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Mittwoch, den 18. Januar 1905

56. Jahrgang.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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finden in der SchlÄchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Deutsches Reich.

Am SamStag Nachmittag unternahmen beide Majestäten einen Spaziergang, später arbeitete Se. Majestät allein. Zur Abendtafel waren der Reichs­kanzler und Gräfin Bülow, sowie Gräfin Wolkenstein geladen. Sonntag Vormittag besuchten die Majestäten den Gottesdienst in der Dom-Jnterimskirche.

Der Fürst Carl Alexander zu Lippe-Detmold ist am Freitag Nachmittag in St. Gilgenberg bei Bayreuth an Herzschwäche gestorben.

Der Reichstag verhandelte am Dienstag in seiner ersten Sitzung nach den Weihnachtsferien nach der Erklärung des Präsidenten Grafen Ballestrem, daß voraussichtlich in etwa 14 Tagen alle Handelsver­träge, einschließlich des österreichisch-ungarischen, dem Hause vorgelegt werden würden, über die zum vor­jährigen Etat gestellte Resolution der Abgg. v. Saldern (kons) u. Gen. wegen Aenderung des § 48,4 des Jnvaliden-Versicherungsgesetzes wonach Personen, die sich wegen ihrer Gesundheit im Auslande auf pulten, die Rente weiter beziehen sollen. Nach einstimmiger Annahme dieser Resolution schritt man zur Beratung der Resolutionen über den Befähigungs-Nachweis und die Lehrlingsausbildung. Die Sitzung am Mittwoch Wurde fast ganz ausgefüllt durch die Besprechung der Resolution der Abgg. Dr. Müller-Meiningen (fr. Vp.) und Haußmann (Vp.) über den Königsberger Hoch­verratsprozeß. Die in heftigsten und verletzendsten Ausdrücken gegen die preußische Regierung und den preußischen Justizminister gerichteten Angriffe der Abgg. Müller und Lenzmann, denen die Sozialdemokraten Haase und Bernstein eifrigst zur Seite traten, wurden von dem Staatssekretär Dr. Nieberding in ruhigsach­

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Der Kotteriekönig.

Roman von F. Wüstefeld. 19

Dennoch hatte zwischen beiden nicht Vertraulichkeit bestanden, die so leicht zwischen jungen Mädchen, die unter einem Dache leben, einzutreten pflegt, und eS war nicht allein der Umstand, daß Angela einige Jahre älter war, der hier störend dazwischen lag.

Angela konnte aus der Zurückhaltung, die sie sich ein­mal angewöhnt hatte, nicht heraus, sie konnnte sich der offenen Konradine nicht ebenfalls offen geben, da sie sich fortdauernd von Rätseln umringt sah, und so blieb zwi- schen ihnen trotz redlichen Bemühens von beiden Seiten immer etwas Fremdes und Kaltes und Angela brächte von Amerika nach Europa herüber die ungestillte Sehnsucht nach einer wahren, großen, leidenschaftlichen Liebe.

Da war ihr beim ersten Schritte, den sie in das ge­sellschaftliche Leben jetzt getan, Hauptmann Paul Düskow begegnet, und hochauf hatte ihr Herz gejauchzt. Was ihr stets unglaublich erschienen war, was sie als unwahr und eingebildet bespöttelt und verlacht hatte, das hatte sich nun an ihr erfüllt: Die Liebe auf den ersten Blick. Wenige Stunden des Beisammenseins hatten hingereicht, um sie zu überzeugen, daß dieser Mann ihr Schicksal sei. Ihr kam nicht die Frage, ob sie selbst einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht, ob der wahrscheinlich mittellose Offizier in ihr nicht die reiche Amerikanerin suche. Sie wollte das nicht wissen, nicht ergründen, ihr ganzes Wesen drängte sich zu ihm hin.

Und nun hatte er seinen Besuch angekündigt, hatte ihr seinen Blumengruß gesandt. Nur mit großer Mühe ver­mochte sie ihre stürmische Bewegung zu verbergen.

* *

Aber Angela, dar dunkle Kleid! Und keine Brillanten! Was fällt Dir ein? So soll ich mich vor dem Hauptmann sehen lassen! Er muß ja denken, daß wir Bettelleut' sind I" rief MrS. Farlow und schaute halb entsetzt und halb be­

