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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Amtliches.
Landwir schaftttcher Kreisvereitt.
Kreistierschau mit Prämierung soll im Juni d. J. in der Stadt Schlächtern abgehalten und hierbei auch Verkaufsgelegenheit für Zuchtvieh namentlich Bullen gegeben werden.
An Prämien sollen 1000 Mark und mehr je nach dem Auftrieb zur Verteilung kommen. Es ist wünschenswert, daß sämtliche Tiere der SiminentalerRein- zucht, also Zuchtbullen, Kühe und Rinder jeden Alters sowie auch alle besseren Tiere der Simmentaler Kreuzungen und sonstiger Viehschläge zum Auftrieb kommen.
Als Tag der Prämierung ist der 13. Juni in Aussicht genommen.
Weitere Bekanntmachungen dieserhalb werden noch erfolgen.
Schlächtern, den 4, Mai 1905.
Der Vorsitzende des Vorstandes !
I. V.; Graf zu Solms.
Landwirtschaftlicher Kreis Verein.
Für den Kreis Schlächtern soll in den Gemarkungen Ramholz und Hinkelhof eine Jungviehweide errichtet und Anfangs Juni d. Js. eröffnet werden und zwar vorerst für Zuchtrinder im Alter von 1—2 Jahre. Für Bullen im Alter von 6-12 Monate wird die Weide voraussichtlich am 1. Juli eröffnet.
Das Weidegeld pro Tier beträgt für die Dauer der Weidezeit etwa 3—4 Monate 30 Mark.
Die Viehzüchter, welche Tiere zur Weide geben wollen, werden ersucht, diese Tiere unter Angabe des Alters und der Gattung bis spätestens zum 15. Mai mündlich oder schriftlich bei dem Kreisrentmeister Pfalzgraf anzumelden.
Schlüchtern, den 5. Mai 1905.
Der Vorsitzende des Vorstandes.
J. V.: Graf zu Solms.
Bekanntmachung.
Für Südwestafrika sind zahlreiche freiwillige Meldungen erwünscht.
Sofortige Meldungen von Freiwilligen können bei den zuständigen Meldeämtern (Bezirksfeldwebeln) erfolgen.
Insbesondere werden Meldungen von Beschlagschmieden, Sattler und Schuhmacher erwünscht.
Bezirkskommando Hanau.
Mittwoch, den 10. Mai 1905.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser traf am Montag in Straßburg im Elsaß ein, nachdem er an den voraufgegangenen drei Tagen Gast seines Onkels, des Großherzogs Friedrich von Baden, war. Am Sonnabend morgen hatte der Karlsruher Gesangverein „Liederkranz" dem Kaiser und der Kaiserin ein Ständchen dargebracht. Später besprach sich der Kaiser mit dem Reichskanzler, Abends wohnten die Fürstlichkeiten der Aufführung von Schillers „Wilhelm Tell" im Hoftheater bei. Für den Sonntag war Gottesdienst und zweiter Besuch des Theaters („Wasserträger") angesetzt. Am Sonntag mittag um 1 Uhr fand bei dem Erbgroßherzog und der Erbgroßherzogin ein Frühstück statt, an dem sämtliche Herrschaften teilnahmen. Den Tee nahmen der Kaiser-und die Kaiserin bei dem preußischen Gesandten von Eisendecher ein.
— Prinz Eitel-Friedrich als Pate. Während des letzten Jagdaufenthalts des Prinzen in Born auf dem Darß ließ der dortige Förster Erdmann seine fünf Söhne dein Prinzen Honneur erweisen, worüber dieser sehr erfreut war und den Knaben wünschte, daß sie einst gute Soldaten werden möchten. Als nun vor kurzem dem Förster ein sechster Knabe geboren wurde, bat er den Prinzen, eine Patenstelle bei dem Kinde anzunehmen. Der Prinz hat nunmehr seine Zu- stimmung gegeben und dem Täufling einen silbernen Becher, der seinen Namenszug trägt, geschenkt.
— Gegen das Automobil des Großherzogs von Hessen wurde in Friedberg ein faustgroßer Stein geschleudert. In dem Wagen saßen der Großherzog und seine Gemahlin, die aber beide unverletzt blieben. Man nimmt an, daß es sich um einen Dummenjungenstreich handelt. Der Bürgermeister gab in einem Telegramm an den Großherzog der Entrüstung der Bürgerschaft Ausdruck.
— Prinz und Prinzessin Artsugawa von Japan, sie als Vertreter des Mikado an der Hochzeit des Kronprinzen teilnehmen werden, sind an Bord des Dampfers des Norddeutschen Lloyds Prinz Heinrich in Port Said eingetroffen und nach Neapel weitergereist.
