Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 32. Samstag, den 22. April 1905.
56. Jahrgang.
Zieh, nun zieht aufs neue Ostern bei uns ein, Fried' und Freude kündend, Glück und Sonnenschein Und vom Turm die Glocken Iubeln's laut durchs Land, Daß aus Grabesdunkel Christ der Herr erstand.
Rings auf Flur und Auen Und in Herz und Haus Ist's mit Leid und Klagen, Allem Wehe aus.
Aehrt am Gstermorgen In des Frührots Schein, Wieder ja ein Engel Tröstend bei uns ein:
„Was du auch gelitten, Armes Menschenherz, Was du auch empfunden Haft in Sorg und Schmerz, Das sei nun vergessen, Und vorbei dein Leid Jetzt zur gnadenreichen Sel'gen Gsterzeit.
Zieh, wie neues Leben Rings um dich ersteht, Wie durch alle Weiten Freud' und Wonne geht, G so grüß und juble Und frohlock' auch du Thrist, dem auferstandnen Sohne Gottes zu.
Und beim frommen Klänge, Der vom Turm ertönt, Fühl' mit allem Grame Liebreich dich versöhnt. Hat der Sünde Ketten Ja der Herr gesprengt, Glauben, Lieb und Hoffen Neu in dich versenkt."
So, du Fest der Ostern, Zieh mit lichtem Schein Rings in Haus und Herzen Legenspendend ein. Und ein neues Leben Bringt in Volk und Land, Da aus Grabesdunkel Thrist der Herr erstand.
Amtliches.
Wie aus dem Korrespondenz-Artikel der vorigen Nr. dieser Zeitung hervorgeht, hat die Hess. Naff. landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft iu Cassel die Errichtung einer Haftpflicht-Versicherungsanstalt auf genossenschaftlicher Grundlage beschlossen.
Die Vorteile der Anstalt gegenüber anderen Ver- ficherungsgesellschaften sind für die Landwirte so erheblich, daß der Beitritt jedem Einzelnen nur empfohlen werden kann.
Alles Nähere ist aus den Statuten und Flugblättern die den Herren Bürgermeistern zugegangen sind, ersichtlich.
Schlüchtern, den 12. April 1905.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Graf zu SolmZ.
Ostern. ^
An der Schwelle des blüten- und blumenreichen Monats Mai feiern wir diesmal unser Öfter« fest. Nach des langen Winters Bann und Pein hält der Lenz nun jubelnd seinen Einzug in die Natur und zu all dem Sprossen und Blühen, zu all dem Lobgesang der gefiederten Sänger in Wald und Hain
erklingen die Glocken von Turm zu Turm und verkünden in Stadt und Land und über den ganzen Erdenrund die frohe Botschaft der heiligen Ostern: „Christ ist erstanden!" Die christliche Kirche begeht zugleich mit der Auferstehung der Natur die Gedenkfeier an das andere Auferstehungswunder: die Befreiung des Welterlösers von den selbstgewollten Banden des Todes und des Grabes. Ein neuer Frühling brach für die Welt mit der Vollendung dieses Er» lösungswerkes an und inmitten der Wüste des dunkelsten Heidentums erwuchs der Riesenbaum des christlichen Glaubens, in dessen Schatten allein Kultur und Gesittung gedeihen. Durch Nacht zum Licht — durch Trauer zur Freude, das ist die beseeligende Osterge- Wißheit, der wir unsere Herzen nicht verschließen sollen. Christ ist erstanden, der Tod ist bezwungen, das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden. So ist Ostern das Fest der Hoffnung, des frohen Glaubens an den Sieg alles Guten über das Böse, der durch Christi Kreuzestod und Auferstehung besiegelt ist, Das herrliche, doppelte Triumphfest enthält deshalb für uns Trost und Mahnung für alle Tage des menschlichen Daseins, es verkündet uns nicht nur die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben, sondern zeigt uns auch die ewige Wahrheit, daß ohne Prüfung, ohne Kampf kein Sieg möglich ist. Welch ein Trost
liegt doch in dieser Ostergewißheit, und deshalb soll die Feier des Auferstehungsfestes uns mit neuem Mut, mit neuer Kraft und Zuversicht, und neuer glaubensstarker Hoffnung erfüllen. Wenn die Glocken drum uns heute wiederum Ostern einläuten, so mögen ihre Klänge vorbedeutend sein für eine glückliche Zukunft nicht nur eines jeden Einzelnen unter uns, sondern auch für Haus und Familie, Gemeinde und Staat wie für das Leben der Völker aller Nationen auf weitem Erdenrund. Das sei unser Osterwunsch.
