SchlüchternerMung
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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Deutsches Reich.
— Oberstabsarzt Wiedemann und Stabsarzt Wie- muth haben am 25. Jan. bei dem Prinzen Eitel Friedrich beginnende Lungenentzündung festgestellt. Die Temperatur ist 39,6. Der Appetit ist gering.
— Wegen Erkrankung des Prinzen Eitel Friedrich sagte der Kaiser jede Feier seines Geburtstage ab und ließ alle hohen Gäste telegraphisch ersuchen, ihre freundlichst beabsichtigte Hereise aufzugeben.
— Im Reichstage stand am Sonnabend die Jn- pellation der Konservativen betreffs der Handelsver- trags-Verhandlungen auf der Tagesordnung. Nachdem Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky erklärt hatte, die Interpellation könne aus innern und äußern Gründen erst im Laufe der nächsten Woche beantwortet werden, wurde die Besprechung der Interpellation über den Ausstand im Ruhrrevier fortgesetzt. Der Minister kündigte, obwohl er von einer Gesetzgebung ab irato warnte, doch eine Reihe von einschlägigen Gesetzen an. Zur Sache redeten die Abgg. Dr. Beumer (nat.-lib.), Molkenbuhr (soz), Pohl (fr. Vp.), Gothein (sr. Vg.), Stöcker (chr.-soz.) und v. Kardorff (freikons.) — Am Montag wurde die Besprechung über die Interpellation fortgesetzt. Nach den Reden des Polen Brejski, der Abgg. Frhr. Hehl zu Hernsheim (nat.-lib.), spähn (Z.) und v. Heydebrandt (kons.) erklärte Minister Möller, er könne wegen seiner unparteiischen Stellung in der Sache auf die einzelnen Vorschläge noch nicht eingehen. Der Abg. Zimmermann (dtsch. Resp.) polemisierte gegen den Grafen Posadowsky und Minister Möller, der aber von dem Abg. v. Heydebrandt warm verteidigt wurde. Welche eigentümliche Stellung die Sozial- demokratie in der Sache einnimmt, erhellte aus der Rede des Abg. Bömelburg (soz), der sich zu der borrenden Behauptung verstieg, die Arbeitswilligen seien moralisch defekt. Endlich wurde die Besprechung vertagt.
— Im preußischen Abgeordnetenhause gelangte am Sonnabend der Gesetzentwurf betreffend die Beteiligung des Staates an der Bergwerksgesellschaft Hibernia, zur zweiten Beratung. Bekanntlich fordert die Regierung zu diesem Zweck den Betrug von 69 '/2 Millionen Mark. Die Vorlage wurde nach längerer und teilweise recht lebhafter Erörterung mit großer Mehrheit angenommen. Darauf ging das Haus zur Beratung des Antrages der Abgg. Rewoldt (frk) und Riepen- hausen (k.) über, worin die Regierung aufgefordert wird, schleunigst dem Notstände entgegenzuwirken, der
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Roman von F. W ü st e f e l d. 23
„Am Montag gehe ich mit ihr ins Schauspielhaus oder !n» Operettentheater," beschloß sie, „wo es gerade am besten paßt; aber Konrad soll mich nicht wieder so überrumpeln und Billets holen lassen, es ist ja eine Sünde, das Geld auszugeben, wo man es umsonst haben kann."
Alle diese Gedanken und Empfindungen hinderten sie nicht, im Zwischenakt ihr Auge wieder der Fremdenloge zuzuwenden und Konradine auch darauf aufmerksam zu machen.
Diese aber wehrte ab und sagte mit hohem Erröten: „Ach, Tante, ich schäme mich, daß ich mich vorher so ungeschickt benommen habe. Wie konnte ich das nur tun! Aber ich war so überrascht, Farlows zu sehen, ich dachte nicht, daß die heute auch die Oper besuchen würden."
