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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

W 35. Mittwoch, den 3. Mai 1905. 56. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die KchMchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Dchlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Die kaiserliche Familie trifft am 17. Mai nachmittags von Urville zu den Maifestspielen in Wiesbaden ein und reist, demWiesb. Tgbl." zufolge, am 20. Mai abends unmittelbar nach der Theater­vorstellung wieder ab.

Eisenbahnminister Budde soll, wie dieDuis­burger Ztg." erfahren haben will, wegen seiner schweren Erkrankung sein Abschiedsgesuch eingereicht haben. Eine Bestätigung der Meldung von der Rücktrittsab- sicht des Eisenbahnministers liegt bisher nicht vor.

Für den Zeitpunkt des Inkrafttretens der neuen Zolltarife ist in den Handelsverträgen bekannt­lich Spielraum gelassen. Abmachungen der Regierungen ergeben nunmehr folgendes Bild: der neue deutsche Generaltarif und alle durch die Handelsverträge be­wirkten Abänderungen treten am 1. März 1906 in Kraft. Gleichzeitig werden in Geltung kommen die neuen Zolltarife und die mit Deutschland abgeschlossenen Handelsverträge in Rußland, Oesterreich-Ungarn,^ Italien, Belgien, Rumänien, Serbien. In Oesterreich- Ungarn und Serbien ist Voraussetzung des neuen Handelsvertrages und Zolltarises ihre parlamentarische Genehmigung, die noch aussteht. Nur der deutsch­schweizerische Handelsvertrag wird teilweise schon an. 1. Januar 1906 Geltung erlangen. Auf die deutsche Einfuhr nach der Schweiz finden schon vom 1. Januar 1906 ab die meist höhern Zölle des neuen Tarifes mit den Aenderungen des neuen Vertrages Anwendung.

Ein polnisch-sozialistischer Parteitag ist kürzlich in Kattowitz zusammengetreten. Es kam dabei zu lebhaften Auseinandersetzungen. Sehr heftigen Wider-

spruch fand der Vertrag, den der Vorstand der polnisch-sozialistischen Partei mit der deutschen Sozial­

demokratie abgeschlossen hatte. Es wurde endlich eine Entschließung eingebracht, nach der die deutsche Partei zwar als oberste Instanz in grundsätzlichen und allge- meinen Fragen anerkannt werden, in parteipolitischen und organisatorischen Fragen dagegen, die nur die polnische Bevölkerung angehender polnisch-sozialistische Parteitag die höchste Instanz sein soll.

Die Württembergische Kammer der Abgeordneten hat bei Beratung des Justizetats einen Antrag auf Gewährung von Tagegeldern und Reisekosten-Ent- schädigungen an die Geschworenen und Schöffen ange­nommen, namentlich um die Heranziehung des Arbeiter­standes zu diesen Funktionen zu ermöglichen.

Der heftige Konflikt zwischen der Leipziger Ortskrankenkasse und den Kassenärzten wird demnächst beigelegt sein. Die Aerzte sind mit einer Herabsetzung des ärztlichen Gehaltspauschals von 3 Mk. auf 2,60 Mk. pro Kassenmitglied unter der Bedingung einge­gangen, daß die Ortskrankenkasse dafür ein Sechstel der festen Gehälter der ehemaligen Distriktsärzte übernimmt und die Familienbehandlung, durch die den Aerzten alte Einnahmequellen erschloffen werden, wieder einführt. Die Generalversammlung der Orts­krankenkasse Hai die Wiedereinführung der Familien­behandlung bereits beschloffen.

Nach einer Ministeriälprüfung sind neue Be­stimmungen über die Zulassung der Apotheker zur Fleischbeschau bei Schlachtungen im Jalande getroffen worden. Es werden dem Apotheker, welche die Be­

fähigung als Fleischbeschauer erwerben, Erleichterungen gewährt. Es wird demnächst auf die Beibringung eines Ausbildungsnachweises bei der Meldung zur Prüfung verzichtet. Sodann ist den Apothekern gestattet, .die Prüfung über die Befähigung zur Trichinenschau vor dem Departemenistierarzt abzulegen. Schließlich sind ihnen die sonst vorgeschriebenen Nachprüfungen

erlassen.