licher Weise zurückgewiesen. Am Donnerstag wurde die zweite Beratung des Etats der Justizverwaltung fortgesetzt. Nach einigen Ausführungen des Abg. Ablaß (frs. Vp.) und nach einer Anregung des Abg. Kämpf (fr. Vp.) auf Aenderung des Wechselprotest- Verfahrens hielt es der Abg. Stadthagen (soz.) für nötig, den Oldenburger Ruhstrat-Prozeß in sozial- demokratischem Sinne auszuschlachten, wurde aber von dem Vertreter der Oldenburger Regierung und dem Abg. Burlage (Zentr.) gebührend zurückgewiesen. - Am Freitag kam der Abg. Lenzmann (frs. Vp.) auf den Ruhstrat-Prozeß zurück und zog auch den Fall Hüssener, den Dessauer Prozeß und die Angelegenheit des Grafen Pückler in die Debatte hinein, wurde aber ebenfalls von dem Staatssekretär Dr. Nieberding in sachlicher Weise zurückgewiesen. Nicht anders ging es dem Abg. Müller-Meinigen (frs. Vp.), der eben­falls allerlei Beschwerden und Klagen vorzubringen hatte. Auch er wurde von dem Staatssekretär in allen Punkten seiner Ausführungen glänzend widerlegt. Zum Schluß konnte es sich der Abg. v. Gerlach (Hosp. bei der frs. Vg.) nicht versagen, dem oldenburgischen Residenzboten" das Verdienst zuzuerkennen, die Vor­gänge in Oldenburg enthüllt zu haben, und die sittliche und kulturhistorische Bedeutung desSimplizissimus" zu' rühmen. Die Mehrheit des deutschen Volkes dürfte allerdings anderer Ansicht sein.

Das preußische Abgeordnetenhaus nahm nach der Weihnachtspause am Dienstag seine Beratungen wieder auf. Der Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben leitete mit einer ausführlichen Rede die erste Beratung des soeben ausgegebenen Erats ein. Nach genauerer Auskunft über den Abschluß der Rechnungsjahre 1903 und 1904, die recht erfreuliche Ueberschüsse ergeben haben, ging der Minister zu dem Etat von 1905 über und stellte auch für dieses Rechnungsjahr einen günstigen Abschluß in Aussicht. Spezieller auf den Etat eingehend äußerte sich der Redner näher über die bevorstehenden Aufgaben der Staatsverwaltung und berührte dabei das Volksschulgesetz, die Erleichterungen bei der Einkommensteuer, Erhöhung das Wohnungs­geldzuschusses, die Not der Landwirtschaft u. a. Zum Schluß warnte der Minister davor, auf dem Boden schwankender Einnahnien, dauernde Ausgaben auf­bauen zu wollen, und betonte die Notwendigkeit einer klaren Scheidung zwischen den Reichs- und den preußischen Einnahmen. Die anderthalbstündige Rede des Ministers wurde im Hause mit großem Beifall

troffen auf ihre Nichte, die soeben die Auswahl unter ihren Sachen getroffen hatte.

Daß dies nicht der Fall ist, darüber hat ihn Wohl unser gestriges Auftreten und unser Wohnen imPark-Ho- tel belehrt," antwortete Angela lächelnd und ließ ihre Blicke durch das elegante Gemach, das den Damen als Ankleide- zimmer diente, schweifen.

Trotz der sie verzehrenden Unruhe vermochte sie eS, der sehr verwöhnten und anspruchsvollen Frau die umfassende Hilfe, deren sie beim Ankleiden bedurfte, zu leisten und es so zu ermöglichen, daß sie, was selten geschah, rechtzei­tig fertig war.

Große Mühe kostete eS sie auch, die Tante zu vermö­gen, daß sie sich verhältnismäßig einfach kleidete. Mistreß Farlow hatte für den Empfang des Offiziers ein kostba­res blaues Sammetkleid nebst reichem Brillantschmuck an­legen wollen und es gar nicht begreifen wollen, daß dies von ihrer Nichte als unpassend bezeichnet ward.

Angela hatte es auf dem Schobertschen Feste heraus­gefühlt, daß ihr und der Tante Anzug zu überladen ge­wesen, und hegte nun den lebhaften Wunsch, beim Em- pfange des angekündigten Besuches einen ähnlichen Miß­griff zu vermeiden. Es war aber kein leichtes Stück Arbeit, Mrs. Farlow dazu zu bringen, und es gelang auch nur teilweise, da wirklich einfache Kleidungsstücke unter ihren Vorräten gar nicht aufzufinden waren.

Mrs. Farlow stand kopfschüttelnd und unzufrieden vor dem deckenhohen Spiegel; sie kam sich in dem moosgrü­nen Kleide mit den eingewirkten helleren Streifen, der Brosche und den Ohrringen mit den Goldtopasen und der Spitzeuhaube auf dem Kopfe ganz armselig vor und be­trachtete auch ihre Nichte mit kritischen, mißbilligenden Blicken.

Du schaust in dem schwarzen Seidenfähnchen mit den winzigen Korallen in den Ohren und in der kleinen Brosche wie ein Kammerkätzchen aus," sagte sie in ihrem gelieb­ten, recht mangelhaften Deutsch, dessen sie sich in der Auf- regung nur gar zu leicht bediente. Auf einen warnenden

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ausgenommen. Sodann ging das Haus zur Beratung von Petitionen über und vertagte sich endlich bis zum Sonnabend.

