Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 23. März 1905
Die im 56. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
n nninnLnnnhniin daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der U i U I I U wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
nillh L I111 Postabonnenten, welche bis spätestens 29. März unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
u u daß ihnen unsere Zeitung vom 1. April ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem L April 1905 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Aufruf.
Das Füsilier-Regiment von Gersdorff (Kurhessisches) Nr. 80, dessen Stamm im Jahre 1866 durch 22 Offiziere und 389 Mann des Kurhessischen Leib Garde Regiments gebildet wurde und dem infolgedessen Seine Majestät der Kaiser und König durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre vom 24. 1. 1899 die Traditionen des genannten ruhmreichen Regiments zu verleihen die Gnade hatte, hat den Wunsch, in seinem demnächst in Wiesbaden neu zu erbauenden Kasino durch Aufstellung von Andenken an sein Stamm-Regiment eine Stätte der Erinnerung an dasselbe zu schaffen und hofft hierdurch ebenso der hochherzigen Absicht Seiner Majestät des Kaisers und Königs wie den Gefühlen aller derjenigen Hesfen zu entsprechen, deren Vorfahren im Leib Garde-Regiment oder den Stammtruppen dieses Regiments (grünes und weißes Regiment, Leib-Regiment zu Fuß, Regiment Prinz Carl, Leibgarde zu Fuß, Grenadier-Regiment zu Fuß, Regiment Garde zu Fuß, Grenadier-Bataillon von Linsingen. Regiment Garde) gedient haben und die sich fw, werden, daß auf diese Weise das Andenken an dies stolze Regiment und damit an ein schönes und ruhmreiches Stück deutscher und kurhessischer Geschichte wach erhalten wird. Das Regiment wendet sich daher an alle diejenigen, in deren Besitz sich Erinnerungen an die genannten Truppen befinden, und die die Güte haben wollen, sich ihres Besitzes zu Gunsten des beim Regiment zu errichtenden kleinen Museums zu entäußern mit der Bitte, ihm diese Stücke zu übersenden. Falls Einzelne nicht das Eigentum an den betreffenden Stücken aufgeben wollen, würde das Regiment gern bereit sein, dieselben als nur leihweise überlassene Sachen gewissenhaft auszubewahren, und sich verpflichten, sie jederzeit auf Wunsch dem Eigentümer zurückzugeben.
Es würde sich handeln zunächst um Bilder aus der Geschichte des Regiments und früherer Offiziere des Regiments, ferner um Uniformen, Waffen und Ausrüstungsstücke, sowie endlich zur Ergänzung des schon beim Regiment bestehenden Archivs auch um auf die Geschichte des Regiments und seiner Stammtruppen bezügliche Schriftstücke, Tagebücher, Briefe, Rapporte, Ranglisten, Entlassungspapiere einzelner Mannschaften und Offiziere und dergleichen.
Allen denjenigen, die die vorstehend entwickelte Absicht des Regiments durch Rat und Tat — auch durch gütige Mitteilung, wo sich noch derartige Erinnerungen befinden oder durch Weiterverbreitung dieses Aufrufs unterstützen wollen, spricht das Regiment im voraus seinen herzlichen Dank aus.
Wiesbaden, den 12. März 1905.
gez. von Jacobi Oberst, Flügeladjutant Seiner Majestät des Kaisers und Königs und Kommandeur des Füsilier-Regiments von Gersdorff (Kurhessisches) Nr. 80.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser sandte auf ein Huldigungstelegramm der Festversammlung der Provinzialgruppe des deutschen Flottenvereins Berlin-Mark Brandenburg ein Antworttelegramm an den Vorsitzenden der Gruppe, in dem er seinem Vertrauen in die Tätigkeit des deutschen Flottenvereins Ausdruck gab.
— Die Kaiserin ließ sich, wie alljährlich, im Königlichen Schlosse einige Mitglieder der Berliner Feuerwehr vorstellen, welche bei Ausübung des Dienstes sich besonders ausgezeichnet bezw. Verletzungen erlitten haben.
— Der Staatsminister des Innern Frhr. von Hammerstein ist an einem Anfall von Asthma, verbunden mit bedrohlicher Herzschwäche, gestorben.
