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Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 20. Mai 1905.
smmjgaBBMi^^ «»in längerer Debatte nach den Beschlüssen zweiter Lesung der Gesetzentwurf betreffend Erhöhung der Warenhaussteuer.
— Der am 13. Mai 1880 ins Leben gerufene deutsche Schulverein zur Erhaltung des Deutschtums im Auslande hat am Sonnabend sein 25jähriges Jubiläum gefeiert. Nicht nur im deutschen Vaterlande, sondern ganz besonders im benachbarten Oesterreich, wo der Schwerpunkt der Tätigkeit des Vereins liegt, hat man diesen Tag festlich begangen.
- Die drei Seekadetten- und Schiffsjungenschulschiffe „Stein", „Charlotte" und „Stosch" haben, nachdem die Anfang April neu eingestellten Seekadetten, Baueleven und Schiffsjungen an Bord eingeschifft worden sind, die Sommerreisen angetreten. Auf den (Sommerreifen erhalten die jungen Leute den ersten praktischen Unterricht im Seedienste. Die Fahrt geht nicht über Swinemünde im Osten und Apenrade im Norden hinaus. In diesem Gebiete der Ostsee werden die Schulschiffe etwa fünf Wochen lang kreuzen und eine ganze Reihe kleinerer Häfen anlaufen, wie Glücksburg, Sonderburg, Apenrade, Eckernförde, Saßnitz und Swinemünde. Nach der Rückkehr von den Sommer- reisen, kurz vor Beginn der Kieler Woche, erfolgt die Ausrüstung für die in der zweiten Hälfte des Juli beginnenden neunmonatlichen Auslandsreisen nach dem Mittelmeer, dem Nordatlantik und nach Westindien.
— Der Vaterländische Bau-Verein, eingetragene Genossenschaft, zu Berlin, dessen künstlerisch ausgestattete Bauten Hussitenstraße 45 und Strelitzer Straße 43 mit ihren 205 Familienwohnungen und zwei Ledigenheimen mit 63 Einzelzimmern in allen Teilen bewohnt sind, hat jetzt ein aus neun Parzellen bestehendes Gelände an der Wollankstraße zu Pankow — im Zuge der Prinzen-Allee — erworben. Dortselbst werden mehr als 100 kleine und mittlere, in sich abgeschlossene Wohnungen erbaut und nach ihrer Fertigstellung den Mitgliedern der Genossenschaft unkündbar zu mäßigen, unsteigerbaren Mietpreisen vermietet werden. Die Wohnungen werden den Anforderungen der Neuzeit entsprechend hergerichtet und sollen in allgemein wohnlicher Beziehung hohen Anforderungen genügen Alles Nähere auch bezüglich der Mitgliedschaft ist bei der Geschäftsstelle des Vereins, Berlins 31, Versöhnungs- Privatstraße 1, Eingang Strelitzer Straße 43. zu erfahren.
— Ein Erlaß des preußischen Kultusministers bezüglich der Ausübung des Apothekerberufes durch
Deutsches Reich.
— Der Kaiser empfing am Montag im Fahnen- zimmer des Bletzer Generalkommandos den Kardinal Kopp in Gegenwart des Reichskanzlers Grafen Bülow, des Statthalters Fürsten zu Hohenlohe Langenburg und der Herren der Umgebung und des Hauptquartiers, sowie in Gegenwart der in Metz anwesenden Bischöfe. Der Kardinal überreichte dem Kaiser mit einer Ansprache den Orden vom heiligen Grabe. Der Kaiser erwiderte mit einer Rede. Nach dem Empfange Dr. Kopps gab der Kaiser im Speisesaal des Generalkommandos ein Diner. Der Kaiser saß bei der Tafel zwischen Kardinal Kopp und Kardinal Fischer. Nach der Tafel hielt der Kaiser längere Zeit Cercle.
— Der Kaiser traf am Dienstag Abend mit dem Reichskanzler Graf Bülow und dem Gefolge auf dem Taunusbahnhofe in Wiesbaden ein. Vom Bahnhöfe fuhr der Kaiser sofort durch die reich geschmückte Stadt zum Theater, um einer Generalprobe beizuwohnen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Sonnabend den Gesetzentwurf betr. Erweiterung des Stadtkreises Essen in dritter Beratung debattelos an. Ebenso würd in zweiter Lesung der Gesetzentwurf zur Abänderung des Ausführungsgesetzes zum Reichs-Vieh- scuchengesetz angenommen. In zweiter Beratung wurden ferner angenommen die Gesetzentwürfe über die Aenderung der Amtsgerichtsbezirke Cochem, Mayen, Zell a. d. Mosel, Köslin, Kolberg und Körlin. Sodann folgte die zweite Beratung des Gesetzentwurfs über die Verwaltung gemeinschaftlicher Jagdbezirke, der mit einigen geringen Aenderungen zur Annahme gelangte. Zum Schluß behandelte das Haus noch die Sekundär- bahnvorlage in dritter Lesung, die, nachdem noch ver* schiedene Redner ihre Wünsche vorgebracht hatten, angenommen wurde. — In der Montagssitzung wurde der Gesetzentwurf betreffend die Verwaltung gemeinschaftlicher Jagdbezirke in dritter Lesung unverändert nach den Beschlüssen zweiter Lesung in namentlicher Abstimmung angenommen. In der Debatte über den vom Abg. von Oldenburg (kons.) wieder eingebrachten Antrag, wonach das Einspruchsrecht des einzelnen Jagdgenosfen gegen die Pachtbedingungen beim Kreisausschuh beseitigt werden sollte, kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen dein Antragsteller und dem Abg. Herold sZ,). Der Antrag Oldenburg wurde abgelehnt. Erledigt wurden noch in dritter Beratung der Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes hetreffend die Ausführung des Ueichs-Viehstzüchengesetzes und nach
