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Erscheint Mittivoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
M 36.
Samstag, den 6. Mai 1905.
56. Jahrgang.
Zu Schillers Gedächtnis.
Am 10. November 1859 feierte das deutsche Volk Schillers hundertjährigen Geburtstag. Heute, nach kaum 46 Jahren, findet der hundertjährige Gedenktag seines Todes statt.
Ein Kind des Schwabenlandes, in harter Schule erwachsen, oft schwer ringend mit der Not des Lebens, bis er an der Universität Jena und endlich in Weimar durch die Gunst des hochsinnigen Herzogs Karl August eine Heimstätte fand, ist Schiller mehr und mehr der Lieblingsdichter des deutschen Volkes geworden. Das ist er geblieben bis auf den heutigen Tag und wird es bleiben, so lange in deutschen Herzen noch Sinn für das Gute und Edle, für alles Hohe und Schöne, für Vaterlandsliebe und echtes Heldentum lebt.
Schiller ist aus dem Leben geschieden zu einer Zeit, da es namenlos traurig in Deutschland aussah, als Napoleons Tyrannei schwer auf unserm ohnmächtigen und zerrissenen Vaterlands lastete. Er hat die Zeit der Erhebung und der Befreiung nicht mehr schauen dürfen. Aber während viele der besten unseres Volkes verzagtm und verzweifelten, während andere sich in sklavischer Kriecherei vor dem übermütigen Welteroberer beugten, hat Schiller unbeirrt das deutsche Panier hochgehalten, hat Freiheit und Vaterland gepriesen, hat seinen machtvollen Mahn- und Weckruf erschallen lassen in all deni Jammer der Fremdherrschaft und der deutschen Erbärmlichkeit.
Die Freiheit hat er besungen:
„Der Mensch ist frei geboren, ist frei, Und wär er in Ketten geboren!"
aber nicht die Freiheit, wie sie die wüste französische Revolution von 1789 auf ihre blutige Fahne schrieb und wie sie heute von den Umstürzlern zur Frechheit und Zügellosigkeit verzerrt wird.
Damals erhob, gleich einem Propheten des alten Bundes, der Dichter seine mahnende Stimme:
„Freiheit und Gleichheit!" hört man schallen,
Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, di? §«tun, ----
Und Würgersanxen -zirfl'N umher. —
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken.
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn!
Den Deutschen, die nicht den Mut hatten, den Franzosen die Zähne zu zeigen, die Napoleon schmei-
Ker Kleine Poktor.
Roman von W.Sartory.
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Mit der Ungeduld der Nergierde riß Irma hastig das Schreiben auf. Es waren einge schmeichelhafte Verse, welche sie laut und mit wichtiger Miene vorlaS. Dann lachte sie hell auf.
„Wenn das nicht von den kleinen Doktor ist, laß ich mich braten."
„Der arme Doktor 1" mache Tante Gertrud bedauernd. „Wenn er wüßte, daß er dafü ausgelacht wird."
„Aber Tante, ich lache ih' ja doch nicht aus!" Irma wandte das Blatt um, fasttarr blickte sie auf die Zeile die dort stand. Ganz ernst wr sie auf einmal geworden. Dann knüllte sie daS Papie zusammen und warf eS in eine Ecke deS Zimmers. „Ali darauf soll'S hinaus!' Zor- nig stampfte sie mit dem Fue auf.
„Was ist Dir, Irma?" ragte Tante Gertrud besorgt.
„LieS nur 'mal, was af der anderen Seite von dem Wisch steht." Zornig ging e im Zimmer auf und ab.
Tante Gertrud hob inks das Papier auf, glättete eS und laS die betreffende Slle.
Hierauf steckte sie daS Papier in die Tasche und ent- gegnete ruhig. „Hab' ichdem Doktor doch gleich ange- sehen, daß er dem Barowicht traut. Er warnt doch nur. „Hüten Sie sich vor dem dron von Stotzler," schreibt er nur, aber ich glaube, er wß mehr."
„Was will er denn ftfen," fuhr Irma erregt auf. „Eifersucht ist es von ihn sonst nichts! Das hätte ich ihm doch nicht zugetraut 1"
„Du solltest ihm dankst sein. Denke daran, waS ich Dir gestern noch gesagt habeöei mir spielen doch sicher keine niedrigen Gefühle mit,"itgegnete Tante Gertrud ruhig.
Am Nachmittag mace man einen AuSflug nach dem Bierseenplatz. ES wäre ungefähr je ein Dutzend Herren und Damen, die sich dan beteiligten.
