SchWernerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 29. März 1905
56. Jahrgang.
Die im 56. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
Wer«IMMW
ITT * n TTM-ln-nlmnniinYirt daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der pp PHP 1 IH PPsäPP1 II || 11 wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen I I I Hll III Illlll II llll Postabonnenten, welche bis spätestens 29. März unsere Zeitung wieder bestellt haben, können Verlangen, ii V1 u m 1 1 g daß ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. April 1905 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
I -Nr. 2739. Der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten hat mit Rücksicht auf die späte Lage des diesjährigen Osterfestes angeordnet, daß Kinder die zum 1. April d. I. eine Berufsstellung antreten müssen auf Antrag ihrer Eltern oder Pfleger von dem Schulvorstande rechtzeitig aus der Schule entlassen werden sollen. Etwaige Anträge sind mir durch die Hand des zuständigen Herrn Ortsschulinspektors alsbald vorzulegen. Ich bemerke, hierbei, daß durch diese Anordnung in Bezug auf den Zeitpunkt der Schließung des gegenwärtigen Schuljahres und des Beginns des neuen gegen den bisheri- gen Gebrauch im allgemeinen eine Aenderung nicht hat getroffen werden sollen.
Schlüchtern, den 24. März 1905.
Der Königliche Landrat: Graf zu Solms.
Bekanntmachung.
Behufs weiterer Hebung der Simmentaler Rinderzucht im Kreise sollen im Laufe des Monats April oder Anfangs Mai, zwei erstklassige Simmentaler Originalbullen als Stationstiere angekauft werden, wozu Staatszuschüsse in Aussicht gestellt sind.
Bei dieser Gelegenheit ist es sehr wünschensw. t daß auch etwa 6 bis 8 Stück wirklich gute Mutter- tiere mit eingeführt würden und stellt hierzu der Kreis eine Beihülfe von 1000 Mk. unter bestimmten Voraus- seiunzen in Aussicht.
Etwaige Reflectantcn auf solche Muttertiere (tragende Kalbinnen im Alter von 2*/ä—3 Jahre wollen ihre Bestellungen mündlich oder schriftlich bei Herrn Rentmeister Pfalzgraf binnen 8 Tagen abgeben. Der Ankauf wird durch den Zuchtinspektor der Landwirt- schaftskammer Herrn Amtsrat Velpel und durch den Kreisviehzuchtinspektor Herrn Kohlhepp bewirkt werden.
Schlüchtern, den 28. März 1905.
Der Königl. Landrat: Graf zu Solms.
Deutsches Kelch.
— Der Kaiser hat an die Familie des verstorbenen Ministers von Hammerstein ein Beileidstelegramm gerichtet indem er ihr die wärmste Teilnahme aussprach.
— Der Kronprinz trifft in Schwerin am 9. April zum Geburtstage des Großherzogs ein.
— Der Reichstag genehmigte am Dienstag in zweiter Beratung den Etat des Reichs-Militärgerichts. Dazu lag eine freisinnige Resolution vor, die eine Reform des Militärstrafgesetzbuches und einen Schutz der Oef- fentlichkeit der Verhandlungen vor den Militärgerichten erstrebt. Die Minister führte aus, die Mißhandlungen würden dauernd zurückgehen, wenn alle diesen Gegenstand betreffenden Bestimmungen zur Durchführung gelangt seien. — Am Mittwoch wurden die Beschwerden des Abg. Kämpff. (frs. Vp.) über die Bevorzugung der Produzenten durch die Proviantämter vor den Händlern die sich besonders bei den landwirtschaftlichen Produkten zeige, von dem Abg. von Brockhausen (kons.) und dem Generalmajor von Gallwitz zurückgewiesen. Im Laufe der weiteren Diskussion wurden noch verschiedene Beschwerden geäußert, z. B- über vermeintliche Untaug- lichkeit der ostpreußischen Pferde und Zurücksetzung der Juden in der Beförderung: sie wurden vom Minister beantwortet und soweit nötig richtig gestellt. — Am Donnerstag wurde die zweite Beratung des Militär- etats fortgesetzt. Vor Eintritt in die Tagesordnung bat der Präsident im Interesse einer schnelleren Erledigung um Einschränkung der Redelust. Von den, Rednern wurde wieder eine Reihe verschiedener Wünsche und Beschwerden vorgebracht. Einen breiteren Raum! nahm wieder die Antisemitenfrage ein, bei der die verschiedenen Ansichten hart aufeinanderstießen. — Am Freitag wurde zunächst eine Zentrumsresolution auf Ergänzung der jährlichen Uebersicht des Heeresergänzungsgeschäfts angenommen und der Titel „Gehalt des Ministers" sowie eine Reihe anderer Titel bewilligt.
