SchlüchternerZMng
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 19. Mittwoch, den 8. März 1905. " 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser beglückwünschte den Sultan zur Vermählung seiner Tochter Naile. Interessant ist, daß der Gatte der Prinzessin ein türkischer Staatsrat, also nicht ebenbürtig ist. Der Kaiser kennt die Sultanstochter persönlich.
— Für den Hofstaat der zukünftigen Kronprinzessin des deutschen Reiches sind zu Hofdamen Gräfin Dohna- Waldburg und Fräulein Elfe Pauline v. Helldorff- Zingst ernannt worden.
— Prinz Eitel-Friedrich von Preußen ist von seiner Krankheit jetzt völlig wieder hergestellt. Er unternahm bereits seine erste Ausfahrt.
— Der Reichstag führte am Dienstag in der zweiten Beratung des Reichsamts des Innern bei dem Kapitel über das Gehalt des Staatssekretärs die sozialpolitische Debatte fort. Der Abg. Pauli (kons) wies auf die hohen Lasten hin, die durch die sozialpolitische Gesetzgebung dem Handwerk auferlegt seien, und auf die drückende Konkurrenz, die ihm in der Großindustrie und in der Gefängnisarbeit erstehe. Graf Posadowsky legte in längerer Ausführung den Standpunkt der Regierung zu den verschiedensten Fragen des gewerblichen Lebens dar und kündigte bei dieser Gelegenheit an, daß die Einbringung eines Gesetzentwurfes über den Befähigungsnachweis im Bauhandwerke nahe be- vorstehe. — Am Mittwoch verteidigte der Abg. Trim- born (Z.) die Sozialpolitik des Zentrums gegen heftige Angriffe des Abg. Wurm (Soz.). Nach einer Debatte über das Koalitionsrecht, die Krankenkassen, den Maximalarbeitstag u. dgl. sprach der Abg. Saftmann (wirtsch. Vg.) warm für den Mittelstand, empfahl den Befähigungsnachweis für das Baugewerbe und die Erschwerung des Verlustes der Reichsangehörigkeit der Deutschen im Auslande. — Am Donnerstag wurde nach Erledigung der ersten Beratung der Rechnung der Kasse der Oberrechnungskammer für 1902, soweit sie die Reichsverwaltung betrifft, die sozialpolitische Debatte fortgesetzt. Der Abg. Fräßdorf (soz.) sprach sich in langer Rede über die angeblichen Mängel der Arbeiterversicherung aus und zog namentlich den Leipziger Aerztestreik in die Debatte. Ruhig und sachlich erwiderte Geheimrat Fischer und die ungerechtfertigten Ausstellungen des Vorredners zurück. Graf Posadowsky stimmte ihm mit warmen Worten bei und bemühte sich auf die zahlreichen Fragen einzugehen, die im Laufe der Debatte an ihn gerichtet waren. Namentlich betonte er die unerfreuliche Erscheinung,
daß in den Kreisen der Arbeiterschaft die Zahl der Simulierungsfälle stetig zunehme. Am Schlüsse seiner Rede ging er auf die Ausführungen des Antisemiten Brühn ein. — Am Freitag verhandelte das Haus fast ausschließlich über Aerzte und Krankenkassen. Der Abg. Dr. Mugdan (frs. Vp.) nahm die Aerzte gegen den Terrorismus der sozialdemokratischen Kassen in Schutz und deckte grobe Mißstände derselben auf. Dies reizte den Abg. Lipinski (soz.) zu scharfer Erwiderung gegen den in Berlin herrschenden Freisinn.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete an Donnerstag zunächst die Beratung über das Kapitel Universitäten, sodann ging man zu den höheren Lehranstalten über. Im Mittelpunkte der Debatte standen die Fragen der Reformschulen und der Schülerfreiheit. Nach Erklärung von Regierungsseite haben sich die ersteren bewährt, und daher seien in Hannover und Breslau neue Anstalten der Art eingerichtet, doch müsse man mit der weiteren Einrichtung vorsichtig sein. Die Schülerfreiheit fand warme Verteidiger in den Abgg. Eickhoff (frs. Vg) und Gamp ffreik.); der Minister trat aber ihren Ausführungen lebhaft entgegen, besonders betreffs der Schülerverbindungen. Die Abgg. Dr. Wiemer (fr. Vp.) und Fritsch (natl.-lib ) sprachen sich für die Einführung der Stenographie in den Lehrplan aus. In einer anberauniten Abendsitzung des Hauses wurde ein Antrag auf Beseitigung der Vorschulen und Vereinheitlichung der Lehrpläne für höhere und Volksschulen debattelos der Unlerrichts- kommission überwiesen. — Am Freitag wurde über Kunst und Wissenschaft verhandelt. Nach Mitteilung des Ministers ist ein Gesetzentwurf zum Schutze städtischer und prähistorischer Denkmäler in Aussicht genommen, dagegen stellten sich dem Entwürfe eines allgemeinen Gesetzes über die Denkmalspflege Hindernisse entgegen. Die Forderung für einen Erweiterungsbau des Museums für Völkerkunde wurde angenommen, ebenso alle übrigen Positionen des Ordinariums und Extraordinariums.