56. Jahrgang.
weibliche Personen besagt: Der § 52 der Dienstanweisung für die Kreisärzte bezieht sich ausschließlich auf barmherzige Schwestern, Diakonissen und Mitglieder sonstiger geistlicher Krankenpflege-Genossenschaften. Ich bemerke jedoch, daß es weiblichen Personen, welche die Bedingungen für die Zulassung zu den Pharmazeutischen Prüfungen erfüllen, unbenommen ist, den Apothekerberuf zu ergreifen. Ausnahmen hiervon sind zur Zeit nur bei den in dem § 52 der Dienstanweisung für die Kreisärzte angeführten Mitgliedern geistlicher Krankenpflege-Vereinigungen und zwar nur dann zulässig, wenn sie in einem von dieser Vereinigung unterhaltenen und versorgten Krankenhause den Apothekerberuf ausüben wollen.
Ausland.
— Der französische Ministerrat hat im Prinzip beschlossen, eine Abordnung nach Berlin zu senden, um die Regierung bei.der Hochzeit des deutschen Kronprinzen zu vertreten. Die Zusammensetzung dieser Sondergesandtschaft wird in einer der nächsten Sitzungen des Ministerrats beschlossen werden. Die Regierung wird erwägen, ob diese Mission ausschließlich aus Militärpersonen oder ob sie aus Zivilpersonen gebildet werden soll, denen eine gewisse Anzahl von Vertretern beigeben werden.
— Die Erörterungen in der französischen Neutralitätsfrage zwischen dem japanischen Gesandten in Paris und dem französischen Minister Delcaffö haben anscheinend zu einem befriedigenden Ergebnis geführt. Der Gesandte gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß das Einvernehmen zwischen beiden Staaten durch keinen weitern Zwischenfall mehr getrübt werden möge. Delcasss ersuchte den Gesandten, er möge nach Tokio mitteilen, Frankreich sei entschlossen, keine Neutralitätsverletzungen zu dulden. Delcasss besprach alsdann die Verhaftung des französischen Staatsangehörigen Bou- gouin und ersuchte den Gesandten, er möge ihm Einzelheiten über die Ursache der Verhaftung mitteilen.
— In Paris hat sich eine Vereinigung für die nationalen Interessen und den internationalen Ausgleich gebildet, die aus Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern, Politikern und Juristen aller Länder Europas und Amerikas besteht und sich zum Ziel setzt, sowohl die innere Wohlfahrt der einzelnen Länder zu fördern wie auf gute auswärtige Beziehungen der Länder untereinander hinzuwirken.
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Der kleine Doktor,
Roman von W. Sartyry. 15
Dr. Retlow zuckte die Achseln. „Soll ich mich bei einer Beleidigung noch totschießen lassen?" Wir nennen uns doch Kulturvölker, wozu haben wir die Gerichte? Und dann bin ich katholisch. Teilte Religion verbietet mir den Zwei- kampf. Schon das allein wäre mir Grund genug zu einer Abweisung."
„Ich zähle mich doch auch zu den Katholiken, aber ich stehe doch auf dem Standpunkte, daß der Mann seine Ehre mit der Waffe in der Hand verteidigen soll. So wie es die alten Griechen und unsere Vorfahren getan haben."
„Wenn Sie unserem Glauben treu sein wollen, dürfen Sie nicht für das Duell sein," meinte Doktor Retlow.
„Ach, da kommt Tante Gertrud, um mich zum Kaffee zu holen," brach Irma ab.
Der kleine Doktor verabschiedete sich.
„Ein komischer Kauz," sprach Irma hinter ihm her.
„Natürlich, wo sollte bei ihm auch der Mut herkommen."
• * •
Retlow schlenderte langsam den unteren Parkweg hin- auf. Es wirbelte bei ihm im Kopf, alles ging bunt durcheinander. Was sollte er von Irma halten. Aber sie hatte auch nichts gesagt, als er ihr seine Liebe gestand. War sie etwa eine kleine Kokette? War sie nicht anders, wie so viele Mädchen, die sich von jedem gerne huldigen lassen, mit lächelndem Gesicht alle Schmeichelworte anhören? Nein, so konnte Irma doch nicht sein. Aber warum glaubte er denn nicht, daß sie ein tieferes Gefühl für ihn empfand ?
