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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 26.

Deutsches Reich.

Der Kaiser ist auf seiner Mittelmeerfahrt in Lissabon eingetroffen, wo er von dem König Dom Carlos und dem Kronprinzen von Italien feierlich empfangen wurde. Auch die Bevölkerung bereitete dem hohen Gaste eine begeisterte Aufnahme, die von aufrichtigen Sympathien und herzlicher Verehrung für unsern Kaiser Zeugnis ablegte. Die Begrüßung der beiden Monarchen an Bord derHamburg" trug einen außerordentlich freundschaftlichen Charakter.

Die Kaiserin hat mit dem König und der Königin von Italien in Civitavecchia eine Zusammen­kunft gehabt. Anläßlich dieser veröffentlicht die Tribuna" einen Artikel, in dem es heißt:Die Zusammenkunft des Königs und der Königin von Italien mit der deutschen Kaiserin in Cavitavecchia legt ein öffentliches Zeugnis ab von der engen Freund­schaft, welche die beiden Häuser Hohenzollern und Savoyen miteinander verbindet, und beweist, daß unab­hängig von allen Ereignissen der Politik das feste Band der treuen Gesinnung und der Gleichheit der Ziele bestehen bleibt, welches nicht nur die Regierungen von Rom und Berlin, sondern auch die Völker Italiens und Deutschlands eint. In dem Besuch der deutschen Kaiserin in Italien begrüßen wir einen Beweis des Fortbestehens dieser engen Beziehungen, welche beiden Ländern für die Zukunft ein Gewähr für den Frieden und eine günstige Weiterentwicklung bieten."

Im Reichstag, der am Montag die zweite Beratung des Militäretats fortsetzte, brächte der Abg. Zubeil (Soz.) eine Reihe von Klagen und Beschwerden über die Arbeiterverhältnisse in den Militärwerkstätten, besonders Spandau, vor, wurde aber von den Abgg. Becker (Z.) und Lukas (nat.-lib.) sowie dem General­leutnant Sixt von Arnim gebührend zurückgewiesen. Auch der Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel knüpfte an eine Bemerkung Zubeils an und erklärte, daß über die kommunale Besteuerung von Gewerbebetrieben Er­wägungen schwebten aber noch nicht zum Abschluß gekommen seien. Sodann wurde der Rest der dauern­den Ausgaben ohne erhebliche Diskussion bewilligt. Bei den einmaligen Ausgaben und zwar für Erneuerung des Artilleriematerials entspann sich eine Debatte zwischen den Abgg. Eickhoff (fr. Vp.) und Dr. Beumer (nst.-lib.) über die Firmen Krupp und Ehr- Hardt. Der Minister von Einem griff wiederholt ein und erklärte, daß die Militär-Verwaltung sich prinzipiell nicht in Geschütz- und Waffenlieferungs-Sachenan das

Der Kotteriekönig.

Roman von F. Wüste seid. 53

Hastig zog er die Glocke an der Tür, an welcher auf einem Metallschilde die Inschrift: Paul Düskow, Haupt- mann im Generalstabe, zu lesen stand. Der dadurch her- vorgerufene schrille Ton ließ ihn zusammenfahren. Kon- rad Schobert war von Natur gar nicht schreckhaft, aber heute fiel ihm alles auf die Nerven.

Mit angehaltenem Atem wartete er, aber kein Laut ließ sich im Innern vernehmen, kein Schritt ward hör­bar, und angstvoll pochte ihm das Herz. Zum zweitenmal drückte er aus den Knopf, stärker und länger und .. ebenso erfolglos wie vorher.

Er schellte zum drittenmal, entschlossen, wenn auch darauf keine Antwort erfolgen würde, im Hause Lärm zu schlagen und auf irgend eine Weise den Eingang zu er- zwingen, da vernahm er Schritte. Sie schallten nicht durch die verschloffene Tür aus dem Korridor, sondern kamen die Treppe herauf. Erwartungsvoll schaute ihnen Scho- bert entgegen und gewahrte endlich einen Soldaten mit einem Korbe am Arm, au»dem einige Bierflaschen hervor- lugten.

Sind Sie der Bursche vom Herrn Hauptmann Düs­kow?" redete er ihn hastig an.

Der Soldat schallte den Fragenden aus Wasserblauen, nicht allzu klug blickenden Augen forschend an und ant­wortete dann mit der Langsamkeit und Bedächtigkeit des Märkers:Der werde ich ja wohl sein."

Ist der Herr Hanptmann zu Hause?"

Das weiß ich nicht," war die wieder nach einigem Zö­gern erteilte Antwort.

Sie wissen es nicht?" fragte Schobert kopfschüttelnd, und der Soldat ließ sich zu der Erklärung herbei:Das heih'l., er war da, als ich fortging, Aufschnitt und Bier zu ho­len, aber er kann weggegangen sein, während ich fort war."

Schobert atmete ein wenig auf.DerHerr Hauptmann hat Sie also fortgeschickt?" war seine nächste Frage.

