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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 34 Samstag, den 29. April 1905. 56. Jahrgang.

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Fortwährend

werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner

Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Der Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen trafen mit Gefolge am Dienstag vormittag gegen 10 Uhr zu Wagen in Monreale ein und fuhren unter begeisterten Kundgebungen der Bevölkerung zur Kathedrale, wo sie vom Sindaco, dem Erzbischof und den städtischen Beigeordneten begrüßt wurden. Nach eingehender Besichtigung der Kathedrale besuchte die kaiserliche Familie das Kloster und eine diesem be­nachbarte Villa. Gegen 11 Uhr erfolgte die Rückfahrt nach Palermo.

Die Kaiserin ließ dem deutschen Generalkonsul Buenz in Newyork 51 Anerkennungsdiplome zugehen, die der Generalkonsul den Pflegerinnen des City- Hospitals aushändigen soll, die sich bei der Rettung und Hülfeleistung für die am 14. Juli 1904 verun­glückten Passagiere des VergnügungsdampfersGeneral Slocum" ausgezeichnet haben. Derjenigen Dame, die sich dabei am heldenmütigsten gezeigt hat, widmet die Kaiserin eine mit Perlen besetzte Brosche.

Der Generaladjutant Kaiser Wilhelms I., General der Kavallerie Graf Lehndorff, ist laut der Ostpreußischen Zig." in der Nacht vom Montag auf Dienstag auf Schloß Preyl plötzlich gestorben.

Die allgemeine Einführung des Mädchenturnens in den Städten und stadtähnlichen Ortschaften be­stimmt eine Verfügung des Unterrichtsministers. Nicht nur in den Mittelschuleu, sondern auch in den Volks­schulen sollen zwei Stunden oder vier halbe Stunden Turnunterricht wöchentlich obligatorisch sür die Mittel- und Oberstufen gemacht werden. Gewünscht werden ferner Turnspiele und Uebungen auf der Unterstufe. Ein Uebermaß von Ordnungs- und Reigenübungen ist ebenso zu vermeiden wie die übertriebene Jnanspruch-

nähme der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses bei Freiübungen. Auf Bewegungs-, namentlich Laufspiele im Freien, ist besonderer Wert zu legen.

Um eine zweckmäßige Ausbildung der Lehrkräfte für Haushaltungs- und Handarbeitsunterricht herbei« zuführen, wird von der preußischen Regierung die Einrichtung von Seminaren zur Ausbildung von Fachlehrerinnen beabsichtigt. Solche Seminare sind bereits mit den staatlichen Handels- und Gewerbeschulen für Mädchen verbunden. In nächster Zeit dürfte ein weiteres Lehrerinnen-Seminar der vorbezeichneten Art in Schlesien mit zweijährigen Unterrichtskursen ge­schaffen werden.

Der Staatssekretär des Reichsschatzamts hat der Berliner Handelskammer mitgeteilt, daß zur Be­seitigung des Mangels an Nickel- und Kupfermünzen größere Prägungen eingeleitet worden sind, denen weitere verstärkte Ausmünzungen folgen sollen, bis die lebhafte Nachfrage nach beiden Münzgattungen in ausreichendem Maße befriedigt sein wird.

Den neuesten großen Prozessen in Oldenburg, Detmold usw. widmet die sozialdemokratische Wochen­schriftDie neue Zeit" einen mit den üblichen Phrasen gespickten Leitartikel, der die Leser glauben machen soll, daß die wahre Moral nur bei der Sozialdemokratie zu finden sei. Wir haben, so schreibt dazu mit Recht eine Berliner Zeitung, nicht die geringste Absicht, die traurigen sittlichen Zustände, die sich in diesen Skandal­prozessen enthüllt haben, zu beschönigen, wir möchten aber den verehrten Leitartikelschreiber darauf Hin­weisen, daß die Sozialdemokratie selbst im Glashause sitzt und demnach wahrhaftig keinen Grund hat, mit Steinen zu werfen. Fast jeden Tag findet man in den Zeitungen Berichte über Verurteilungen oder gerichtliche Verfolgungen von ungetreuenGenossen" und daß sogar leitende Männer der Sozialdemokratie über Ehe und Sittlichkeit die laxen Anschauungen mancherBourgeoises" teilen, dafür liegen aus der letzten Zeit ja auch einige recht bezeichnende Beispiele vor. Darum mögen sich die Herren von derNeuen Zeit" zunächst mit dem eigenen Balken beschäftigen, ehe sie sich über den Splitter im Auge des anderen aufhalten.__

Ausland.