— Die Frage wegen Neubesetzung der Stelle des Reichs^erichts-Präsidenten ist noch nicht erledigt. Wie )ie „Nordd. Allg. Ztg." hört, sind in dieser Beziehung bisher weder Beschlüsse des Bundesrats herbeigeführt, noch dem Kaiser Vorschläge unterbreitet worden.
— In den Märzstürmen verloren gegangen sind nach einer Statistik 96 Schiffe und zwar 55 Segel-
56. Jahrgang.
schiffe und 41 Dampfschiffe mir 28 761 und 61 048
Registertonnen. Darunter waren 6 deutsche: 5 Segelschiffe und 1 Dampfschiff mit zusammen 6394 Registertonnen. Außerdem weist die Statistik 473 durch Unfälle beschädigte Schiffe, darunter 50 dentsche: 14 Segelschiffe, 36 Dampfschiffe auf.
— Die für den Regierungsantritt des Herzogs Karl Eduard von Sachsen-Koburg-Gotha vorgesehenen Festlichkeiten werden am 15. Juli mit der Einweihung des auf der alten Feste Wachsenburg zur Erinnerung an die Regentschaft des Erbprinzen Ernst von Hohen- lohe-Langenburg errichteten Hohenlohe-Turmes ihren Anfang nehmen. Am Sonntag, dem 16. Juli, wird auf dem Schlosse Friedenstein das Landesdankfest der ämtlichen Gesangvereine des Herzogtums Gotha 'tattfinden. Für den 18. ist auf dem Schießhause ein allgemeiner Kommers zu Ehren des scheidenden Regenten geplant, der selbst dem Kommers beiwohnen wird. Am 19. Juli wird dann der Einzug des jungen Herzogs stattfinden, dessen Großjährigkeits-Erklärung auf Schloß Friedenstein an demselben Tage erfolgen wird.
— Der Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes )etreffend die Ausführung des Reichs-Viehseuchenge- etzes vom 12. März 1881 ist dein preußischen Ab- zeordnetenhause zugegangen. Art. 1 lautet: „Der § 3 des Gesetzes betreffend die Ausführung des Reichsgesetzes über die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen vom 12. März 1881 erhält unter Fortfall des zweiten Absatzes folgende Fassung: „Die zur Ab- wehr der Seucheneinschleppung aus dem Auslande in Gemäßheit der §§ 7 und 8 des Reichsgesetzes zu erlassenden Anordnungen sind vom Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten oder mit dessen Genehmigung von den Regierungspräsidenten der Grenzbezirke zu treffen." Art. 2 geht dahin: Dieses Gesetz tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft.
— Die Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses zur Vorberatung der Berggesetz-Novellen ist am Freitag wieder in Berlin zusammengetreten.
— Die schon angekündigte nächste Verhandlung über die Betriebsmittelgemeinschaft findet, der „Köln. Ztg" zufolge, am 23. Mai in Berlin statt. Eine weitere Konferenz ist für den 14. Juni in einem noch näher zu bestimmenden Orte Thüringens in Aussicht genommen und soll als Hauptgegenstand der Beratung die Organisation des Gemeinschaftsamtes haben.
Der kleine AolUsr.
Roman von W. Sartory. 11
Man wollte hier warten, bis die Alten unten vorbeiziehen würden, von hier aus war man schnell über den Kamm unten.
Meistens ging der Weg treppenstufeuartig steil ab und man tat am besten, wenn man im Laufschritt hinuntersauste, sonst wurde man hundemüde. So machten eS die Ausflügler auch. Als sich die Alten unten zeigten, ging's zuerst etwas langsam, dann gerieten die Vorder» ins Laufen und in wilder Jagd ging's hinunter, immer einige Stufen mit einem Sprunge nehmend, bis zum nächsten flachen Absatz, wo sich eine in Fels gehauene Bank befand.
Eine kurze Pause wurde gemacht, um frischen Atem zu schöpfen, dann ging's zur nächsten Bank, und von dort auS ins Tal an der ersten Mühle vorbei.
An der ersten Bank blieb Irma von Hochheim etwas zurück. Retlow blieb natürlich an ihrer Seite.
„Muß ich mich nicht schämen, Herr Doktor, daß ich von dem bißchen Laufen schon müde bin?" fragte sie mit ihrem kindlichen Lächeln.
„O, wenn ich offen gestehen will, ich bin auch ganz müde von dem Springen geworden."
„Wir können ja den übrigen Weg etwas langsamer machen." Irma stand auf und hing sich an Retlows Arm.
Eine Weile ging eS ganz gut. Dann kamen wieder Treppenstufen.
„Lausen Sie mit, Herr Doktor!" rief Irma lachend und riß sich von Retlow los.
Dr. Retlow sprang ihr nach, er wollte sie einholen, aber nur mühsam kam er näher.
Plötzlich stieß Irma einen leisen Schrei aus und wankte nach dem Abhang zu.