„Gräme Dich nicht," tröstete sie die gutmütige Frau, „die Sache hat nichts zu bedeuten und ist wohl nur von den Zunächstsitzenden bemerkt worden;" dann fügte sie hinzu: „Daß Farlows hier sind, wundert mich nicht; wo hätten sie heute hin gesollt, da sie noch fremd hier sind."
„Hauptmann Düskow scheint doch schon ganz bekannt mit ihnen," lächelte Konradine.
„Schade, daß der Onkel nicht bei uns ist, wir könnten uns dann nach der Vorstellung mit Farlows zusammenfinden und mit ihnen in ein Restaurant gehen," sagte Frau Schobert, aber Konradine wehrte zu ihrer Ueberraschung recht entschieden ab. Ehe sie nach dem Grunde fragen konnte, erlosch von neuem das Licht der Kronleuchter und der zweite Akt begann, die Bühne zeigte die Sängerhalle auf der Wartburg, Elisabeth, Wolfram, Taunhäuser, die Sänger traten auf.
Mehr noch als im ersten Akte war Konradine vollständig der Wirklichkeit entrückt. Ebenso sehr wie von der Musik fühlte sie sich hingerissen von der ergreifenden Handlung. Dem in Amerika geborenen Kinde des deutschen El- ternpaares ward zum erstenmal etwas kund getan von
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den Sagen der deutschen Vorzeit, und deren Poesie fand einen sehr empfänglichen Boden in ihrem Herzen. Sie hätte immerfort schauen und hören mögen und fühlte sich recht unsanft aus der Illusion gerissen, als nach dem Aktschluß eine längere Pause eintrat, die Zuschauer zum großen Teil ihre Sitze verließen und in die Foyers strömten. Durch einen bittenden Blick vermochte sie die Tante zu veranlassen, dies nicht zu tun.
Frau Schobert kam diesem Wunsche um so lieber nach, als es für sie im Theater viel zu schauen gab. Farlows hatten die Fremdenlogen nicht verlassen, und es hatten sich mehrere Offiziere verschiedener Waffengattungen dort eingefunden, die, wie sie recht gut zu beobachten vermochte, von Düskow vorgestellt wurden und bald in einer recht lebhaften Unterhaltung mit Angela und Mr. Farlow begriffen waren, während Mrs. Farlow sich schweigend verhielt und nur durch ein sehr lebhaftes Spiel mit dem ja» welenblitzenden Fächer bewies oder zu beweisen suchte, daß sie Anteil an der Unterhaltung nehme. Ihr Gatte hatte ihr eingeschärft, sich im Verkehr mit den vornehmeren Elementen möglichst zurückzuhalten.
Nach einem recht schwelgerischen Mittagsmahl war Hauptmann Düskow in ziemlich bedrückter Stimmung mit seinen neuen Freunden in die Oper gelangt. Es war so vieles, was ihm an den Amerikanern nicht gefallen wollte, der große Luxus der Tafel, die reiche und auffallende Toilette der Damen, das laute Wesen Mr. Farlows. Sagte er sich auch wiederholt, daß er die Ausländer nicht mit deutschem Maßstabe messen dürfe, daß er einem Manne wie Farlow, der in rastloser, schwerer Arbeit, unter viel- suchen Entbehrungen ein kolossales Vermögen erworben hatte, es nicht verübeln dürfe, wenn er das nun auf seine Weise zu genießen wünschte, so blieb doch immer noch ein starker Rest, der ihn mit Unbehagen erfüllte. Trat er durch den angebahnten Verkehr seiner Ehre als Offizier nicht zu nahe? Gebot ihm diese nicht, sich loszureißen, solange es noch Zeit dazu war? Aber war es wirklich für ihn noch Zeit dazu? Des nicht mehr ganz jungen Mannes, der in
Samstag, den 28. Januar 1905.
