SchlüchtermrAitun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 27. Mittwoch, den 5. April 1905. " 56. Jahrgang.
Fortwährend
werden Btstellttirgen auf die Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Tchlü temrer ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüchtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Nr. 634 K. A. Da nach dem heutigen Standpunkt der Veteunärwissenschaft feststeht, daß die Rindvieh „Tuberkulose" durch den Deckakt vom Vatertier nicht übertragen wird, werden die Anordnungen:
a) vom 18./8. 96 Kreisblatt Nr. 34, wonach die Gemeinden nur geimpfte und als Tuberkulose frei erkannte Bullen kaufen und einstellen dürfen,
b) vom 17./9. 96 Kreisblatt Nr. 39 J.-Nr 6537 nach welcher nur solche Bullen zur Körung zugelassen werden, die innerhalb der letzten 4 Wochen mit Tuberkulin geimpft sind und sich dabei als Tuberkulosefrei ergeben haben, bis auf Weiteres hierdurch aufgehoben.
Schlüchtern, den 4. April 1905.
Der Kgl. Landrat: Graf zu Solms.
Bekanntmachung.
Die diesjährigen Frühjahrskontrol-Versammlungen werden wie folgt abgehalten:
1. in Hauswurz
Freitag, den 7. April, Mittags 12 Uhr für Reservisten, Landwehrleute I. Aufgebots und Ersatz- Reservisten Jahrgang 1904 bis 1892 aus den Ortschaften Hintersteinau und Reinhards, Kreis Schlüchtern.
2. in Oberkalbach
Sonnabend, den 8. April, Vormittags 11 Uhr für Reservisten, Landwehrleute I. Aufgebots und Ersatz- Reservisten Jahrgang 19C4 bis 1892 aus den Ortschaften Gundhelm, Heubach, Hütten, Uttrichshausen, Oberkalbach, Kreis Schlüchtern.
Diejenigen Mannschaften, welche in der Zeit vom
1. 4. 1892 bis 30. 9. 1892 eingetreten sind, brauchen zur Kontrolversammlung nicht zu erscheinen.
Die Militärpapiere sind mitzubringen.
Wer durch Krankheit oder dringende Geschäfte an dem Erscheinen verhindert ist, muß ein ärztliches Attest bezw. eine Bescheinigung der Ortsbehörde an das Meldeamt Fulda einreichen, damit noch vor dem Termin die Entscheidung mitgeteilt werden kann.
Falls das Nachsuchen um Befreiung rechtzeitig nicht möglich war, ist ein bezügliches Gesuch oder Attest bis spätestens zur Stunde der Kontrolversammlung auf dem betreffenden Kontrolplatz überreichen zu lassen.
Unentschuldigtes Ausbleiben wird mit Arrest bestraft.
Die Herren Ortsvorstände und Gutsvorsteher werden ersucht, den Beteiligten hiervon in ortsüblicher Weise Kenntnis zu geben.
Königliches Meldeamt Fulda.
Deutsches Reich.
— Die Heimreise des Prinzen Adalbert hat einige Aenderungen erfahren. Am Mittwoch erreichte der Prinz mit der „Hertha" Neapel, wo die Kaiserjacht „Hohenzollern" zwei Tage zuvor eingetroffen war. Der Prinz bleibt einige Tage in Neapel. Der Heimgekehrte siedelt an Bord der „Hohenzollern" über und erwartet die Ankunft des Dampfers „Hamburg" und des Begleitkreuzers „Friedrich Karl", um den kaiserlichen Vater zu begrüßen. Von Neapel geht die Reise nach Taormina zum Wiedersehen mit der Kaiserin. Prinz Adalbert trifft in Kiel erst zur Kieler Woche ein, um mit der Sonderjacht „Samoa III." an den Wettfahrten teilzunehmen.
