SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 29~ Mittwoch, den 12. April 1905. 56. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die Kchlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchtepner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die gröstte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
St. 303. Die Herrn Vorstände derjenigen Stadt- und Landgemeinden des Kreises, in denen Gewerbebetriebe bestehen, deren Veranlagung zur Gewerbesteuer für 1905 in einem außerhalb des Kreises Schlächtern belegenen Orte erfolgt ist, ersuche ich, mir umgehend die hiervon auf die Gemeinden des Kreises Schlüchteru entfallenden Gewerbesteuerteilbeträge unter Angabe der Gewerbebetriebe anzuzeigen.
Eine Fehlanzeige ist nicht erforderlich.
Schlüchtern, den 9. April 1905.
Der Vorsitzende des Steuerausschusses der Gewerbesteuerklassen IV.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag nahm am Donnerstag zunächst in erster und zweiter Lesung den Entwurf eines Gesetzes über eine Aenderung des Reichsbeamten-Gesetze» vom 31. März 1873 an. Nach diesen Entwurf sollen künftig auch die Gehälter über 12000 Mark in vollem Umfange pensionsfähig sei, was nach dem Beamten- Gesetze nicht der Fall war Auch der Antrag auf Aenderung der Grundbuch-Ordnung sowie der Er- gänzungs-Etat zum Reichshaushalt für 1905 und der Ergänzungs-Etat zum Etat der Schutzgebiete für 1905 gelangten in zweiter Lesung zur Annahme. Bei dem letzten Gegenstand protestierte der Abg. Ledebour (soz) gegen die Absicht der Regierung, den Herero ihr Land nicht wiederzugeben, wurde aber vom Regierungstisch und von Rednern aus dem Hause eines andern belehrt. — Am Freitag nahm das Haus zunächst in dritter Lesung den Entwurf über die Kontrolle des Reichs
Der KotteriekSnig.
Roman von F. Wüstefeld. 58
Sie stieß einen Ruf des Bedauerns aus. „Um mei« netivinen!"
„Nein, nein, nicht um Deinetwillen, und wäre es der Fall, so wäre Dein Besitz nicht zu teuer erkauft. Echtes Gold wird klar im Feuer; in der Stunde der Prüfung habe ich erst Deinen Wert erkannt! Doch jetzt laß uns unsere Gastfreunde herbeirufen."
Noch mehrere Stunden ging es im SchobertschenWohn- zimmer sehr lebhaft zu. Man hatte einander gar Viel zu erzählen und sich gegenseitig Aufklärung zu geben. Es war dabei selbstverständlich, daß Schobert verschwieg, wie er den Hauptmann gefunden hatte, und was zwischen ihnen vorgegangen war.
Nur der Verabredung wurde gedacht, daß Düskow in Schoberts Geschäft treten und die Leitung der Filiale in New-Aork übernehmen sollte. Sie fand allgemein freudige Zustimmung, die lebhafteste aber bei Frau Mathilde Schobert.
„So ist eS recht!" rief sie freudig in die Hände schla- gend, „so geht mir mein Konradinchen doch nicht wieder nach Amerika Wie ich schon gefürchtet habe." Sich besin- nend, daß diese Aeußerung Angela verletzen könne, fügte sie schnell hinzu: „Sie, liebe Angela, sind ja in New-Aork nun zu Hause."
„Ich werde aber wohl auf ein Vierteljahr wenigstens mit hinüberreisen müssen, um meinen neuen Geschäftsführer in sein Amt einzuweihen," sagte Schobert, um seine grau zu necken, aber auch um zu sehen, welche Aufnahme sein Plan bei ihr finden würde.
„Daraus wird nichts, Konrad, wir sind in dem Alter, wo man sich nicht mehr trennt, und mitreisen kann ich nicht, daS weißt Du, ich fürchte mich zu sehr vor dem Wasser und würde unterwegs sterben. Bleibe Du nur hier und laß Grelling reisen, der hat weder Frau noch Kind und versteht die Sache ebenso gut wie Du."
haushaltes, des Landes-Haushaltes von Elsaß-Lothringen und des Haushaltes der Schutzgebiete an, ebenso auch das Gesetz über Aenderung des Reichsbeamten-Gesetzes, und trat dann in die dritte Beratung des Nachtrags- Etats zum Reichhaushalts-Etat und zum Etat der Schutzgebiete für 1905 ein, die gegen die Stimmen der Sozialdemokraten ebenfalls zur Annahme gelangten. Auf Antrag des Abg. Spähn (Z.) beginnt das Haus seine Osterferien, die bis zum 10. Mai dauern.
