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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 22.

Samstag, den 18. März 1905.

56. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr. 647. Der Kreis hat in der Kinderheil- anstalt Orb einige Freistellen an unbemittelte Kinder zu vergeben.

Etwaige Anträge sind bis 511m 25. d. Mts. Hier­her einzureichen.

Schlüchtern, den 13. März 1905.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Graf zu Solms.

Gesellen-Prüfung:

? Ostern naht heran, und viele junge Leute, die sich der Erlernung eines Handwerks widmeten, haben ihre Lehrzeit beendet. Den Abschluß der Lehrzeit bildet die Gesellen-Prüfung, und diese hat nach den Bestimmungen der Reichs-Gewerbeordnung nicht nur einen erzieherischen, sondern auch einen erheblichen materiellen Wert.

Nach § 131 c der Reichs-Gewerbeordnung hat der Lehrherr die Pflicht, die ihm anvertrauten Lehrlinge zur Ablegung der Gesellen Prüfung anzuhalten. Hier­unter ist die Pflicht des Lehrherrn zu verstehen, seine Lehrlinge in väterlicher, fürsorglicher Weise durch persönlichen Zuspruch unter Hinweis auf die Vorteile der Prüfung auf sie vorzubereiten und sie ihr zuzu- führen, damit die Lehrlinge in ihrem Fortkommen nicht beeinträchtigt werden. Der 'angezogene Paragraph schließt aber auch ein, daß Lehrherren, die sich dieser Pflicht durch passives Verhalten entziehen oder die Prüfung erschweren, von ihr abraten oder sie verhindern, ihre gesetzlichen Pflichten verletzen und sich der Bestrafung aussetzen. Die Prüfung erfolgt ent­weder vor dem Prüfungs-Ausschüsse einer Innung oder vor den von der Handwerkskammer errichteten Prüfungs-Ausschüssen, die sich aus sachverständigen Arbeitgebern zusammensetzen.

Das Bestehen der Gesellen-Prüfung ist davon ab­hängig, daß der Prüfling den Nachweis über die in seinem Handwerk gebräuchlichen Handgriffe und Fertig­keiten mit genügender Sicherheit führt, und daß er mit der Handhabung der gewöhnlichen Werkzeuge ver« traut sowie über den Wert, die Beschaffung, Aufbe­wahrung und Behandlung der zu bearbeitenden Rohstoffe und halbfertigen Erzeugnisse und Werkzeuge und über die Kennzeichen ihrer guten und schlechten Beschaffen« heit unterrichtet ist. Sie besteht in den von dem Lehrling als Gesellenstück auszuführenden Arbeiten, die er dem Prüfungs-Ausschuß selbst vorschlagen kann, während Zeit und Ort für die Ausführung von dem Prüfungs-Ausschnß bestimmt wird. Das Gesellenstück

Der Kotteriekömg.

Roman von F. Wüste feld. 46

Der Farkas sollen Sie, der Waisenknabe soll Angela gewesen sein!"

Ich bin es gewesen! Ich weiß e» jetzt ganz genau, daß ich eS war!" schluchzte Angela dazwischen.

Kommst Du auch noch?" schnob sie Farlow an und setzte in noch heftigerem Tone zu seiner Frau gewendet, hinzu:Da hast Du nun die Bescherung! Wer hat in mich gedrungen, nach Europa zu gehen? Wer hat mich, als ich mich wehrte, gepeinigt und nicht nachgelassen, bis ich nachgab? Du, Du und abermals Du! Wer hat hier einen Aufwand getrieben, der auffallen mußte? Wer hat sich in die vornehmsten Kreise gedrängt? Du, nur Du! Wer hat nicht hören wollen, als ich darauf drang, die Residenz und Deutschland zu verlassen? Ich habe kommen sehen."

WaS denn?" fragte Mrs. Farlow schnippisch. Sie hatte den Vorwürfen ihres Manne» zuerst wie niederge­donnert zugehört und alles über sich ergehen lassen, sich aber bald wieder gefaßt.Wer kann Dir etwas tun?"

Tun!" wiederholte ihr Gatte gedehnt.ES kommt darauf an, was Du darunter verstehst."

Sie wurde eifriger und redete auf ihn ein:Du hast Deine Strafe abgesessen und bist wieder ein ehrlicherMann. Man kann Dich nicht wieder einsperren, wenn Du . .."

Ein schneidendes Lachen DüskowS unterbrach sie.

ES ist also wahr! Siegestehen es unumwunden ein!"

Was?" fragte sie ganz naiv.

Daß Mr. Farlow oder FarkaS ein Sträfling,ein Zucht­häusler gewesen ist!" keuchte Düskow.

Ich dachte, Sie wüßten das. Weshalb sollten Sie sonst einen solchen Lärm über die alte Geschichte machen?" entgegnete sie.

Der Hauptmann vermochte nur sprachlos den Kopf zu schütteln.