Bei dem Titel „Naturverpflegung" beantragte der Abg. von Brockhausen (kons.), daß die Heeresverwaltung einer weiteren Ausgestaltung der direkten Lieferung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse näher trete; der Antrag wurde von dem Abg. Kreth (kons.) und Herold (Z.) unterstützt. Bei dem Titel „Pferdebeschaffung" wies die Militärverwaltung auf die Brauchbarkeit der heimischen Pferde hin, besonders der rheinischen und ostpreußischen für die Kavallerie und der hannoverschen für die Artillerie. Erfreulich war die einstimmige An- nahnie einer Resolution, die für die Soldaten freie Eisenbahnfahrt bei einem einmal jährlich zu erteilenden Urlaub in die Heimat fordert.
— Im preußischen Abgeordnetenhause ehrte am Dienstag der Viceprästdent Dr. Porsch das Andenken des verstorbenen Ministers v. Hammerstein mit warmen Worten, welche die Abgeordneten stehend anhörten und dann trat man in die Verhandlung ein. Auf der Tagesordnung stand ein Antrag über Gewährung von Notstandsdarlehen an Kleinschiffer, der in der Fassung der Budgetkommission angenommen wurde. Auch erfolgte die zweite Beratung des Entwurfs über die Frei- Haltung des Ueberschwemmungsgebietes der Wasserläufe Auf Empfehlung des Landwirtschaftsministers gelangte der Entwurf mit geringfügigen Aenderungen zur Annahme {— Am Mittwoch wurden zunächst die Mittel zu einer Gedächtnißfeier des 100. Geburtstages Schillers bewilligt, die am 9. Mai von der Regierung an allen öffentlichen Schulen veranstaltet werden soll. Sodann wurde in dritter Lesung die Wegeordnung für West- preußen und der Entwurf betreffs der Regelung der Hochwasser-, Deich- und Vorflutverhältnisse an der Oder nach den Beschlüssen des Herrenhauses genehmigt. — Am Freitag nahm das Haus in kurzer Beratung den Gesetzentwurf zur Verhütung von Hochwassergefahren an. Es folgte die Beratung eines Antrages auf gesetzliche Regelung der Fürsorge für mittelose
Der Kolteriekönig.
Roman von F. W ü st e f e l d. 61
„Ich habe keinen Onkel und keine Tante! FarlowS sind mir ganz fremde Leute, zu denen ich nie wieder zurückkehren will."
„Aber, liebe Angela, was sagen Sie da, ich kann das nicht begreifen I" erwiderte Frau Schobert sehr erschrocken.
Mit schneller Auffassung rief aber Konradine: „ES ist entdeckt, daß Mr. Farlow .. ."
„Der Lotteriedieb FarkaS ist," fiel Angela ein, da sie stockte, „daß ich das Kind gewesen bin, dessen er sich bei seiner Fälschung bedient hat, und daß er sich dieses Kind aus dem Findelhause in Agram geholt hat!"
Tante und Nichte stießen einen Ruf des Schreckens und be» Bedauerns aus.
„Arme Angela! Aus dem Findelhause! DaS wußten wir nicht!"
„Aber das andere wußtet Ihr!" erwiderte Angela leidenschaftlich. „DaS weiß gewiß schon die ganze Welt!" Ihre Hände, von denen sie die Handschuhe gestreift, in die Höhe haltend, fuhr sie fort: „Ich habe keinen Verlobungsring mehr! Hauptmann DüSkow kann das Findelkind, daS, ohne es zu wissen, ein schweres Berbrechen be- gangen hat, nicht heiraten! Mr. Farlow wollte ihn mit nach Chicago nehmen, wohin er morgen abreist, er hat eS natürlich abgelehnt, aber auch ich gehe nicht mit ihnen. Ich will nicht ihren Namen, will nichts von ihrem Reichtum haben!"
„Aber was willst Du denn?" fragte Konradine in naiver Verwunderung.
In einem Tone, der den beiden Zuhörerinnen in die Seele schnitt, antwortete Angela: „Arbeiten! Mir mein Brot erwerben!"
Tante und Nichte betrachteten sie mit tiefem Mitleid.
