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WuchimmIeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 21.

Mittwoch, den 15. März 1905.

56. Jahrgang.

Der Hriefträger kommt

in der Zeit vom 15. bis 25. d. Mts. zu denjenigen Lesern, welche unsere Zeitung durch die Post beziehen, um von denselben das Zeitungsgeld für die Monate April, Mai und Juni abzuholen, über dessen Empfang er eine rechtsgültige Quittung ausstellt. Wer unser Blatt noch nicht mitliest und dasselbe fürs nächste Quartal zu beziehen wünscht, der kann sich den Gang zur Post ersparen, indem er auf einen Zettel schreibt: Der Unterzeichnete bestellt hiermit die Schlüchterner Zeitung für die Monate April bis Juni und ersucht um Abholung des Geldes durch den Briefträger." Diesen Zettel wirft er dann ohne Couvert und un­frankiert in den nächsten Briefkasten, worauf es nicht lange dauern wird, bis

Der Krieftrüger kommt.

Amtliches.

J.Mr. 616/617 K.>A. Den bei dem Königlichen Forstmeister Wetzel bezw. dem Königl. Oberamtmann Keiser in Diensten stehenden Dienstknechten Justus Hölzer in Mottgers und Jakob Marburger in Steinau ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von je 10 Mark aus Kreismitteln bewilligt worden. Schlüchtern, den 11. März 1905

Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Graf zu Solms.

Deutsches Reich.

-- Der Kaiser ist am 11. März früh auf Helgo­land eingetroffen und hat kurz vor 12 Uhr die Fahrt nach der Weser angetreten. Eine Landung in Helgo­land ist nicht erfolgt.

Die Hochzeit des Kronprinzen ist endgültig für den 6. Juni in Aussicht genommen und wird an diesem Tage in Berlin stattfinden.

Der Reichstag setzte am Dienstag die sozial­politische Debatte fort. Als erster Redner suchte der Abg. Zubeil soz. dem Abg. Dr. Mugdan (frs. Vgg.) wegen seiner reulichen Ausführungen Unrichtigleiten nachzuweisen. Sodann befürwortete der Abg. Jschert eine Resolution für schärfere Handhabung der Sonn­tagsruhe, während der Abg. Dr. Müller-Meiningen (frs. Vg) die baldige Vorlegung eines Gesetzes über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und Verhinderung der Bestechung von Geschäftsangestellten durch Liefer­anten verlangte. Auf eine Reihe von Einzelfragen

erwiderte der Staatssekretär Graf Posadowsky und teilte mit, daß in Bezug auf die Apoteken-Gesetzgebung zwischen den beteiligten Ressorts in Preußen und im Reich noch Meinungsverschiedenheiten bestehen. Am Mittwoch verhandelte das Haus über die Einteilung der Wahlkreise. Nach einer längeren Debatte wurde der Antrag ebenso wie ein Antrag Kopsch (frs. Vp.) der die Anträge dem Reichskanzler zur Berücksichtigung überwiesen wissen wollte, vom Hause abgelehnt. Am Donnerstag wurde zunächst in dritter Lesung das Nach- tragsübereinkommen zum Handelsvertrag mit Oester­reich-Ungarn und in erster und zweiter Lesung den Entwurf, betreffend Abänderung des Gerichts-Verfas- sungsgesetzes. Sodann ging man zur Beratung eines Antrages Dr. Stockmann (Rp.) über, der das Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und der Eheschlietzung abändern will; der Antrag wurde an­genommen. Dann folgte wieder eine sozial-politische Debatte, in der die Sozialdemokraten mit einer Reihe verschiedener Wünsche für die Arbeiterklassen hervor- traten. Die Debatte wurde am Freitag fortgesetzt. Dr. Mugdan (fr. Vp.) setzte sich mit den Sozialdemo­kraten auseinannder, besonders mit dem Abg. Zubeil der in seinem Genossen Scheidemann einen Verteidiger fand. Der Abg. Frölich (Dtsch. Ref.-Pt.) verlangte Widder den Befähigungsnachweis und polemisierte gegen die sog. Ringe. Nachdem Graf v. Posadowsky das Vorgehen der Regierung in Schutz genommen hatte, tratVertagung ein.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Mittwoch die zweite Beratung des Eisenbahnetats fort. Der Abg. Dr. Wiemer (frs. Vp.) forderte die Auf­hebung der R ückfahrkarten und Herabsetzung der Fahr­preise, während der Abg. Gamp. (Rp.) für den Fall der Annahme dieser Wünsche Zuschläge für die SQiellzüge verlangte. Der Abg. Hirsch (nat.-lib.) trat im Interesse der Industrie für Verbesserung in der Güterbeförderung und für den weiteren Ausbau der Eisenbahnen ein. Nach einer längeren Besprechung über die Zugverbindungen in der Minister v. Budde über Platzkarten in D Zügen, Speisewagen und bergt Aufklärung gab, vertagte sich das Haus. Am Don­nerstag wurde die Besprechung über die Zugverbindung fortgesetzt, wobei eine Reihe von Wünschen geäußert wurden. Zu dem KapitalBesoldungen" lag eine große Anzahl von Anträgen vor. Lebhaft wurde ein Antrag auf Besserstellung der Betriebssekretäre erörtert und ein solcher auf höhere Bezahlung des Nachtdienstes und Gewährung einer ausreichenden Ruhezeit für die