Nach einer Meldung des Generals v. Trotha aus Südwestafrika wurde am 13. d. M. eine Kaffern- bande von 15 Mann am Achoub südlich Nauchas durch eine Bastardpatrouille aufgehoben. Der Führer

der Bande war der Kapitän Jack, der im Oktober 1904 den Farmer Hermann ermordet hat. Neun Kaffern sind gefallen, Gewehre und einiges Vieh wurden erbeutet.

Vom ostasiatischen Kriegsschauplatze verlautet, daß sich Japan bei Frankreich über den Aufenhalt der baltischen Flotte in der Kamranh-Bucht beschwert hat. Der Protest hat bereits seine Wirkung getan. Die russischen Kriegsschiffe haben die genannte Bucht in der Richtung nach Norden mit unbestimmten Be- stimmungsorte verlassen. Fischer haben auf offener See eine aus der Richtung der Kamranh-Bucht kommende heftige Kanonade gehört, voraus auf ein Gefecht mit japanischen Aufklärungsschiffen geschlossen wird. Das Geschwader des japanischen Admirals Kamimura wird in Manila erwartet. Man glaubt, daß Admiral Roschdjestwensky alles versuchen wird, um sich mit dem Geschwader Nebogatows zu vereinigen, ehe er seine Fahrt zu einem entscheidenden Schlage fortsetzt. Nach den letzten in Saigon eingegangenen Nachrichten wurde die russische Flotte 15 Meilen von der Küste Französisch-Jndochinas entfernt nordwärts fahrend gesehen.

Der französische Minister Delcaffö hatte infolge der Vorkommnisse der jüngsten Vergangenheit seine Demission gegeben. Auf Veranlassung des Präsidenten Loubet und des Ministerpräsidenten Rouvier hat er jedoch sein Entlassungsgesuch zurückgezogen. In der Deputiertenkammer wurde ein Antrag auf Be­willigung eines Kredits von 20000 Franken ange­nommen für Arbeiter und Soldaten, die bei den Unruhen in Limimoges zu Schaden gekommen sind. Der Minister des Innern hatte dem Anträge, als einer Beruhigungsmaßregel, zugestimmt. Der Ausstand in Limoges wurde durch einen Vergleich zwischen den Arbeitgebern und Arbeitern beendet.

In der Türkei scheinen bessere Zustände ein­treten zu wollen. In den drei Wilajets wurden auf Grund des Abkommens mit der Ottomanbank vom 15. April die fälligen Militär- und Zivilgehälter sämtlich ausgezahlt. Da um diese Zeit die Steuerein- gänge sehr gering und genügende Kassenbestände nicht vorhanden sind, mußten die Ottomanbank-Filialen Vorschüsse geben. Die pünktliche Zahlung hat großen Eindruck gemacht. Die französische Botschaft wurde amtlich verständigt, daß das Jrade betreffend die in Frankreich aufzunehmende Anleihe veröffentlicht worden ist.

Der kleine Doktor.

Roman von W Sartory.

,Woher wissen Sie das?"

.Nun, erstens hat der Baron mir'S gesagt und.

.Der Baron?"

Ja, Baron von Stotzler, und zweitens hab' ich'S selbst gesehen, aber ich dachte schon .." sie brach ab und machte wieder ein schmollendes Gesichtchen.

WaS dachten Sie? Ach bitte, sagenSie es mir." Ret- low hatte unwillkürlich ihre Hand gefaßt, was Irma ihm auch nicht wehrte.

Nun, ich dachte, Sie würden sich für mich interessie- ren!"

Das dachten Sie?"

Nun ja, man freut sich nun einmal, wenn man etwas Beachtung findet."

Und wenn es der Fall wäre?"

Ich glaube es nicht, Sie wollen ja nur Romane schrei­ben "

Eine Pause entstand. Dr. Retlow kämpfte mit sich. Sollte er ihr sagen, wie sehr er sich für sie interessierte?

Als er noch hierüber nachdachte, stand Irma plötzlich auf.Mein Gott, es wird ja schon dunkel!" rief sie er- schreckt.

Tante Gertrud wird sich um mich ängstigen."

Auch Retlow erhob sich.Darf ich Sie zurück beglei­ten?"

Bitte, Herr Doktor."

Dr. Retlow bot ihr seinen Arm und schweigend gin­gen die beiden an dem murmelnden Bach entlang.

Der Mond warf seinen fahlen, silbernen Schein durch die Bäume, die Nachtkäfer summten ihr Liebchen, leise rauschend strich der Wind durch die Blätter.