— Der Reichstag erledigte am Dienstag die Be
ratung des Etats des Reichsamts des Innern. Längere Debatten entstanden noch beim Kapitel Patentamt und Reichsversicherungsamt. Zum Kapitel Patent- amt wurde eine Resolution der Nationalliberalen angenommen, betr. Reform des Patert- und Musterschutzgesetzes. Endlich wurden ohne längere Debatten der Pensionsfonds und der Reichsinvalidenfonds erledigt. — Am Mittwoch begann die Beratung des Etats des Reichskanzlers. Mehrmals nahm an diesem Tage der Reichskanzler Graf von Bülow das Wort. Zunächst antwortete er auf die Zentrumsresolution, welche für Elsaß-Lothringen eine selbständige Vertretung im Bundesrate wünscht, mit einer Erklärung, in der zwar die Sympathien für eine solche Maßnahme, gleichzeitig aber auch ihre Schwierigkeiten zum Ausdrucke gebracht wurden. Weiterhin ließ der Reichskanzler dem sozialdemokratischen Abg. von Vollmar, der sich in der bekannten russenhetzerischen Manier der Umsturzpartei ergangen hatte, die verdiente Abfertigung zuteil werden. Das dritte Auftreten des Reichskanzlers endlich galt ei er Rede des Abg. Grafen von Reventlow (wirtsch. PK), der in einzelnen Fällen an unserer auswärtigen Politik Kritik geübt hatte. Auch der Staatssekretär des Auswärtigen, Freiherr von Richthofen, griff in die Debatte ein, ebenso Staatssekretär Graf Posadowsky. Aus dem Hause sprachen noch die Abgg. Graf Limburg-Stirum (kons.), Gröber (Zentr.), Müller- Meiningen (frs. Vp) und die Polen Graf Mielzynski und von Chrzanowski sowie der Däne Jessen. — Am Donnerstag wurde die Beratung fortgesetzt. Erster Redner des Tages war der Abg. Bebel (soz.), der in der bekannten gehässigen Weise nach einen Angriff auf den Grafen Reventlow gegen den Reichskanzler zu Felde zog. Wie ausfallend seine Darlegungen waren, beweisen zwei Ordnungsrufe, die er sich zuzog. Er scheute sich nicht, den preußischen Justizminister bei nochmaliger Ausgrabung des Königsberger Prozesses
Der Kotteriekömg.
Roman von F. Wüstefeld. 47
„Willst Du etwa», mein Liebchen?" lächelte Farlow. „In Agram im Findelhause fanden wir endlich, was wir suchten. Ein hübsches, intelligentes, kleines Mädchen. Man machte keine Schwierigkeiten, es uns zu überlassen, da wir erklärten, wir wären kinderlos und wollten eS an Kindesstatt annehmen. Es stand nicht zu erwarten, daß es jemals reklamiert werden würde; es war ohne jedes Erkennungszeichen, in dürftiges Leinenzeug eingewickelt worden."
Angela stieß einen Schmerzensschrei aus und bedeckte ihr Gesicht wie schamhaft mit dem Taschentuch.
Düskow richtete an Farlow die Frage: „Sie haben mir Papiere gezeigt, welche bekunden, daß Angela Ihres Bruders Tochter und von Ihnen aus dem Waisenhause in Sofia abgeholt ist. Wie verhält es sich damit?"
Farlow zuckte die Achseln und erwiderte mit der Ruhe einer Philosophen: „ES gibt in Amerika und auch in Europa Leute, von denen man für Geld und gute Worte alle möglichen Zeugnisse und Dokumente erhalten kann. Ich war vorsichtig und ließ sie mir anfertigen, bevor wir unsere diesmalige Fahrt nach Europa antraten, ich dachte daran, daß wir sie hier gebrauchen würden."
„Und haben mich damit so schmählich betrogen!" stöhnte Düskow.
„Sagen Sie da» nicht. Was verschlägt eS, ob die Pa- Piere echt oder unecht sind, ob Angela ein Findelkind oder meine Nichte ist? Sie giltalS solche, wird als solche ausgestattet, was bedarf eS mehr? Doch hören Sie weiter. Die Kleine, die ein seltsames Gemisch von slavonisch, kroatisch und deutsch sprach, gewöhnte sich sehr schnell an unS. Wir hielten sie sehr gut und es gefiel ihr bei unS viel besser als im Findelhause, wo es ihr nicht besonders ergangen sein mochte. Sie vergaß schnell ihre Sprache und lernte englisch, denn wir gaben uns schon oamals für 2lme- xtkaner aus und bedienten uns im Verkehr mit anderen
nur dieser Sprache. Ich gewann das Kind lieb und sie zeigte auch mir viel Anhänglichkeit. Du wirst zugeben, Angela, daß wir immer gut mit einander gestanden haben."
