Einzelbild herunterladen
 

IlhlWmmIieitlM g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M11.

Die Rede des Reichskanzlers

vom 1. Februar, mit der die neuen Handelsverträge mit Italien, Belgien, Rußland, Rumänien, der Schweiz, Serbien und Oesterreich-Ungarn im deutschen Reichs­tage eingebracht wurden, bildet den Abschluß der gesamten von der Reichsregierung unternonimenen Aktion, den Güteraustausch mit dem Auslande aus eine längere Reihe von Jahren hinaus auf neuen Grund­lagen zu regeln. Die Rede zog das Fazit einer mehrjährigen, höchst angestrengten Tätigkeit von Mitgliedern des Auswärtigen Armes, des Reichsamtes des Innern, des Reichsschatzamtes, der preußischen Ministerien für Landwirtschaft und für Handel unter der Leitung des Reichskanzlers Grafen von Bülow. In großen Zügen entwarf der Redner ein Bild nicht sowohl dieser Tätigkeit als ihres Ergebnisses. Wie die Rechte während der Rede zurückhaltend im Beifall war, so war es die äußerste Linke im Zwischenrufen, auf allen Seiten schien man das Gefühl zu haben, daß hier eine für das gesamte nationale Leben be­deutende Angelegenheit mit strenger Sachlichkeit und klarer Ueberzeugung vorgetragen wurde. Der Beifall am Schluß reichte von der Rechten durch die Mitte bis in die Reihen der Linken hinein.

Liberale Blätter nennen die Rede eine gute Ver­teidigungsrede. Mag sein: aber es war die Ver­teidigung einer guten Sache mit guten Argumenten. Wirksam hob sie die Schwierigkeiten des ganzen Unter­nehmens hervor: den Vorteil der Caprivischen Handels­verträge hat die Industrie gehabt, die sich unter ihnen kräftig entfaltete, während die ohnehin unter der Entwicklung des modernen Transportwesens und mancherlei sonstigen Umständen leidende Landwirtschaft in ihrer Gebundenheit an die Scholle unter dem geminderten Zollschutz in eine immer schwierigere Lage gekommen ist. So mußten die neuen Handelsverträge im Zeichen eines beträchtlich erhöhten Agrarschutzes stehen, der in den Verhandlungen mit den Agrarstaaten Rußland, Rumänien und Oesterreich-Ungarn das größte Hindernis bildete und kaum neue Zugeständnisse des Auslandes für die Ausfuhr unserer Jndustriewaren erwarten ließ. Anderseits war die große Mehrheit der verbündeten Regierungen davon überzeugt, daß wir im Interesse der Industrie und der in ihr be­schäftigten kommen müßten. Der Ausgleich der zu suchen war, mußte also in erster Linie in höheren Zöllen für die Landwirtschaft liegen, und in zweiter Linie darin, der Industrie möglichst die bisherigen

Mittwoch, den 8. Februar 1905.

günstigen Aussuhrbedingungen zu erhalten und für sie aufs neue sichere, gegen jeden Wechsel geschützte Zoll- vert ältnisse in den Vertragsstaaten zu schaffen.

Das Ziel ist erreicht. Konnte man sagen, daß der Aufschwung der Industrie unter dem bisherigen System zum Teil auf Kosten der Landwirtschaft erreicht sei, so wird hoffentlich die weitere Entwicklung ergeben, daß die Industrie stark genug ist, um die Nachteile zu tragen, die mehr als in fremden Zollerhöhungen in erhöhten Getreidepreisen liegen und durch Stärkung der Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung ausgeglichen werden. Zunächst mag aber die ländliche Bevölkerung dem Schöpfer der neuen Verträge, der mit glücklicher diplomatischer Hand mit dem größten Teil Europas eine wirtschaftliche Einigung trotz aller Hindernisse zu stande brächte, ihren Dank dafür zollen, daß er bei seinem Vorgehen den Schutz der Landwirtschaft als Ziel unverrückt im Auge behielt und erreichte.

