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SchlüchtemrMung

Erscheint Mittwoch und SamStag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 26. April 1905.

56. Jchrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

EncnBtüist finden in der Gchlüchte«»er Blidüra Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Das Kaiserpaar verlebte die Osterfeiertage fern von der Heimat, auf der schönen Insel Sizilien. Am Gründonnerstag nahmen die Majestäten mit ihren Söhnen Eitel-Friedrich und Oskar und mit dem Herzog von Koburg-Gotha daS vom Militäroberpfarrer Göns ausgeteilte heilige Abendmahl an Bord der Kaiseryacht Hohenzollern" in Giardini, dem Hafen von Taormina.

Die Rückkehr des Kaisers nach Berlin-Potsdam ist Berliner Blätter zufolge für den 20. Mai vorge­sehen. Die sonst von dem Monarchen am Tage der Schlacht von Groß-Görschen, 2. Mai, abgehaltene Be­sichtigung, des 1. Garderegiments und des Lehr-Jn- fanterie-Bataillons bei Potsdam findet diesmal durch den Generalfeldmarschall v. Hahnke statt. Die Früh­jahrsparaden in Potsdam und Berlin sind für den 30. und 31. Mai angesetzt. Am 6. Mai wird der Kaiser zu zweitägigem Besuch bei dem badischen Groß- Herzogspaar in Karlsruhe erwartet. Am Abend des 9. Mai trifft die kaiserliche Familie auf Schloß Urville in Lothringen ein. Die Einweihung der Krieger- Gedenkhalle in Gravelotte ist auf den 11. Mai fest­gesetzt worden. Der Aufenthalt in Straßburg im Elsaß ist auf vier Tage bemessen.

Für die Feier der Hochzeit des Kronprinzen sollen in den ersten Berliner Hotels schon jetzt die meisten Zimmer vergeben sein und zwar teilweise an Fürstlichkeiten, andererseits aber auch an den landein­gesessenen Adel.

Prinz Arizugawa welcher als Vertreter des Kaisers von Japan an den Vermählungsfeierlichkeiten des Kronprinzen teilnimmt, wird sich nach der Hochzeit des Kronprinzen zum Besuche an die Höfe von Schwerin und München begeben.

Der Kultusminister entsandte einen pathologischen Anatomen nach Oberschlesien, um in enger Fühlung mit dem Leiter des bakteriologischen Instituts in Beuthen und den Krankenhausärzten in der wissen­schaftlichen Erforschung übertragbarer Genickstarre durch die pathologisch-anatomische Untersuchung möglichst beizutragen.

Generaloberst von Wittich, der frühere Kom­mandeur des 11. Armeekorps, feiert am 1. Mai in Eisenach, wo er jetzt wohnt, sein 50jähriges Militär­jubiläum.

Im Kaiserlichen Statistischen Amt ist seit kurzer Zeit wieder der Beirat für Arbeiterstatistik zu einer Vollsitzung versammelt. Zunächst fanden eingehende Vernehmungen von 49 Auskunftspersonen aus ganz Deutschland über die Arbeitsverhältnisse in den Kontoren statt. Es handelt sich darum, ob, gleichwie dies schon für die offenen Ladengeschäfte geschehen ist, auch in den Kontoren des Großhandels und sonstigen kauf­männischen Betrieben, die nicht mit offenen Verkaufs­stellen verbunden sind, eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit stattfinden soll. Es sind nicht blos die Vertreter der Handelsgehülfen und Hülfsarbeiter, sondern auch Prinzipale hierunter namentlich auch die meisten Vertreter der Handelskammern, einer gesetzlichen Regelung geneigt.

Die Erhebungen über die Kartelle, die längere Zeit unterbrochen worden waren, werden jetzt wieder fortgesetzt, und zwar wird man sich, wie verlautet, zuerst mit dem deutschen Stahlwerks-Verbande be­schäftigen. An der Denkschrift über das gesamte Kartell­wesen, die nach der Resolution Spähn und Gen. dem Reichstage vorgelegt werden soll, wird zur Zeit im Reichsamt des Innern eifrig gearbeitet.

Es sind, wie erinnerlich, schon verschiedentlich sozialdemokratische Konsumvereine in die Brüche ge­gangen. Dieses Mißgeschick scheint auch dem in Hildes­heim bevorzustehen. Seine Jahresrechnung für 1904 schließt nämlich recht ungünstig ab. Trotz der Auf­saugung der Reservefonds und des Dispositionsfonds von zusammen 11 412 Mark weist das Gewinn- und Verlustkonto nur einen Gewinn von 33,96 Mark auf. Dividende gibt es natürlich nicht. Die Mitgliederzahl ist von 1413 auf 989 gesunken, und 461 Mitglieder haben im verflossenen Jahre schon nichts mehr gekauft. Der Geschäftsbericht bezeichnet das Vertrauen zum Verein als stark erschüttert.

