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Deutsches Wirtschaftsleben 1904.
Die Besserung des deutschen Wirtschaftslebens, die nach der Krisis der vorhergehenden Jahre in der zweiten Hälfte des Jahres 1902 wieder eingesetzt hatte, hat auch während des Jahres 1904 angehalten. Nur hat sich der wirtschaftliche Aufschwung nicht gleichmäßig das ganze Jahr hindurch fortgesetzt, sondern im letzten Quartal trat eine gewisse Abflauung ein, deren Ursachen sich zur Zen noch nicht mit Deutlichkeit übersehen lassen. Nicht geringen Anteil dürfte hieran jedenfalls die ungewöhnliche Sommerdürre haben, durch die eine Hemmung des Wasserverkehrs und damit eine Verteuerung der Frachten für zahlreiche-Geschäftszweige herbeigeführt worden ist.
Will man sonst die Signatur des Wirtschaftsjahres 1904 in eine kurze Formel fassen, so läßt sich dies nicht besser tun als mit dem Worte: Zusammenschluß oder Konzentration. Auf fast allen wichtigen Produktionsgebieten machte sich ein verstärktes Streben nach Vereinigung der Kräfte geltend, dessen Ergebnisse in Fusionen, Jnteressen-Gemeinschaften, Kartellen und Syndikaten vorliegen. So gewann der KonzentrationsProzeß im Bankgewerbe durch die Bildung der Jnteressen-Gemeinschaft zwischen der Dresdener Bank und dem Schaaffhausenschen Bankverein einen erneuten Anreiz. In der Elektrizitäts-Industrie ferner vollzog sich die Fusion der allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft mit der Elektrizitäts-Gesellschaft Union sowie diejenige der Siemens u. Halske-Werke mit den Schuckertschen Werken. Die wirtschaftliche Stellung der deutschen Elektrizitäts-Jndustrie, deren einzelne Gesellschaften sich bisher vielfach eine zügellose Konkurrenz machten, ist dadurch wesentlich verbessert worden. Endlich bat sich auch in der chemischen und Farben-Jndustrie ein weiterer Zusammenschluß durch Preis-Vereinbarungen und sonstige Koalitionen vollzogen, die sicherlich dazu bei-
Der Kotteriekönig.
Roman von F. Wüste selb. 16
Konradine fühlte, wie ihr das Herz in der Brust schwer ward. Unwillkürlich fiel ihr ein, daß Linderer gestern den Platz bet Tische an Angelas Seite erhalten hatte, sie sah darin jetzt eine Berechnung des Onkels und ward dadurch traurig gestimmt, ohne doch zu wissen, weshalb.
„Und was sagt Doktor Linderer dazu?" fragte sie be- klommen.
Frau Mathilde lachte. „Der bat sich darüber zu mir Noch nicht ausgesprochen, ich werde ihm aber nächstens einmal auf den Zahn fühlen. Eins weiß ich aber heute schon: Robert Linderer ist nicht der Mann, der sich für Geld verkauft, der heiratet nur ein Mädchen, das ihm gefällt und mit dem er glücklich zu werden gedenkt, wenn er auch keinen Pfennig Mitgift bekommen sollte."
Während sie dies anscheinend ganz harmlos erklärte, beobachtete sie ihre Nichte mit einer Art von frommer Arglist von der Seite und gewahrte zu ihrer Genugtuung, daß deren nachdenkliche Miene sich wieder aufhellte. Sehr geschickt gab sie sich den Anschein, nichts davon bemerkt zu haben, und sagte, das letzte Etui mit Dessertmessern schließend: „So, letzt sind wir fertig! Nun soll mir noch ein Mensch sagen, daß gestern große Gesellschaft bei uns gewesen ist. Alles, aber auch alles ist wieder in Ordnung, Konradinchen, wir haben unS unseren Theaterabend redlich verdient. Aber nun, Kind, gehe auf Dein Zimmer und kleide Dich für das Theater an," fügte sie hinzu, „ich mache mich auch gleich fertig. Nach Tische haben wir nicht viel Zeit mehr; der Onkel hat es gern, wenn wir noch eine halbe Stunde beim Kaffee bei ihm sitzen bleiben und plaudern."
Sie verschloß den Silberschrank und beide Damen verließen die Zimmer, in denen sie heute so emsig und erfolgreich mit einander gearbeitet hatten.
Etwa eine Stunde später, als Herr und Frau Scho
Samstag, den 7. Januar 1905.
56. Jahrgang.
tragen werden, diesen Industrie-Zweigen ihre dominierende Stellung auf dem Weltmärkte zu sichern.
