SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
jOT . Samstag, den 11. Februar 1905. 56. Jahrgang.
Deutsches Reich.
” — Der Kaiser empfing am Dienstag Abend um 6’4 Uhr am Anhalter Bahnhof den Prinz Karl von Bourbon, Jnfant von Spanien. Nach dem Parademarsch der Ehrenkompagnie begaben sich der Kaiser und der Jnfant nach dem Schloß. Die spanischen Herren überbringen dem Kaiser die Uniform eines Generalkapitäns der spanischen Armee und Kommandeurs des Regiments „Numancia".
— Im Reichstage wurde am Sonnabend über den vom Zentrum eingebrachten sogenannten Toleranzantrag beraten, der von dem Abg. Dr. Bachem eingehend begründet, von dem Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.) dagegen heftig bekämpft wurde. Aus taktischen Rücksichten stimmte der Abg. Dr. David (soz) dem Anträge bei. Aus seiner Rede klang die Religions- feindfekigkeit seiner Partei sowie der Spott über die Bedeutung des Christentums deutlich heraus. Nachdem die Abgg. Stockmann (Rp.) und Stöcker (wildk) gegen den Antrag gesprochen hatten, wurde die Beratung vertagt. — AM Montag wurde der zweite Nachtrag zum Etat für die Schutzgebiete für 1904 in dritte. Lesung ohne Erörterung angenommen. Sodann beriet das Haus über die Interpellation des Abg. Dr. Ablaß (fr. Vp) über die Einführung von Gebühren auf den natürlichen Binnenschiffahrts-Straßen in Preußen. Nach Begründung durch den Abg. Kämpf (fr. Vp.), der in der Einführung der Abgaben einen Verstoß gegen die Reichsverfassung und die beteiligten Auslandsverträge sah, erklärte der Staatssekretär Graf v. Posadowsky, es sei nicht zweifelhaft, daß die preußische Regierung die reichsgesetzliche Genehmigung nachsuchen werde, wenn sie Abgaben von natürlichen Wasserstraßen über Artikel 54 der Reichsverfassm.z hinaus einführen wolle. Nachdem die Abgg Gothein (fr. Vp.) und Dr. David (soz.) sich gegen die Einführung von Abgaben und die Abgg. Wallbrecht (nat.-lib.), Graf Limburg-Stirum (k.) und Lattmann (w. V) für sie ausgesprochen hatten, erfolgte Schluß der Besprechung.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beriet am Sonnabend in zweiter Lesung die wasserwirtschaftliche Vorlage. Minister v. Budde verteidigte sich entschieden gegen den Vorwurf, er habe die staatsrechtliche Seite der Frage der Schiffahrtsabgaben zu leicht genommen, und legte dar, daß der § 54 der Verfassung nicht im Wege, stehe, wie aus vorliegenden Tatsachen hervor- gehe. Mit Wärme trat der Abg. v. Zedlitz, nachdem
Der Kotteriekönig.
Roman von F. W ü st e f e l d.
29
„Sie macht aber nur den Anspruch, zu lieben, geliebt zu werden und glücklich zu sein. Ich finde das sehr klug von ihr."
Er schüttelte den Kopf. „Du gehst sehr schnell vor- wärtS."
Du warst mit Deinen Plänen ja noch schneller bei der Hand," lachte sie. „Du hast indes recht, wir wollen nichts übereilen, ich möchte das Mädchen gern noch lange behalten. Sie ist so lieblich trotz des Aufenthalts bei Far- lows."
„Du hast ein Vorurteil gegen diese Leute," sagte er mißbilligend.
„Sie gefallen mir nicht," gestand sie ehrlich, „aber ob eS ein Vorurteil ist?" Sie erzählte ihm, was sie von Doktor Meinhold erfahren.
Sein Gesicht verfinsterte sich. „Linderer hat mir das auch mitgeteilt," sagte er, „aber ich gebe nichts darauf." Farlow hat sich inKonradines Angelegenheit völlig ehrenhaft benommen, ich bin ihm Dank schuldig und habe keine Veranlassung, seiner Vergangenheit nachzuspüren."
Seine Frau schwieg, wünschte aber doch, daß dies ein anderer tun möge, wäre eS auch nur, um ihre Neugierde zu befriedigen.
Monate waren vergangen, und mit ihnen der Winter; der Lenz wollte seinen Einzug halten.
