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Erscheint Mittwoch und Samstag- — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 M. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
^ 15 " ' Mittwoch, den 22. Februar 1905. 56. Jahrgang.
*<* über die Vorkommnisse auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens unterichtet sein und daneben einen reichhaltigen, intereff. unterhaltenden Lesestoff für seine Familie haben will, der bestelle die wöchentlich zweimal mit dem amtt Kreisblatt erscheinende „Schlüchterner Zeitung".
Der Leserkreis dieses Blattes nimmt ständig zu, ein Beweis, daß die „Schlüchterner Zeitung" ein für den Stadt- und Landbewohner unentbehrliches Lokalblatt ist. Der Bezugspreis beträgt nur 1 M. vierteljährlich.
finden in der „Schlüchterner Zeitung" eine große und zweck
entsprechende Verbreitung
Amtliches.
J.-Nr. 1389. Die Königlichen Beschäler treffen am 28. Februar d. Js. auf Station Schlüchtern ein.
Ich ersuche die Herren Bürgermeister dies sofort in ortsüblicher Weise bekannt zu machen; auch ersuche ich die Absohlungsergebnisse in die Deckregister recht genau einzutragen und letzere bis spätestens zum 20. Juni d. Js. an die betreffenden Stationswärter zurückzusenden, sowie die Züchter anzuhalten, die fälligen Deck- und Füllengelder ungesäumt an die betreffenden Stationswärter zu zahlen.
Schlüchtern, den 17. Februar 1905.
Der Königliche Landrat: Graf zu Solms.
Bekanntmachung.
Für die Schutztruppe in Südwestafrika sowie auch für die Ostasiatische Besatzungs-Brigade sind zahlreiche Anmeldungen von Freiwilligen erwünscht.
Sofortige Meldungen können bei den zuständigen Meldeämtern sBezirksfeldwebeln) erfolgen.
Königliches Bezirks-Kommando Hanau.
Die Ermordung des Großfürsten Sergius.
Freitag Nachmittag 3 Uhr passierte Großfürst Sergius in Moskau zu Wagen, vom Nikolauspalaste kommend, dem Senatsplatz. Hinter der Equipage fuhren zwei Droschken. Als die Kutsche sich dem Justizpalaste näherte, kam ihr ein Schlitten mit zwei Männern in Zivilkleidung entgegen; der eine trug einen Arbeiteranzug. Am Justizpalast ließ der Schlitten die Equipage vorbeifahren. In diesem Augenblicke
Der Kotteriekönig.
Roman von F. Wüstefeld. 34
„Wir waren wilde Jungen, versuchten unS bald in dem und bald in jenem Gewerbe, trieben uns nach dem Tode der Eltern abenteuernd umher und verloren uns endlich gänzlich aus den Augen. Ich ging nach Amerika, war bald im Norden, bald im Süden, gewann, verlor und brächte er zu nichts. Als ich mich mit einer Landsmännin, die ich in San Francisco kennen gelernt, verheiratet hatte, kehrten wir für einige Zeit nach Europa zurück, um zu versuchen, ob uns das Glück vielleicht dort günstiger sei. In uns beiden regte sich der Wunsch, die Heimat wiederzusehen. Wir gingen nach Bulgarien. Ich forschte nach meinem Bruder und erfuhr, daß er in Sofia kurze Zeit da» Gewerbe des BaterS ausgeübt hatte und auch verheiratet gewesen sei. Ein Sturz mit dem Pferde hatte seinen Tod herbeigeführt. Seine junge Frau war ihm bald gefolgt, und da» einzige von ihnen hinterlassene Kind befand sich im Waisenhause. In mir regte sich das Blut. Ich besaß zwar nichts, trotzdem beschloß ich im Einverständnis mit meiner Frau, die Kleine zu uns zu nehmen und zu erziehen. Wir suchten das Kind im Waisenhause auf. Man machte keine Schwierigkeiten, es uns zu übergeben. Wir nahmen eS mit uns und behielten es bei uns, sahen je- doch bald ein, daß daS kleine Mädchen bei dem unruhi- gen Leben, zu dem wir damals gezwungen waren, nicht gedeihen konnte. In Konstantinopel erkrankte Angela an einem Gehirnfieber so schwer, daß wir ihren Tod erwarteten. t ,
Sie genas zwar, aber ihr Gedächtnis hat seit dieser Krankheit eigentümlich gelitten. Sie erinnert sich der vor- hergegangenen Zeit gar nicht mehr oder doch nur sehr dunkel und verworren, bildet sich aber ein, sie müsse ganz besondere Dinge erlebt haben, und hat uns mit Fragen, die wir mit dem besten Willen nicht zu beantworten ver- mochten, weidlich zugesetzt. Jetzt hat sie sich das abgewöhnt. Wir hatten, wie gesagt, eingesehen, daß wir da» zarte
Kind, ohne seine Gesundheit zu gefährden, nicht bei uns behalten durften, und da wir doch entschlossen waren, wieder nach Amerika zurückzukehren, hielten wir es für das beste, sie sogleich dahinzubringen. Ich wurde durch aller- lei Geschäfte, die ich eingeleitet hatte, noch in Europa zurückgehalten, meine Frau reiste daher mit ihr voraus und brächte sie in New-Dork in eine sehr gute Erziehungsanstalt. Ich besaß damals zwar nicht viel, wollte aber doch, daß der Tochter meines Bruders eine sehr gute Erziehung gegeben werde und dachte, die Mittel dazu würden sich schon finden. Sie fanden sich in überraschender Weise. Nach meiner Rückkehr nach Amerika wandle sich daS Blatt. Ich ließ mich in Chicago nieder, meine Unternehmungen glückten mir, ich ward bald ein reicher, und in kurzer Zeit ein sehr reicher Mann, selbst für amerikanische Verhältnisse.