Mr. Farlow sagte aber:Bei Deiner Schwatzhastig- reit ist es mir ganz unbegreiflich, daß Du damals nicht

kann von dem Lehrling noch innerhalb der letzten drei Monate seiner Lehrzeit in der Werkstätte seines Lehr- Herrn angefertigt werden, ohne daß dieser berechtigt ist, eine Kürzung der dem Lehrlinge vertragsmäßig zustehenden Entschädigung vorzunehmen. An die Vor­legung des Gesellenstücks schließt sich in der Regel eine mündliche und schriftliche Prüfung.

0 Kein Lehrling darf zum Gesellen gesprochen werden, ohne daß er die Prüfung vor dem zuständigen Prü- fungs-Ausschuß bestanden hat. Nach Bestehen der Prüfung erhält er sein Prüfungs-Zeugnis und seinen Gesellen- oder Gehülfen-Brief. Mit diesen Urkunden verknüpfen sich nun nicht zu unterschätzende Vorteile. Nicht nur, daß sich der junge Handwerker durch sie den Befähigungs-Ausweis für sein Handwerk erwirbt, es werden ihm auch erhebliche, aus der Reichs-Ge­werbeordnung sich ergebende Rechte beigelegt, insbe­sondere das zur Beaufsichtigung und Unterweisung von Lehrlingen. Diese Berechtigung ist für das spätere Fortkommen des jungen Handwerkers deshalb von großer Bedeutung, weil er mit dem erlangten Rechte nicht nur die Anwartschaft auf bevorzugtere Arbeits­stellen hat, sondern auch weil ihm diese Berechligung im Falle der Gründung eines eigenen Betriebes des erlernten Handwerkes zweifellos von größtem Werte sein wird. Als Beweis hierfür mögen die durchaus nicht seltenen Fälle dienen, in denen ältere Handwerker, die entweder ihre Lehrzeit in Fabriken zurückgelegt oder vor Inkraftsetzung der jetzt geltenden Vorschriften der Reichs-Gewerbeordnung keine Gelegenheit zur Ab­legung der Gesellen-Prüfung hatten, um nachträgliche Zulassung zu derselben nachsuchen, damit sie die mit den erworbenen Zeugnissen verbundenen Rechte noch erlangen können.

Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes erscheint es wohl gerechtfertigt, die Eltern, Vormünder und Lehr­herren, insbesondere aber auch die Lehrlinge selbst auf den Wert der Gesellen-Prüfung aufmerksam zu machen. Die Anmeldung von Lehrlingen zur Prüfung, deren Lehrherren einer Innung angehörcn, hat bei dieser zu erfolgen, während die derjenigen Lehrlinge, deren Lehrherren einer Innung nicht angehören, bei den Handwerkskammern anzubringen ist.

Deutsches Reich.

In kommender Woche wird nunmehr unser Kaiser von Hamburg aus die neue Mittelmeerreise antreten. Unterwegs finden Begrüßungen mit den Herrschern von Portugal, Italien und wahrscheinlich

den Ort verraten hast, wo wir das Geld verborgen hat­ten !"

O, ich kann schon schweigen, wo es mir notwendig erscheint!" erwiderte sie selbstgefällig.

Mr. Farlow antwortete nicht darauf, sondern sah sie nur schweigend und kopfschüttelnd an, dann wandte er sich zu Düskow und sagte mit einer Art von Galgenhumor: Da Sie so viel wissen, hätte eS keinen Sinn, wenn ich noch länger leugnen wollte. Ich werde Ihnen jetzt die Wahrheit erzählen über mich und über Angela."

Die volle Wahrheit?" fragte das junge Mädchen.

Die volle Wahrheit, sei unbesorgt. Du und der Herr Hauptmann sollt erfahren, wer Du bist und woher Du stammst! Aber setzen Sie sich, meine Herrschaften, die Er- zählung könnte etwa» ausführlich und angreifend für Ihre Nerven werden."

Weniger infolge dieser sarkastischen Aufforderung, als weil sie in der Tat den Boden unter ihren Füßen wan­ken fühlten, nahmen Angela und Düskow auf den ihnen zunächst stehenden Stühlen Platz.

Farlow warf sich in einen Sessel, schlug die Beine kreuz- weis übereinander, verschränkte die Arme und begann nach einigem Zögern:Ich habe dem Herrn Hauptmann bei der Gelegenheit, als er um Dich bei mir anhielt, bereits einen Abriß meines Lebens erzählt und dabei Dichtung und Wahrheit etwa» stark ineinander verwoben. Jetzt sol­len Sie Wahrheit, nur Wahrheit hören, und um damit zu beginnen, schicke ich voraus: Angela ist weder meine Nichte, noch die meiner Frau, sie ist gar nicht mit uns verwandt!"

Düskow stieß einen Ruf aus, der freudige Ueberraschung zu bekunden schien.

Angela schlang aber die feinen, weißen Finger inein­ander und sagte mit bebender Stimme:Nicht Deine Nichte! Nicht mit Dir verwandt? Wer bin ich denn? Wie heiße ich denn?"

Farlow zuckte die Achseln und sagte, sich zu ihr wen- dend in humoristischem Tone:Darüber, mein Liebchen,

auch mit dem Könige oder Kronprinzen von Griechen­land statt.