Deutsches Reich.
— Dienstag vormittag begab sich die Kaiserin mit Lm Prinzen Adalbert von Taormina herunter. Sie gingen an Bord der „Hohenzollern", nahmen mit dem Kaiser zusammen den Tee und kehrten um 7 Uhr nach Taormina zurück. Angesichts der Schwierigkeiten der Beförderung der Post mit der Eisenbahn stellten sich die italienischen Kriegsschiffe zu diesem Zweck zur Verfügung.
— Der Kaiser hat den Wohlsahrtseinrichtungen der Hamburg-Amerika-Packetfahrt-A.-G. eine Spende von 15000 Mark als Zeichen seiner besonderen Anerkennung überwiesen.
— Prinz Heinrich von Preußen ist am Dienstag Vormittag in Darmstadt angekommen und am Bahn-
Der kleine Doktor.
Roman von W. Sartory. 8
Sie war immer bei fremden Leuten gewesen, der Vater mochte das arme Wesen nicht sehen, daß seiner innigst- geliebten Gattin das Leben gekostet hatte.
Als Irma größer wurde, kam sie in ein feines Pensionat nach Paris. Einmal im Jahre durfte sie ihre Heimatsscholle betreten, aber sie hatte keine Freude in dem großen Schloß, das still da lag, wie ein Totenhaus. Ihr Vater kümmerte sich nicht um sie und so war Irma immer wieder froh, wenn ihre Ferien herum waren und sie wieder zu den Pensionsfreundinnen zurückkehren konnte. Als dann der Vater starb, wurde sie als einziges Kind Besitzerin des Schlosses. Die Ländereien hatte ihr verstor- bener Vater längst verkauft, nur noch ein großer Park gehörte dazu.
Aber auch jetzt konnte sich die kleine Schloßherrin nicht gut in der Heimat schicken. Sie war ihr fremd geworden, weil keine sonnige Erinnerung der Kindheit mit ihr verbunden war. Kaum zog der Frühling inS Land, dann flog Irma von Hochheim aus, regelmäßig wie ein Zugvogel, und kam der rauhe Herbst, dann kehrte sie mit ihrer Tante, die sie stets mitnahm, um nicht gar so allein zu stehen inS Schloß zurück. Daß die kleine, reizende und dabei enorm reiche Schloßherrin sehr viel umworben wurde, braucht wohl nicht extra betont zu werden, dies wäre sicher, vielleicht ebensoviel auch ohne ihr liebliches Aeußere, bei der halben Million der Fall gewesen. Aber Irmas Herz war noch frei, bis jetzt hatte es noch kein Mann fer- tig gebracht, einen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Korbbeladen sind die meisten abgezogen, wenn sie sich nicht im Bewußtsein der Aussichtslosigkeit schon vorher drückten.
Im verflossenen Jahr war sie zum erstenmal mit ihrer Tante Gertrud nach Marienberg gekommen, und der Aufenthalt in den schönen Parkanlagen, sowie überhaupt die reizende Umgebung des Städtchens Boppard, hatte es fer
tig gebracht, daß sie sich hier ziemlich wohl fühlte. Des- halb war sie auch, sobald der sonnige Frühling inS Land gezogen kam, schon aufgebrochen. Sie war in diesem Jahr eine der ersten Gäste gewesen.