Deutsches Reich.

Der Kaiser bestimmte, daß Prinz Adalbert auf seiner gegenwärtigen Heimreise aus Ostasien auch den Gewässern von Deutsch-Ostafrika einen Besuch ab- statten soll, um die Haupthäfen dieser kolonialen Be­sitzung anzulaufen. Eine Verzögerung in dem fest­gesetzten Termin der Heimkehr findet durch diese Kreuzfahrt nicht statt.

In Darmstadt ist am 2. d. M. die Vermählung des Großherzogs von Hessen mit der Prinzessin Eleonore von Hohensolms-Lich vollzogen worden. Das neuver­mählte Paar wurde von der hessischen Bevölkerung jubelnd begrüßt.

Das Befinden des Prinzen Eitel-Friedrich hat sich zur großen Freude des Kaiserpaares, an der auch das gesamte patriotisch gesinnte deutsche Volk herzlichen Anteil nimmt, so weit wieder gebessert, daß weitere Krankheitsberichte nur jeden zweiten Tag ausgegeben werden.

Prinz Eitel Friedrich ist vom Kaiser Franz Josef zum Hauptmann im ungarischen K. K. Jnf -Reg. KaiserWilhelm I. Nr. 34 ernannt worden, dem er bisher als Oberlentnant angehörte.

- Im Reichstage erfolgte am Freitag die zweite Beratung des Etats des Reichsamts des Innern in Verbindung mit der Besprechung der Verhältnisse im Ruhrrevier. Die Abgg. Gothei (frs. Vp.) und Auer (soz) hatten einen Antrag auf Schaffung eines Reichs- Berggesetzes eingebracht wie auch auf Aenderung der

56. Jahrgang.

Gewerbeordnung, der auch vom Hause angenommen wurde. Dagegen drang der Abg. v. Hehl (natl.) mit seiner Forderung, der Beirat für Arbeiterstatistik solle nach Beendigung des Ausstandes eine Untersuchung über die Lage der Bergarbeiter veranstalten, nicht durch. In der Debatte erging sich der Abg. Bebel (soz.) wieder in maßlosen Angriffen gegen die Regierung, wurde aber vom Staatssekretär v. Posadowsky ge­bührend abgefertigt. Auch die Abgg. Spähn (Z) und v. Hehl (nat.-lib.) plädierten für die Schaffung eines Reichsbcrggesetzes. Sehr bemerkenswert war die Warnung des Staatssekretärs vor aufregenden Reden, da die Behörden, wenn sie gezwungen würden, einzu- schreiten energisch einschreiten müßten. Von verschiedenen Seiten wurde lebhaft das Verlangen nach Gesetzen zum Schutze der Arbeitswilligen ausgesprochen.

Das preußische Abgeordnetenhaus beriet am Freitag in zweiter Lesung die Kanalvorlage. Der Abg. Dr. am Zehnhoff (Z.) gab sals Berichterstatter der Kommission ein klares Bild von den Verhandlungen der Kommission und empfahl schließlich nach Darlegung der Vorzüge der Vorlage ihre Annahme. 91a^ ihm sprach sich Minister v. Budde in längerer Rede ein­gehend über die Vorzüge der jetzigen Wasserstraßen- Vorlage aus und suchte die gegen sie geäußerten Bedenken zu zerstreuen. Abg. Graf Limburg-Stirum sprach sich aus wirtschaftlichen Gründen gegen den Kanal und Abg. Herold (Z.) auch aus wirtschaftlichen Gründen für ihn aus. Letzterer legte dar, daß die Landwirtschaft durch den Kanal keinen Nachteil haben werde, daß er aber für Handel und Industrie sehr wichtig sei. Dr. Arendt (freik.) erklärte sich als prinzipiellen Gegner der Kanäle überhaupt und als Gegner des Mittelland-Kanals im besondern; er hätte lieber eine Nord-Süd-Linie zur Verbindung mit den Ozeanen gesehen. Auch die Abgg. Dr. Friedberg (natl.) und Dr. Wiemer (frs. Vp) waren mit der Vorlage nicht ganz einverstanden, letzterer besonders deswegen, weil die Regierung die Strecke Hannover- Magdeburg habe fallen lassen.

