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SchlüchternerMtun g

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 9.

Amtliches.

J.-Nr. 779. Vom 1. bis 28. Februar d. Js. indet im Schlachthof zu Hanau ein Ausbildungskursus ur Fleischbeschauer und Trichinenschauer statt. Für diejenigen Teilnehmer, die in der Fleisch- und Trichinen- beschau ausgebildet werden wollen, dauert der Kursus bis zum 8. März d. Js. und für Trichinenschauer vom 22. Februar bis 8. März d. Js.

Die Gebühren betragen für den Fleischbeschaukursus 30 Mk.

Trichinenschaukursus 25 Mk.

Fleisch- u. Trichinenschaukursus 50 Mk.

Anmeldungen sind an den Schlachthof-Direktor Becker in Hanau zu richten.

Schlüchtern, den 26. Januar 1905.

Der Kgl. Landrat: Graf zu Solms.

Deutsches Reich.

Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers wurde unter lebhaftester Teilnahme des deutschen Volkes in allen Gauen feierlichst begangen. Die Feier legte wieder Zeugnis davon ab, mit welcher Liebe und Verehrung das deutsche Volk an seinem Kaiser hängt. Am glänzendsten gestaltete sich die Feier in der Reichshauptstadt, wo die Auffahrt der Fürst­lichkeiten und Würdenträger zur Gratulationscour und das große militärische Schauspiel der Paroleausgabe wie immer taufende von Schaulustigen angezogen hatte. Leider wurden die Freudenkundgebungen durch die Krankheit des zweitältesten Sohnes des Kaiserpaares, des Prinzen Eitel-Friedrich, gedämpft, und auch bei dieser Gelegenheit gab das Volk seinem herzlichen Wunsche Ausdruck, daß die Krankheit des bohen Patienten einen guten Verlauf nehmen möge.

Unter dem Datum des 27. Januar hat der Kaiser eine Kabinets-Order erlassen, nach welcher die Vereinfachung des Exerzier- und Schießdienstes der Infanterie befohlen wird, um mehr Zeit für die Förderung der gefechtsmäßigen Ausbildung zu ge­winnen. Der Kaiser spricht das feste Vertrauen aus, daß die althergebrachte Ordnung und Straffheit bei allen Uebungen und die Leistungen im Schulschießen hierdurch keine Einbuße erleiden. Auch ein Erinnerungs­zeichen für Eisenbahnbeamte hat der Kaiser an seinem Geburtstage gestiftet. DerReichs- und Staats-Anz." veröffentlicht folgende Kabinets-Order an den Minister der öffentlichen Arbeiten:In Anerkennung der hohen

Mittwoch, den 1. Februar 1905.

Bedeutung der Staatseisenbahn-Verwaltung für das gesamte Staats- und Verkehrsleben und zum Ansporn fernerer treuer Pflichterfüllung will ich den Bediensteten der Staatseisenbahn-Verwaltung für vorwurfsfreie 25- und 40jährige Gesamtdienstzeit ein Erinnerungs­zeichen nach den beiliegenden Bestimmungen verleihen. Die Abzeichen sind nach der von mir entworfenen Handzeichnung anzufertigen. Der Minister der öffent­lichen Arbeiten hat hiernach das weitere zu veranlassen." Das Erinnungszeichen besteht in einer silbernen Aus­zeichnung mit der Zahl 25 für 25jährige und in einer vergoldeten Auszeichnung mit der Zahl 40 für 40jährige vorwurfsfreie Dienstzeit im Eisenbahndienst einschließlich der Militärdienstzeit und wird auf der linken Brust getragen.

