SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
^2 18 ” den 4. März 1905. 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser besuchte am Mittwoch den Reichskanzler und nahm dann die Berichte der Leibregimenter entgegen. Abends war großer Ball bei den Majestäten.
— Im Reichstage begann am Sonnabend die zweite Lesung des Marine-Etats. Die Debatte drehte sich Ehauptsächlich um den deutschen Flotten-Verein, dessen lebhafte Agitation der Sozialdemokrarie und dem Zentrum sehr gefährlich zu sein schien. Nachdem die Abgg. Bebel (soz) und Gröber (Z.) und nach ihnen Mommsen (fr. Vg) und Müller-Sagan (fr. Vp.l ihrem Zorn gegen den Flotten-Verein Luft gemacht hatten, fand dieser in den Abgg Graf Oriola (nat.-lib), v. Normann (k.), Werner (wirtsch. Vg.), Dr. Arendt (Rp.) und v. Kardorff (Rp) beredte Verteidiger. Bemerkenswert war, daß Admiral Tirpitz eine neue Flottenvorlage in Aussicht stellte, ohne jedoch auf Einzelheiten einzu- gehen. Der Titel Staatssekretär wurde genehmigt und ebenso ohne Erörterung eine Reihe von anderen Kapiteln des Etats. — Am Montag erledigte das HauS den Marine-Etat und beriet dann den Etat für Kiautschou. Es war erfreulich, daß selbst die Freisinnigen die günstige Entwicklung der Kolonie anerkennen mußten. Darauf wurde die zweite Lesung des Etats des Reichsamts des Innern beim Titel Staatssekretär fortgesetzt. Hierzu lagen 20 Resolutionen vor, über die sich der Abg. Wurm (soz.) in längerer Rede aus- ließ, nachdem sich Erzberger (Z.) über die verschiedensten auf dem Gebiete des Ressorts liegenden Gegenstände ausgesprochen hatte.
— DaS preußische Abgeordnetenhaus nahm am Sonnabend in Fortsetzung der Beratung !£. den Kultus-Etat das Kapitel der Elementarschulen in Angriff. In der Debatte beklagte der Abg. Ernst (fr. Vg) den Lehrermangel, Dr. Krüger (k.) sprach für die geistliche Schulaufsicht, Cassel (fr. Vp.) für Simultanschulen und gegen Schulkompromiß und Frhr. v. Zedlitz (freit.) gerade umgekehrt. Hierauf ging man zu der Verhandlung über das Lehrerbildungswesen und die verschiedenen Anträge betreffs des Gehalts und auf die Verhältnisse der Seminar- und Präparendenlehrer über. — Am Montag verwies das Haus einen Antrag v. Zedlitz, die Zulagen der Seminarlehrer pensionsfähig zu machen, an die Budgetkommission. Nach einer Anzahl von Einzelerörterungen nahmen die Redner verschiedener Parteien wieder Stellung zu der Frage
der Schulaufsicht, wobei der Abg. D. Hackenberg gegen die geistliche Schulaufsicht polemisierte, während Ministerialdirektor D. Schwartzkopff die Angriffe wiederholt abwehrte. Endlich begann man die Beratung über die Ostmarken-Zulage und den Antrag der Abgeordneten der zweisprachigen Landesteile auf Erhöhung derselben, führte sie aber nicht mehr zu Ende.
— Prinz Friedrich Leopold von Preußen hat die Reise nach dem ostasiatischen Kriegsschauplatze angetreten. Zur Verabschiedung waren außer der Gemahlin des Prinzen auf dem Bahnhof der Kaiser, der Kronprinz, Prinz August Wilhelm, Prinz Friedrich Heinrich, Prinz Arthur von Connaught, Reichskanzler Graf Bülow, Staatsminister Freiherr von Richthofen, der chinesische Gesandte und der russische Militärattachee erschienen.
— Dem Reichskanzler Grafen v. Bülow wurden nach Annahme der Handelsverträge im Reichstage von dem Prinzregenten Luitpold von Bayern, dem König von Sachsen und dem Großherzog von Baden Telegramme gesandt, in denen sich die Fürsten glück- wünschend über den erzielten Erfolg der Handelsver- trags-Arbeit aussprachen.
— Wiederholt ist die Frage aufgeworfen worden, ob in dem Verfahren zur Umlegung der Handwerks- Beiträge innerhalb der Gemeinden auf die einzelnen Handwerksbetriebe nach § 103 I der Gewerbeordnung den Handelskammern das Recht der Einlegung des Rechtsmittels der Beschwerde gegen die einzelnen Veranlagungen zustehe. Wie in einem Erlaß des Ministers für Handel und Gewerbe ausgeführt wird, kann ein solches Recht der Beschwerde, da es sich bei diesen Abgaben formell und materiell nur um die Zahlungspflicht der Inhaber der Betriebe gegenüber den Gemeinden handelt, nicht anerkannt werden. Ferner wird darauf hingewiesen, daß mit der Fristlosigkeit der Beschwerde eine fünfjährige Veranlagungsperiode fernerhin nicht vereinbar erscheint. Es empfiehlt sich daher, eine etwa bestehende mehrjährige Veranlagungsperiode durch eine ein- bis höchstens zweijährige zu ersetzen.
