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M 39.
Mittwoch, den 17. Mai 1905.
56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser im Reichslande. Der Kaiser, der am Donnerstag an der Einweihung der Kriegergedenk- Halle in Gravelotte teilnahm u. abends u. a. den Metzer Bischof Benzler als Gast bei sich sah, begab sich Freitag früh von Metz im Automobil nach dem Exerzierplatz Frescaty. Er stieg dort zu Pferde und besichtigte zunächst das Königs-Jnfanterie-Regiment Nr. 145. Es folgte eine Gefechtsübung des Regiments im Feuer, zu der Artillerie herangezogen war. Hierauf fand zweimaliger Vorbeimarsch der Truppen der Metzer Garnison statt, wobei der Kaiser die 145er, der Statthalter Fürst Hohenlohe das 9. Dragoner-Regiment führte. Vom Publikum jubelnd begrüßt, kehrte der Monarch an der Spitze der Fahnen in die Stadt zurück. Für den Abend war der Vortrag altlothringischer Volkslieder vor dem Kaiser durch den Männergesangverein „Liederkranz" angesagt. Der Kaiser verbleibt bis Dienstag im Reichslande. Er besucht noch sein Schloß Urville bei Metz und am letzten Tage Mörchingen, wo eine Truppenübung abgehalten werden wird. Dann geht die Reise nach Wiesbaden.
— Se. Königl. Hoheit Prinz Eitel Friedrich traf aus England am Sonntag abend 7 */» Uhr in Potsdam ein und begab sich nach dem Kabinnettshause.
— Der Reichstag überwies am Donnerstag den Gesetzentwurf betreffend Uebernahme einer Reichsgaran- lie für eine Eisenbahn in Kamerun von Duala nach den Manengubabergen an die Budgetkommission. Sodann wurden eine Anzahl von Wahlprüfungen erledigt. Für ungültig erklärt wurde die Wahl des Abg. Pauli- Oberbarnim. — Am Freitag wurden außer einigen Rechnungssachen das internationale Pariser Sanitätsabkommen vom 3. Dezember 1903 in dritter Lesung erledigt, worauf sich das Haus, welches beschlußunfähig war, mit Petitionen beschäftigte.
— Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Donnerstag zunächst die Sekundärbahnvorlage nach kurzer Debatte in zweiter Lesung erledigt. Der aus der Mitte des Hauses hervorgegangene Gesetzentwurf, betreffend Abänderung des Warenhaussteuergesetzes, wurde in zweiter Beratung angenommen mit der Ab- schwächung, daß eine Abstufung der Steuer nach der Einwohnerzahl der Städte erfolgen soll. Nach einem zur Annahme gelangten Zentrumsantrage soll nämlich in Städten mit über 100000 Einwohnern die Steuer in erhöhter Progression erst, wie es jetzt der Fall ist, bei einem Umsätze von 400 000 Mark erhoben werden,
während in Städten zwischen 50 000 und 100 000 Einwohnern die Steuer schon bei einem Umsätze von 300 000 Mark und in Städten mit bis zu 50 000 Einwohnern bei einem Umsätze von 200 000 Mark die Steuer erhoben werden soll. Ferner wurde die Forderung einer Resolution der Nationalliberalen auf Beranstaluug einer Enquete über die Zustände des gewerblichen Mittelstandes angenommen. Die übrigen Punkte dieser Resolution wurden der verstärkten Handels- und Gewerbe- komtnission überwiesen.
— Der Ausschuß der Handwerkskammern wurde von dem Staatsminister Grafen Posadowsky und dem Handelsminister Möller empfangen. Die Besprechung betraf, wie die „Allg. Fleischerztg." berichtet, die Abgrenzung der Begriffe Fabrik und Handwerk, das Gewerbeamt, die Ausdehnung der Invaliden- und Altersversicherung auf die selbständigen Handwerker, die Fach- und Meisterkurse und die Berechtigung des Ausschusses des deutschen Handwerkskammertages zur Information der Behörden.
— Die in Berlin stattgehabte Konferenz über eine Reform der deutschen Personen- und Gepäcktarife hat der Mitteilung eines bayerischen, gut unterrichteten Blattes zufolge in allen wesentlichen Punkten zu einer Einigung der deutschen Eisenbahnverwaltungen auf Grund der preußischen Vorschläge geführt. Es ist nur noch die formelle Zustimmung der einzelnen Regierungen einzuholen. Die preußischen Vorschläge bewegten sich in folgender Richtung: Aufhebung der Rückfahrkarten und tunliche Beseitigung aller Sonderbegünstigungen; Beseitigung des Schnellzugzuschlags Hund Einführung eines Zonenzuschlags nach dem Vorbild der Platzkarten in den v-Zügen; einheitlicher Tarif: für die 1. Klaffe 7 Pf. pro Kilometer, für die 2. Klasse 4,5 Pf., für die 3. Klasse 3 Pf., für die 4. Klasse 2 Pf. Ueber den Zeitpunkt des Jukraftretens des neuen Tarifs ist noch nichts bestinimt.