„Während der Jahre deS Kämpfens und RingenS hatte ich meine Nichte in der Erziehungsanstalt gelassen. Erst als ganz erwachsenes Mädchen, als ich auf festen Füßen stand, kam sie zu unS, blieb in unserem Hause und hat nun mit uns die Reise nach Europa gemacht. Das ist Angelas Lebensgeschichte und zum guten Teil auch die mei- nige," schloß Mr. Farlow und schwieg, wie erschöpft, still.
Düskow holte tief Atem und sagte herzlich: „Ich danke Ihnen, Mr. Farlow, die Auskunft genügt mir vollständig."
Aufstehend erwiderte der Amerikaner: „Das soll sie nicht. Mein verstorbener Freund in Chicago pflegte immer zu sagen: WaS man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. Ich will Ihnen schriftliche Beweise vorlegen: Angelas Geburts- und Taufzeugnis, den Schein über ihre Aufnahme in das Waisenhaus und ihre Entlassung aus demselben, in der Originalsprache und in der Uebersetzung ins Englische und Deutsche, die ich an« fertigen und beglaubigen ließ. Es stimmt alles, nur die Namen sind andere. Sie werden begreifen, daß ich nicht immer Farlow geheißen habe." Er trat zu einer Kassette, I schloß sie auf und legte ein Päckchen vergilbter Papiere vor Düskow nieder, der sie laS, soweit seine Sprachkennt- niS das erlaubte.
wurde eine Bombe unter die Kutsche geschleudert. Die Explosion war so heftig, daß alle Fensterscheiben im Justizpalaste zersplitterten; der Wagen wurde völlig zertrümmert: die Pferde liefen davon. Die Volksmenge auf dem Platze sammelte die Holztrümmerstücke unb Stoffreste auf. Der Großfürst war sofort tot; der Kopf und die Beine waren vom Rumpfe getrennt, die Kleider zerrissen. Der Kutscher, der schwere Brandwunden erhalten hatte, starb auf dem Wege zum Krankenhaus, auf dem Platze liegen die Räder der Equipage. Die Explosion wurde weithin vernommen. Die Mörder sind verhaftet. Der eine sagte: Ich mache mir nichts daraus, meine Arbeit ist getan. Der Name des Mörders ist unbekannt. Nach einigen Augenblicken begann die Menge sich an dem Tatorte anzusammeln. Das Tor des Kreml wurde geschlossen. Auf dem Roten Platze veranstaltete die Menge eine Kundgebung gegen die Studenten, welche geprügelt wurden, und zwar in solcher Weise, daß ein beim Palais de Jgnatiew angestellter Beamter sich dazwischen warf, und veranlaßte, daß mehrere Personen verhaftet wurden. Es wurden dann Proklamationen unter die Menge geworfen. Als die Großfürstin Sergius die Nachricht von dem Ereignisse erfuhr, begab sie sich sofort an den Tatort. Die Ueberreste des Großfürsten Sergius wurden aufgehoben und nach dem NikolauS- palais geschafft.
Großfürst Sergius ist der Sohn des ermordeten Kaisers Alexanders U. und dessen Gemahlin Maria Alexandrowna, einer geborenen Prinzessin von Hessen und bei Rhein. Trotzdem auch die Gemahlin des Großfürsten Sergius eine Deutsche, die Tochter des verstorbenen Großherzogs von Hessen-Darmstadt, Prinzessin Elisabeth, ist, zeigte er stets eine recht gehässige Deutschfeindlichkeit, die den Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland oft von Schaden gewesen ist. Der Ermordete bekleidete bis vor kurzem den Posten eines Militärgouverneurs in Moskau und auch hier zeichnete er sich durch rücksichtslose Strenge aus. Bekannt ist, daß erst vor wenigen Wochen ein Attentat auf ihn auf dem Moskauer Bahnhof versucht wurde, aber mißglückte. Dieses Attentat ist wohl auch der Anlaß gewesen, daß man den Großfürsten von seinem gefährlichen Posten entbunden hat. Trotz der größten Vorsichtsmaßregeln, mit denen man den Großfürsten allenthalben umgab und trotzdem er nur selten den Kreml verließ, hat ihn jetzt ein unheilvolles Schicksal erteilt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser begab sich Sonnabend Nachmittag zum russischen Botschafter, um deinselben seine Teilnahme an dem Tode des Großfürsten Sergius auszu- sprechen.