Eine kleine Musikkape war engagiert, die dem Trupp poranschrttt.
chelten und vor ihm ins Mauseloch krochen, denen hielt Schiller in seinem Schauspiel „Wilhelm Tell" einen Spiegel vor, wie das kleine mannhafte Volk der Schweizer sich seiner übermächtigen Bedränger und Unterdrücker erwehrte, stark und unüberwindlich durch seine Einigkeit und todverachtende Opferwilligkeit. Da rief er dem vor den fremden Götzen knieenden deutschen Michel zu:
„AnS Vaterland, aus teure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinen: ganzen Herzen,
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft."
Im Einklang damit heißt eS in der „Jungfrau von Orleans:
„Nichtswürdig ist die Nation, die nicht
Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre."
Das mögen sich die vaterlandslosen Parteigänger hinter die Ohren schreiben, die mit den Feinden des Vaterlandes liebäugeln und uns die Ruhmestaten unserer Väter verekeln und verlästern wollen.
Wie die modernen Freiheitsschwärmer, so berufen sich auch die Gottlosen oft genug auf Goethe und Schiller, weil bei diesen Dichtern manches freie Wort sich findet, das mit dem christlichen Glaubensbekenntnis im Widerspruch zu stehen scheint. Doch nun nnd nimmer gehören Goethe und Schiller zu den Gottverächtern.
„Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen."
heißt es bei Schiller im „Tell", und eben dort stehen die ergreifenden Worte:
„Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben;
Bereitet oder nicht zu gehn.
Er muß vor seinem Richter stehn."
Und in gleichem Sinne im „Lied an die Freude":
„Duldet mutig, Millionen,
Duldet für die bess're Welt,
Droben über'm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.
Unser Schuldbuch sei vernichtet,
Ausgesöhnt die gaNze Welt:
Brüder, über'm Sternenzelt
Richtet Gott, wie wir gerichtet:
X N» wird her gläubig- Cbrift iiL_feiiieni.. g & i iser noch manchen schönen Sinnspruch finden, der auf dem Grunde der heiligen Schrift ruht.
Ein herrliches zusammenfassendes Glaubensbe« kenntnis hat Schiller abgelegt in den schwungvollen Strophen, die „Worte des Glaubens" überschrieben sind; in ihnen erschließt er uns seine heilige Ueberzeugung, wenn er bekennt:
. „Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Zuerst ging es durch die Stadt, an den Rhein, die Rheinallee hinunter bis Niedersburg und dann durch das herrliche Mühltal.
Das Mühltal ist ein idyllisches, romantisches Tal, in dem man noch das Klappern der alten Wassermühlen hören kann.
Eine halbe Stunde gingS zum Tal hinauf, dann wurde in dem Pensionat Henzler Rast gemacht.
Dr. Retlow war auch bei den Ausflüglern, aber er schien nicht recht die Lust der anderen zu teilen. Konnte man eS ihm verargen, daß er von den anderen getrennt ging, als ob er gar nicht hinzugehörte. Seine Blicke folg- ten beständig der reizenden Gestalt der kleinen Irma, die heiter lachend und plaudernd an der Seite des Barons schritt.
Den kleinen Doktor hatte sie nur mit einem kalten Kopfnicken begrüßt und dann sich gar nicht mehr an seine Anwesenheit gekehrt, trotzdem er anfangs verschiedentlich versucht hatte, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen.
Wie reizend sie heute in dem duftigen, weißen Kleide auSsah l Retlow hätte, Gott weis was, darum gegeben, wenn er an der Stelle des Barons hätte fein dürfen.
Als man bei Henzler in der schattigen Laube Platz genommen hatte, kam Dr. Retlow zufällig neben Tante Ger- trud zu sitzen, die sich zu den älteren Damen gesellt hatte.
„Nun, Herr Doktor, sie sind ja so still," lächelte sie ihm freundlich zu.
Dr. Retlow unterhielt sich eine Zeitlang mit ihr über gleichgültige Dinge und der alten Dame konnte eS nicht entgehen, daß er oft einen fast schmerzlichen Blick nach der lachenden Irma hinübersandte.
Als man aufbrach, um den steilen Weg nach dem Vierseenplatz hinauszuklettern, war Retlow wieder der letzte.
Den halben Weg mochte man zurückgelegt haben, die Gesellschaft war so weit vor, daß Dr. Retlow nur noch die Stimmen hören konnte. Retlow mußte jetzt um eine Biegung der Weges herum und plötzlich stand Tante Gertrud vor ihm.
Lebendig der höchste Gedanke;
Und ob alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist."