Samstag, den 1. April 1905.

Ausland einmische; von einer Monopolstellung der Firma Krupp gegenüber der Heeresverwaltung könne keine Rede sein. Endlich wurde der Rest des Militär­etats wie auch der Etat für die Expedition nach Ostasien ohne Erörterung bewilligt. Zum Schluß nahm das Haus eine Reihe von Resolutionen an, betreffend die Zulassung der Oberrealschul-Abiturienten zu den ärztlichen Prüfungen sowie die Vorlegung einer Denkschrift über Kartelle und Syndikate und Heraus­gabe eines Reichs-Handwerkblattes.

Das preußische Herrenhaus trat am Montag zu einer Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung standen Petitionen und kleinere Vorlagen, die unver­ändert Annahme fanden, sowie mehrere Rechnungs­sachen, die durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt wurden.

Im preußischen Abgeordnetenhause kamen die beiden Berggesetz-Novellen am Montag zur ersten Be­ratung. Die eine Modelle wendet sich gegen die Stilllegung der Zechen, die andere verbietet das Wagen­nullen, verfügt unter gewissen Voraussetzungen einen Maximal-Arbeitstag für ben Steinkohlen-Bergbau und verlangt obligatorische Arbeiterausschüsse für Betriebe von mindestens 100 Arbeitern. Reichskanzler Graf Bülow war der erste Redner zur Sache. In gewohnter meisterhafter Weise begründete er die Novellen und verknüpfte gewandt die in den Novellen den Arbeitern zugedachten Verbesserungen mit scharfen Angriffen auf die Sozialdemokratie. Der Kanzler legte u. a. dar, wie die verhetzende Tätigkeit der Sozialdemokratie kaum jemals drastischer zutage getreten sei, als bei dem Streik im Ruhrrevier, und wie ihre Presse auf der ganzen Linie fieberhaft tätig gewesen sei, um den Lohnkampf nach Möglichkeit zu verbittern. Der freund­liche Rat des obersten Reichsbeamten, sich nicht zu Ausschreitungen hinreißen zu lassen, sei als Provokation der Bergarbeiter verschrieen und die Anküdigung, daß gewisse Uebelstände abgestellt werden sollten, als Hohn auf die Lage der Bergarbeiter" bezeichnet worden. Graf Bülow wies ferner hin auf das Familienelend, das der Streik gebracht habe, und legte den Abgeordneten nahe, daß sie das, was sie für die Abstellung wirklicher Beschwerden tun würden, tatsächlich gegen die sozialdeniokratischen Bestrebungen und für die Monarchie täten. Nach ihm ging Handelsminister Möller näher auf die Vorlagen ein. Die Redner aus dem Hause, Dr. v. Heydebrand und der Lasa (kons.), Schiffer (natl.) Hirsch (frs. Vp.) und Dr.

Nee," erwiderte der Bursche grinsend,ich bin von alleine gegangen, weil's doch Zeit war, zum Abendbrot einznholen, den Herrn Hauptmann hab' ich seit um zwei Uhr nicht gesehen."

Aber er ist zu Hause?" Schoberts Herz wurde wie­der zentnerschwer.

Ich meine wohl," sagte der Soldat.

Schobert drückte ihm ein Dreimarkstück in die Hand.

Dadurch etwas redseliger gemacht, erzählte der Bursche: Es mochte zwei Uhr sein, da kam der Herr Hauptmann, der schon früh in Paradeuniform ausgegangen war, nach Hause und sah sehr blaß und verstört aus, ich dachte gleich, es müsse ihm etwas passiert sein. Er hielt einen Brief in der Hand, den ihm unterwegs einer gegeben haben mußte, und sah inimer hinein. Ich fragte ihn, ob ich ihm etwas zu essen holen sollte, er schüttelte aber den Kopf, ging in sein Zimmer und sagte, er sei müde, wolle sich schlafen legen und schloß hinter sich zu."

Und?" fragte Schobert gespannt.

Na, da wird er wohl noch schlafen," antwortete der Bursche gemütlich,er hat sich während der ganzen Zeit nicht gerührt."

Und Sie haben nicht nach ihm gesehen!" rief Scho­bert sehr erschrocken.

Er lächelte verschmitzt.Ich werde mich schön hüten, den Herrn Hauptmann zu stören, wenn er mir das ver­boten hat. Der Herr Hauptmann ist ein sehr, sehr guter Herr, aber das möcht' ich doch nicht riskieren."

Es ist während der ganzen Zeit niemand bei ihm ge­wesen?"

Der Bursche schüttelte den Kopf und erwiderte logisch: Dann hätte ich ihn doch herein lassen müssen!"

Jetzt lassen Siemich aber hinein I" gebot Schobert, dem die Unterhaltung vor der Tür schon viel zu lange währte.

Was wollen Sie denn drin ?" fragte der Bursche.

Den Herrn Hauptmann sprechen. Schließen Sie schnell die Korridortür auf und melden Sie mich."