— Zur Dienstkleidung der Unterbeamten der Post- und Telegraphen-Verwaltung wird, nach der „D. Verk.-Ztg.", ein Umhang aus schwarzen, wasserdicht imprägniertem Tuch oder tuchähnlichem Stoff ohne Aermel und Armlöcher eingeführt, und zwar in der Länge, daß die Knie bedeckt werden.
Ausland.
— In diesen Tagen ist wieder ein größerer Truppentransport mit dem Dampfer „Profesfor Wör- mann" nach Südwestafrika abgegangen. Der Transport besteht aus 45 Offizieren, 5 Portepee-Unteroffizieren, 503 Unteroffizieren und Mannschaften sowie 196 Pferden. Leiter des Transportes ist der Hauptmann von Kahlden. Auch ist der Bremer Argo-Dampfer „Europa" zu einem weitern Truppen- bezw. Munitionstransporte nach Südwestafrika von der Woermannlinie gechartert worden. Der Dampfer soll im Laufe des Monats März die Ausreise antreten.
— Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatze ist es wieder lebendig geworden. Nach den verschiedenen Vorstößen der Russen haben jetzt die Japaner die Offensive ergriffen, wie es scheint, mit Erfolg; denn es wird von einem bevorstehenden Rückzüge der Armee Kuropatkins aus den Stellungen bei Mutden und der Schließung der russischen Bank daselbst berichtet. Mukden selbst wird von der schweren japanischen Artillerie beschossen.
— Aus Rußland kommen wieder einmal Nachrichten über die berichtet wird, hat der Zar auf Empfehlung des Landwirtschaftsministers Jermolow und nach Durchsicht einer von diesem eingehend verfaßten Denkschrift in die Ausarbeitung eines Manifestes gewilligt, durch das die Einführung einer Verfassung versprochen werden soll. Infolge der jüngsten Vorgänge in Baku ist der Naphtha-Kongreß mit Genehmigung tes Ackerbauministers geschlossen worden. Vor der Schließung wurde das Budget bestätigt, das ein Defizit von 556000 Rubeln aufweist.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 3. März 1905=
—* Nächsten Dienstag, den 7. März er. findet hier der erste Viehmarkt statt.
—* In der Zeit vom 8—13. März findet dahier für den Kreis Schlüchtern das diesjährige Musterungsgeschäft statt, worauf wir besonders Aufmerksam machen.
—* In Elm, Vez. Cassel, ist eine Telegraphenanstalt mit Unfallmeldedienst und öffentlicher Fernsprech- stelle in Wirksamkeit getreten.
—* Dem Kreis-Kriegerverbande Schlüchtern, der am 23. August 1903 gegründet wurde, haben sich bis heute 32 Kriegervereine des Kreises angeschlossen; nur einer zögert noch, den Anschluß zu vollziehen. Dank
Der «Lotteriekönig.
Roman von F. Wüste selb. 39
„In Chicago ist es immer sehr anständig im Farlow- schen Hause zugegangen," sagte mit leiser Stimme Kon- radine, die ganz nahe an Doktor Linderer herangerückt war, al» ob sie bei ihm Schutz suchen wollte. „Dennoch..."
„WaS?" riefen Onkel und Tante, da sie stockte.
„Dennoch fürchte ich, Herr Doktor Meinhold hat rich- tig gesehen," antwortete sie noch leiser. „Vieles, was mir unerklärlich war, lerne ich jetzt verstehen; manches Wort, da» ich gegen meinen Willen auffing, gewinnt jetzt Bedeu- tung."
„Dann wäre e» aber eine kolossale Frechheit von diesem Farka», unter falschem Namen nach Berlin zu kommen," sagte Schobert kopfschüttelnd.
„Er hat eben gemeint, über die Geschichte sei längst Gras gewachsen, und von hier bis Budapest sei e» weit," meinte Linderer.
„Wie konnten diese Leute sich in die erste Gesellschaft drängen," rief Frau Schobert, die Hände zusammenschlagend. „Nicht, daß ich damit sagen wollte, wir wären gut genug für sie."
„Sehr richtig, gnädige Frau. So urteilen auch die beiden Offiziere, denen ich die Geschichte erzählte," nickte Doktor Meinhold.
„Sie haben die Geschichte Offizieren erzählt!" rief Schobert und fuhr voll Entsetzen empor.
„Gewiß," erwiderte Meinhold lächelnd, „sie ist so pikant, und der Weg war weit."
