Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, bett 25. März 1905
56. Jahrgang.
Die im 56. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreis Schlächtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
TTT_„ _ ' _ M daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
WPi PlUP | I PrilPPPilll 11 I ^^'H^ dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamts bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
li ||| ||111I I ill II i liilll I Postabonnenten, welche bis spätestens 29. März unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlängert,
v v M u i J j daß ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. April 1905 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Deutsches Reich.
— Seine Majestät der Kaiser traf mit Gefolge am Mittwoch Nachmittag auf dem Bahnhof in Bremen ein und fuhr unter dem Geläute der Glocken und unter den nicht endenwollenden Hochrufen der tausend« köpfigen Menge nach dem Festplatz.
— Der Reichstag erledigte am Sonnabend die Etats sämtlicher Schutzgebiete nach den Beschlüssen der Budgetkommission, auch wurde in einer Resolution der Wunsch nach Einberufung einer Kommission zur Unterstützung der Verhältnisse der Landerwerbs-Ge- sellschaften in Südwestafrika ausgesprochen, zu der vom Reichstage gewählte Abgeordnete und koloniale Sachverständige zugezogen werden sollen. Kolonialdirektor Dr. Stübel kündigte einen Nachtragsetat für Kamerun an und teilte mit, daß zur Zeit zwar Ruhe herrsche, aber doch die Möglichkeit des Ausbruchs von Unruhen vorliege. Der Gouverneur verlange daher die Verstärkung der Schutztruppe um zwei Kompagnien. — Am Montag stand zunächst die zweite Beratung der Vorlage über die Friedenspräsenzstärke auf der Tagesordnung, die ebenso wie die über die zweijährige Dienst- zeit der Fußtruppen mit großer Mehrheit trotz der heftigen Ablehnung seitens der Sozialdemokraten, der Freisinnigen Volkspartei und ihres Gefolgsmannes v. Gerlach angenommen wurde. Die Konservativen, Reichsparteiler und Nationalliberalen stimmten dem Zentrums-Antrag bezüglich der Kavallerie-Vermehrung bei, nach welchem 10 Eskadrons vom 1. April 1910 bis zum Schluß dieses Rechnungsjahres, die übrigen Formationen bis zum Schluß des Rechnungsjahres 1909 gebildet werden sollen; allerdings erklärten die Wortführer der drei Parteien, daß ihnen die Vorlage ohne den Zentrumswunsch lieber gewesen wäre. Ein sozialdemokratischer Antrag auf Einführung der zweijährigen Dienstzeit auch bei der Kavallerie und reiten
Der KotterieKonig.
Roman von F. W ü st e f e l d. 50
Farlow schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte: „O, Mia, Mia, das tut weher als die sieben Jahre Zuchthaus!"
„Weichmütiger Tor!" sagte sie hart. „Du hast das Mädchen verwöhnt wie eine Prinzessin, und sie geht leichten Herzens von Dir. Undank ist der Welt Lohn."
„ES ist kein Undank!" stöhnte er. „Angela ist in ihrem Recht. Ich habe mich schwer an ihr vergangen und ernte nur, was ich verdient habe."
„Das ist mir zu hoch!" erwiderte sieachselzuckend. „Ich habe mich immer geärgert, daß an dem Findelkinds so viel verschwendet ward; während ich darben mußte, war sie in New-Dork im teuersten Pensionat. Eine Mitgift und eine Aussteuer wolltest Du ihr geben, die einen Teil unseres Vermögens verschlungen hätte."
„Sie wird das Geld doch bekommen, wenn sie eS auch jetzt verschmäht!" sagte er entschlossen. „Ich werde es für sie hinterlegen; es wird schon eine Zeit kommen, wo sie eS brauchen kaun."
„Das nennt man Perlen vor die Säue werfen!"
„Das verstehst Du nicht. Ich bin Angela sehr, sehr viel schuldig, denn ich habe in ihr Leben eingegriffen, habe sie sündigen lassen, als sie noch nicht Gut von Böse unterscheiden konnte. Ich lerne doch jetzt erkennen, daß die Menschen keine Figuren des Schachbrettes sind, und daß man sie nicht nach Belieben schieben kann!" Mehrere Minuten stand er am Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben und schaute hinab auf das Straßen- gewühl, ohne etwas davon wahrzunehmen; dann wandte er sich um und gebot: „Packe, Mia, packe. Wir fahren morgen mit dem Frühzuge nach Bremen. Der Boden der Residenz, der Boden Europas brennt mir unter den Füßen."