im Nachtdienst beschäftigten Beamten. Am Freitag brächte der Abg. Goldschmidt eine ganze Reihe von Beschwerden der Bahnarbriter vor, auf die der Minister eingehend erwiderte und auf die Fürsorge hinwies, die Beamte und Arbeiter in seinem Reffort fanden. Auch der Abg. Gamp wies Goldschmidt geschickt ab und be­fürwortete Freiheit zum Besuche des Gottesdienstes die der Minister möglichst zu gewähren versprach. So­dann wurde das Kapitel vom Staate verwalteter Eisen­bahnen bewilligt und ebenso ohne Debatte den Rest des Ordinariums.

Die Handels- und Gewerbekommission des preu­ßischen Abgeordnetenhauses beschloß, bei der Beratung über die Regelung des Submissionswesens bei dem Plenum folgende Resolution zu beantragen: Das Haus ersucht die Staatsregierung, ihre Behörden anzuweisen und im Wege der Anregung dahin zu wirken, daß bei der Vergebung von Arbeiten und Lieferungen mehr als bisher Korporationen der Handwerker herangezogen und Genossenschaften zugelassen und herangezogen werden.

Der Präsident des badischen Staatsministeriums v. Brauer ist von seinem Amte zurückgetreten. In einem huldvollen Schreiben sprach ihm der Großherzog seinen Dank und seine Anerkennung für die treu ge« leisteten Dienste aus.

Ausland.

Nach einer Meldung des Generals V. Trotha aus Südwestafrika vom 7. März verfolgte Major Mühlenfels Wilhelm Maharero und Traugott bis in die Gegend von Dabis und Korckas und fand nur ver­lassene Werften. Samuel Maharere soll sich bei dem Häuptling Sekotti um Nganni-See (Britisch-Beschuana- land) befinden. Geschlossene Hereros haben sich nicht mehr zum Kampfe gestellt. Es wird beabsichtigt, in nächs y Zeit, zu Stationsbesatzungen Überzugehen, ©ve^:'-Sämling hat Koes besetzt, um den Abzug von Witbois zu verhindern. Diese befinden sich voraussicht­lich jetzt östlich der Linie Aminuis-Arahoab-Gochas-Koes. Uebereinstimmende Nachrichten deuten auf die Absicht ihres Abzuges nach den Karasbergen hin. Am 4. ds. wurde zwischen Zwartfontein und Witkranz ein Wagen­transport von Witbois überfallen, wobei auf deutscher Seite leider 11 Mann fielen und 3 Mann verwundet wurden. Die Verfolgung des nach Osten und Nord­osten zurückgegangenen Feindes ist energisch ausgenom­men worden. '

Die seit mehreren Tagen tobende Schlacht bei Mukden hat mit einer gänzlichen Niederlage der Russen

Der Kotterieüönig.

Roman von F. Wüstefeld. 44

Jetzt verfärbte sich auch Angela.Handelt eS sich um den Konsens?" fragte sie mit bebender Stimme.

Düskow neigte bejahend den Kopf.

Will man ihn uns nicht geben?" Ihre Miene ward immer angstvoller.

Man kann ihn unS nicht geben!" stöhnte der Haupt­mann,wenigstens nicht eher, als bis gewisse Dinge auf­geklärt sind."

Dinge, die uns, daß heißt Mr. Farlow und mich be­treffen!" stammelte sie.

Ja. Es sind dem Obersten eigentümliche Dinge über das Vorleben Deines Onkels und auch über daS Deinige hinterbracht worden."

Auch über das meinige?" fragte sie schmerzlich.WaS könnte ich denn getan haben? Ich habe ja den größten Teil meines Lebens in der Pension in New-Iork unter den Augen der MrS. Willard zugebracht."

Früher. Ehe Du dorthin kamst."

Da war ich ein Kind."

Ganz recht!" nickte Paul. Ihre Hand ergreifend und sich auf den Stuhl, hinter dem er bis;etzt gestanden hatte, niederlassend, fuhr er fort:Laß mich Dir berichten, was ich von dem Obersten gehört, was man diesem mitgeteilt l hat."

Mit kurzen Worten berichtete er ihr die ganze erschüt- ternde Geschichte, die er von dem Obersten erfahren, die am zweiten Ostertage Doktor Alfred Meinhold im Scho- bertschen Hause erzählt hatte.