„Ach, was haben Sie damit angerichtet!" jammerte Frau Schobert. „Arme Angela! Ich habe zwar nicht viel für sie übrig, nun tut sie mir aber doch leid."
„Sie meinen die Nichte deS angeblichen Farlow?* fragte Doktor Meinhold. „Höchstwahrscheinlich ist sie der verkleidete Waisenknabe gewesen."
,Desto schlimmer für sie und für DüSkow, " platzte Frau
Mathilde heraus. „Der Hauptmann hat sich mit ihr verlobt."
„Aus der Heirat kann nichts werden!" erklärte Meinhold sehr bestimmt.
„Arme, arme Angela!" rief Konradine, in Tränen ausbrechend. „Sie war heute so glücklich und soll nun so großen Schmerz erfahren. Ach, eS tut doch gar zu weh, entsagen zu sollen, wo man liebt!"
Sie ward glühend rot und verbarg das heiße Gesicht in dem kleinen mit Spitzen besetzten Taschentuch; es wurde ihr erst jetzt klar, daß sie sich mit ihrer Aeußerung verraten hatte.
Frau Schobert glaubte aber, der Augenblick, wo sie eingreifen könne, sei jetzt kommen. Sie stieß Linderer in die Seite und flüsterte ihm zu: „Können Sie da» mit ansehen, Barbar? Soll ich Ihnen die Gelegenheit verschaffen, mit dem Mädchen allein zu reden?"
Ohne seine Antwort abzuwarten, nahm sie ihren Mann unter den einen Arm, Doktor Meinhold unter den andern und sagte: „Schobert, Du machst mir kleine Augen, trolle Dich in Dein Zimmer und halte Deinen Mittags- schlaf. Sie, Doktor, muß ich inzwischen noch ordentlich inS Gebet nehmen, ich bin mit Ihrer wunderbaren Geschichte lange noch nicht fertig."
Die Tür schloß sich hinter Doktor Meinhold und dem Schobertschen Ehepaar.
Doktor Linderer und Konradine waren allein, und nun geschah etwas Wunderbares und sehr Natürliches. Beide fielen sich in die Arme und hielten sich fest und innig umschlungen, ohne daß einer von ihnen jetzt oder später ge- wußt hätte, von wem der Anstoß dazu ausgegangen war.
Doch nur kurze Zeit hielt Doktor Linderer das junge Mädchen an seine Brust gedrückt, dann machte er sich von ihr loS und sprach traurig: „Konradine, was haben wir, nein, was habe ich getan!"
Erstaunt, unfähig, den Sinn seiner Worte zu fassen, schaute sie ihn an.
.All mein Kämpfen, all mein Ringen war vergeblich!
Ich darf Dir nicht gestehen, wie heiß ich Dich liebe, darf nicht um Dich werben, und habe mich doch hinreißen lassen !"
„Aber warum nicht?" fragte sie naiv.
„Konradine, siehst Du, nein, sehen Sie da» nicht ein?" fragte er, finster zu Boden blickend, und trat ihr wieder einen Schritt näher. „Ich bin der mittellose Journalist, der im Dienste Ihres Onkels steht, dem jeden Tag gekündigt werden kann; Sie . .."
Ein silberhelles Lachen unterbrach ihn: „Ich bin die Tochter und Nichte eines Buchdruckereibesitzers und Zeitungsverlegers, ich finde, daß wir ganz vorzüglich zu einander passen."
„Sie vergessen dabei nur, daß ich ganz arm bin, und Sie große Reichtümer besitzen."
Wieder ertönte ihr melodisches Lachen. „DaS ist ebenfalls ein sehr guter Ausgleich."
„Konradine, spotten Sie nicht über mich! Die Sache ist mir sehr ernst, geht mir aus Leben!" bat er.
„Man könnte versucht sein, eS zu tun," entgegnete sie, „aber auch mir ist die Sache viel zu ernst. Sie lieben mich, sagen Sie?"
„Mehr als mein Leben," beteuerte er, „ich könnte meinen letzten Blutstropfen für Sie hingeben!"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann das kaum glauben. Ihre Liebe ist ja nicht so stark, um ein Vorurteil be- siegen zu können."
„Ein Vorurteil nennen Sie das?" erwiderte er leb- haft, „wenn ein armer Mann nicht um ein reiche» Mädchen werben will oder besser, nicht darum werben darf?"
„Ich habe noch nicht sehr viel von der Welt gesehen, aber doch schon erfahren, daß dies recht häufig geschieht," scherzte sie.
Eben deshalb darf ich eS nichi Man macht niemand einen V
„Eben deshalb darf ich eS nicht tun!" seufzte er.
„Man macht niemand einen Vorwurf daraus."
„Und doch wird hart darüber geurteilt, sogar von Männern, die selbst keinen Anstand nehmen würden, es zu tun." 116,18