, Im Hotel erregte es große Verwunderung, als der reiche Amerikaner, der länger als ein Vierteljahr dort gewohnt hatte, seine Rechnung verlangte und so plötzlich
den Artillerie sowie ein zweiter auf Aufhebung der einjährig-freiwilligen Dienstzeit wurde abgelehnt, angenommen jedoch eine freisinnige Resolution, die baldige Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Regelung der Vorbedingungen für den einjährig-freiwilligen Dienst verlangt.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend zunächst den Etat der Justiz-Verwaltung in dritter Lesung, wobei verschiedene Wünsche lokaler Natur zum Ausdruck kamen, auf die der Minister antwortete. Man schritt dann zu der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern, wobei der Abg. Jänecke (nat.-lib.) auf die Welfenfrage einging und Unterstaatssekretär v. Bischoffshausen die Stellung der Regierung zu der Frage noch einmal kurz darlegte. Bei der Beratung des Kultus-Etats verlangte Dr. Rewoldt (freik.) eine möglichst gleichartige Ferien- ordnung. Sein Antrag wurde jedoch nach einer Darlegung des Ministerialdirektors Schwartzkopff abgelehnt. Frhr. v. Zedlitz (freik.) betonte noch einmal, daß ein Volksschulunterhaltungs-Gesetz nur unter Festhaltung der Konfessionalität der Schule möglich sei. Endlich wurde der Kultus-Etat und mit ihm das Etatsgesetz genehmigt. Sodann erfolgte die zweite Beratung des Entwurfs über die Aenderung der Landesgrenze gegen Bremen. Auf einer Anregung des Ministers v. Budde wurde der Entwurf an die Kommission zurück verwiesen.
— Der Ausschuß des Handwerks- und Gewerbekammertages hat in Hamburg eine Sitzung abgehalten, auf der auch die Berliner Handwerkskammer vertreten war. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung war eine Aussprache der einzelnen Handwerkskammern über die zweckdienstliche Art der Abhaltung von Meisterkursen. Es soll Material gesammelt und der Regierung übergeben werden, damit sie für die Veranstaltung solcher Kurse einheitliche Leitsätze aufstellt. Die bis
abreiste; man flüsterte sich allerlei über die Veranlassung zu und ging trotz der reichlichen Trinkgelder, die das Far- lowsche Paar spendete, nicht glimpflich mit ihm um. Noch mehr Anlaß zum Geschwätz gab es, daß Miß Angela schon am Abend vor der Abreise von Onkel und Tante das Hotel verlassen hatte.
* *
Frau Mathilde Schobert hatte, wie alljährlich zwischen Ostern und Pfingsten, die große Frühjahrswäsche angestellt. In dem schönen, sonnigen Wetter hatten sämtliche Wäschestücke an einem Vormittage im Garten und im großen Hofe des Hauses getrocknet werden können, und Frau Schobert, Konradine und das Hausmädchen waren beschäftigt gewesen, sie, wie die Waschfrauen sie von der Leine hereingebracht, anzusprengen und zu legen. In großen Körben standen sie jetzt bereit, am nächsten Vormittag gerollt zu werden.
Tante und Nichte saßen gegen sechs Uhr auSruhend am großen Fenster deS Speisezimmers, in dem schon der Tisch für die Hauptmahlzeit des Tages gedeckt stand, und warteten auf Herrn Schobert und Doktor Linderer, welcher letztere als zur Familie gehörend sehr häufig und so auch heute mit den Dreien zu speisen Pflegte.
„Wenn sie nur nicht zu lange bleiben!" sagte Frau Schobert mit bedenklicher Miene. „Wir haben so prachtvollen Spargel, frisch schmeckt er doch ganz anders als aus der Konservenbüchse, da möchte ich nicht, daß sie lange fertig stehen und dadurch noch an Geschmack verlieren."
„Sie werden schon gut bleiben, Tantchen," tröstete Konradine, in der Erwartung des Geliebten glückselig lächelnd, etwas obenhin.