Seit einiger Zeit tagt in Berlin das Preußische Landes-Oekonomie-Kollegium. Der erste Tag der Verhandlung gewann durch eine Rede des Landwirt­schaftsministers Podbielski besonders Interesse, in der er sich über die Bedeutung der neuen Handelsverträge für deutsche Landwirtschaft äußerte. Seine Aus­führungen deckten sich mit denen des Reichskanzlers im Reichtage. Besonders hob Redner u. a., nachdem

Der KotterieKönig.

Roman von F. Wüste selb. 28

Nichts da! Wer am Sonntagbei uns zu Mittag ißt, der ist auch für den Abend gefangen. Wenn Sie nicht ganz stichhaltige Gründe für Ihre Entfernung anführen kön- nen, so lasse ich Sie nicht fort. Sie spielen doch Skat?"

Meinhold bejahte, sie schlug fröhlich in die Hände.DaS ist prächtig! Ein Freund meines Mannes wird gegen Abend noch kommen, dann ist die Partie beisammen, denn ich fürchte, auf Linderer wird heute nicht zu rechnen sein." Mit listigem Augenblinzeln wies sie verstohlen auf Dok­tor Linderer und Konradine, die an das Instrument ge­treten w iren und dort in leisem, angelegentlichen Gespräch neben einander standen, ergriff den Arm ihres Gastes und führte ihn in ein Nebenzimmer. Hier ließ sie sich neben ihm nieder, goß ihm einen Kognak aus einer bereitstehen­den Flasche ein und reichte ihm ein brennendes Licht zum Anzünden der Zigarre.

Frau SchobertS Bemühungen, es dem Doktor ange­nehm zu machen, waren vom besten Erfolge gekrönt. Er befand sich bald in einer sehr behaglichen Stimmung und e» wurde ihr nicht allzu schwer, von ihm zu erfahren, waS sie zu wissen wünschte. Recht geschickt hatte sie ihn wieder auf FarlowS zu bringen gewußt, und er machte auch ihr die Mitteilung, die er schon am Abend ihres Fe- steS dem Herrenkreise gemacht und gestern dem Doktor Linderer wiederholt hatte.

Frau Schobert fühlte sich davon eigentümlich berührt. 58 stimmte merkwürdig mit dem Eindruck überein, den sie selbst von dem Ehepaar empfangen, und sie drang in den Gast: Können Sie sich denn gar nicht besinnen, lieber Herr Doktor? Denken Sie doch nach!"

Das tue ich recht viel, bis jetzt ist eS mir noch nicht gelungen, ich werde aber . . ."

Gesang und Klavierspiel im Nebenzimmer unterbra­chen ihn, und leise trat er mit seiner Wirtin an die Tür, um zu lausche».

Nach einem kurzen Zwiegespräch hatte Doktor Linde­rer am Klavier Platz genommen, die Begleitung des Lie- deS durchgespielt und Konradine aufgefordert, es zu ver­suchen. Eine große Ueberraschung war ihm dabei zu teil geworden. Das junge Mädchen besaß einen nicht sehr um­fangreichen, aber silberhellen Sopran, und mußte einen sehr guten Unterricht genoffen haben. Sie sang vom Blatte und nach kurzem Tasten und Versuchen mit gutem Aus­druck und innigem Gefühl.

Mit ehrlicher Bewunderung rief er:Aber Sie sind ja eine geschulte Sängerin, gnädiges Fräulein."