Im Reichstage gab vor Eintritt in die Tages­ordnung Staatssekretär Graf Posadowsky die Er­klärung ab, daß der Handelsvertrag mit Oesterreich- Ungarn nunmehr unterzeichnet sei, und daß dem Hause voraussichtlich am 1. Februar die sämtlichen bis jetzt abgeschlossenen Handelsverträge vorgelegt werden würden. Sodann wurde die zweite Beratung des Postetats fortgesetzt, die auch mit Annahme der Zen­trumsresolutionen beendet wurde, welche eineErmäßigung der Fernsprechgebühren während bestimmter Stunden für die gemeinnützigen Arbeitsnachweise, die Aus­dehnung der Sonntagsruhe, die Beschränkung der Maximalarbeitszeit und die Aufnahme einer Statistik über die Postbeamten in den Kolonien fordern. Wieder wurden dem Staatssekretär manche Wünsche vorgetragen, auf die dieser auch wieder bereitwilligst einging; mit Recht ablehnend wurde er nur, als der Abg. Kuriert (soz.) mit allgemeinen Verdächtigungen wegen angeb­licher Verletzung des Briefgeheimnisses gegen ihn auftrat.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Donnerstag die zweite Beratung des Landwirtschafts­Etats fort. Auf die Bitte des Abg. Tourneau (Z.), daß der auf 750 000 Mk. festgestellte und für die Provinzen Westfalen, Hannover und Hessen-Nassau sowie die Hohenzollernsche Lande bestimmte Fonds erhöht und auf die Provinz Sachsen ausgedehnt werde, versprach Minister v. Podbielski wohlwollende Unter­stützung. Eine lebhafte Debatte entspann sich über den Antrag des Abg. v. Blell (frs. Vg.), der Vorlegung der Geschäftsberichte der vom Staat subventionierten Körnhaus-Genossenschaften und Angabe der Umsätze ihrer Waren verlangte. Auf Anregung des Ministers

56. Jahrgang.

wurde der Antrag abgelehnt. Sodann wurde der Rest des Landwirtschafts-Etats bewilligt und zum Etat der Gestüts-Verwaltung übergegangen. Eine allgemeine Korordnung hielt der Minister mit Rücksicht auf die verschiedenen Verhältnisse einer edlen Zucht in Ost­preußen und einer Kaltblutzucht am Rhein, die provinzielle Regelung verlangten, nicht für möglich, auch dem Vorwurf, daß in der Provinz Brandenburg die Kaltblutzucht aus Rücksicht auf maßgebende Per­sönlichkeiten aufgehalten werde, trat er scharf entgegen. In einer Abendsitzung an demselben Tage wurde der Etat der Gestüts-Verwaltung erledigt.

Am 21. Januar d. Js. kam im Abgeordneten- Hause der von Abgeordneten aller Parteien unterstützte Antrag der Abgeordneten Dr. Rewoldt und von R'epenhausen zur Verhandlung:

Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: die Königliche Staatsregierung aufzufordern, ausreichende Mittel bereitzustellen, um dem Notstände entgegenzu- wirken, welcher durch die Sturmflut vom 31. Dezember 1004 an der Ostseeküste verursacht ist.

Der Antrag wurde nach wohlwollenden Erklärungen des Ministers des Innern einstimmig angenommen.

Der erste Antragsteller, Abg. Dr. Rewoldt, schilderte die geradezu vernichtenden Verheerungen, von welchen die wenig leistungsfähige Küstenbevölkerung namentlich in den Kreisen Greifswald und Grimmen betroffen ist. Häuser und Mobilien, Feldfrüchte, Fischerboote und Netze sind zerstört oder beschädigt. Es fehlte an Lebensmitteln, Kleidung, Brennmaterialen usw. Um der dringendsten Not zu steuern, haben sich Hülfs« komitees gebildet, welche bereits hochherzige Unter­stützung gefunden haben. Aber es bleibt noch viel zu _,n, um die erste, schwerste Not zu beseitigen. Darum werden weitere Kreise gern ein Scherflein beitragen. Es wird gebeten, Unterstützungen an die Herren Land­räte zu Greifswald oder Grimmen zu senden. Auch ist der Abgeordnete Dr. Rewoldt, Postadresse: Berlin, Abgeordetenhaus, bereit, Gaben entgegenzunehmen und dem Komitee zu übermitteln.