An dem Eingang zum Kurhaus blieben die beiden ste­hen. Retlow wollte sich hier verabschieden. Er hatte sich so glücklich gefühlt an ihrer Seite und sie hatte gar keine

Scheu gezeigt und sich vertraulich an seinen Arm gehan­gen.

Darf ich Sie morgen zu einem Ausflug einladen?" fragte Retlow beim Abschied.

Der Baron hat mich bereits eingeladen. Es wollten noch mehr Gäste sich daran beteiligen, also können Sie sich auch anschließen."

Retlow war sehr enttäuscht. Immer dieser Baron! Was wollte er nur eigentlich mit Irma? Er hatte ihn noch heute abend mit einer anderen gesehen.

Sie scheinen sich sehr für den Baron zu interessieren?" platzte er etwas ärgerlich heraus. Aber kaum waren die Worte über seine Lippen, da sah er auch schon ein, daß er eine große Dummheit begangenhatte. Flüchtig grüßend lief er, über sich selbst wütend, weg. Wie konnte er nur eine solche Taktlosikeit begehen? Sie mußte ihn ja für sehr ungebildet halten.

Irma fühlte sich durch diese Frage absolut nicht ver- letzt, sie hatte dem Doktor eben antworten wollen, daß er recht habe. Sie interessierte sich auch für Baron v. Stotz­ler und hätte sich nicht gescheut, dem kleinen Doktor die Wahrheit zu sagen. Als er aber so plötzlich wegrannte, blickte sie ihm zuerst verblüfft nach, dann lachte sie belu­stigt leise auf. Sie sah, wie er in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verschwand.

Er wird sich doch kein Leid antun," murmelte sie vor sich hin.Der kleine Doktor scheint also wirklich in mich verliebt zu sein? Er zeigt ja fast offen, daß er auf den Baron eifersüchtig ist. Er ist ja allem Anschein nach ein guter Mensch, aber, ich liebe das schneidige, vielleicht ist es nur eineSchwächevonmir?"

Irma war langsam durch den hell erleuchteten Kreuz­gang weiter geschritten.

Dieser Gang mutete einem immer noch an, als ob man sich in einem Kloster befände. Irma von Hochheim konnte sich eines geheimen Gruselns nicht erwehren. Sie beschleu­nigte ihre Schritte und kam fast atemlos auf ihrem Zim­mer an.

TanteGertrud wartete dort auf ihren Schützling.Mein Gott, Irma, ich hab schon Angst um Dich gehabt!" rief sie der Eintretenden entgegen. Dabei stand Sie auf und half ihrem Liebling Hut und Schleier abnehmen.Du solltest Dich etwas vor dem Baron in acht nehmen," fuhr Tante Gertrud fort.

Irma lachte belustigt auf.Fürchtest Du ihn denn?"

Ich weiß nicht, Irma, er hat etwas, WaS mir nicht gefällt. Seine Augen, sie bremsn so unstät. Ich habe ihn heimlich beobachtet. Manchmal blickt er sich nach allen Sei­ten um, gerade als . . ."

Nun, genier Dich nicht, es mir zu sagen."

Es ist gewiß ein häßlicher Verdacht von mir, aber er ist mir unwillkürlich gekommen. Er sieht aus, als ob er sich vor etwas fürchtet. Gerade wie ein Verbrecher, der sich unter falschem Namen in der Welt bewegt und jeden Augenblick befürchtet, am Kragen gefaßt zu werden."

So meinst Du, der Baron sei ein verkappter Verbre­cher?" Irma konnte ein heimliches Lachen nicht unter­drücken.

O nein! Das will ich nicht gesagt haben. Ich habe nur einen Vergleich angeführt. Aber Du kannst meiner Ah­nung glauben, alles stimmt nicht bei ihm. Er trägt ein Geheimnis mit sich herum."

Da muß ich ihn morgen gleich fragen." entgegnen Irma lebhaft.

Um Gottes willen, Kind! Was soll er von mir den­ken?" rief Tante Gertrud erschrocken auS und streckte wie abwehrend die Hände vor sich hin.

.Ich sage ihm ja nicht, daß Du es mir gesagt hast," lächelte Irma. Dann wandte sie den Kopf nach der Tante zurück und fragte:Sag mal, Tante Gertrud, aber ehr- lich, bin ich eigentlich hübsch?" Sie machte ein so drolli­ges Gesicht dabei, daß selbst die ernste Tante lachen mußte.

Aber natürlich Kind, Du siehst es ja selbst."

Wie würdest Du mich denn als Romanfigur finden?" Ich verstehe Dich nicht." 112,18