, Dies bemerkend, fügte Angela hinzu: „Ich weiß, waS Sie denken! Ich habe nichts gelernt, wodurch ich jemand Pützen, wofürmich jemmib bezahle» könnte; aber kann ich
das nicht nachholen? Ich habe, während wir in Deutsch- land waren, meinen Anzug selbst besorgen und auch bei Mrs. Farlow das Amt einer Kammerfrau versehen müssen, weil ^^, Farlow uns keine halten wollte; ich weiß jetzt warum. Vielleicht nimmt mich eine Dame als solche in Dienst. Ich will sehr bescheiden, will mit kärglichem Lohn zufrieden sein."
„Armes, liebes Kind!" sagte Frau Schobert, ihr die Wangen streichelnd. Sie hatte für Angela eigentlich nie viel übrig gehabt, jetzt aber erwachte in der guten Frau die vollste Teilnahme für sie und tröstend redete sie ihr zu: „Seien Sie guten Mutes, für ein Mädchen wie Sie findet sich schon etwas, wenn Sie durchaus nicht zu Far- lows zurück wollen."
„Nein! Nein! Lieber in den Tod!" erwiderte sie und flehte mit aufgehobenen Händen: „Behalten Sie mich bei sich, bis sich etwas /ür mich gefunden hat! Ich bin nicht wählerisch, ich nehme an, was sich bietet, eS kann nicht lange dauern. Geben Sie mir nur wenige Tage Obdach! Ich weiß nicht wohin ..."
Frau Schobert ließ sie nicht ausreden, sondern unterbrach sie mit den Worten: „DaS versteht sich doch ganz von selbst. Sie bleiben bei uns, so lange Sie wollen; ich lasse sogleich ein Zimmer für Sie dicht neben Konradine» in stand setzen."
„O, gnädige Frau! So viel Güte! Ich weiß, ich habe sie nicht verdient."
„Ach, reden Sie doch keinen Unsinn!" schnitt Frau Schobert ihr das Wort ab. „DaS ist ja alles nicht der Rede wert! Nur um eine Gefälligkeit möchte ich Sie bitten," fügte sie etwa» zögernd hinzu.
„Sie haben zu befehlen!" antwortet« Angela dienst- bereit. r
„Mein Mann, der sogleich kommen wird, ist abgear- beitet und hungrig; lassen Sie ihn erst sein Mittagbrot verzehren, ehe wir ihm die Geschichte erzählen; sie wird ihn sehr aufregen, das weiß ich. Es wird Ihnen schwer wer
den, zu tun, als sei nichts vorgefallen, das kann ich mir denken, aber versuchen Sie es mir zu gefallen."
Angela versprach eS und gleich darauf traten Herr Schobert und Doktor Linderer gleichzeitig ein. Beide waren erstaunt, Angela anzutreffen und brachten ihre Ge- genwart, wie ihr verstörte» Aussehen mit der Geschichte in Zusammenhang, die Doktor Meinhold erzählt, und von der sie täglich eine unliebsame Wirkung erwartet hatten. Sie hüteten sich jedoch, sich davon etwas merken zu lassen, und man nahm anscheinend unbefangen, an dem Tische Platz, auf den Frau Schobert noch ein fünftes Gedeck hatte auflegen lassen.
Es ward dem armen Mädchen jedoch sehr schwer, ihre Haltung zu bewahren. Außer ein paar Löffeln Suppe vermochte sie nichts hinunter zu bringen, so daß Frau SchobertS Mitleid mit ihr die Oberhand gewann, zumal sie auch an den gespannten Mienen und der einsilbigen Unterhaltung ihres Mannes wahrnahm, daß er etwa» Besonderes wittere. Nachdem daher der Spargel und die saftigenKalbskottelette» verzehrt und von den Herrenge- bührend gewürdigt waren, sagte sie: „Du mußt missen, Konrad, daß Miß Angela auf einige Zeit unser Logir- gaft sein wird."
„Sehr angenehm!" murmelte Schobert mit einer Der- beugung, auf seiner Stirn stand aber die Frage, war da» zu bedeuten habe.
„Mr. und Mr». Farlow verlassen schon morgen die Residenz, um direkt nach Chicago zurückzukehren."
„Und Miß Angela geht nicht mit ihnen?" versetzte Schobert fragend.
„Nein, Herr Schobert, nein, ich geh« nicht mit ihnen, ich will nie, nie wieder mit diesen Leuten etwa» zu tun haben! Lassen Sie sich die ganze traurige Geschichte er- zählen. Wie ich gehört habe, wissen Sie schon ein Stück davon," antwortete Angela und erzählte nun den atemlos lauschenden Zuhörern alles, was sich heute zwischen ihr, dem Hauptmann DüSkow und ihren bisherigen Pflege- eltern zugetragen. 116,18