Von besonderem Interesse sind weiterhin die Vorgänge innerhalb der Kohlen- u. Eisen-Industrie, handelt es sich hier doch gewissermaßen um den Nerv und das Rückgrat unseres gesamten Wirtschaftslebens. Auch Kohle und Eisen, diese unentbehrlichen Mittel alles modernen werktätigen Schaffens, sind während des verflossenen Wirtschaftsjahres in erhöhtem Maße und erweitertem Umfange kartelliert und syndiziert worden. Das Kohlensyndikat hat sich in festeren Formen und unter weiterer Heranziehung von Outsiders neu konstituiert. Ferner ist unter außerordentlichen Mühen endlich die Gründung des Stahlwerk-Verbandes gelungen. Dieser Verband bedeutet auch in technisch-prinzipieller Hinsicht einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete des Kartellwesens, sofern hier zum ersten Mal auch bindende Vereinbarungen für den Export getroffen worden sind und damit der ruinösen Konkurrenz der einzelnen exportierenden Werke auf dem Auslandsmarkts untereinander ein Riegel vorgeschoben ist. Von hoher Bedeutung erscheint endlich die Verschmelzung von Kohlenzechen und Eisenhütten, wie der Gelsenkirchener Gesellschaft mit dem Schalter Verein und dem Hüttenverein Rote Erde. Es ist durch diese Vorgänge ein eigenartiges neues Wirtschaftsgilde, die „Zechenhütte", entstanden, das Gewinnung und Ver- arbeiung der Rohstoffe in sich vereinigt und offenbar die Anfangsform des amerikanischen Trusts darstellt. Um sich einen maßgebenden Einfluß auf die künftige Entwicklung des Kartellwesens zu sichern und damit die mißbräuchliche Ausgestaltung eines an sich durchaus gesunden und berechtigten Gedankens zu verhindern, ist von der Regierung die Hibernia-Verstaatlichung eingeleitet worden, und es steht zu hoffen, daß diese Aktion in einer nicht fernen Zukunft zu dem gewollten Zielen führen wird.
Mit dem Beginn des neuen Jahres richten sich, wie auch schon im Jahre 1904, die dringendsten Wünsche aller Wirtschafts- und Erwerbskreise auf den Abschluß neuer Handelsverträge, damit die Unsicherheit von Handel und Wandel genommen werde. Hoffentlich finden diese Wünsche ihre baldige Erfüllung.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser arbeitete am Montag nachmittag allein. Am Dienstag morgen unternahm der Kaiser einen Spaziergang im Tiergarten, machte dem Reichskanzler einen Besuch und börte dann im königl. Schlosse die Vorträge des Chefs des Militärkabinetts v. Hülsen- Häseler und des Chefs des Marinekabinetts Frhrn. Bi^mM^r»in»Mia4ESEäB^tsrej,-«rommm^H^^
bert mit Konradine das Gabelfrühstück eingenommen hat- ten, ward für die Familie Farlow im Park-Hotel der Tisch für den Morgentee gedeckt. Der reiche Amerikaner hatte daselbst im zweiten Stock eine Reihe von Zimmern gemietet und erfreute sich einer besonders aufmerksamen Bedienung, da er sein Bleiben für längere Zeit in Aussicht gestellt, es jedoch davon abhängig gemacht hatte, daß man seinen und seiner Begleiterinnen Wünschen allezeit sehr bereitwillig entgegenkäme.
Im bunten türkischen Schlafrock, der um die Hüften durch eine dicke, blau und rote Schnur mit Troddeln fest geknüpft war, einen blauen Fez auf dem kahlen Scheitel, stand er am Fenster, schaute hinunter auf die entlaubten, schneebedeckten Bäume des Mittelweges und auf die hin- und herfahrenden Wagen, sowie auf die sich teils geschäftig auf- und abbewegenden, teils gemächlich schlendernden Fußgänger. Beim Hellen Sonnenlicht, welches durch die Spiegelscheiben der hohen Fenster hereinströmte, sah sein Gesicht heute noch viel grauer aus, traten die scharfen Linien und Furchen desselben noch viel auffälliger hervor, als am vergangenen Abend in der sorgfältigen Kleidung und der festlichen Beleuchtung.
Eine Viertelstunde mochte er so am Fenster gestanden und in das von Hellem Sonnenlicht bestrahlte Treibendes Wintertages geschaut haben, wobei seine Gedanken nicht von der angenehmsten Art gewesen zu sein schienen, denn die Falten zwischen seinen Augenbrauen hatten sich vertieft und die Zähne sich in die Oberlippe gegraben. Jetzt warf er die große, dunkle Zigarre, der er einen recht starken Dampf entlockt hatte, in einen auf dem Fensterbrett stehenden Aschenbecher, trat an eine der sich gegenüber liegenden Flügeltüren, klopfte stark an und rief in einem Tone, dem die Ungeduld deutlich anzuhören war: „Mia, kommst Du nicht enolich? Es ist ein Uhr vorüber. "
Er hatte sich der englischen Sprache bedient, erhielt aber in recht stark gefärbtem österreichischen Dialekt die deutsche Antwort: „I bin ja schon da!"
Gleichzeitig öffnete sich die Tür und Mrs. Farlow trat
v. Senden-Bibran. Später empfing der Kaiser den Direktor des Auswärtigen Amtes Dr. von Körner. Am Abend nahm der Kaiser bei General von Arnim das Diner ein.