Retlow war mit einigen Sätzen bei ihr und konnte sie gerade noch zur rechten Zeit fassen. Erschöpft lag sie in seinen Armen und als er so das liebe Gesicht nahe an sei- pen Lippen hatte und der Dust der schwarzen Locken ihn
umwehte, da konnte Dr. Retlow sich nicht mehr halten. Er beugte sich über das liebe Kindergesicht und drückte einen heißen Kuß auf die roten, frischen Lippen.
Irma zuckte heftig zusammen und riß erschreckt die Augen auf; dann befreite sie sich hastig aus seinenArmen. Das kleine Gesicht hatte sich mit einem glühenden Rot über- gössen, schwer atmend stand sie eine Weile stumm vor ihm.
Doktor Retlow war selbst erschreckt über seine Kühnheit. Er wartete mit Furcht, was-etztkommen werde.
Lange brauchte er nicht zu warten, Irma schien die Sprache wiedergewonnen zu haben. Sie ballte zornig die kleinen Hände und stampfte mit dem zierlichen Fuß auf den harten Felsboden. „Was fällt Ihnen ein, Sie Unverschämter?" kam es mühsam über ihre Lippen.
Dr. Retlow war noch um einen Ton bleicher geworden. Verblüfft und erschreckt stand er da, wie ein ertappter Schuljunge.
„Sie wollen den Baron von Stotzler schlecht machen und sind selbst..."
„Verzeihen Sie, Fräulein Irma, ich .. ."
„Gehen Sie doch Ihren Weg, Herr Doktor!" unterbrach sie ihn zornig. „Ich miH Sie gar nicht mehr sehen l Hören Sie, gar nicht mehr!"
„Fräulein Irma!"
„Bitte, von Hochheim!" klang eS stolz zurück.
„Lassen Sie mich doch ein Wort zu meiner Verteidigung reden." Retlow trat einen Schritt näher.
Irma wich zurück. „Kommen Sie mir nicht zu nahe! Zum zweitenmal glückt es Ihnen nicht."
„Fräulein Irma, bitte. . ich ..."
„Was wollen Sie denn noch? Belästigen Sie mich doch nicht. Wenn ich das übrigens dem Baron verrate, dann wird er Sie fordern und totschießen!"
Dr. Retlow hatte eine verächtliche Antwort auf der Zunge, aber das letzte klang so kindlich naiv, daß er un- willkürlich lächeln mußte.
Die kleine Irma wurde darüber noch wütender und fuhr ihn erregt an: „Sie lachen mich wohl noch aus?"
„Bei Gott, Fräulein Jr . . von Hochheim. Nur über Ihre letzte Bemerkung muß ich lächeln."
„Sie finden das lächerlich? Da bin ich doch furchtbar neugierig! Eine Sache, wo es um Tod und Leben geht, ist doch nicht lächerlich!"
„Glauben Sie denn, ich würde darauf eingehen?"
„Nicht?" Irma sah ihn groß an. Sie hatte ihren Zorn schon ganz vergessen. „Dann wären Sie ja ein Feigling."
Diese Worte zwangen nur ein gutmütiges Lächeln aus Retlows Züge. „Ich verzeihe Ihnen diese Worte!"
»Und ich wiederhole sie nochmals!" rief Irma ärgerlich. „Wer sich nicht schlägt, ist ein Feigling."
»Aber wer wird sich denn schlagen? Als Jungen» haben wir es oft getan. Da hab' ich auch mitgerangst."
„Wenn Sie aber nun der Baron fordern würde?"
„Warum sollte gerade der mich fordern?"
„Weil Sie mich geküßt haben."
„Hat er ein Interesse daran?" Retlow sah sie bei die- ser Frage scharf an und es konnte ihm nicht entgehen, daß sie errötete.
„Das geht Sie ja nichts an," entgegnete Irma etwa» unsicher.
So unbestimmt auch die Antwort war, atmete Dr. Retlow doch erleichtert auf, und um abzubrechen, sagte er: „Wollen wir nicht weitergehen? Unser Zurückbleiben könnte falsch gedeutet werden."
Irma warf ihm einen verächtlichen Blick zu und be- merkte höhnisch: „Was Sie um meinen Ruf besorgt sind!"
»Etwas was man liebt, schützt man," entgegnete Retlow lerse, sah aber Irma dabei nicht an.
Irma ging voran. Dr. Retlow bemerkte, daß sie et- was hinkte. Der linke Fuß schmerzte sie offenbar, aber sie wollte seine Hilfe nicht in Anspruch nehmen.
„Sie haben sich weh getan?" fragte er besorgt. „Nehmen Sie doch bitte meinen Arm."
„Nein, ich danke!" gab sie kurz zurück und hinkte mühsam weiter. Aber schon nach einer kurzen Strecke blieb sie stehen. 112,18