor ihm. Er versuchte sie aufzuheben, schlaff ließ sie sich hängen, als ob alles Leben aus ihr geflohen sei. Verzweifelt sah sich der Baron
um, die Angst packte ihn, scheu, sich nach allen Seiten um- schauend, ließ er die leblose Gestalt niedergleiten und floh wie gehetzt den Berg hinunter.
Mit dem Stoßkarren in der Hand, kam ein Bauersmann über die Sabelshöhe gefahren. Der Weg, den er nahm, führte nicht weit an der Stelle vorüber, wo Emma Borgau hingesunken war.
Der Bauer ließ seine Handkarre am Wege stehen, legte die Träger ab und ging nach der Stelle hin, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Erschreckt prallte er zurück, als er den dunklen Gegenstand, eine Mädchengestalt, erblickte, aber lange bedachte er sich nicht. Energisch trat er auf sie zu und hob sie mit kräftigem Arm aus der Vertiefung heraus und legte sie auf den Rasenboden. War sie tot? Er fühlte den Puls . . nichts, keine Bewegung fühlte er in seinen rauhen Händen.
Mitleidig betrachtete er die blaffen Züge. Er kannte das Mädchen, das einzige Kind der Witwe Borgau. Was hatte sie in den Tod getrieben, oder lag hier ein Unfall vor ?
Da war es ihm, als ob ein schwacher Seufzer über die blaffen Lippen dringe. Gespannt horchte er auf. Er hatte sich nicht geirrt, sie war noch nicht tot. Der alte Mann wußte sich gar nicht zu helfen. Aengstlich blickte er sich nach Hilfe um. Mit einer Frauensperson konnte er nicht umgehen. Aber kein Mensch war in der Nähe, der ihm hätte helfen können.
Wieder drang ein schwacher Seufzer über Emmas blasse Lippen.
Mit seinen groben Fingern tastete der alte Bauer an dem Halse des Mädchens herum. Er wollte den Kragen öffnen, daß sie wenigstens etwas Luft bekam. Aber seine Finger waren für eine solche Arbeit zu steif, zu unbeholfen, er konnte denVerschluß nicht finden.
Da fiel ihm plötzlich ein, daß er die alte Liese aus der Nachbarschaft oben beim Kräutersammeln gesehen hatte. Er hielt zwar nicht viel auf ihreTrünklein, die sie sich aus allerlei Kräutern zusammeubraute, aber hier konnte er die alte Frau gebrauchen.
Hastig zog er seinen Rock aus und legte ihn dem Mäd. chen unter den Kopf, dann lief er zurück nach der Stelle, wo er die Liese zuletzt gesehen.
An dem Wassertümpel am Quell saß sie und sortiert« ihre Beute.
„Stich off, Liese, mußt mer helfe, onne leid e Mädchen wie dut."
Die alte Liese stand schwerfällig auf. „EMädche? Wo eS et denn, Better Hannes?"
„Komm mer nore noh."
Der Hannes wollte wegeilen, da fiel ihm da» Wasser ein. Schnell nahm er seine Kappe vom Kopf, eilte an den Waffertümpel und füllte sie mit Wasser, dann lief er, so schnell es ging, vor, während die alte Liese mühsam, aus den Krückstock gestützt, hinter ihm her humpelte.
Als der alte Hannes bei dem Mädchen ankam, machte er ihr Gesicht und Hals naß.
Emma schlug die Augen auf und rang nach Luft.
„Hortig, Liese, se verstreckt mehr noch onner der Hänn I" rief er verzweifelt der Liese zu.
Es dauerte ihm zu lange, da nahm er schnell sein Mes- ser aus der Tasche und schnitt den Kragen auf.
Bis dahin war die Liese gekommen und hatte sich ne- ben das Mädchen hingekauert. „Hollt noch en Kapp voll Wasser, Vetter Hannes," sagte sie zu dem Bauer, während sie mit den zitternden Händen die Taillenhaken aufmachte
Als derHannes mit dem Wasser zurückkam, hatte Emma die Augen geöffnet. Verwirrt blickte sie umher. „Wo ist der Baron?" fragte sie ängstlich.
Die beiden Alten sahen sich an, sie meinten beide, e» stimmte nicht recht mit ihr.
Als die Liese ihr dann noch einmal das Gesicht und die Brust mit dem kalten Wasser benetzt hatte, kam Emma völlig zu sich. Es wurde ihr klar, wie alles gekommen war, sie war gefallen, etwas hart mit dem Kopf auf einen flachen Stein und dann war es ihr auf einmal schwarz vor den Augen geworden. 112 ig