Darf ich nicht," beharrte der Soldat kopfschüttelnd.

56. Jahrgang.

Mhi IBB Spähn (3) hatten keine grundsätzliche Bedenken, und so konnte der Reichskanzler mit Befriedigung feststellen, daß von allen Seiten die Möglichkeit einer Verstän­digung zwischen der Regierung und dem Hause über die Vorlagen in Aussicht gestellt sei.

Der neuernannte Minister des Innern Staats« minister Dr. v. Bethmann-Hollweg, hat die Dienst­geschäfte übernommen und sich durch den Staatssekretär v. Bischoffshausen die Beamten seines Ministeriums vorstellen lassen. Dabei gedachte er in einer Ansprache mit warmen Worten seines entschlafenen Amtsvorgängers und sprach die Bitte aus, seiner eigenen Amtsführung Vertrauen entgegenzubringen.

Ausland.

DerNational-Zeitung" wird mit Bezug auf den Kaiserbesuch in Tanger aus Madrid telegraphiert: Der Versuch französischer Blätter, den Aufenthalt Kaiser Wilhelms in Tanger als einen Anlaß zur Beunruhigung für Spanien hinzustellen, ist völlig miß­glückt. Die an Marokko interessierten Kreise begrüßen vielmehr den Besuch als Korrektiv gegen Frankreichs Uebergewicht, Stärkung der völkerrechtlich unvermindert gebliebenen Souveränität des Sultans und Warnung an Frankreich, bei den Verhandlungen in Fez den den Bogen nicht zu überspannen."

In Südwestafrika befindet sich General v. Trotha auf dem Wege nach dem südlichen Teile des Kriegs­schauplatzes und ist von Rehoboth nach Kub abmarschiert. Die Gefechte in den Karasbergen haben den Erfolg gehabt, daß die Bande Morengas sich nach allen Seiten zerstreute. Major v. Kamptz kehrte nach Keetmanns- Hopp zurück. Auf dem Wege dorthin wurde er am 19. März von etwa 100 Hottentotten angegriffen, von denen infolge der günstigen Artilleriewirkung 50 fielen. Am 22. März wurde die Abteilung Kamptz von 150 bis 200 Hottentotten erfolglos ange­griffen. Die Verluste auf unserer Seite sind nur gering.

Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatze nehmen die russischen Truppen allmählich ihre neue Stellungen ein und treten mit einander in Fühlung, die nach den Kämpfen bei Mukden nach Norden gezogenen Trains nähern sich ihren Truppenteilen, und die von ihren Regimentern getrennten Mannschaften kehren zurück. Auf der rechten russischen Flanke sollen in der Um­gegend von Mamakai starke Tschuntschusenbanden bemerkt sein. Die Eisenbahn von Mukden nach

Schobert gab gute Worte und ward heftig, eins fruch­tete so wenig wie das andere. Endlich holte er ein Zehn­markstück hervor und hielt es ihm hin.Das bekommen Sie, wenn Sie mich sogleich in den Korridor treten lassen," sagte er,weiter brauchen Sie nichts zu tun. Sie zeigen mir des Herrn Hauptmanns Tür, ich klopfe an und melde mich selbst. Schnell, schnell, ich kann nicht länger warten."

Noch ein paar Sekunden zögerte der getreue Wächter, dann vermochte er dem Glänze des Goldes doch nicht län­ger zu widerstehen. Er zog den Drücker aus der Tasche, öffnete die Tür des Korridors und schob den Fremden in den dunklen Raum, der sich aber sehr bald erhellte. Aus Flur und Treppen ward das Gas angezündet, der lichte Schein fiel durch die Glasscheiben.

Da, die Tür!" flüsterte der Bursche mit ausgestreck- tem Zeigefinger und verschwand mit seinem Korbe und seinen Flaschen durch eine andere Tür, die nach den hin­teren Räumen der Wohnung führen mochte. Er hielt es doch gar wohl für geraten, sich möglichst weit vom Schuffe zu bringen.

Schobert klopfte an die Tür und lauschte: es blieb alles still.

Er wiederholte sein Klopfen und rief dazu:Lieber Herr Hanptmann, öffnen Sie, ich bin eS, VerlagSbuch- händler Schobert, ich habe mit Ihnen zu sprechen."

Keine Antwort, und nun rief Schobert:Wenn Sie nach fünf Minuten nicht geöffnet haben, hole ich einen Schlosser und lasse die Tür aufbrechen, ich muß wissen, was mit Ihnen ist.«

* * *

Paul Düskow war, nachdem er da» Park-Hotel ver­lassen hatte, nicht direkt nach seiner Wohnung zurückge­kehrt, sondern in den entlegensten Teilen des Parke» um­hergeirrt, wo er sicher sein durfte, um diese Tageszeit keinem Spaziergänger zu begegnen. Ein Sturm war durch seine Seele gerast und hatte alles geknickt und entwurzelt, was seit seiner frühen Kindheit darin gepflegt worden war, was er für unantastbar gehalten hatte. 116,18