Den Baron von Stotzler hatte Irma erst vor kurzer Zeit kennen gelernt. Sie liebte bei den Männern das schneidige, elegante, nicht allein im Anzug, sondern auch im ganzen Benehmen.
Baron von Stotzler hatte sich ihr als Gutsbesitzer vorgestellt, und sie hatte ja auch gar keinen Grund an seinen Worten zu zweifeln.
Acht Tage vergingen. Dr. Retlow hatte bisher vergeblich gesucht, sich Irma von Hochheim zu nähern. Im- mer war ihm dieser Baron, dessen Name er mittlerweile erfahren hatte, im Weg. Dr. Retlow wurde immer wüten- der auf seinen Nebenbuhler.
Wie oft sah er von ferne mit eifersüchtigen Augen zu, wie sie lachend mit ihm plauderte. Ein förmlicher Haß stieg in seinem Herzen auf und wenn er sich auch hundertmal sagen mußte, „das geht Dich ja gar nichts an."
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ES war an einem sonnigen Junitag. Auf der Terrasse an der Vorderseite des Kurhauses spielte eine Militär- kapelle. Von der Terrasse aus hatte man eine herrliche Aussicht auf das Städtchen.
Gleich unten zog sich der Rest der alten Befestigungsmauer hin, altes, verwittertes, efeubewachsenes Mauer- ioert. Aus dem Häusermeer ragten die beiden Türme der Kirche und nicht weit davon der viereckige Turm der alten Burg, die jetzt zum Gefängnis diente.
Ziemlich belebt war es auf der Terrasse. Hier saß man in Gruppen zusammen um die runden Gartentische, andere promenierten auf und ab, wieder andere standen da und besahen sich das reizende Panorama.
Dr. Retlow saß ganz allein an einem kleinen, runden Tisch. Suchend, als ob er jemand erwarte, blickte er umher. Irma von Hochheim war nicht zu sehen, ebensowe
nig der Baron von Stotzler. Ob die beiden am Ende wie- der an einem stillen Plätzchen im Park saßen und zusam- men plauderten?"
Unmutig stand Retlow auf und ging eine Zeitlang auf und ab. Warum? Er konnte ja auch einen Spaziergang durch den Park machen. Dr. Retlow ging in das Kur- Haus zurück, durch den Kreuzgang an der Hinterseite zum Park hinaus. Jedes versteckte Winkelchen im Park suchte er ab, aber keine Spur war von der Gesuchten zu finden. Aergerlich kehrte er auf die Terrasse zurück. Er wollte wieder auf seinen alten Platz zurückkehren, blieb aber auf halbem Wege plötzlich stehen.
Gleich neben dem Tisch, an dem er vorher gesessen hatte, saß Irma von Hochheim mit einer älteren Dame.
Unwillkürlich blickte Retlow umher. Der Baron war nicht zu sehen. Etwas zögernd ging er auf die beiden zu.
Irma sah ihn ankommen und konnte nur mit Mühe ein Lächeln verbergen. In ihren dunklen Augen blitzte e» schelmisch auf, als der kleine Doktor sich vorstellte.
„Gestatten die Damen," fragte Retlow mit etwas unsicherer Miene, „daß ich hier Platz nehme?"
„O bitte, Herr Doktor Ret...? Wie sagten Sie nur eben?"
„Retlow, gnädiges Fräuleins
„Wie dumm von mir, so einen einfachen Namen nicht behalten zu können," lachte Irma auf, ohne jedoch eines Hintergedanken dabei zu haben.
Dr. Retlow blickte sie fragend an, daß heißt, er wollte es tun, senkte aber gleich vor den seinem Blick begegnen- den Augen verwirrt den Kopf. Da er aus Verlegenheit nicht wußte, was er jetzt tun wollte, kramte er in seinen Papieren herum und suchte das Kärtchen hervor. Aber wie dumm, gerade heute konnte er das kleine, verflixte Ding nicht finden. Seine Finger wurden schon ganz nervös.
„Wollen Sie mir ein Rezept schreiben, Herr Doktor," lachte Irma, die seine Verlegenheit belustigte. 112,18