An allen Straßenecken wurden Schneeglöckchen und Veilchen, wurden Hyazinthen nnd andere duftende Frühlingsblumen, wurden die „Osterkätzchen" verkauft. Die schweren Pelzmäntel, Pelzgaruituren und Winterhüte be- gannen leichteren Kleidern, Umhängen und Hüten Platz zu machen. Die Konzert-Anzeigen, die während des Winter» ganze Seiten der Zeitungen gefüllt hatten, schrumpften mehr und mehr zusammen, die Bälle und größeren
sich der Abg. v. Spee (Z.) gegen die Vorlage ausgesprochen hatte, für sie ein und zerstreute vornehmlich die finanziellen Bedenken. Gegenüber dem ablehnenden Standpunkt des Abg. Roeren (Z.) sprach für die Vorlage des Abg. v. Pappenheim (k.), der besonders die Anlage von Staubecken zum Speisen der Kanäle mit Wasser lobte. — Am Montag wurde die Beratung fortgesetzt und die allgemeine Besprechung der Vorlage geschlossen. Es folgte dann die Abstimmung über das Schleppmonopol und die Schiffahrtsabgaben. Beide Forderungen wurde mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Freisinnigen angenommen, die Forderung der Schiffahrtsabgaben in der von dem Abg. v. Pappenheim (k.) beantragten Fasfung, wonach die Abgaben so zu bemessen sind, daß ihr Ertrag eine angemessene Verzinsung und Tilgung der Aufwendungen ermöglicht, die der Staat zur Verbesserung oder Vertiefung der Flüsse im Interesse der Schiffahrt gemacht hat. Während der Besprechung kam es zu einer Aauseinandersetzung zwischen dem Abg. Dr. Hahn (b. k. F.) und dem Finanzminister v. Rheinbaben. Die Reden des Ministers wurden mit großem Beifall ausgenommen.
— Die sogenannte Siebener-Kommission der streikenden Bergleute im Ruhrrevier sandten an den Reichskanzler Graf Bülow ein Telegramm, in dem sie die ermäßigten Forderungen der Bergleute darlegte und eine Eingabe bezüglich der Novelle zum Berggesetz ankündigte. Der Reichskanzler riet zu sofortiger Wiederaufnahme der Arbeit; unter dieser Bedingung sei er bereit, Vertreter der Arbeiter und Unternehmer zu weiterer Verhandlung zu empfangen.
— Ueber die Stellung der Kriegervereine gegenüber den Gewerkschaften und Gewerkvereinen erläßt der Vorsitzende des Vorstandes des Preußischen Landes- Kriegerverbandes, General der Infanterie z. D. v. Spitz, in der „Parole" eine Erklärung, in der die Frage, ob Mitglieder der Kriegervereine den sogenannten freien Gewerkschaften angehören dürfen, die unter sozialdemokratischer Leitung stehen, mit Nein beantwortet wird, weil es sich in diesen Gewerkschaften um Ziele handelt, die auf den Umsturz der monarchischen und gesellschaftlichen Ordnung gerichtet sind.
Ausland.
— Nach einer Meldung des Generals v. Trotha aus Südwestafrika wurde am 27. Januar bei UrikuribiZ nördlich von Gochas ein unter Bedeckung einiger Reiter
Gesellschaften hörten auf. Man beschäftigte sich bereits mit Plänen für die Sommerreise.
Von solchen war auch die Rede zwischen Mr. und Mrs. Farlow, die in den ersten Nachmittagsstunden des ersten Osterfeiertages am Fenster ihres Salons im Parkhotel saßen und hinabschauten auf die wie mit einem lichten, grünen Schleier bedeckten Bäume der Mittelpromenade und das bunte frohbewegte Treiben der zu Tausenden auf- und abflutenden Feiertags-Sparziergänger.
Mrs. Farlow war mit ihrem Aufenthalte in der Residenz im ganzen recht zufrieden, wenn auch ihr Wunsch, dem Herrscherpaare, sowie den Prinzen und Prinzessinnen vorgestellt zu werden und die Hoffestlichkeiten mitmachen zu dürfen, unerfüllt geblieben war. Sie zürnte deshalb dem amerikanischen Vertreter am Hofe, noch mehr aber ihrem Gatten, dem sie schuld gab, die Angelegenheit lässig betrieben, wenn nicht gar hintertrieben zu haben.
Dafür hatte sie aber den Triumph erlebt, in die erste Gesellschaft oder wenigstens in das, was sie dafür hielt, eingeführt zu werden.
Der Kreis derHerrenmit hocharistokratischen Namen, der sich am Abend ihres ersten Besuches in der Oper um die reichen Amerikaner geschart, hatte sich schnell bedeutend erweitert. Viel spröder hatten sich die Damen verhalten, und mehrfach war Einspruch dagegen erhoben wor- den, mit den Fremden, von deren Vergangenheit man doch so gar nichts wisse, in Verkehr zu treten. Immerhin hatte sich ihnen eine Anzahl ganz ansehnlicher Häuser geöffnet. Sie waren eingeladen worden, man hatte sich ihre Einladung mit der übertrieben luxuriösen Bewirtung gefal- len lassen und auch keinen Anstoß an mancher Formlosig- keit, wie an den auffallenden Toiletten genommen, sou- dern das alles der Unbekanntschaft mit den europäischen und besonders mit den deutschen Sitten zugeschrieben.