In Köln wütet seit einiger Zeit ein heftiger Bierkrieg. Infolge von Lohn- und anderen Forder« ungen wurde eine Reihe von organisierten Arbeitern von den Brauereien ausgesperrt. Während die christ­lichen Organisationen erklärten, sich dem Boykott nicht anzuschließen, regt das Duisburger Gewerkschaftskartell an, die Aussperrung der organisierten Arbeiter mit der sofortigen Arbeitsniederlegung seitens aller von der Aussperrung noch nicht betroffenen Brauereiarbeiter zu beantworten. Die Verhandlungen sollten mit dem Boykottverband rheinisch-westfälischer Brauereien sofort begonnen, aber keinerlei Konzessionen gemacht werden.

In der 16. Kommission des Reichstages, die die neue Maß- und Gewichtsordnung vorberaten soll, ist ein Antrag eingebracht worden, wonach zukünftig Halb- und Viertelpfundgewichte zugelassen werden sollen. Damit würde weiten Kreisen der Gewerbetreibenden eine große Erleichterung gewährt werden, die u. a. bereits im November 1903 durch den Zentralverband deutscher Kaufleute und Gewerbetreibender in Leipzig in Eingaben an den Grafen Posadowsky erbeten wurde.

Ausland.

Neue schwere Kämpfe werden aus Südwestafrika gemeldet. In den Karasbergen wurde am 7. April die Pferdewache der Kompagnie des Hauptmanns Arrest von einer zweihundert Mann starken Bande überfallen. Die Kompagnie griff den Gegner an und stürmte nach schwerem siebenstündigem Kampfe seine Stellung. Leider mußte Major von Estorff die Verfolgung der Witbois südöstlich Kowise-Kolk wegen Wassermangels aufgeben. Außerdem wurden ernste Patrouillengefechte gemeldet, die auch wieder einige Opfer gefordert haben. Trotz aller Schwierigkeiten und Entbehrungen harrten unsere braven Truppen mutig aus und der Erfolg war auf ihrer Seite.

Auf dem oftasiatischen Kriegsschauplatze beginnt es jetzt wieder lebendig zu werden. Nach einer Mel­dung des Generals Linewitsch scheinen die Japaner in der Richtung auf Heichiamo und auf dem Wege Sin- minpao-Tachichotsu die Offensive wieder aufzunehmen. Sie besetzten Padiatse, doch kam der Angriff alsbald zum Stillstand. Auf den anderen Teilen des Kriegs­schauplatzes ist keine Aenderung eingetreten.

Ueber den Konflikt Amerikas mit Venezuela verlautet, daß der Kriegssekretär Taft die Antwort Castros auf die letzte Mitteilung des amerikanischen Gesandten Bowen erhalten habe. Taft will die Ant>

Der kleine Doktor.

Roman von W. Sartory. t

Dr. Retlow wurde es unbehaglich an der Seite dieses geschniegelten und gestriegelten Mannes, der schon auf einige Meter einen Parfümduft verbreitete. Er wußte eS selbst nicht wie es kam, aber der Mann hatte etwas in seinem Benehme», waS ihn mißtrauisch machte.

Vorher war er mit Irma von Hochheim ganz schön in Unterhaltung gewesen, seine Scheu hatte sich etwas gelegt, aber jetzt führte der Baron das Wort. Seine Reden strotz­ten von beißenden, sarkastischen Bemerkungen.

Aergerlich stand Retlow nach einiger Zeit des stum­men ZuhörenS auf.

Ach, Sie wollen uns verlassen, Herr Doktor?" fragte Irma.

DaS war wieder ein bezaubernder Blick. Aber sie tat <8 sicher unbewußt; die Augen waren nun einmal so.

Dr. Retlow zögerte einen Augenblick, beinahe hätte er Wieder Platz genommen, aber dann verneigte er sich.

Sie gestatten, gnädiges Fräulein, eine wichtige Sache ruft mich ab.

Was die Männer nur immer für Wichtigkeiten ha­ben wollen," lachte Irma, als Dr. Retlow gegangen war. Ich glaube, Sie schützen nur die Wichtigkeiten vor, um sich selber wichtig zu machen? Nicht wahr, Herr Baron?" Der Baron lächelte:Gnä'Fräulein beurteilen die Männer falsch. Es mag ja auch solche geben, aber, äh!" Sie meinen Herr Baron, Siezählten nicht dazu ?" Wollte von mir nicht reden, nur so im allgemeinen.* Dabei sich selbst aber meinen?" Irma lachte hell auf. Sind Sie still, Herr Baron! Wir Frauen machen eS ja auch so. Wenn wir so für die Allgemeinheit sprechen, ge­ben wir doch nur unsere eigene Meinung zum Ausdruck."

Da muß man Ihnen Recht geben."