Angela nickte halb widerwillig.
„Sie war sehr intelligent und begriff bald, was ich von ihr wollte. Kein Jahr war vergangen, seit wir mit ihr abwechselnd in Wien, in Bukarest und in Konstanti- nvpel gelebt hatten, da konnte ich mit ihr nach Budapest gehen und sie, als Waisenknabe verkleidet, die Nummern, die sie im Aermel verborgen hatte, einschmuggeln lassen. Die Sache gelang, der Gewinn wurde mir anstandslos auSgezahlt."
„Aber die Fälschung ward nachträglich entdeckt!" warf Düskow ein.
„Schon am nächsten Tage. Ich hatte nicht erwartet, daß es so früh geschehen würde und mich nicht rechtzei- tig aus dem Staube gemacht. Ich ward verhaftet, aber in der Hauptsache hatte ich ja, was ich wollte, die fünfhun- derttauseud Gulden."
„Sie haben sie nicht herausgegeben?"
„Daß ich ein Narr gewesen wäre!" lachte Farlow und rieb sich die Hände im Angedenken an die geübte Schlauheit: „Sie haben mir die Hölle heiß genug gemacht, mir alle möglichen Strafen angedroht, mir die schönsten Ver- sprechungen gegeben, wenn ich sagen wollte, wo ich das Geld verborgen hätte. Sie haben es nicht aus mir herausgebracht, und meine Frau hat ebenfalls reinen Mund gehalten."
„Sie hat es auch gewußt ?" fragteDüskow verwundert.
„Wo es um so vieles Geld geht, wird man doch schweigen können," sagte Mrs. Farlow.
„Sie haben mich zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Ich habe die Zeit in Budapest abgesessen. Alle halbe Jahre wurde mir Straferlaß angeboten, wenn ich das Geld herausgäbe, ich bin standhaft geblieben und habe nichts verraten. DaS Geld war bei meiner Frau in Ame- rika sehr gut aufgehoben."
„Bei Ihrer Frau?" fragte Düskow wieder voll Ver- wunderung.
„Ja, meine Alte war ein guter Kamerad,* sagte Far- low und reichte ihr anerkennend die Hand. „Nachdem sie mich nach dem Zuchthaus abgeführt hatten, ist sie mit der Kleinen nach Amerika abgesegelt und hat sie, wie wir vor- her verabredet, in New-York in ein vornehmes Pensionat gegeben. Wie sie sich selbst während der sieben Jahre mei- nerAbwesenheit durchgebracht hat, weiß ich nicht. Sie hat eS mir nicht gesagt und ich habe nicht danach gefragt. Schwamm drüber! Genug, ich fand vierhundertundfünf« »igtausend Gulden fast unangetastet, eS fehlte sehr wenig daran. Nun, ich fing mit ihnen an zu arbeiten, und es ist mir geglückt; ich habe sie zwanzigfach vermehrt."
„Da haben Sie meine Geschichte. Niemand hat in Amerika den Ursprung meines Geldes geahnt und ich wäre bis an mein Lebensende der reiche, angesehene Mr. Farlow ge- blieben, wenn meine sonst so kluge Frau nicht so töricht ge- Wesen wäre, durchaus nach Europa reifen zu wollen, und ich nicht die Schwäche gehabt hätte, ihr nachzugeben." Er holte tief Atem, offenbar von seiner Darstellung sehr befriedigt.
Weinend fragte Angela: „Sage mir das eine. Ich war ein Kind von sieben bis acht Jahren. Wie ist eS möglich, daß mir so ganz und gar alle Erinnerungen auS jener Zeit schwinden konnten?"
Farlow lächelte sehr schlau. „Auch da haben wir ein wenig nachgeholfen. Wir konnten uns doch nicht auf die Verschwiegenheit eines Kindes so gang verlassen. In Wien hatten wir die Bekanntschaft einer klugen Frau gemacht, die allerlei Tränkchen zu brauen verstand und dafür schon ein paarmal mit der Polizei in unliebsame Berührung gekommen war." 116,18
Düskow schauderte und Angela schrie entsetzt auf.
Farlow sagte aber gelassen: „Erschricknicht, Kleine. @8 hat Dir nichts geschadet und sollte Dir nichts schaden, ich hätte eS Dir sonst nicht geben lassen. Der Trank hat Dir nur die Erinnerung geraubt an das, was hinter Dir lag*