Namentlich Mrs. Farlow hatte in letzterer Beziehung des Guten mehr als zu viel getan. Sie war fast bei jeder Gelegenheit in einer neuen Toilette erschienen und hatte an Schmucksachen Einkäufe für viele Tausende gemacht,
von Zwartfontein kommender Verpflegungswagen von 20 Hottentotten überfallen. Am gleichen Tage griffen etwa 100 Hottentotten einen im Marsch von Windhuk nach Kalkfontein befindlichen Viehtransport etwa 60 Kilometer nördlich von Hoakhanas an. Der Feind wurde unter Verlust von 13 Toten zurückgeworfen und zersprengt. Eine Anzahl Gewehre wurde erbeutet. Major v. Lengerke ist im Begriff, Nunub anzugreifen, das noch stark vom Feinde besetzt sein soll. Der Umkreis von Warmbad ist vom Feinde gesäubert. Marengo soll sich mit Morris in den Karrasbergen vereinigt haben.
- Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatze erfolgen noch immer südlich von Mukden Kanonaden und Scharmützel um einzelne Dörfer, wobei sich beide Teile den Erfolg zuschreiben. In Rußland kursieren unkon- lierbare Gerüchte über eine etwaige Rückberufung des Generals Kuropatkin. Als eventueller Nachfolger wird der Großfürst Nikolai Nokolajewitsch genannt. General Gripenberg soll sein Armeekommando niedergelegt haben.
— In Finland verübte am Montag ein Mann in Offiziers-Uniform auf den Senatsprokurator in dessen Wohnung ein Revolver-Attentat. Johnsson wurde erschossen, sein Sohu verwundet. Der Attentäter, der verletzt wurde, gibt Alexander Gaad als seinen Namen an.
— Eine ernste Ministerkrise steht wieder einmal in Serbien bevor. Das Kabinet Paschitsch fühlt sich durch Hofintrigen beschwert und hat seine Demission eingereicht, und der König soll sie bereits, nachdem er sie vorher abgelehnt hatte, angenommen haben.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 10. Februar 1905
—* Eine in Deutschland sichtbare Mondfinsternis steht am 19. Februar bevor. Um 6 Uhr 53,4 Min. tritt der Mond in den Erdschatten. Das Maximum der Verfinsterung umfaßt vier Zehntel des Monddurch- messers und ist um 8 Uhr 0.1 Min. zu erwarten. Der Austritt des Mondes aus dem Erdschatten erfolgt 9 Uhr 6.7 Minuten.
—* Warnung und Aufklärung! Den bekannten Pariser Bilderschwindel ahmt jetzt auch eine Berliner Firma nach. Dieselbe sendet ihre Reisenden von Hans zu Haus und bietet jedem die Gelegenheit, sich eine beliebige Photographie gratis vergrößern zu lassen. Das ist aber nur das Lockmittel zu einer Mausefalle,
so daß ihr Gatte, dem Ausgaben nicht leicht zu viel wurden, ihr doch Vorstellungen über ihre Verschwendung gemacht hatte ohne indes viel Gehör bei ihr zu finden.
Mr. Farlows Stirn war in letzter Zeit überhaupt düsterer, sein sonst lautes prahlerisches Wesen stiller geworden. Mochte er ungünstige Nachrichten aus Amerika erhalten haben, mochten ihn andere unangenehme Dinge bedrücken, er sah aus wie ein Mann, der schwere Sorgen hat, und hatte schon wiederholt geäußert, daß er es für an der Zeit halte, den Aufenthalt in der Residenz zu beenden.
Davon wollte seine Frau aber nichts wissen. Sie wollte die Stellung, die sie sich hier in der Gesellschaft erobert hatte, so lange festhalten, wie nur noch ein Teil dieser Gesellschaft beieinander war, und Angela, die es sonst immer mehr mit dem Onkel hielt, stand diesmal, wenn auch aus anderen Beweggründen, auf ihrer Seite.
„Hast Du es Dir nun überlegt, ob wir zunächst nach den italienischen Seen oder nach der französischen Schweiz gehen wollen, Mia?" fragte Mr. Farlow, große Wolken aus seiner langen, dicken, dunkelbraunen Zigarre blasend.
Mrs. Farlow wehrte mit der Hand den Rauch von sich, lachte und sagte lässig: „Nein, das hat doch noch gar keine Eile."
„Doch, ich möchte Quartier bestellen," erwiderte Mr. Farlow, und schon bildete sich eine Unmutssalte zwischen seinen Brauen.
Sie ließ sich das nicht anfechten, sondern entgegnete im gleichen Tone und in gleicher Haltung: „Es gefällt mir noch sehr gut hier, wir haben für die nächsten Wochen allerlei Verabredungen, die Wettrennen beginnen auch, ich habe mir bereits Frühjahrstoiletten dazu bestellt."
Er warf die Zigarre in den Aschenbecher und stampft« mit dem Fuße auf. „Frau, Frau, hast Du denn gar keinen anderen Gedanken, als an Deinen Putz und Dein Vergnügen?" 116,18
„Woran sollte ich sonst denken?" entgegnete sie gleich- mütig. „Wüßte nicht, daß Du anderes zubedenken hättest.