— Im Reichstage begründete am Dienstag bei der zweiten Beratung des Etats zunächst der Abg. Graf Kanitz (kons.) eine Resolution, die Zollkreöire für Getreide und Mühlenfabrikate bereits am 1. Juli d. J. aufzuheben. Der Reichsschatzsekcetär Freiherr v. Stengel erblickte hierin einen Eingriff in die Rechte des einheimischen Getreidehandels, durch den aber auch die Vertragsstaaten in Mitleidenschaft gezogen würden. Die Linke des Hauses stimmte dem Staatssekretär bei, während Zentrum, Nationalliberale und Reichspartei sich für Kommissionsberatung aussprachen. Die Abstimmung wurde noch verschoben. Sodann mahnte der Reichsschatzsekretär, einen Teil der von der Budgetkommission aus dem Extraordinarium in das Ordinarium übertragenenPositionen im Extraordinarium zu belassen, um die Einzelstaaten nicht zu sehr zu
belasten; obwohl er durch die Abgg. Dr. Brunstermann (b. k. Fr.), Patzig (natl.) und Frhr. v. Richthofen (kons.) Unterstützung fand, wurden doch die Positionen entsprechend den Kommissionsanträgen genehmigt und endlich das ganze Etatsgesetz angenommen. — Am Mittwoch nahm das Haus in dritter Lesung die Entwürfe über die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke und die Festlegung der zweijährigen Dienstzeit für die Fußtruppen an. Bei der dann folgenden dritten Beratung des Etats hielt der Abg. Bebel (soz) wieder eine seiner bekannten Brandreden, in der er namentlich den Reichskanzler Grafen von Bülow und den Minister Möller angriff; er wurde aber wieder in überlegener Weise von dem Reichskanzler abgefertigt, der in meisterhaft feiner Weise der deutschen Sozialdemo- kratie kräftige Hiebe versetzte. Endlich gelangten noch der Kolonialetat und die Etats für die Schutzgebiete zur Annahme. — Am Donnerstag fand die Fortsetzung der KrankenkaffewDebatte und die persönlichen Auseinandersetzungen zwischen den Abgg. Dr. Becker (nat.-lib.) und Scheidemann (soz), Dr. Mugdan (fr. Bp.) und Fräßdorf (soz.). Beim Militäretat wurde der Fall des Leutnants Dietz aus Mainz erörtert, der sich wegen Schikanierung durch seinen Kommandeur das Leben genommen haben soll. Minister v. Einem glaubte mit Recht, man müsse mit seinem Urteil warten, bis die Untersuchung des Falles beendet sei. Bei dem Etat der Reichs-Justizverwaltung teilte Staatssekretär Dr. Nieberding auf Anregung des Abg. Wassermann (nat.-lib.) mit, daß die Reform der Strafprozeßordnung im Fortschreiten sei und voraussichtlich im Laufe des Jahres ihren Abschluß fände. Beim Etat der Matrikularbeiträge gab der Minister Frhr v. Rheinbaben die Erklärung ab, daß die verbündeten Regierungen zur Aufnahme von noch 22 Millionen ungedeckter Matrikularbeiträge bereit seien, um die Zuschuß-Anleihe herabzusetzen. Endlich wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokratie der ganze Etat in dritter Lesung angenommen. Bei der dann folgenden Abstimmung über die Resolution des Grafen Kanitz, die Zollkredite für Getreide und Mühlen» fabrikate bereits am 1. Juli d. J. aufzuheben, erwies sich das Haus als beschlußunfähig. — Am Freitag wurde zunächst der dritte Nachtrags-Etat für 1904 bewilligt und der Ergänzungs Etat nach eingehender Begründung durch Kolonial-Direktor Dr. Stübel der Budgetkommission überwiesen. Es folgte dann die Beratung von Petitionen, unter denen die auf Ein-
Ier Kotierrekönig.
Roman von F. W ü st e f e l d.
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Alles verloren, nur die Ehre nicht!" sprach er, um
sogleich mit grausamer Selbstverspottung hinzuzufügen: „Sie ist verloren, wenn ich ihr auch ein Mäntelchen um« Anhängen suche, um sie festzuhalten. Ist es ehrenhaft," fuhr er fort, „ein Mädchen, das im Vertrauen ihrer Liebe sich mir anverlobt hat, zu verlassen, weil sie grenzenlos unglücklich, weil frevelhaft gegen sie gehandelt ist? Nicht sie hat gesündigt, sondern es ist gegen sie gesündigt worden ! Und statt sie zu beschützen, verläßt Du sie; statt sie an Dein Herz zu nehmen, stößt Du sie in die kalte, erbarmungslose Welt! Aber sie hat es selbst gewollt!" redete er dagegen, als sei es ein anderer, der sich mit ihm auf einen Streit eingelassen habe. „Nicht Du hast sie verlassen, sondern sie hat in der richtigen Erkenntnis, daß sie Deine Frau nicht werden könne, Dir Deinen Ring zurückgegeben. Und Du hast ihn sehr gern genommen!" lachte er in bitterer Selbstironie, um gleich darauf die Hände vor das Gesicht zu schlagen und jammernd hinzuzufügen: „Nein, nein, das habe ich nicht getan! O Angela! Angela! mir bricht das Herz, daß ich Dich lassen muß. An meinem Lebenshimmel ist die Sonne untergegangen. Wie soll ich ohne Dich das Leben ertragen? Muß ich sie lassen?" fragte er sich dann. „So vieleMäuner arbeiten und erhalten ihre Frauen und Familien! Könnte ich das nicht auch tun ? Aber wie? Ach, ich habe ja nichts anderes gelernt, als das Handwerk deS Soldaten, bin von früher Jugend dazu erzogen. Mr. Farlow denkt anders!" fuhr er mit spöttischen! Lächeln fort. „Ich brauche nur seine Anerbietun- gen anzunehmen, und ich habe einen Beruf, der wahr- scheinlich ganz interessant ist, mich binnen kurzer Zeit zi Millionär machen und dem alten Europa mit seinen Vorurteilen weit entrücken würde. Tausende würden sich nicht bedenken, in die dargebotene Hand einzuschlagen; man wird mich verspotten, daß ich es nicht tue, wird mich einen Don Quixote nennen, aber ich vermag es nicht! Mit Far-
.um
lvw, mit Farkas gehen, hieße für mich teil haben an sei- nem Verbrechen. Und Angela wäre für mich doch verloren. Sie hat sich von den Pflegeeltern, die sie nur zu sich genommen, um sie ein Verbrechen verüben zu lassen, getrennt. Sie hat sie vielleicht schon verlassen. Sie irrt umher. Ich muß sie aufsucheu."