Doktor Retlow hatte die*Terrasse verlassen und war auf sein Zimmer gegangen. Nachdenklich stand er am Fen­

ster und blickte über daS Städtchen auf den Rhein. Flie­derduft drang zu ihm herauf und leise hörte er die Musik von der Terrasse auS. Diesen reizenden Ort hatte Ret- low sich nicht nur ausgesucht, um sich zu erholen, er wollte auch Stoff sammeln, neuen Stoff zu neuem Schaffen.

Doktor Retlow war Schriftsteller und trotz seiner Ju­gend schon viel gelesen. Er hätte eS zwar nicht nötig ge­habt, sich dadurch sein Brot zu verdienen, er besaß Ver­mögen genug, um auch ohne einen Beruf leben zu kön- nen. Die Schriftstellerei betrieb er nur aus Liebhabe­rei, sein reger Geist trieb ihn förmlich dazu, die Eindrücke des Lebens aufs Papier zu bringen. Aber um nun selbst hier eine Romanfigur darzustellen, war er doch nicht her- gekommen, und doch war er auf dem besten Wege dazu.

Immer wieder mußte er an das reizende Kinderge- sichtchen denken, mit den dunklen, verführerischen Augen. Ob sie wirklich auf diesen Baron etwas gab? Auf diesen abgelebten blasierten Menschen, der die gewöhnlichen Men­schen nur von oben herab ansah.

Retlow nahm an seinem Schreibtisch Platz, um an einer Novelle zu arbeiten. Nur einige Zeilen schrieb er nieder, dann warf er den Federhalter mit einer unwilligen Ge- berde auf den Tisch. ES ging nicht. Ja, wenn er von ihr schreiben würde .. aber hier in die angefangene Arbeit paßte sie absolut nicht hinein.

Mehrmals ging Doktor Retlow in seinem Zimmer auf und ab.

AuS einem zierlichen Kästchen nahm er eine feine Ha­vanna und steckte sie in Brand. Merkwürdig, dieses Beru- higungsmittelversagte auch heute seine Wirkung nicht. Als er so auf dem Sofa saß und nachdenklich den blauen Rauch­wölkchen nachblickte, konnte er ganz ruhig über daS Er­lebte nachdenken und wenn er ehrlich sein wollte, so mußte er sich gestehen, daß er wirklich in die kleine Irma ver­liebt war, so verliebt, wie man eS von einem Romanhel­den nicht besser verlangen konnte.

AuS den blauen, duftenden Rauchwölkchen schienen ihm die dunklen Augen mit dem unbeschreiblichen Ausdruck,

halb neckisch-kindlich und halb verlangend als Weib, «nt- gegenzusehen.

Doktor Retlow war bis jetzt noch von dem Gefühl der- schont geblieben, was er in seinen Romanen und Novellen so meisterhaft zu schildern wußte. Sein Herz war bis jetzt noch frei. Aber diese Freiheit war ihm nun genommen, er war gefesselt, er fühlte die Fesseln und wollte dagegen kämp- fen, aber es war nur ein schwacher Versuch, ein Versuch, der nicht ernst war. ,

*

Gegen Abend begab sich Doktor Retlow in den Park.

Das Konzert auf der Terraffe war zu Ende, die Ge­sellschaften hatten sich zurückgezogen.

Doktor Retlow ging ganz in Gedanken versunken den oberen Parkweg entlang, dann bog er rechts in einen dunk­len Weg ab. Hier war es still zwischen den Harzduftenden Fichten, still und dämmerig, ein richtiger Ort für Träumer'

An einem versteckten Plätzchen stand eine Bank, darauf steuerte Retlow zu. Auf dem weichen Boden, der mit einer Schicht von Fichtennadeln bedeckt war, konnte man seinen Tritt nicht hören. Plötzlich blieb Retlow stehen. Er hörte Stimmen. Von der stillen Bank mußten sie Herkommen. ES war ärgerlich, daß ihm jemand zuvorgekommen war. Er wollte sich eben wieder zum Umgehen wenden, aber im letzten Moment blieb er doch lauschend stehen.

War das nicht die Stimme des Barons v. Stotzler? Und allein war er nicht, er hatte ganz genau das unter- drückte Lachen einer Mädchenstimme gehört.

Sollte es Irma von Hochheim sein? Wie heiß ihm auf einmal das Blut in den Kopf schoß! Wie es ihm einen schmerzlichen Stich ins Herz gab. Er mit ihr an diesem

Einen Augenblick stand er zweifelnd. Sollte er sich ent­fernen ? Aber die Eifersucht trieb ihn, näher zu schleichen. Er mußte wissen, ob sie eS wirklich war, ob Irma wirk­lich so leichtsinnig war? Hätte er daS Glück gehabt, mit ihr an einem so einsamen Plätzchen plaudern zu dürfen, dann hätte erfichsicherkeine Borwürfe gemacht,aber der Baron j