Ach nein, ich habe nur guten Unterricht gehabt, und immer gern gesungen," erwiderte sie mit lieblichem Er­röten,und gerade für dieses Lied hatte ich gestern abend ein so ausgezeichnetes Vorbild."

Es gehört hohe Begabung dazu, um eS zu benutzen, wie Sie es getan haben," erwiderte er und forderte sie auf, den Gesang zu wiederholen.

Herr Schobert kehrte mit geröteten Wangen und noch etwas schlaftrunkenen Augen zurück, seine Frau und Dok­tor Meinhold traten ebenfalls ins Zimmer, und sie ge­nossen sämtlich eine Stunde der Weihe. Nach dem Liede O Du mein holder Abendstern", das Konradine bei je­der Wiederholung anmutiger und hinreißender vortrug, sang sie deutsche, französische und englische Lieder, teils aus dem Gedächtnis, teils mit den Noten, die sie mitge- bracht, und begleitete sich selbst, wo Linderer dies nicht vermochte. Am schönsten klang es aber, wenn sie neben ihm stehend sang, und Frau Schobert konnte sich von dem Bilde gar nicht losreißen.

Der Eintritt des Ehepaares, daSzum Tee und Abend­essen erwartet wurde und zu den nächsten Freunden des Hauses gehörte, unterbrach den Gesang nur auf kurze Zeit.

Herr Schobert zog sich mit Meinhold und dem neu hinzugekommenen Kaufmann Franz in das Nebenzimmer, dessen Tür offen blieb, zur Skatpartie zurück.

Frau Mathilde und Frau Doris Franz, die sich im­mer sehr viel zu erzählen hatten, nahmen nebeneinander

auf dem Sofa Platz. Doktor Linderer und Konradine blie­ben aber am Instrumente. Bald spielten und sangen sie, bald plauderten sie miteinander, und wenn sie später auch beide sich dessen, was sie gesprochen, nicht mehr zu ent­sinnen vermochten, dünkte es sie doch, als hätten sie nie in­teressantere Gespräche geführt, nie köstlichere Stunden ver­lebt.

Beim Abendessen, das die Gesellschaft wieder vereinigte, herrschte die heiterste Stimmung, und der Dank für die angenehmen Stunden, mit dem die Gäste sich verabschiede­ten, kam aus aufrichtigem Herzen.

Mit bedeutsamem Händedruck flüsterte Frau Mathildi dem Doktor Linderer zu:Sie müssen jetzt jeden Sonn­tag bei uns essen und mit dem Kinde musizieren, Dok- torchen, es war zu hübsch!"

Voll stiller Freude küßte sie daS vor Glück strahlende Gesicht des jungen Mädchens, als dieses sich von ihr ver- abschiedete, um sich zur Ruhe zu begeben, sie wußte, deren Schlummer würde von ruhigen Träumen umgaukelt sein.

Als Schobert sich mit seiner Frau allein sah, über­legte er, welchen von den beliebtesten Gesangslehrern oder Gesangslehrerinnen er wohl wählen solle, um KonradineS Stimme noch weiter ausbilden zu lassen.

Lachend erwiderte sie:Ich glaube, sie ist mit dem Un­terricht, den sie heute empfangen hat, vollkommen zufrte- den und kann auch von keinem Lehrer so begeistert wer­den wie durch diesen."

Er schaute sie betroffen an und fragte:WaS willst Du damit sagen?"

Daß es mit der vornehmen Heirat, die Du für Kon­radine planst, nichts wird," lachte sie. DaS Mädchen macht Dir einen Strich durch die Rechnung."

Oho! Da wäre ich auch noch da!" fuhr er auf.

Um Deinen Segen zu geben!" fiel sie ein und legte ihm die Hand auf den Arm.Linderer ist ein sehr wert­voller, lieber Mann. Was könntest Dagegen ihn haben?"

Nichts; aber Konradine kann andere Ansprüche ma­chen!" 116,18