— Im preußischen Abgeordnetenhause stand am Donnerstag zunächst eine Interpellation wegen der Genickstarre in Oberschlesien zur Beratung. Minister Dr. Studt und Geheimrat Kirchner warnten die Bevölkerung Oberschlesiens, sich zu sehr beunruhigen zu lassen, und baten, in der Heimat auszuharren; eine Abnahme der Epidemie sei sicher zu erhoffen. Nachdem sodann ein Antrag des Grafen Limburg-Stirum (k.) auf Zurückverweisung des Entwurfs betreffs der Verwaltung gemeinschaftlicher Jagdbezirke zur Annahme gekommen war, beriet man in zweiter Lesung über den Antrag des Grafen Douglas auf Schaffung eines VolkswohlfahrtsAmtes. Sämtliche Redner des Hauses sprachen ihre Zustimmung zu dem Anträge aus, für den Graf Douglas noch einmal mit warmen Worten eintrat. Auch Minister v. Bethmann-Hollweg legte die dem Anträge günstige Stellung der Regierung dar, und so wurden die Beschlüsse der Kommission einstimmig angenommen. Endlich gelangte auch der Antrag v. Bodelschwingh (b. k. Fr.) und Pappenheim (k.) betreffs der Fürsorge für arbeitsuchende mittellose Wanderer in der Kommissions-Fassung zur Annahme, während ein Antrag Brütt (freik), nach dem der Staat zwei Drittel der hierfür nötigen Kosten tragen soll, auf Anraten der. Minister v. Bethmann-Hollweg und v. Rheinbaben abgelehnt wurde. — Am Freitag nahm das Haus zuerst Wahlprüfungen vor und beriet dann über einen Antrag Gamp (freik.) auf Aenderung des Allgemeinen Berggesetzes, der einer besonderen Kommission übertragen wurde. Endlich wurden die Paragraphen 1 bis 4 des Seuchengesetzes angenommen.
— Wie die „Kölnische Zeitung" hört, wird der preußische UnterrichtSminister der Schulbehörden anweisen , denjenigen akademisch gebildeten Lehrern, Volksschul-Lehrern und Lehrerinnen, die an deutschen Auslandsschulen eine Stelle übernehmen wollen, den Uebertritt in den Auslauds-Schuldienst durch Erteilung von Urlaub oder Zusicherung der Wiederaufnahme in den heimischen Schuldienst, sowie durch Anrechnung
„Danke für die gute Meinung!" lachte Schobert. „Nun, wir können uns das alles noch genauer überlegen, denn es werden einige Monate vergehen, bis die Angelegenheit so weit gediehen ist, daß wir hinüberfahren können. Inzwischen bekommst Du eine zweite Lehrtochter in Angela."
„Wollen Sie mich wirklich dazu annehmen?" fragte Angela und ergriff Frau Mathildes Hand.
„Aber gewiß!" erwiderte sie eifrig und ihre guten Augen leuchteten. „Wir waren doch übereingekommen, daß Sie im Hause bleiben sollten, bis sich eine Stelle für Sie gefunden hätte. Das ist ja nun der Fall."
„Wie herrlich," rief Konradine, „jetzt lernen und arbeiten wir gemeinschaftlich; das wird ein anderes Zusam- menleben als im Farlowschen Hause, wo wir beide nichts zu tun hatten."
„Das soll Euch bei mir nicht begegnen," lachte Frau Schobert, „ich werde Euch schon ordentlich herannehmen." Sie überlegte dabei bereits, welche Arbeiten sie vorneh- men solle, um die beiden Mädchen nützlich und lehrreich zu beschäftigen, und es ihren Mädchen, von denen sie keines entlassen mochte, Nicht allzu leicht zu machen.
„Ob Farlows wirklich morgen abreisen?" fragte Lin- derer.
Angela antwortete: „Ganz gewiß! Der Boden hat ihm lange unter den Füßen gebrannt, er hat immer die Entdeckung gefürchtet."
„Trotz allem, was er auf dem Kerbholz hat, tut er mir eigentlich leid," sagte Schobert, „es steckt ein guter Kern in ihm."
Die anderen lachten. „Er ist ein Dieb und Fälscher," erwiderte Linderer, „am meisten stößt eS mich aber ab, daß er, obwohl er zu so großem Reichtum gekommen ist, die erschwindelten fünfhunderttausend Gulden nicht her- ausgegeben hat."
„Nein, mich empört am meisten daS, was er an Angela gesündigt hat!" erklärte Frau Mathilde.
„Er hat es in seiner Art gut zu machen versucht," bemerkte Schobert, „indem er sie nicht nur für seine Nichte >
der im Ausland zugebrachten Dienstzeit möglichst zu erleichtern.