Der Großherzog von Hessen hat aus Anlaß seiner bevorstehenden Vermählung eine Amnestie er­lassen, nach welcher für alle diejenigen Personen, welche im Großherzogtum durch Strafbefebl und Strafbescheid oder ein bei den bürgerlichen Gerichten ergangenes Urteil zu Gefängnis, Festungshaft oder Geldstrafe wegen Majestätsbeleidigung, wegen wörtlicher Beleidigung von Behörden, wegen Zuwiderhandlungen

Aer KotterieKönig.

Roman von F. Wüstefeld. 25

Doktor Linderer verabschiedete sich schnell von seinem Kachbar. Er suchte einen Ausgang zu gewinnen, der ihn schnell und wenig bemerkt inS Freie brächte. Eine selt­same Scheu hielt ihn ab, Frau Schobert und Konradine Wissen zu lassen, daß er im Theater gewesen war, oder sich ihnen gar zum Begleiter auf dem Heiniwege anzubieten.

Desto mehr beschäftigten ihn auf der Fahrt im elek­trischen Wagen nach der Straße, in der er seine Wohnung hatte, die Gedanken an sie. Konradines Bild, wie sie mit rührendem Gesichtsausdruck, so andächtig der Borstellung beigewohnt, begleitete ihn, und er freute sich auf den näch- (ten Tag, wo er mit ihr darüber sprechen durfte.

Daneben mußte er aber auch der von Doktor Alfred Meinhold getanen Aeußerung über Mr. Farlow denken. War er wirklich ein Mann, in dessen Vergangenheit arge Singe lagen? Schien Vorsicht ihm gegenüber geboten?

Linderer beschloß, mit Herrn Schobert darüber zu spre- ch-n. . . .

Herrschte in den Wohnräumen des Schobertschen Hau­se? eine mit dem Reichtum des Besitzers nicht ganz über- einstimmende Einfachheit, die sogar mit Spießbürgerlich- keit bezeichnet ward, so war dagegen die Küche mit Er- findungen der Neuzeit reich ausgestattet. In dem großen, hellen, weiß und hellblau gestrichenen, mit Matten beleg­ten Raume befanden sich die vorzüglichsten Vorrichtun- gen zum Kochen, Braten und Backen und zum Reinigen - der Geschirre, sowie Maschinen aller Art zum Hacken des Fleisches, Putzen der Gemüse und Messer, Zerkleinern des Zuckers usw. Auf weiß lackierten, mit gestickten Kanten in weiß und blau verzierten Brettern standen blitzblank ge­putzte Kessel, Pfannen, Schüsseln aus Kupfer und Zinn, in hohen Schränken mit Glasscheiben war das für den täglichen Gebrauch erforderliche Glas und Porzellan auf­gestellt.

Frau Schobert fühlte sich in der Küche und in den da­ran grenzenden Borratsräumen als eine Herrscherin im eigenen Reiche, wenn diese Herrschaft auch nicht ganz ab­solut war. Sie hatte einen nicht ganz kleinen Teil da­von an Henriette, die nicht mehr junge, sehr wohlgenährte und etwas cholerische Köchin, abtreten müssen, und es be­durfte oft eines ziemlich großen Aufwandes von Diplo­matie seitens der guten Frau, um ihre Mitregentin bei guter Laune zu erhalten und ihren Wünschen gefügig zu machen.

Am heutigen Sonntage herrschte aber nicht nur Son­nenschein draußen in der Natur, sondern auch in der Scho­bertschen Küche. Henriette hatte auf die breiten Fenster­bretter reichlich Krumen gestreut für die draußen auf dem Hofe auf den kahlen Lindenbäumen sitzenden Spatzen, und sie waren herbeigeflogen und machten sich zwitschernd die guten Bissen streitig. Ein solcher Akt der Wohltätigkeit deutete aber immer an, daß die Küchenfee sich in bester Stimmung befinde. Es war heute Henriettes Sonntag. Sobald sie das letzte Gericht auf den Tisch geschickt hatte, verschwand sie aus der Küche, um sich zum Ausgehen an- zukleiden, und sie sah es nicht ungern, wenn ihr beim Be­reiten der Speisen Hilfe geleistet ward.