In der Budgetkommission des Reichstages wurde einstimmig verlangt, daß die Regierung die Indemnität bezüglich des Nachtrags-Etats für Südwestafrika ein­holen möge. Die Regierung kam dem Wunsche nach und brächte durch den Reichs-Schatzsekretär Frhrn. v. Stengel den Antrag auf Indemnität ein.

Der Fürst Alexander zu Detmold ist am Frei­tag in Gilgenberg bei Bayreuth gestorben. Er war am 16. Januar 1831 zu Detmold geboren und folgte seinem am 20. März 1895 verstorbenen Bruder Woldemar in der Regierung des Fürstentums. Geistige Umnachtung machten ihn jedoch zur Ausübung der Regierungsgewalt dauernd unfähig.

Ueber die vom 9. bis 12. Januar in Berlin abgehaltene Eisenbahn-Konferenz teilt dieNordd. Allg. Zig." mit: Bei den zunächst unverbindlich ge­führten Regierungs-Verhandlungen über Bildung einer Betriebsmittel-Gemeinschaft ist der Württembergische Antrag im einzelnen durchberaten und sodann wegen der anzustellenden Berechnungen und Feststellungen im einzelnen ein Ausschuß gebildet. Nach Erledigung dieser Zwischenarbenen wird die Gesamtkommission wieder zusammentreten.

Zur Besprechung einer Talsperre im Harz fand vor kurzem in Braunschweig eine Versammlung statt, in der beschlossen wurde, einen Ausschuß für die not­wendigen Vorarbeiten zu wählen. Die Braunschweiger Handelskammer wird die einzelnen Interessentenkreise ersuchen, Vertreter zu dem Ausschuß zu ernennen.

Ausland.

Nach einer Meldung des Generals v. Trotha haben in Südwestafrika weitere erfolgreiche Kämpfe stattgefunden, an denen besonders die Abteilungen Deimlingen, Lengerke, Ritter und Meister teilnahmen. Der Auob-Abschnitt ist jetzt vom Feinde völlig gesäubert, die Hottentotten sind zersprengt und haben im ganzen 150 Tote und bei Zwartfontein 22 Ochsenwagen ver­loren. Ihr Widerstand war in allen Gefechten außer­ordentlich zähe. Unsere Truppen haben in allen Treffen trotz größter Anstrengungen mit hervorragender Tapfer­keit gekämpft. Die Kolonne Meister schloß ihren 50 Stunden langen Kampf mit einem siegreichen Sturm­lauf ab.

Blick der Nichte fügte sie englisch hinzu:Steck wenig­stens eine Spange oder eine Nadel ins Haar."

Angela lächelte und steckte nur einen kleinen Strauß von dunkelroten Rosenknospen in den Gürtel. Sie sah heute in dem schmucklosen Anzug, ohne Zierrat in dem Pracht- vollen, blauschwarzen Haar jünger und mädchenhafter aus als gestern in dem überladenen Festgewande.

Dein Onkel wird schelten, wenn er uns in diesem Auf­zuge sieht," sagte MrS. Farlow, als sie neben Ämgela nach dem Salon schritt.Wozu hat er uns die guten Kleider und Schmucksachen angeschafft, wenn wir sie nicht tragen solle,: ?

Es wird sich dazu noch Gelegenheit finden/ trö- stete Angela freundlich, erschrak aber doch, al» ihr beim Oeffnen der Tür ein lautes Lachen entgegenklang.

Schallend in die Hände schlagend, rief Mr. Farlsw: Mia, Angela, wie seht Ihr aus?"

Mrs. Farlow wandte sich sehr lebhaft zu (fitem Gat­ten.E»ist nicht meine Schuld, James, da» Mädchen, die Angela, hat darauf bestanden, es wäre nicht fein, sich zu putzen, sagt sie. Kaum, daß sie mir gestattet hat, meine Ringe aufzubehalten." Sie hob die von Juwelen blitzendengin- ger zu ihrem Gatten empor, der ebenfalls mehrere kost- bare Ringe an den Händen, sowie eine schwere goldene Uhrkette trug, auch eine funkelnde Nadel in dem roten Schlips hatte. Sein Anzug war so bunt, wie es die HauS- kleidung eines Herrn nur zu sein vermag. 116,18

Närrischer Einfall," lächelte er, nickte aber dann doch zustimmend, als Angela ihm auseinandersetzte, sie habe in ihrem Institut und auch schon bei ihren Bestellungen in den Magazinen erfahren, es schicke sich nicht, im Hauss und auf der Straße große Toilette zu machen, da» tue man für Diners, Gesellschaften, Bälle, für die Oper ..

Nun, so tut eS für heute abend," fiel Mr. Farlow ein,ich habe Plätze für das Opernhaus bestellen lassen."

Was wird gegeben?" fragte Mistreß Farlow eifrig, rümpfte aber die Nase, als sie hörte, daß eS Wagners Tannhäuser sei. Sie wäre viel lieber in den Wintergar­ten oder in ein anderes Spezialitätentheater gegangen.