Er hob den Fuß, als wolle er in einer bestimmten Richtung vorwärts gehen, ließ ihn jedoch wieder sinken und seufzte stillstehend: „Wo soll ich sie suchen? Und wenn ich sie gefunden hätte, was könnte ich, der Unbehauste, ihr bieten ? Das beste, das einzige, was ich für sie tun kann, ist, daß ich ihren Weg nie wieder kreuze, daß ich ihr behilflich bin, mich zu vergessen."
Im harten, aufreibenden Kampfe mit sich eilte er immer vorwärts und wußte zuletzt gar nicht, wohin er geraten war. Er erkannte endlich, daß er sich weit von der Stadt entfernt hatte, und daß er einer geraumen Zeit bedurfte, um nach dem Stadtteil, wo er seine Wohnung hatte, zurückzukehren. Die Zeit, in der er mit einigen Kameraden sich zum Frühstück in einem in der Nähe deS Generalstabsgebäudes gelegenen Restaurant zusammenzufinden pflegte, war lange vorüber, daS war ihm aber gerade recht. Er verspürte keinenHunger.obschonerseitfrühem Morgen nichts zu sich genommen, er mochte niemand sehen, nicht in den Blicken der ihm Begegnenden Neugierde oder Teilnahme lesen.
Vom Turme der Stadtkirche schlug es zwei Uhr, als er in die Derfflingerstraße einbog. In der Nähe seiner Wohnung begegnete ihm der Bursche seines Obersten, der ihm einen Brief von diesem übergab und sich entschuldigte, daß er es auf der Straße tue. Der Herr Oberst habe bemerkt, es sei eilig, und er erspare vielleicht der«! Herrn Hauptmann einen Weg.
Düskow zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, sagte, der Bursche habe ganz recht getan, nahm den Brief und eilte nach dem von ihm bewohnten Hause, dessen Tür er durch einen Schlüssel, den er aus der Tasche zog, öff
nete. Auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen, öffnete den Brief und überflog bei dem durch die bunten Fensterscheiben fallenden Lichte dessen Inhalt.
Es war ein in recht warmen, freundschaftlichen Wor- ten gehaltenes Schreiben des Obersten, in dem dieser zuerst den Wunsch aussprach, es möchte dem Hauptmann äsn, die Angelegenheit, in der sie heute morgen mit- er verhandelt, so aufzuklären, daß an den Amerikanern nicht der kleinste Anstoß genommen werden könne. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so müsse er ihm nach reiflicher Ueberlegung als Freund raten, sofort um seinen Abschied einzukommen und nicht abzuwarten, daß er dazu aufgefordert werde, denn er könne dann auf kei- neu Fall Offizier bleiben. Heirate er seine Braut, so sei dies, wie er wohl wisse, unmöglich, löse er das Verhält- nis, so würde ihm das hinwieder zum Vorwurf gemacht werden.
Mit einem tiefen Seufzer und einem recht bitteren Lachen ließ Düskow das Blatt sinken. „Auf jeden Fall werde ich für Dinge bestraft, die ich nicht begangen habe," murmelte er. „Es ist wie beim Duell. Schlägt man sich, so macht man sich straffällig, tut man es nicht, so macht man sich unwürdig, noch länger Offizier zu sein. Ich weiß, was ich zu tun habe.»
Er stieg die Treppe zu seiner Wohnung hinan, aber sein Gang wurde immer schleppender, sein Schritt immer müder; er mußte sich an das Treppengeländer halten, um nicht umzusinken.
Mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft überwand er für den Augenblick die Schwäche; sein Bursche durfte ihn so nicht sehen, er konnte vielleicht Verdacht schöpfen. In seiner Wohnung entledigte er sich schnell der Paradeuniform, zog die Litewka, die er im Hause zu tragen pflegte, an und gebot dem Burschen, ihn allein zu lassen und jeden, der kommen mürbe, abzuweisen. Er sei todmüde und wolle schlafen, 116,18