Das tat nun Frau Schobert, und sie hatte sich dazu noch einen Beistand in ihrer Nichte mitgebracht, die in dem eilig beschafften Kattunkleide, mit der weißen Latzschürze und dem kleinen weißen Häubchen auf dem blonden Haar sehr appetitlich aussah und sich erstaunlich geschickt anließ.

Sie können sich nun anziehen, Henriette, Marie deckt den Tisch und ich sehe nach dem Braten und rühre mit Konradinchen die kalte Citronenspeise ein. Ich weiß, Sie wollen heute etwas früher fort!"

Bei Blühdorns ist Kindtaufe, und ich soll zum Kaffee kommen, aber deswegen möchte ich doch nicht.." begann die Köchin mit beifälligem Schmunzeln.

Aengstigen Sie sich nicht, Henriette, daß ich zu viel verderbe, die Tante wird schon aufpassen, daß das nicht

geschieht. Morgen beginnt dann eine regelrechte Lehrzeit bei Ihnen, da können Sie mir auf die Finger klopfen, wenn ich etwas falsch mache," fiel thrKonradine ins Wort.

Aber Fräulein Konradinchen, wie werd' ich denn! Es fällt ja kein Meister vom Himmel 1" antwortete geschmei­chelt und verlegen die Köchin, und die Röte ihrer Wan­gen spielte inS Violette; zu Frau Schobert gewandt, fügte sie hinzu:Gnädige Frau meinen also wirklich ..."

Ja, ja, Henriette, machen Sie, daß Sie fortkommen, bei Blühdorns gibts gewiß statt Kaffee Schokolade, die darf nicht kalt werden," scherzte diese.

Henriette gab noch allerlei Anweisungen, welche die Ssandte und erfahrene Frau nicht bedurfte, und entfernte

dann unter vielen Knixen und Danksagungen. Eine Stunde später verließ sie in einem schwarzen Seidenkleide, einem dunkelblauen Tuchjackett,Pelzkragen,Muff und einem mit sehr vielen Blumen aufgeputzten Sammethut das Haus.

Frau Schobert und ihre Nichte arbeiteten weiter, bis erstere einen Blick auf die in der Küche hängende Schwarz- Wälder Uhr warf und sagte:So, mein Schatz, jetzt gehe auf Dein Zimmer und mache Dich schmuck. Unser Mittag­essen kocht sich nun allein fertig, und beim Anrichten brauche ich nicht dabei zu sein. Das hat Marie auch schon gelernt."

Zu der festgesetzten Zeit harrten Herr und Frau Scho­bert nebst ihrer Nichte im Wohnzimmer der Gäste, die sich auch ganz pünktlich einstellten. Herr Schobert hatte noch Doktor Alfred Meinhold, der am Nachmittag zuvor bei ihm gewesen, wie es seine Art war, ganz aus dem Stegreif eingeladen, und der Weltreisende hatte mit freu­diger Bereitwilligkeit zugesagt. 116,18

Wenige Minuten, nachdem die Herren sich eingestellt, wurde die Tür des Speisezimmers geöffnet und Herr Scho­bert bat, einzutreten. Er ging allein voran; Doktor Mein- hold folgte mit Frau Schobert, Doktor Linderer mit Kon­radine. Er hatte sich des Armes des jungen Mädchens, das heute in einem dunkelblauen Kleide, schneeweißem Kra­gen und Manschetten und dem schmucklosen, prachtvollen Blondhaar sehr lieblich aussah, schleunigst bemächtigt.