Mit krampfhaft ineinander verschlungenen Händen, mit weit aufgerissenen Augen und halbgeöffnetem Munde hörte ihm Angela zu, und je weiter er in seiner Erzählung kam, desto mehr schien sie zu erstarren. Sie glich zuletzt einem Steinbilde, das keine Bewegung mehr hat, in ihrem gan­zen Gesichte war nicht mehr eine Spur von Farbe zu ent­decken, nur in den Augen flackerte ein düsteres Licht.

Als er geendet hatte, herrschte mehrere Minuten ein dumpfes, beängstigendes Schweigen im Zimmer, das Düs- kow endlich mit den Worten unterbrach:Ich bitte Dich, Angela, sprich! Was hast Du dazu zu sagen?"

Daß alles wahr ist!" schrie sie und sprang von ihrem Stuhl auf.

Voll Entsetzen tat Düskow das Gleiche.Du gibst es zu?!" rief er.Du hast es gewußt und konntest . . ." er vermochte nicht weiter zu sprechen. Zorn und Empörung erstickten seine Stimme. Erst nach einigen Minuten setzte er hinzu:Du warst der angebliche Waisenknabe, der den Betrug ausführen half?"

Sie nickte, zu sprechen vermochte sie nicht, und er fuhr fort:Du kanntest Deine und Deines Onkels befleckte Ver- gangenheit und konntest doch ..." Er hob drohend die Hand.

Sie ergriff sie und hielt sie trotz seines SträubenS fest.

Höre mich an, Paul! Du kannst, Du darfst mich nicht ungehört verurteilen!"

Was könntest Du mir zu Deiner Verteidigung zu sa­gen haben?"

Ich bin schuldig und dennoch schuldlos."

Er lächelte bitter.Daß Du als siebenjähriges Kind die Tragweite Deiner Handlungsweise nicht abzumessen verstandest, daß Du ohne Beurteilung dessen, was Du ta­test, den Befehl Deines Onkels vollzogst, weiß ich selbst, und nicht daraus mache ich Dir einen Vorwurf. Aber daß Du mit dieser Vergangenheit meine Braut werden konn­test, daß Du .. ."

Nein, nein, Paul!" unterbrach sie ihn mit herzzer- reißender Stimme.Du tust mir Unrecht, ich habe nichts davon gewußt!"

Ein bitteres, verächtliches Lächeln kräuselte seine Lip­pen,Du Warft mindestens sieben Jahre alt, da hat man Erinnerungen, die haften bleiben."

Ich hatte sie nicht!"

Und wußtest Dich doch jetzt zu erinnern! Gestandest ein, weil DeinGewissen aufgerüttelt war!"

Aufgerüttelt! Du hast das richtige Wort gesprochen!" entgegnete sie wie traumverloren.Deine Erzählung hat in mir aufgerüttelt, was verschüttet und verschollen in mir war. Ich sehe mich in der Kleidung des Waisenkna- ben in dem Ziehungssaale; ich ziehe die Nummern, die mir der Onkel vorher in den Aermel gesteckt hatte und höre den brausenden Lärm über den ungeheuren Gewinn, was aber nachher^gewesen ist, das ist auch jetzt vollstän- $Wie wää das möglich ?" fragte er durch ihre gänzlich geknickte Haltung unwillkürlich zum Mitleid bewogen.

Sie griff sich mit der Hand an die Stirn und sagte, mit den großen, schwarzen Augen in die Ferne starrend: »Ehe ich mit der Tante nach Amerika reiste, war ich meh- rere Wochen krank, und als ich genas, hatte ich das Ge­dächtnis dessen, was mit mir geschehen, gänzlich verlo­ren. In der fremden Umgebung, in die ich versetzt ward konnte ich meine Erinnerungen auch nicht auffrischen, und wenn ich später den Onkel oder die Tante fragte, so er- hielt ich von dem ersteren scherzhafte, von der letzteren unwirsche Antworten, die immer darauf hinausliefen, ich wolle Dinge wissen, die sich gar nicht zugetragen hätten. Meine Kindheit sei einförmig und ohne besondere Ereig- Nisse verlaufen. Deine Erzählung hat wie ein Blitz das Dunkel erhellt, doch nein, das ist nicht recht ausgedrückt Ich weiß nur, daß ich der Waisenknabe gewesen bin, der die Nummern gezogeri hat. Auf anderes, waS damit im Zusammenhänge steht, vermag ich mich auch jetzt nicht mehr zu besinnen."

ES ist die Hauptsache!" stöhnte er.

»Es ist das Scheidewort, das zwischen unS gesprochen wird! O Paul, Paul, vergieb mir! Ich hätte der inne­ren warnenden Stimme folgen, ich hätte Deine Braut nicht werden sollen! Ich war so schwach, weil ich Dich so grenzenlos liebte!"

Sie sank zu seinen Füßen nieder, streifte den Ring, den er ihr gegeben hatte, vom Finger, und reichte ihm densel- den hin. 116,18