■ - Die polnischen Sokol-Vereine, deren Zahl in Deutschland 126 beträgt, nennen sich zwar Turnvereine, wirken aber stark bei der Verbreitung allpolnischer Ideen mit und sind gegenwärtig wieder sehr rührig. Während man sich aber bisher mehr auf nationale Demonstrationen, wie das Tragen polnischer Tracht, die Einführung polnischer Kommandos, die Pflege polnischer Lieder, beschränkte, suchen die Vereine neuerdings auf Anregung des Reichstagsabgeordneten v. Ehrzanowski Zentren einer planmäßigen polnischen Nationalerziehung zu werden. In diesem Sinne nahm
der diesjährige Delegiertentag der Sokols eine Reso* lution an, welche ein Hauptziel der Vereine in „nationaler Aufklärung", d. h. in polnischem Geschichts-, Literatur- und Sprachunterricht, erblickt. Wenn daher den Sokolvereinen mit ihren deutschfeindlichen Bestrebungen und ihrer Wühlarbeit seitens der Behörden scharf auf die Finger gesehen wird, so ist das nicht mehr als recht und billig und gebietet schon die Pflicht der Selbsterhaltung.
— Nach dem Inkrafttreten der Betriebsmittelgemeinschaft, über welche die preußisch-hessischen und süddeutschen Eisenbahnverwaltungen zur Zeit miteinander verhandeln, soll der „Franks. Ztg." zufolge, Freigepäck, außer Handgepäck, auch aus den preußisch-hessischen Bahnen grundsätzlich nicht mehr gewährt werden, wie dies in Süddeutschland jetzt schon der Fall ist. Bislang waren bekanntlich auf je eine Fahrkarte mit Ausschuß der Rundreisehefte 25 Kilogramm Freigepäck im gesamten preußisch-hessischen Verkehre zulässig.
Ausland.
— Im englischen Oberhause bat Carl of Jersey um Aufklärung wegen der Verhandlungen zwischen der britischen und der deutschen Regierung bezüglich der Marschall- und Karolinen-Juseln. Der Minister des Aeußern Marquis of Landsdowne erklärte, er habe eine Mitteilung von feiten der deutschen Regierung erhalten, daß sie beschlossen habe, das Abkommen mit der betreffenden Gesellschaft vom Jahre 1888 mit dem 31. März 1906 ablaufen zu lassen und die Verwaltung der Inseln zu übernehmen, insbesondere die Einziehung der Abgaben. Die deutsche Regierung beabsichtigte auch, unverzüglich die Bestimmungen über Erhebung von Abgaben einer Durchsicht zu unterziehen. Er glaube, dies bedeute, daß Abgaben nicht mit der Absicht erhoben werden würden, in einer besonderen Weise besondere Interessen auf den Inseln zu schützen, und daß die Erklärung der deutschen Regierung zeige, daß die Monopol-Gesellschaft bald verschwinden werde, und daß die Mißbräuche, die zweifellos herrschen, aufhören würden. Der Carl of Jersey sprach seine Zufriedenheit mit Lansdownes Erklärung aus.
— Das ungarische Abgeordnetenhaus nahm mit großer Mehrheit den von der koalierten Linken eingebrachten Adreß-Eniwurf an. Die Adresse wird durch das Präsidium der Kabinettskanzlei des Königs übermittelt werden.
Der Kteme Doktor.
Roman von W. Sartory. 14
„O bitte, bitte, sagen Sie'Snur. Ich bin so furchtbar neugierig 1" rief sie lebhaft und sah ihn mit einem fle- henden Blick an, als ob er über ihr Leben zu verfügen hätte.
Der kleine Doktor suchte in die bezaubernden Augen zu sehen, aber gleich mußte er schon wieder seinen Blick abwenden und leise entgegnete er: „An Sie habe ich gedacht, Fräulein Irma!"
Irma machte fast ein enttäuschtes Gesicht und dann lachte sie auf.
„Sie lachen darüber?" fragte Retlow etwa» verletzt.
„Nein, ich muß über etwas anderes lachen! Denken Sie sich nur, ich habe in demselben Moment auch an Sie gedacht! Ist das nicht komisch?"
Der kleine Doktor faßte hastig ihre Hand und drückte einen heißen Kuß darauf. „Wirklich, Fräulein Irma, Sie haben an mich gedacht?" kam es in jubelndem Ton über seine Lippen.
„Warum denn nicht?" lächelte Irma, die seine Verwirrung belustigte. „Ich dachte gerade, käm nur der Doktor, der könnte mir etwas die Langeweile vertreiben."