Die Ankunft des deutschen Kaiserpaares in Taormina ist für den 26. März angekündigt. Das Hotel wird nach italienischen Blättern von 50 Kara- binieri bewacht werden.

Am 12. d. M. hat der Prinzregent Luitpold von Bayern in vollkommener körperlicher und geistiger Frische seinen 84. Geburtstag gefeiert. An der herz­lichen Freude, mit der dieser Tag im Bayernlande begangen wurde, und an den zahlreichen Kundgebungen höchster Verehrung, die dem greisen Fürsten aus der Mitte seines treuen Volkes zu teil wurden, hat auch das gesamte übrige Deutschland den innigsten Anteil genommen. Möge Gott dem erlauchten Bundesfürsten noch viele Jahre gleicher Kraft und Rüstigkeit schenken!

Im Reichstage wurde am Montag die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern fortgesetzt. Der konservative Abg. Schickert führte einige Beispiele zum Beweise dafür an, daß das Gesetz über den Unter­stützungswohnsitz reformbedürftig sei, was auch vom Staatssekretär Grafen Posadowsky anerkannt wurde. Eine längere Diskussion fand bei dem Kapitel Reichs­gesundheitsamt statt, da hierzu eine von Mitgliedern des Zentrums, der Konservativen und nationalliberalen Fraktion unterzeichnete Resolution eingebracht war, welche verlangt, daß die Beaufsichtigung des Verkehrs mit Nahrungs- und Genußmitteln einheitlich durch Reichsgesetz geregelt werde, besonders bezüglich der Weinproduktion. Ueber den Geheimmittelunfug redete der Abgeordnete Müller-Meiningen, über die Not­wendigkeit des Verbots der Verwendung von Bleifarben der Abg. Nacken über die Verunreinigung der Flüsse der Abg. Scheidemann und über die Zwangsimpfung der Abg. Froelich. Allen antwortete der Staatssekretär Graf Posadowsky.

Im preußischen Abgeordnetenhause war besonders der Etat der preußischen Zentral-Genoffenschaftskasse der Gegenstand eingehender Diskussion. Allgemein wurde die Einigung des Neuwieder und des Offenbacher Genossenschaftsverbandes sympathisch begrüßt. In längerer Rede, in der auch er seine Freude darüber ausdrückte, kam der Finanzminister Frhr. v. Rhein- baben auf die Lage und die Ziele der Zentral-Ge- nossenschastskafse zu sprechen. Diese sei, so führte er aus, ihrem Zweck, ein Freund und Berater der Genossenschaften von Landwirten und Handwerkern zu sein, stets treu geblieben, und sie habe großen Segen gestiftet. Bei dem dann folgenden Etat der indirekten

kann ich Dir keine Auskunft geben. Was ich von Dei­ner Herkunft weiß, wirst Du im Laufe meiner Erzählung zu hören bekommen, und je weniger Du mich unterbrichst, desto eher wirst Du es erfahren?

Wieder zu Düskow sprechend, fuhr er fort:Mein Name ist FarkaS, und ich bin, wie ich Ihnen gesagt habe, Bulgare von Geburt; auch ist es richtig, daß ich mich viel und unstät in der Welt umhergetrieven, mich lange, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen, in Amerika in aller­lei Künsten versucht und dort auch meine Frau kennen gelernt und geheiratet habe. Meine vielgeliebte Lebens­gefährtin hat auch eine bewegte und interessante Vergan­genheit, ich will Sie mit deren Einzelheiten jedoch nicht aufhalten, sie gehören nicht zur Sache."

Er nickte seiner Frau zu, al» habe er ihr soeben eine große Schmeichelei gesagt, und setzte seine Erzählung fort, als betreffe sie nicht ihn, sondern einen Dritten.

iern

In Nord- wie in Südamerika hatten wir uns, wie gesagt, ohne Glück versucht und eS erschien unS angemes- sen, von dort für einige Zeit zu verschwinden. Wir kehr- ten nach Europa und in unsere alte Heimat zurück; ich erwarb oder gewann, wie Sie es nennen wollen, an den Spieltischen in den Kaffeehäusern so viel, daß wir unser Leben ganz behaglich fristen konnten, ging aber doch immer nur aus der Hand in den Mund. Dabei kam mir ein genialer Gedanke. Ich wollte einen großen Gewinn im Lotteriespiel machen, aber nicht warten, bis Frau For- tuna die Güte haben würde, ihn mir zuzuführen, sondern ich wollte das Glück zwingen, sich mir gefällig zu erwei- sen. Ich entwarf meinen Plan," er lächelte selbstgefällig, er war nicht schlecht, ich bedurfte aber zu seiner Aus­führung eines Kindes. Unsere erste Sorge mußte sein, uns ein solches zu verschaffen, und zwar ein solche», das kei- nerlei Angehörige hatte. Wir durchforschten die Finde!- Häuser."

Angela stieß einen halblauten Ausruf bei Entsetzen» aus. 118,19

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