Am Nachmittag machte Dr. Retlow einen Spazier- gang nach der Sabelshöhe.
Langsam schritt er durch das grüne, blühende Burden- tal, dann links ab, den Zick-Zack-Pfad hinauf nach der Höhe. ES gibt so viele schöne Ausflugsorte in der Umgebung von Boppard, daß einige fast gar nicht besucht wer
den. So geht es auch der Sabelshöhe. Sie war auch eine jener halbverlassenen, heimlichen Stätten. Und doch ist es ein herrlicher Weg zwischen dichten Büschen hinaus auf den Berg.
Niemand begegnete dem Doktor. Das freute ihn, denn er war am liebsten mit seinen Gedanken allein.'
Äuf der Spitze des Berges steht ein Häuschen, das an der einen Seite halb offen ist. Auch darin schien niemand zu sein.
Langsam ging Retlow darauf zu. An dem Eingang an- gelangt, wich er fast erschrocken zurück.
Der Baron saß auf der runden Bank und neben ihm Emma Borgau, das blonde Mädchen.
Baron von Stotzler war unwillkürlich aufgestanden und warf dem kleinen Doktor einen feindseligen Blick zu. Aber er war klug genug, seiner heimlichen Wut keinen Ausdruck zu geben. „Ah, sieh da, Herr Dr. Retlow," sagte er lächelnd.
Retlow aber merkte, daß er ihn am liebsten durchbohrt hätte. „Herr Baron von Stotzler," entgegnete er sehr deutlich und sah, wie das blonde Mädchen bei demNennen des Namens die Augen weit, fast erschreckt aufriß und auf ihn starrte.
Der Baron biß sich die Zähne in die Lippen. Ein knirr- schender Ton kam aus seinem Munde; aber er zwang sich wieder zu einem Lächeln. Wenn er jetzt kein kaltes Blut hatte, konnte die ganze Geschichte schief gehen. „Es scheint, Sie lieben auch die stillen, einsamen Plätzchen?"
„Sie haben recht, Herr Baron von Stotzler," entgeg« neteRetlow wieder, besonders Druck auf den Namenlegend.
Stotzler war brennend rot im Gesicht geworden, seine Hände zitterten nervös an der Uhrkette herum.
„Bitte, Herr Baron, wollen Sie mich der Dame nicht vorstellen?" fuhr der kleine Doktor unbeirrt fort.
„Ach, verzeihen Sie! Emma Borgau .. Doktor Net- low."
Emma war verwirrt aufgestanden. Aengstlich forschend hing ihr Blick an Retlow? Zügen. Ihr Busen wogte schwer,
sie konnte nicht fassen, was das Rätselhafte bedeuten sollte. Baron vonStotzler wurde er genannt? Nein! Ein Irrtum konnte es nicht sein! Zweimal hatte sie deutlich den Namen nennen gehört und auch gesehen, daß der vermeintliche Paul Lehnert blaß und rot wurde. Eine schreckliche Ah- nung stieg in ihr aus. Er wollte sie betrügen, sie war nur sein Spielzeug!
Emma Borgau vergaß ganz, daß sie nicht allein war, mit beiden Händen faßte sie ihren Kopf und faul mit einem unterdrückten Wehlaut auf die Bank zurück.
Dr. Retlow war schnell an ihrer Seite und suchte sie zu stützen. „Es wäre mir lieb, wenn Sie mich mit der Dame allein ließen," klang es da fast zischend an sein Ohr.
Der kleine Doktor warf dem Baron noch einen verächt- lichen Blick zu und verließ dann das Häuschen.
Emma Borgau lehnte eine ganze Zeit stumm und mit geschlossenen Augen gegen die Rückwand, sie hörte die sich entfernenden Schritte und dann, wie der Baron eine Zeitlang nervös auf- und abging. Erst als seine Stimme ihr Ohr traf, riß sie erschreckt die Augen auf.
Fast heiserkam es aus den zusammengekniffenen Lippen des Barons hervor. „Was soll dieser Auftritt, Emma?"
Da sprang sie auf und hielt seinen Arm fest. Flehend sah sie ihn an: „Paul! Paul! Ist es wahr? Sag' mir die Wahrheit, Du heißt gar nicht so, wie Du Dich genannt?" „Laß das, Emma!" klang es zurück.
Aber Emma Borgau hielt krampfhaft seinen Arm um- klammert, ihre Augen glühten in einem unheimlichen Feuer. In herzzerreißendem Ton fuhr sie fort: „Paul! Laß mich doch nicht länger im Zweifel! Wenn Du nur mit mir spie- len wolltest, dann sage es mir! Warum hast Du mir Dei- nen richtigen Namen verschwiegen? O, Gott! So ant- Worte doch!"
„Ich weiß nicht, was Du willst?"
Emma sah ihn starr an. „Du sollst mir sagen, ob Du Wirklich von Stotzler heißt?"
er daraus" '^ ‘$ ^ leugnen?"Fast verächtlich sprach