— Die soeben ausgegebene Nummer 42 der Preußischen Gesetzsammlung enthält das Gesetz, betr. die Befugnis der Polizei-Verordnungen über die Verpflichtung zur Hülfeleistung bei Bränden, vom 31. Dezember 1904.
— Die Gutachten der Jnteressen-Verbände und Vertretungen zum Entwurf einer Veränderung der Maß- und Gewichts-Ordnung sind an den zuständigen Stellen jetzt eingegangen. Auf Grund derselben findet eine Nachprüfung der in Aussicht genommenen Ab- Linderungen statt.
— Wie in der „Frankfurter Zeitung" mitgeteilt wird traten im Jahre 1903 insgesamt 1757 Volks- schullehrer in die Armee ein. Davon diente der dritte Teil, nämlich etwa 600, einjährig-freiwillig. In Berlin und Koburg-Gotha dienten alle, in Braunschweig, Bayern und Schwarzburg-Rudolstadi nahezu alle einjährig freiwillig. Dagegen machte in den östlichen Landesteilen, sowie in Württemberg und Oldenburg die Mehrheit der Lehrer von dem Recht des einjährigfreiwilligen Militärdienstes keinen Gebrauch, so in Westpreußen von 78 nur 4, in Ostpreußen von 112 nur 18, in Posen von 66 nur 18 und in Schlesien von 144 nur 52.
— Der Beirat für Arbeiterstatistik hat neuerdings beschloffen, eine Erhebung über die Arbeitszeit der Arbeiterinnen in der Fischindustrie zu veranstalten und schon im Januar einzuleiten. In gleicher Weise soll eine Erhebung über die Lohnbücher in der Kleider- und Wäschekonfektion begonnen werden. Der Frage- b -genentr- urf zu Erhebungen im Fleischergewerbe wurde nach eingeholtem Gutachten an den Ausschuß zur Umarbeitung zurückgewiesen, der Fragebogenentwurf für Erhebungen in Wasch- und Plättanstalten genehmigt und die Eingabe des Zentralvereins zur Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschiffahrt gegen den Grundplan einer Erhebung, die im nächsten Jahre in diesem Gewerbe stattfinden soll, abgewiesen.
— Betreffs der Reichstagsersatzwahl in Kalbe- Aschersleben hat der Bund der Landwirte beschlossen, bei der am 12. Januar stattfindenden Wahl den vom Bund der Handwerker als Kandidaten aufgestellten Obermeister Tischlerinnung Rahardt-Berlin zu unterstützen.
। Ausland.
— Vom Kriegsschauplatze in Ostasien kommt die I Meldung, daß die so lange mit beispiellosem Helden-
in einer Morgenkleidung von fliederfarbenem Atla» herein, an der die Spitzen und Puffen an mehreren Stellen zerrissen herabhingen oder mit Stecknadeln festgesteckt waren. Das schwarz und weiß gesprenkelte Haar war nachlässig unter eine zerdrückte Haube von kostbaren Spitzen geschoben.
Mr. Farlow beschaute sie mit sichtlichem Unmut unk» rief ihr entgegen: „Du sollst nicht deutsch reden; wie oft habe ich Dir eingeprägt, daß Du da» in Deutschland nicht tun darfst."
Sie lachte, wodurch ihr ursprünglich schöne», aber jetzt grau und verwittert aussehendes Gesicht einen wenig angenehmen Ausdruck erhielt, und antwortete: „Ach, ich red' doch nun einmal gern, wie mir der Schnabel gewachsen ist, und hier, wo alles deutsch redet. . ."
„Darfst Du eS am wenigsten!" fiel er lebhaft ein.
„Aber wir sind ja ganz allein, wer soll mich denn hören?" fragte sie jetzt englisch, sah sich im Zimmer um und sank dann mit dem AuSrus: „Ach,waS ich noch müde bin!" in einen Lehnstuhl.
Er achtere nicht auf diesen Stoßseufzer, sondern fuhr in scheltendem Tone fort: „Die Wände haben Ohren. Der Kellner, das Stubenmädchen können jeden Augenblick eintreten, und es liegt mir viel daran, daß sie glauben, MrS. Farlow spricht nur wenig und gebrochen deutsch."
Sie gähnte. „Hab' ich das gestern bei Schobert» nicht getan?"
„Das ist nicht genug, immer, immer mußt Du es tun. Und wie siehst Du wieder aus!" fügte er, ihren Anzug musternd, hinzu. „Befleckt und zerrissen; so darfst Du Dich vor keinem Menschen sehen lassen!"
„Ich kann mir die Sachen nicht allein zurechtsetzen," stöhnte sie, „und Du hast nicht gewollt, daß ich mir ein Mädchen mitnehme."
„Nein! Du hättest allerlei Dinge erzählt, durchweiche die Leute stutzig werden können."
„So laß mich hier eines nehmen." 116,18
.Das geht noch weniger an," entgegnete er lebhaft.