Dr.Netlow ließ enttäuscht die Hand sinken. „Nur zum Zeitvertreib haben Sie mich herbeigewünscht?"
„Nun ja, so ganz allein ist'S doch furchtbar langweilig," entgegnete sie mit dem Lächeln eines Kindes.
Dr. Retlow dachte einen Augenblick nach. Er wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Er nahm seinen leichten Strohhut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Furchtbar heiß ist’S heut," meinte er dann in Ermangelung etwas besserem.
„Es geht," entgegnete Irma trocken.
„Wenn man in der Hitze herumläuft, kommt man in Schweiß."
„Das kommt von der Hitze," kam es wieder trocken zurück.
Dr. Retlow war wütend über sich selbst.
Irma von Hochheim sah ihn mit komischem Blick an, bann fragte sie bös: „Sie sind Schriftsteller, nicht wahr?" „Sie wissen es doch, Fräulein Irma!" entgegnete Ret- low.
„Schreiben Sie auch solchen Blödsinn in die Bücher?" „Wie meinen Sie das?" frug der Doktor verblüfft.
„Nun, daß man in Schweiß kommt, wenn es heiß ist!" „Verzeihen Sie, Fräulein Irma, ich bin heute..."
„Haben Sie einen Sonnenstich?"
„Nein, aber wenn Sie mich noch länger so ansehen, dann . . . dann bekomme ich einen Herzstich!"
Irma lachte hell auf und der Doktor stand hilflos vor ihr. „Soll ich die Augen zu machen," fragte sie nach einer Weile, und schloß die Augen.
Dr. Retlow sah sie einen Moment zögernd an, wie sie mit geschlossenen Augen, und das Kindergesichtchen zu einem schelmigen Lächeln verzogen, in dem Sessel zurück- lehnte. Die roten Lippen schienen ihn neckend zu fragen: Na? Willst Du denn nicht? Und er verlor wieder die Besinnung. Mit einem.raschen leisen Schritt, war er an ihrer Seite und dann brannten seine Lippen auf den ihrigen.
Erschreckt über seine Kühnheit wich er gleich zurück. Aber täuschte er sich oder war es Wahrheit? Sie lächelte?
Das Lächeln, was auf ihrem Gesichtchen erschien, war eben so schnell wieder verschwunden. Mit funkelnden Augen blickte sie den Kühnen an. „Herr Doktor!" rang es sich dann mühsam aus ihrer Brust.
Der kleine Doktor hatte einen stärkeren Ausbruch erwartet. Er haschte nach ihrer Hand und bat mit flehen- der Stimme. „Nicht bös sein, Fräulein Irma! Ich kann nicht anders! Ich hab' Sie ja so furchtbar lieb!"
Und Irma lächelte wieder, aber als er eine zweite Annäherung wagte, stieß sie ihn energisch zurück und nach einer Pause fragte sie, als ob nichts geschehen sei: „Kön
nen Sie mir nicht ein Buch von Ihnen beschaffen?" Ich würde so gerne etwas von Ihnen lesen."
Retlow war fast sprachlos. Was sollte man von ihr denken?
„Nun, dann sagen Sie doch ja oder nein!" klang es da auch schon ungeduldig an sein Ohr.
„Wenn ich mir erlauben darf; natürlich, mit dem größten Vergnügen!"
Eine kleine Pause entstand wieder.
Dr. Retlow fuchtelte mit seinem Spazierstock in bei Luft herum, als wollte er damit neuen Stoff hervorzau- ben.
„Wollen Sie Fliegen totschlagen?» fragte Irma gelangweilt.
„Nur etwas Bewegung machen," entgegnete Retlow wü- tend und fuchtelte noch stärker.
Ein großes, blonde» Mädchen ging vorüber.
Retlow sah ihr unwillkürlich nach. Er glaubte in ihr dieselbe wiederzuerkennen, die er damals bei Baron von Stotzler gesehen.
Irma von Hochheim war unwillkürlich seinem Blick ge- folgt, ^etzt, wo sie an einer Biegung den nachfolgenden Blicken ent>chwand, wandte sie sich dem Doktor zu, der noch immer in der Richtung schaute.
„Kennen Sie die Dame, Herr Doktor?" mÄ^ "ach, wo ich sie schon gesehen yaoe, entgegnete er.
„Wo nur der Baron heute stecken mag?" fragte Irma. Retlow zuckte zusammen. Wieder der verhaßte Mensch, ^ch wollte Sie doch noch etwas fragen?" fuhr Irma nachdenklich fort. „Ach so, ja . . Sie sagten, Sie würden sich nicht schlagen, wenn Sie gefordert würden? War da» Ihr Ernst?"
Mein voller Ernst?» beteuerte DoktorRetlow. .Das ist aber feig."
.Es gibt Leute, die eö so nennen." .Ich nenne es auch so!
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