— In einer Verfügung des Handelsministers Möller an einen Regierungspräsidenten wird hervorgehoben, daß die Gewerbe-Aufsichtsbeamten die Beschwerden der Arbeiter über die in der Gewerbeordnung näher bezeichneten Angelegenheiten ausnahmslos zu untersuchen haben, wenn sie zu ihrer Kenntnis kommen. Es könne dies durch die Tagespresse, auf schriftlichem Wege oder durch die Verhandlung öffentlicher Versammlungen geschehen sein. Stellen sich dabei Mißstände heraus, so sei für deren Abstellung Sorge zu tragen. Veranlassung zu der Verfügung gaben Mißverständnisse über die Aufgabe der Aufsichtsbeamten. Es wäre, sagte der Minister, nicht zu billigen, wenn die Gewerbe- Aufsichtsbeamten die Namen von Arbeitern, die sich mit Beschwerden über Mängel der gewerblichen Betriebsstätten an sie gewandt haben, ohne deren ausdrückliche Zustimmung zur Kenntnis der Arbeitgeber brächten.
Ausland.
— Der Kaiser ist auf seiner Mittelmeerfahrt in Neapel eingetroffen, wo sich auch König Viktor Emanuel zur Begrüßung eingefunden hatte. Bei einer Galatafel am Abend wechselten die Monarchen herzlich gehaltene Trinksprüche, in denen auf die enge Freundschaft der beiden Fürstenfamilien sowie auch der beiden Völker hingewiesen wurde. Besonders betonten beide Monarchen die innige Freundschaft der beiden Völker und den Dreibund als ein sicheres Pfand des Friedens. Der von seiner Weltreise zurückkehrende Prinz Adalbert traf ebenfalls in Neapel mit seinem kaiserlichen Vater zusammen. Die deutsche Kolonie in Neapel wurde vom Kaiser huldvollst begrüßt. Die Bevölkerung brächte den hohen Gästen überall die herzlichste Ovation dar.
— Der König Eduard von England hat mit seiner- Gemahlin einen Besuch in Frankreich unternommen und mit dem Präsidenten Loubet eine Zusammenkunft gehabt. Der Präsident erwartete den König in Pierresitte und fuhr mit ihm nach Paris; der Minister Deleassä war zu der Zusammenkunft nicht zugezogen, weil König Eduard sich entschlossen hatte, sein Gefolge ausschließlich aus nichtpolitischeu Persönlichkeiten zu wählen. Nach Erklärung des Präsidenten waren die Unterredungen mit dem König sehr herzlich.
— Nach einer Meldung des Generals v. Trotha aus Südwestafrika überfiel Leutnant Müller bei Eundo
ausgab, sondern auch wie eine nahe Verwandte hielt. Weit unsympathischer als er, ist mir immer seine Frau gewesen."
Die Bemerkung fand allgemeine Zustimmung.
„Der größte Teil des Unheils, was geschehen ist und noch geschehen konnte, fällt ihr zur Last, ihrem Unver- stand, ihrer Putzsucht und ihrem Streben, sich in vornehme Kreise zu drängen!" sagte Düskow.
„Es fehlte nicht viel, so wurde sie bei Hofe vorgestellt," lachte Frau Mathilde, „aber lassen wir sie! Ich glaube, sie wird keine Europafahrt mehr unternehmen."
„Dafür stehe ich nicht," bemerkte Linderer, „obschon daS Ziel schwerlich Deutschland sein dürfte. Ich sage aber mit Tante Schobert: Lassen wir die Leute! Denken wir lieber an unser gemeinschaftliches Vorhaben und schließen wir die Sitzung. ES worein ereignisreicher und aufregender Tag."
Er stand auf, alle folgten seinem Beispiel. Bald lag daS Schobertsche Haus finster und in tiefer Ruhe.
* * * 116,18
Die Nachricht von der Entlarvung des „LotteriekönigS FarkaS", der sich unter dem Namen Farlow in die bessere Gesellschaft geschlichen hatte, verbreitete sich sehr schnell. ES fanden sich jetzt eine ganze Anzahl Leute, die sich deS Prozesses, der seinerzeit viel Staub aufgewirbelt hatte, erinnerten, und man wunderte sich, daß man dem ehe- maligen Sträfling nicht früher aus die Spur gekommen war.
Statt Angela für die Körbe, die sie auSgeteilt, dankbar zu sein, schmähte man aber über sie und über Scho- bertS, sobald ruchbar ward, sie habe bei diesen Aufnahme gefunden. Man nahm eS ihnen ohnehin sehr übel, daß sie es gewesen, durch welche die Abenteurer zuerst in die Gesellschaft eingeführt worden waren, und vergaß ganz, daß man sie sehr bereitwillig ausgenommen und sich zu ihnen gedrängt hatte. Sie hätten, so war die allgemeine Meinung, nicht die Hand dazu bieten dürfen, daß daS anstößige Findelkind in der Residenz bleiben und sogar ihre Verlobung mit einem Offizier aufrecht halten durfte.