Das verdroß aber Frau Mathilde. Die Stirn in die Höhe ziehend und den Finger erhebend, warnte sie: „Nimm das nicht so leicht, Kind! Linderer gibt jetzt sehr wenig auf das Essen, den macht die Liebe satt, aber das bleibt nicht so. Meine Freundin Fastener, Du weißt, sie ist etwas hochtrabend, sagt immer wegwerfend, die Männer wären durch die Bank materielle Geschöpfe, der Weg zu ihrem
jetzt veranstalteten Meisterkurse in den verschiedenen Landesteilen haben mehr den Charakter von Experimenten. Während in Westdeutschland schon in mehreren Großstädten sogenannte große Meisterkurse eingerichtet worden sind, bei denen mit Unterstützung des Staates für den Unterricht besondere Räume und Lehrkräfte verwandt werden, hat die Berliner Handwerkskammer bisher gute Erfahrungen mit kurzfristigen Fachkursen für einzelne Gewerbe in ihrem Bezirk erzielt. In Berlin ist die Veranstaltung der Kurse Sache der Innungen. Bisher sind Fachkurse für Schneider und Schuhmacher im Berliner Handwerkskammerbezirk abgehalten worden; im April werden neue Kurse beginnen.
— Im Jahre 1904 sind, nach der Statistik des deutschen Reiches, über deutsche Häfen 241114 Auswanderer befördert worden, und 219096 Fremde und 22018 Deutsche. Gegen das Jahr 1903 hat sowohl die deutsche wie die fremde Auswanderung, soweit sie über deutsche Häfen erfolgte, abgenommen, nämlich um 5596 bezw. 49131, insgesamt also um 54727. Auf Grund von Mitteilung, welche die Hamburg— Amerika-Linie, der Norddeutsche Lloyd und weitere Dampferlinien über die von ihnen bewirkte Einwanderung machten, stellte sie sich im Jahre 1904 auf 97^53 Personen. _________
Ausland.
— Nach einer Meldung des Generals v. Trotha aus Südwestafrika vom 18. d. Mts. steht Oberst Deimling mit den vereinigten Abteilungen Kamptz und Koppy bei Nurudas und säubert zunächst das Gebirge. Eine Kompagnie und zwei Geschütze sind zur Abteilung Kirchner nach Kofis entsandt Major v. Lengerke, mit dem Oberst Deimling durch eine Offizier-Patrouille die die Kerbindung hergestellt hat, steht bei Koakhanas und hatte bis zum 12. März morgens noch keine Berührung mit dem Gegner.
Herzen gehe durch den Magen, und ganz ohne ist die Sache nicht, wenn sie auch übertreibt."
Konradine nickte zustimmend, um der Tante gefällig zu sein, dachte aber bei sich, daß diese, wenigstens was Linderer anbetreffe, ganz bestimmt im Irrtum sei.
„Mein Alter ist eine Seele von Mann," fuhr Frau Schober fort, „wenn ich ihn aber an einen unsauberen Tisch setzen und schlechtes Essen auftragen wollte, ich wüßte nicht, was ..." Sie brach in ihrer Rede ab und sagte tief Atem holend und aus ihrem Lehnstuhl aufspringend: „Gott fei Dank, da sind sie!"
Draußen war die Türglocke gezogen worden.
Ihrem Beispiel folgend hatte sichKonradine ebenfalls erhoben und beide standen, die Augen nach der Tür gerichtet, mitten im Zimmer.
Plötzlich sahen sie sich betroffen an und Konradine rief weinerlich: „Das sind sie noch gar nicht!"
„Das ist eine Frauenstimme, die das Mädchen fragt, ob die Herrschaft zu Hause sei! "fügte Frau Schobert hinzu.
Konradine bestätigte das mit dem Bemerken: „Es ist Angela! Was kann die um diese Stunde zu uns führen?"
Eilfertig öffnete sie die Tür und stieß in derselben auf Angela, die an ihr vorüber lief und auf Frau Schobert mit den Worten zustürzte: „Nehmen Sie mich in Ihren Schutz, liebe gnädige Frau! Wenn Sie mich von sich weisen, bin ich ganz verlassen!" Sie machte eine Bewegung, als wolle sie sich ihr zu Füßen werfen.
Obwohl durch Angelas Gebühren und durch ihr bleiches, verstörtes Gesicht sehr erschreckt, verhinderte Frau Schobert sie doch daran, legte beide Arme um ihre Schultern und redete ihr in mütterlichem Tone zu: „Was haben Sie denn, liebes Kind? Was hat Sie so außer sich gebracht? Ist Ihrem Onkel oder Ihrer Tante etwas geschehen ?"
„Oder Deinem Bräutigam?" fügte Konradine hinzu.
Angela machte sich aus Frau Schoberts Umarmung loS und erwiderte aufschluchzend: „Ich habe keinen Bräutigam mehr!" 116 ist