Im Gegenstücke zu den „Worten des Glaubens", den „Worten des Wahns" ruft der Dichter in den Schlußworten uns zu:
„Drum, edle Seele, entreiß' dich dem Wahn
Und den himmlichen Glauben bewahre!"
Mit prophetischem Seherblicke weist der unsterbliche Sänger alle die Toren, die nur glauben wollen, was sie mit ihren plumpen Händen greifen können, auf die ewigen Güter hin, auf das Gute, Wahre und Schöne, und auf den Herrn und Meister aller Vollkommenheit, auf Gott, den allwissenden und allmächtigen.
In unserer gegenwärtigen Zeit, wo so viele von der unverständigen Menge gepriesenen Dichter Götzendienerei predigen, Sinnenlust verherrlichen und sich ihres Unglaubens rühmen, da kann und soll für uns und für sein geliebtes deutsches Volk Schiller der getreue Eckart bleiben, der in der wilden Jagd nach dein Glücke, in dem wüsten Taumel von frevelhaften Leidenschaften und Begierden seine warnende und mahnende Stimme erhebt und der Welt die Wahrheit kündet:
„Wenn rohe Kräfte feindlich fich entzweien
Und blinde Wnt die Kriegesflamme schürt.
Wenn sich im Kampfe tobender Parteien
Die Stimme der Gerechtigkeit verliert,
Wenn alle Laster schamlos sich befreien,
Wenns freche Willkür an das Heil'ge rührt, Den Anker löst, an dem die Staaten hängen
— Da ist kein Stoff zu freudigen Gesängen."
So lange unser deutsches Volk noch seinen Schiller liebt und verehrt, auf die Mahnungen dieses gottbe- gnadeten Sängers hört, wird es auch des hohen Berufes eingedenk bleiben, zu dem es von Gott bestimmt ist.
Deutsches Reich.
— 'er Äoßherzog von Sachsen-Weimar hat am 30. Mpr.. -am Gedächtnis seiner verstorbenen Frau, der Großherzogin Caroline 100 000 Mark für die Errichtung eines Siechen- und Blödenheims, sowie 15 OOO Mark für die großherzogliche Musikschule in Weimar angewiesen.
— Dem Generalfeldmarschall von Wittich hat der Kaiser die Brillanten zum Schwarzen Adler-Orden verliehen.
— Die sozialdemokratische Maifeier hat auch in diesem Jahre' einen überaus matten Verlauf genommen.
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„Der Weg wird mir etwas schwer," sagte sie lächelnd. „Die jungen Leute haben gut laufen. Früher hat e» mir auch keine Beschwerden verursacht, aber heute. Du, lieber Gott, man wird alt."
„Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?" fragte Dr, Retlow.
„O nein, ich möchte Sie nicht belästigen."
„Aber, es ist mir ein Vergnügen."
Langsam gingen die beiden eine Weile schweigend weiter. „Herr Doktor," begann dann Tante Gertrud etwas zögernd, „Sie haben Irma vordem Baron gewarnt?"
„Sie missen das?" fragte Retlow etwa» erschrocken.
„Irma hat vor mir keine Geheimnisse. Aber ich kann Ihnen versichern, daß ich nicht aus bloßer Neugierde frage, ich denke mir, daß Sie einen triftigen Grund zu Ihrer Warnung hatten. Ich selbst habe Irma auch schon Vorhaltungen gemacht. Offen gestanden, gefällt mir der Baron Stotzler ganz und gar nicht," und etwas unwillig fügte sie hinzu: „Aber Irma scheint sich heute gerade aus Trotz extra auffällig mit ihm machen zu wollen."
„Und ich hab's mit meiner gut gemeinten Warnung bei ihr verdorben. Sie übersieht mich förmlich. Vielleicht werden ihr einmal die Augen aufgehen?"
„Sie muffen etwas von dem Baron wissen, Herr Doktor."
„Nehmen wir an, daß Sie recht haben, aber dennoch bleibt es mein Geheimnis," entgegnete Dr. Retlow.
„Irma ist noch ein so unerfahrenes Kind. Sie glaubt es nicht. Aber gerade da» ist gefährlich, weil sie meint, die Menschen zu kennen."
Der Weg wurde nach oben immer steiler, so daß an eine Unterhaltung nicht weiter gedacht werden konnte. Man hatte hier die ganze Brust nötig zum atmen und konnte keine mit Sprechen vergeuden.
Als Dr. Retlow mit Tante Gertrud oben ankam, waren die übrigen schon vor dem Lusthäuschen versammelt, um von hieraus die herrliche Aussicht aus den Rhein zu genießen. 112,18