— Gleichzeitig mit der Umgestaltung des Ein- kommensteuer-Gesetzes werden, wie verlautet, Aenderungen des Ergänzungssteuer-Gesetzes insoweit vorge- nommen, als die Bestimmungen des letzteren über den Rechtsmittelgang den im ersteren getroffenen Neuerungen angepaßt werden
— Der Entwurf einer Novelle zum Reichsseuchen- gesetz ist, wie die Regierungen in der Petitionskommission des Reichstages erklären ließen, fertig ausgearbeitet.
Der Entwurf wird demnächst dem Bundesrate und dem Reichstage vorgelegt werden. Dies dürfte, sofern nicht unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, spätestens bei Beginn der nächstjährigen Tagung geschehen.
— Nach den Erfahrungen der letzten Jahre erscheint es dem Minister der öffentlichen Arbeiten geboten, unter vorläufiger Aussetzung früher getroffener Anordnungen die bisher zur Verhütung von Schneeverwehungen getroffenen Maßregeln allgemeiner Art noch weiter auszudehnen und hierfür extraordinäre Mittel in mäßigem Umfange zu verwenden. Er hat deshalb die Eisenbahndirektionen veranlaßt, binnen kürzerer Frist zu berichten, ob und in welcher Höhe Aufwendungen zur Herstellung und Verbesserung der Schneeschutzanlagen neben den aus früheren Jahren zu diesem Zwecke noch verfügbaren Mitteln für das Etatsjahr 1905 als erforderlich erachtet werden.
— Da einzelne Bundesregierungen hinsichtlich der Gesuche um Dispensation vom praktischen Jahre der Kandidaten der Medizin milder verfahren, als andere, hat der Reichskanzler Verhandlungen mit den beteiligten Bundesstaaten eingeleitet. Binnen kurzem wird in allen Bundesstaaten eine vollkommen übereinstimmende Handhabung der Dispensvorschriften über das praktische Jahr eintreten. Wenn bisher den meisten Kandidaten das praktische Jahr ganz erlassen worden ist, so ist künftig keine so weitgehende Berücksichtigung zu erwarten. Es soll zwar auch weiterhin mit ausreichender Milde verfahren, aber sorgfältig geprüft werden, ob für die Gesuchsteller nicht ein teilweiser Erlaß des praktischen Jahres hinreicht.
Ausland.
— Nach einem Bericht aus Deutsch-Ostafrika ist die Baumwollenernte im Bezirk Kilwe beendet. Sie hat 250000 Pfund unentkernte und 91000 Pfund entfernte Baumwolle ergeben. Dieser Erfolg hat der Kommune und den im Bezirk wohnhaften Pflanzern Veranlassung gegeben, 4000 Hektar für den Baumwollbau vorzubereiten und zu bestellen, sodaß im Jahre 1905 mit einer Gesamternte von ungefähr 4 Millionen Pfund unentkernter Baumwolle gerechnet werden kann.
— Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatze fahren )ie Japaner fort, energisch vorzurücken. Vier japanische Divisionen, die den rechten russischen Flügel umgingen, erreichten Sawinpu, wo der weitere Vormarsch aufgehalten wurde. Die Angriffe auf beiden Flügeln werden fortgesetzt. Im Zentrum kam es zu einem
Der Kotteriekömg.
Roman von F. Wüstefeld.
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In freudiger Erregung waren ihm einige Tage vergangen, als er zum Obersten von Prolling gerufen ward.
„Der freundliche Herr will mir wahrscheinlich den Konsens selbst übergeben," dachte er und folgte in bester Stimmung dem Rufe, erschrak aber, als der Oberst ihm mit gefurchter Stirn und finsterer Miene entgegentrat, und seinen ehrerbietigen Gruß ernst und streng militärisch erwiderte.
„Herr Hauptmann Düskow," redete er ihn an, „ich habe Sie zu mir bitten lassen, weil ich, ehe Ihnen der HeiratskonsenS erteilt werden kann, doch einige Fragen an Sie zu richten habe."
„Zu Befehl, Herr Oberst!" erwiderte Düskow mit Haltung, aber sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. Die Ahnung, nein, die Gewißheit stieg in ihm auf, daß ein Unheil heranziehe.
„Ich möchte Sie ersuchen, mir näheres über das Vor- leben des Mr. und der Mr». Farlow mitznteilen," fuhr der Oberst fort.
„Ich weiß nichts weiter, als was ich dem Herrn Oberst bereits mitgeteilt habe. Es schien Ihnen damals zu genügen," war die noch immer ruhig und gelassen erteilte Antwort.
„DaS war der Fall. Inzwischen sind mir aber Mitteilungen zugegangen, die eine wahre Beleuchtung deS Falles erforderlich machen," fuhr Oberst von Prolling fort. „Sie wissen nicht, wie Mr. Farlow früher geheißen hat?"