durch die Sturmflut am 31. Dezember 1904 an der Ostseeküste verursacht ist. Nach einer Zusage des Ministers Frhrn. v. Hammerstein wurde der Antrag einstimmig angenommen. — Am Montag wurde die Hibernia-Vorlage in dritter Lesung beraten und trotz der Bedenken der Abgg. Schmieding (nat.'lib.), Brust (Z.) und Hirsch (nat.-lib.) nach einer nochmaligen sachlichen Darlegung des Ministers Möller endgültig angenommen. Es folgte die zweite Beratung des Etats für Landwirtschaft. Vorher versprachen die Redner sämtlicher Parteien auf Veranlassung des Grafen Limburg-Stirum (kons.) möglichste Enthaltsamkeit int Reden. Der Minister v. Podbielski äußerte sich in längerer Rede über einige sehr wichtige Fragen, die Entschuldung der Landwirte, die innere Kolonisation, die Hebung des niederen Schulwesens, die Winter- und Ackerbauschulen, und kündigte wirksame Vorschläge der Regierung an. Seine Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Darnach wurde die Fortsetzung der Lesung vertagt.
— Im Reichstage machte der Staatssekretär des Reichsjustizamts, Dr. Nieberding, die willkommene Mitteilung, daß sich ein Gesetzentwurf betreffend die Haftpflicht der Automobilbesitzer in Vorbereitung befinde. Ein solches Vorgehen auf dem Wege der Reichsgesetzgebung hat sich als dringend erforderlich erwiesen und bedarf möglichster Beschleunigung. Gegenwärtig sind die vielen durch leichtfertige Automobilisten Geschädigten so gut wie rechtlos. Sie können sich mit ihren Ansprüchen auf Schadenersatz eigentlich nur an die Wagenführer halten, und diese besitzen in der Regel nichts. Die Eigentümer der Automobile gehen frei aus, sobald sie nachweisen können, daß sie bei der Anstellung ihrer „Chauffeurs" vorsichtig verfahren sind, und dieser Nachweis wird wohl in den allermeisten Fällen gelingen. Bisher sind die Schwierigkeiten einer gesetzgeberischen Regelung der Haftpflicht der Automobilbesitzer stark überschätzt worden. Namentlich hat man darauf hingewiesen, wie schwer, ja oft wie unmöglich es jetzt schon sei, die Identität eines Automobils, welches einen Unfall hervorgerufen hat, festzustellen, da der betreffende Fahrer sich meist im raschesten Tempo aus dem Staube mache. Aus demselben Grunde sei es auch oft nicht möglich, einen Fahrer zur Bestrafung zu bringen, wenn er die Fahrordnung verletzte. Wie jetzt aber Herr Staatssekretär Dr. Nieberding mitteilte, ist ein Weg gefunden, der diesen Mißständen gegenüber gangbar ist: Es soll eine Zwangsgenossenschaft
56. Jahrgang.
> B a __I 7 &.-l'i». -^ sämtlicher deutschen Automobilbesitzer gebildet werden, und diese Genossenschaft soll dann für jeden durch Automobile angerichteten Schaden haftbar sein. Es Es wird alsdann im Interesse der ordnungsmäßig sich verhaltenden Genossenschaftsmitglieder liegen, die wilden Fahrer im Zaume zu halten und über diese eine Kontrolle auszuüben. Von einem so gestalteten Gesetzentwürfe wird man sich also sicherlich eine günstige Wirkung versprechen können.
— Die Eisenbahnkonferenz über die Umleitung des Güterverkehrs hat, wie verlautet, einen recht günstigen Verlauf genommen. Das reiche Beratungsmaterial, das sich in den drei Berliner Konferenzen zur Herbeiführung einer deutschen Eisenbahnbetriebs- Mittelgemeinschaft ergeben hat, wird von den einzelnen Eisenbahnverwaltungen weiter bearbeitet, um später in gemeinsamen Konferenzen zu einem Abschlüsse gebracht zu werden.