Wie man unter Genossen über die Maifeier urteilt, beweist eine Aussprache über die Maifeier, zu der es kürzlich in einer sozialdemokratiscken Versamm­lung in Hamburg kam. Von allen Rednern wurde ausgeführt, daß die heutige Maifeier keine ernste Demonstration, sondern ein gewöhnlicher Jahrmarkts­trubel sei, wobei die Arrangeure ein recht einträgliches

Geschäft machen wollten. Die Kosten der Beteiligung seien immer gestiegen, von zehn Pfennig schließlich auf fünfzig Pfennig, die Feier sei zu einem gewöhnlichen Sing- und Trinkfest degradiert worden, man habe

sogar im vorigen Jahre bei der Feier patriotische Lieder, wieIch bin ein Preuße" u. s. w. gesungen. Natürlich laufen auch in diesem Jahre wieder viele bei der Maifeier mit. Sie müssen schon; denn tun sie es nicht, so gilt das als sozialdemokratisches Staatsverbrechen, und ihre Stunde in der Partei hat geschlagen.

Die Zuckersteuer hat im Etatsjahre 1904 den bisher höchsten Ertrag abgeworfen. Sie ist mit ihm an die Spitze aller Verbrauchsabgaben getreten, während früher stets die Branntweinsteuern diese Stelle innehalten. Im Jahre 1904 haben Brannt­wein-Verbrauchsabgaben und Maischbottichsteuer zu« sammen 117,6 Millionen Mark erbracht. Die Zuckersteuer-Einnahme, die sich auch 128,3 Millionen Mark beließ hat sie um 10,7 Millionen Mark ge­schlagen.

Ausland.

Vom ostasiatischen Kriegsschauplatze liegen Meldungen aus Tokio vor, nach denen sich der Krieg jetzt auch auf Korea ausdehnen soll. 3000 Mann russischer Truppen sollen mit zehn Geschützen in Nord­korea eingedrungen sein und beabsichtigen, eine Brücke über den Tumenfluß zu schlagen, um nach Eintreffen von 5000 Mann aus Wladiwostok in südlicher Richtung vorzurücken. Starke russische Streitkräfte stehen bereits auf dem linken Tumenufer. Diese ^russische Offensive hat die Vereitelung der Vereinigung der japanischen Streilkräfte zum Zweck. In das Dunkel, in das bisher der Aufenthaltsort des Gros der japanischen Flotte unter Admiral Togo gehüllt war, wird endlich etwas Licht gebracht. Nach Nachrichten, die durch einen, von Masampho kommenden Dampfer nach Tokio gelangten, ist eine große Zahl japanischer Schiffe in der Gegend der Insel Ttschushima zusammengezogen. Man glaubt, daß es sich um einen erheblichen Bestand­teil der Flotte des Admirals Togo handelt.

Der Mörder des Großfürsten Sergius, Iwan Kolajew, der zum Tode verurteilt ist, wurde von Moskau nach Petersburg gebracht. Sein Verteidiger hat gegen seinen Willen den Antrag auf Kassation eingereicht, da das Urteil zwar laut Gesetz bei offenen Türen verkündet, dem Publikum jedoch der Eimritt in den Gerichtssaal verwehrt wurde.

Trotz des maßvollen Vorgehens der Mächte und der eindringlichen Vorstellung des Prinzen Georg von Griechenland ist es in Kreta zu einem blutigen

Der kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. 8

Doktor Retlow schreibt einen Roman von mir," lachte Irma auf.Weißt Du, was er gesagt hat? Ich hätte ein liebes Kindergesichtchen mit gefährlichen Augen! Ist da» wahr?"

WaS Du alles von mir wissen willst I"

Dr. Retlow war den oberen Parkweg entlang gegan- e Er bildete sich ein, sich unsterblich blamiert zu ha-

Als er einige hundert Meter von dem Kurhaus ent­fernt war, wuroe er etwas ruhiger, langsam kehrte er auf demselben Wege zurück. Auf der Bank an dem murmeln­den Brünnelein nahm er Platz und träumte vor sich hin. Er glaubte sich allein in dem Park, aber plötzlich hörte er Schritte und flüsternde Stimmen. Da kam jemand den Parkweg entlang. Sehen konnte er nichts von der Bank aus.

Vielleicht einige Schritte vor dem Brunnen hörte das Geräusch der Schritte plötzlich auf. Einen Moment war alles still, dann tönten wieder flüsternde Stimmen an sein Ohr. Eine Männerstimme war es, sie schien auf jemand einzureden.

Vertraust Du mir, mein süßer Engel?"hörte ergänz deutlich, und dann eine Mädchenstimme:Ach Gott, Paul! Mir ahnt etwas Schreckliches." Diese Stimme wurde durch Küsse erstickt.Kind, ich werde mich Deinen Eltern vor­stellen. Aber morgen noch nicht, das hat ja noch Zeit." . .Ich glaube Dir Paul!" vernahm er als Antwort.

Dann war es eine Zeitlang still und kam etwas Dunk­le» an Retlow vorüber.

Es ist Zeit, daß Du gehst mein Lieb," hörte er noch.