— An der Kaiserlichen Frühstückstasel am Sonntag nahm außer den im königlichen Schlosse wohnenden Fürstlichkeiten Prinz Friedrich Leopold, der aus Petersburg zurückkehrte, teil. Nachmittags unternahm der Kaiser einen Spaziergang, empfing 6 Uhr 40Min. auf dem Bahnhof Friedrichstraße die Prinzessin Viktoria von Battcnberg und verweilte mit der Prinzessin und den fürstlich Erbach'schen Herrschaften bis zu deren Abfahrt um 7 Uhr 12 Min. im Fürstenzimmer. Später besuchte Sr. Majestät den Reichskanzler.
— Im Reichstage wurde am Dienstag die Handels- vertrags-Debatte beendigt. Viel Neues war naturgemäß am fünften Tage der Verhandlungen kaum noch zu hören. Der Behauptung des Abg. Gothein (frs. Vg.), daß Fürst Bismarck nach 1887 eine Herabsetzung des Getreidezolles auf 1 Mk. geplant habe, trat Staatssekretär Graf Posadowsky wiederholt und mit Nachdruck entgegen. Der Württembergische Minister Dr. v. Pischeck beleuchtete vom Standpunkte der Verträge aus die Obstproduktion seines Landes und der Abg. Dr. Blankenhorn (nat.-lib) den süddeutschen Tabaksbau. Zu einer energischen Rede gegen die vorliegenden Handelsverträge, die ihm nichts, aber auch rein garnichts wert sind, schwang sich der Abg. v. Gerlach (Hosp. b. d. frs. Vg.) auf, fand aber bei dem größten. Teile des Hauses nicht die gewünschte Anerkennung seiner Ausführungen. Die Handelsverträge gehen nun an eine Kommission von 28 Mitgliedern, die sich am Dienstag abend konstituiert hat. Den Vorsitz hat der Zentrumsabgeordnete Spähn. Die nächste Plenarsitzung des Reichstages findet am Sonnabend statt.
— Das preußische Herrenhaus beschäftigte sich am Mittwoch mit der Hibernia-Verlage und nahm sie schließlich mit einer Resolution an, welche der Regierung eine Direktive für die verfügbaren Ueberschüsse aus den Dividenden geben will. Der Hauptredner war Prof. Schmoller, der die segensreichen Wirkungen des Kohlen- syndikats anerkannte, aber doch die Möglichkeit nicht außer acht setzte, daß sich einmal ein staatlicher Einfluß geltend machen müsse. Den Rest der Tagesordnung bildeten Petitionen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Mittwoch die Beratung über den Etat des Ministeriums
„Gestatten Sie, daß ich das, was Sie mir berichtet, meinem Obersten mitteile?" fragte der Hauptmann.
Mr. Farlow schüttelte ihm die Hand: „So viel Sie wollen. Es kann mir allerdings nicht angenehm sein, wenn alle Welt die Geschichte erfährt, aber Ihr Oberst wird ja kein Schwätzer sein."
„Das ist er nicht," versicherte der Hauptmann und fügte zaghaft hinzu: „Und darf ich nun zu Angela gehen?"
„ Sie dürfen, ich werde Sie zu ihr führen, dann lasse ich ein paar Flaschen Sekt kalt stellen, um die Verlobung zu feiern."
Ein kleiner Schreck durchzuckte Düskow. „ES muß noch geheim bleiben, bis ich die Anzeige gemacht und den Konsens habe," murmelte er.
„Versteht sich, versteht sich, es bleibt alles ganz unter uns," versicherte Farlow, nahm den Hauptmann unter den Arm und führte ihn in den Salon, wo seine Frau und Angela sich befanden.
„Schaut, wen ich da bringe!" rief er, Düskow zu Angela geleitend und sie in seine Arme legend, dann wandte er sich an seine Frau: „Komm, Mia, überlassen wir das junge Paar sich selbst und rüsten wir das Mahl."
Er verließ mit seiner Frau daS Zimmer, zog sie in sein kleines Arbeitsgemach und flüsterte ihr zu: „Herr Düskow ist auf den Leim gegangen."
„Du hast ihm erzählt ..."
„Eine aus Wahrheit und Dichtung gemischte Geschichte, die er auch seinem Obersten mitteilen wird."
^Und wenn er doch dahinter kommt?"
„Dann hat er sich unmöglich gemacht, muß die Uniform doch ansziehen und mit unS nach Chicago gehen. Wir wollen die Hochzeit sehr beschleunigen und darauf am liebsten wieder nach Amerika zurückkehren. Mir will die amerikanische Luft garnicht mehr behagen."
Eine Stunde später wurde das Bautpaar zu Tische gerufen. Mr. Farlow hielt eine Rede, die Gläser klangen zusammen. Im perlenden Sekt wurde auf das Wohl der Verlobten getrunken und es war schon spät, als Hauptmann Düskow den Heimweg antrat. 116,18