— Die Arbeiten für den deutsch-österreichisch- ungarischen Handelsvertrag sind nach der „Nordd. Allg. Ztg." so weit gediehen, daß die Unterzeichnung für die nächsten Tage in Aussicht steht.
— Der deutsche Kabeldampfer Stephan ist zur Legung des von der Deutsch-niederländischen Telegraphengesellschaft bei den Norddeutschen Seekabelwerken in Auftrag gegebenen Kabels nach Menado in See gegangen. Das Kabel soll von Menado auf Celebes nach der Karolineninsel Jap und von dort nach der Insel Gusm ausgelegt werden, wo es an das amerikanische Pacific-Kabel angeschlossen werden soll. Ferner soll der „Stephan" von der im nächsten Jahre zu verlegenden Strecke Schanghai-Jap eine längere Küstenstrecke bei Wusung legen und für die Herstellung des Landkabels Wusung-Schanghai sorgen. „ — Eine neue Studienordnung für Zahnärzte wird nach der Mitteilung eines Fachblattes zum 1. Oktober d. Js. in Kraft treten. Danach soll die Zulassung zum Studium der Zahnheilkunde fortan von der Ab- solvierung des Abiturienten-Examens abhängig gemacht werden.
Ausland.
— Die Sammlung der deutschen Kolonialgesell- schaft für die geschädigten Ansiedler in Südwestafrika hatte bis Mitte Januar 276 000 Mark überstiegen. Weitere Spenden sind an die Hauptkasfe der Gesellschaft, Berlin W 9, Schillingstraße 4, zu richten.
— Auf dem Kriegsschauplatze in der Mandschurei
seinem Berufe aufgegangen war, und der den Frauen bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hatte sich die Liebe zu dem schönen, fremdartigen Mädchen mit ele- mentarer Gewalt bemächtigt, und sie war stärker als alle seine Bedenken.
Während des ersten Zwischenaktes verließ er auf kurze Zeit die Loge und sah sich von Kameraden umringt. Man befragte ihn über die Fremden, die allgemeines Aufsehen erregt hatten, beglückwünschte ihn, daß ihm zuerst deren Bekanntschaft zu Teil geworden war, und bat ihn, diese auch den anderen zugänglich zu machen.
Hauptmann Düskow antwortete zögernd, ausweichend. Wieder regten sich Zweifel in seiner Brust, ob er die Kameraden mit den Fremden in Berührung bringen dürfe, und schon erwachte daneben auch die Eifersucht. Es waren meist jüngere Männer mit aristokratischem Aeußern und aristo- kratischen Namen, würde er durch sie nicht tief in den Schatten gestellt werden?
Doch man bestürmte ihn, neckte ihn, daß er eifersüchtig sei und keinem anderen den Anblick deS schönen Mädchens aus der Fremde in der Nähe gönnen wolle, und er gab nach.
Im zweiten Zwischenakt füllte sich die Loge mit den Trägern glänzender Uniformen und noch glänzenderen Na- men. Grafen und Freiherren, ja sogar ein Prinz neigten sich vor Mrs. Farlow und Angela, schüttelten sich mitMr. Farlow die Hand und führten die Unterhaltung in einem seltsamen Gemisch von französisch, deutsch und englisch, da keiner der Herren die angebliche Muttersprache der Amerikaner ganz fließend sprach. 116,18
Angela verhielt sich ziemlich schweigsam und stellte im stillen Vergleiche zwischen Hauptmann DüSkow und dessen Kameraden an, die sämtlich zu seinen Gunsten aus* fielen; Mrs. Farlow strahlte aber vor Stolz und Glück. Ihre kühnsten Wünsche waren erfüllt; ganz trunken vor Freude vernahm ihr Ohr die hochtönenden Namen, unb f« vergaß sogar die Mahnung ihres Gatten und fing an zu schwatzen. Ein paarmal traf sie sein mahnender Blick, und sie verstummte alsdann, um sich bald wieder zu vergessen.