„Er hat mir, wie ich dem Herrn Oberst mitgeteilt, gesagt, daß er in Amerika den Namen geändert, ich habe den früheren bulgarischen, den er mir genannt, aber nicht behalten."
„Lautete er vielleicht FarkaS?" fragte der Oberst und richtete seine Augen scharf forschend auf den Hauptmann.
^Nein, so lautete er nicht."
„Es ist mir aber mit aller Bestimmtheit versichert wor- den, daß er so gelautet habe," entgegnete der Oberst, und fügte, einer Frage des Hauptmanns zuvorkommend, hinzu: „Durch wen mir die Anzeige zugekommen ist, tut vorläufig nichts zur Sache, es sind aber glaub- und vertrauenswürdige Männer gewesen, die mir angezeigt haben, der Amerikaner Mr. Farlow sei identisch mit dem Bulgaren oder Rumänen FarkaS, und wissen Sie, wer dieser gewesen ist?"
„Nein, Herr Oberst," antwortete Düskow gepreßt.
„Ein gemeiner, obwohl recht genialer Dieb, der in einem ungarischen Zuchthaus« eine siebenjährige Strafe abgesessen hat," erklärte Oberst von Prolling, jedes sei- ner Worte ausdrucksvoll betonend, war aber erschrocken über die Wirkung, die sie hervorgebracht hatten.
Hauptmann Düskows Gesicht war aschfarben gewor- den, die Lippen bebten, die Glieder schlotterten. Er ver- mochte sich kaum aufrecht zu halten, und tastete mit der Hand nach der Lehne eines in der Nähe stehenden Stuhles, um daran eine Stütze zu finden. „Im Zuchthause gesessen," murmelte er. „Was . . was soll er getan haben?"
Den Obersten erfaßte reges Mitleid. „Setzen Sie sich, Herr Hauptmann," sagte er, auf einen Stuhl deutend, viel milder als zuvor, und nahm selbst in dem Sessel an seinem Schreibtisch Platz. „Ich sehe Ihnen an, daß Sie furcht- bar von der Sache betroffen sind, daß Sie nichts davon gewußt haben."
„Herr Oberst!" fuhr Düskow auf.
„Ich bin überzeugt, daß Sie nicht» davon gewußt ha- ben, der Handel bleibt aber trotzdem sehr unangenehm."
Düskow nickte und sank förmlich in sich zusammen. Nach einer Pause fragte er mit halb erloschener Stimme: „Wessen beschuldigt man Farlow?"
Er hat den österreichischen Staat um eine halbe Mil- Hrn Gulden beschwindelt, indem er in der Lotterie ein Terno gewonnen und fünfhunderttausend Gulden dafür
ausgezahlt erhalten hat. Später hat sich herauSgestell^, daß dies infolge einer Täuschung geschehen ist."
„Wie war das möglich?"
„Ein kleines Mädchen, das bei ihm und seiner Frau lebte, ist als Waisenknabe verkleidet in den ZiehungSsaal geschmuggelt worden und hat falsche Lose gezogen."
Düskow sah aus, als wollte er den Obersten mit seinen Blicken durchbohren. Alles Leben, das in ihm war, schien sich in seinem Auge gesammelt zu haben.
„Ein kleines Mädchen!" murmelte er. „Melange soll denn die Geschichte her sein?"
„Achtzehn bis zwanzig Jahre," antwortete der Oberst.
„Man hat sich damals die größte Mühe gegeben, von FarkaS zu erfahren, wo er seine Beute verborgen, denn es ist nur wenig Geld bei ihm gefunden worden, er hat e» aber nicht verraten, sondern hat seine sieben Jahre im Zuchthaus abgesessen und ist dann nach Amerika verduftet."
„Und seine Frau, seine Nichte?" stammelte DüSkow.
„Sind ihm wahrscheinlich gefolgt,"erwidertederOberst, „und jetzt mit ihm wieder nach Europa gekommen; man hat in Mr. Farlow mit aller Bestimmtheit den bestraften Lotteriedieb FarkaS erkannt. Er wird mit dem mitgenommenen Gelde in Amerika gute Geschäfte gemacht haben und hat nun die bodenlose Frechheit besessen, sich als steinreicher Mann in die beste Gesellschaft zu drängen und seine Nichte sogar mit einem Offizier zu verloben."
Düskow saß einige Minuten wie gelähmt, dann raffte er sich auf, erhob sich und sagte: „Ich bitte den Herrn Oberst um Verzeihung, aber die Sache kommt mir unglaublich vor."
„Das kann ich Ihnen nicht verargen," erwiderte der Oberst nicht unfreundlich. „Es lag mir ob, Sie von der Affäre in Kenntnis zu setzen. Können Sie sie aufklären, können Sie beweisen, daß Mr. Farlow unrecht geschehen ist, so soll mich das sehr freuen. Daß bis dahin von der Erteilung derHeiratSerlaubniS keine Rede fein sann, wer- den Sie begreiflich finden." 116,18