Retlow dachte einen Augenblick nach. War das nicht ein Romankapitel? Dann sprang er plötzlich aus:Herr­gott, der Baron?"

Paul nannte sie ihn? Hatte er dem törichten Mäd­

chen einen falschen Namen angegeben? Ein Geheimnis steckte hier dahinter. Ein gewissenloser Mädchenjäger. Na! dafür könnte er den Baron mit seinen unheimlich blicken- den Augen schon ansehen. Aber er mußte wissen, ob er mit seiner Vermutung recht hatte. Er mußte unbedingt Ge­wißheit haben.

Dr. Retlow eilte in der Richtung fort, in der Baron Stotzler mit dem Mädchen verschwunden war. Von wei- tem hörte er, wie das große, eiserne Parktor geöffnet und wieder geschlossen wurde und als er in dessen Nähe kam, löste sich eine große Männergestalt von ihm ab, und nahm den Weg nach dem Kurhaus.

Erging nach und langte fast gleichzeitig mit dem Ba­ron dort an.

Aeh, Herr Doktor!" machte Stotzler etwa» unange­nehm überrascht auf dessen Gruß, dann fragte er den klei- nen Doktor, der ihm kaum bis an die Achseln reichte, mit einem scharfen Blick messend.Haben Sie auch im Park die herrliche Abendluft genossen?"

Ich suche gern die Einsamkeit auf," entgegnete Ret­low ruhig.

So geht eS mir auch," fuhr Stotzler mit einem ge- zwu ngenen Lächeln fort.Aber offen gestanden, Herr Dok­tor, die Einsamkeit zu zweien ziehe ich doch vor."

Hm, Sie meinen?"

Ich meine, daß das Junggesellenleben doch recht lang­weilig ist."

Retlow war an seinem Zimmer aiigekommen.Gute Nacht!" sagte er ziemlich kurz und verschwand in der Tür.

Donnerwetter," murmelte der Baron wütend vor sich hin.Das sieht ja fast so aus, als ob der kleine Wicht mich beobachtet hätte!"

Auf seinem Zimmer angekommen, ging der Baron un­ruhig aus und ab.

Es war ihm doch nicht ganz geheuer zu Mute, er ahnte etwas Schlimmes. Der kleine Doktor war in Irma von Hochheim verliebt. Blind hätte er sein müssen, wenn er das nicht gesehen hätte. War er ihm nachgegangen, hatte

er sein Rendezvous mit dem blonden schönen Mädchen be- lauscht? Wie ihm das Blut heiß in den Kopf stieg bei dem Gedanken, Irma könnte etwas davon erfahren. Wütend biß er die Zähne zusammen. Wenn sie etwas davon erfuhr, dann war es sicher mit seiner Aussicht vorbei. Und er mußte Irma von Hochheim heiraten, er hatte sie zu sei­nem Opfer auserkoren.

Liebe spielte bei ihm keine Rolle. Geld mußte er haben, Geld, viel Geld, damit er den heißen Boden, der ihm faßt schon die Füße verbrannte, verlassen konnte. Was lag an Irma selbst? Sie war so unerfahren und ging ganz sicher in die Falle. Aber nun schien ihm dieser Doktor, dieser winzige Kerl, ins Garn zu gehen.

Daß er ihn bei Irma von Hochheim ausstechen konnte, das befürchtete Stotzler nicht, aber daß er hinter seine Geheimnisse, hinter seine galanten Abenteuer kam. Der war womöglich im stände und wenn auch nur aus Eifer« sucht, den Verräter zu spielen. Aber wenn er das tat?

Stotzler stieß ein unheimliches Lachen au».Ein Mensch, der so wie ich den letzten Rettungsanker reißen sieht, ist zu allem fähig. Hüte Dich, Doktor Retlow." Ein Wider- liches Grinsen verzerrte das Gesicht des Barons....

Auch Retlow konnte, als er auf seinem Zimmer ange­kommen war, nicht gleich Ruhe finden. Er war an da» offene Fenster getreten und blickte über die dunkle Stadt aus den im Mondschein glänzenden Rhein.

Was sollte er tun ? Sollte er Irma vor dem Baron war­nen ? War eS nicht als Mensch seine Pflicht, das zu tun? Aber wie, da» konnte er nicht, es widerstrebte ihn, den Angeber zu spielen. Aber wachen wollte er, die Augen offen halten. Mit ihr sollte er nicht sein Spiel treiben, wie er eS mit dem blonden Mädchen tat.

*

Am anderen Morgen gegen elf Uhr, als Irma von Hochheim eben mit Tante Gertrud einen Morgenspazier« gang in dem Park machen wollte, überbrachte der Portier ihr einen verschlossenen Brief. 112,14