Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 105.
Am Neujahrstage.
Ein neues Jahr! Wir stehen still;
Im Herzen tönen tausend Fragen.
Gb es uns Blumen bringen will?
0b es wird Dorn und Disteln tragen?
Ein dunkler Urwald, hoch und dicht, So will das neue Jahr uns beuchten, Wir sehn die nächsten Schritte nicht: „Herr Gott, laß uns dein Antlitz leuchten!
Wirb Glück und Wonne uns zuteil, — Komm, Herr, die Freude zu verklären!
Doch wird die Straße rauh und steil, So sollst du Flügel uns bescheren!
Und wenn es soll zum Sterben gehn, Wenn Todesschweiß die Stirn wird feuchten, Dann neige dich zu unserm Flehn: „Herr Gott, laß uns dein Antlitz leuchten!"
Neujahr.
Text: Jesaias 40, 6—8: Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorret, die Blume verwelket; aber das Wort unseres Gottes bleibet ewiglich.
Dieses Wort unseres Textes ruft der Prophet Jesaias aus, wenn sein Auge hineinblickt in das Leben der Menschen, in ihr Kommen und Gehen, in ihr Blühen und Welken. Er steht und schaut mit tief- sinnendem Auge auf die sonnverbrannte Heide mit ihrem kurzen, wechselnden Farbenspiele; er kennt die lieblichen Blumen, aber sie verwelken vor seinen Augen: er weiß um herrliche Blüten unter den Menschen, aber sie sinken in den Staub; alles nimmt Abschied, alles vergeht. Da hebt er sein Auge aufwärts: eins bleibt, das ist Gottes Wort. Das leuchtet wie eine Sonne über der welkenden Heide, das blickt seit Jahrhunderten hernieder in das Blühen und Welken auf Erden und strahlt in gleicher Schönheit wie in uralter Zeit; denn das Wort Gottes kommt aus der Ewigkeit und weist und zieht hin in die Ewigkeit, es birgt in sich Kräfte der zukünftigen Welt.
Alles Fleisch ist Gras usw, das ist die Predigt, die der Jahreswechsel gewaltig hält; dies predigt die Natur draußen mit ihrem Werden und Vergehen, mit ihrem Grünen und Verdorren, dies predigt die Menschenwelt mit ihrem Geborenwerden und Sterben, mit ihrem Morgenrot der Wangen und ihrem Bleichen der Haare, mit ihrem Aufstreben in Kraft und ihrem
Der KotSeriekönig.
Roman von F. Wüstefeld. 14
Konradine tat, wie ihr geheißen, und die Löffel, Messer und Gabeln verschwanden unter den Ueberzügen aus weißem, flockigen Baumwollenstoff.
Während Tante und Nichte in dieser Weise emsig be- schäftigt waren, trat Marie mit der Meldung ein, Doktor Linderer sei gekommen.
Frau Schobert nickte. „Linderer ist von großer Pünkt- lichkeit, das kenne ich an ihm. Sagen Sie, er solle ein paar Minuten im Wohnzimmer auf mich warten. Doch halt, Marie, nein!" rief sie dem schon enteilenden Mädchen nach. „Bitten Sie ihn, hierher zu kommen."
Marie ging und wenige Minuten später erschien der junge Redakteur.
Frau Schobert eilte ihm mit ausgestreckter Hand entgegen und redete ihn, ehe er sie zu begrüßen vermochte, lebhaft an: „Entschuldigen Sie, Herr Doktor, daß ich Sie bemüht habe, und daß ich Sie gar noch hierher kommen lasse. Aber wir stecken in der Arbeit, und Sie haben auch nicht übrig Zeit, das Abendblatt muß ja fertig; unter so alten Freunden, wie wir sind, braucht man ja keine Umstände zu machen." Sie schüttelte ihm die Hand.
Er versicherte, daß er ihr stets gern zu Diensten stehe, brach aber mitten im Satze ab. Seine Augen waren auf Konradine gefallen, die ihre Verlegenheit unter doppel- tem Arbeitseifer zu verbergen suchte. „Fräulein Schobert, was sehe ich! So fleißig!" rief er, indem er sich vor ihr verbeugte.
„Nicht wahr, das ist brav!" nahm Frau Schobert eifrig das Wort. „Denken Sie nur, Konradinchen hat den Ball gar nicht lange ausgeschlafen, ist zeitig aufgestanden und hat mir geholfen; freist ein Prachtkind!"
„Aber Tante!" suchte Konradine mit lieblicher Verschämtheit der Redseligen das Wort abzuschneiden.
Diese aber ließ sie nicht aufkommen, sondern sprach weiter: „Sie will bei mir lernen, was zu einem guten
Samstag, den 31. Dezember
Niedersinken in Ohnmacht. Aber inmitten dieser Flucht der Zeit, inmitten dieser Vergänglichkeit halten wir einen Augenblick inne und lauschen der Predigt, die heute stärker als sonst an unser Ohr tönt, daß alles eitel und nichtig ist. Denn solche Predigt ist uns sehr heilsam, wenn sie recht verstanden wird. Wir blicken heute am Schlüsse des Jahres rückwärts auf das vergangene Jahr, und wenn wir da die 365 Tage mit ihren 8000 Stunden, mit ihrer halben Million Minuten überschauen, wie viel Versäumnisse und Sünden werden wir da gewahr! Da ist das Konto Gottes: Da ist das Konto des Nächsten: wie leer an Frucht hingebenden Erbarmens! Da ist das Konto des eigenen Herzens: wie leer an Früchten des Geistes, wie voll von Eigennutz! O, da müssen wir bekennen: Ich bin viel zu geringe aller Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an seinem Knechte getan hat.
Aber freilich, wir dürfen dabei nicht stehen bleiben, inne zu werden, wie alles der Vergänglichkeit unterworfen ist. Wir wollen auch vorwärts blicken mit brünstigem Gebete um das Geheimnis der ewigen Jugend; denn alles Fleisch ist Gras, aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. Dies Wort bringt und versiegelt uns die Kindschaft. Und das Kindsein und Kindwerden und Kindbleiben schützt vor dem Welken und Altern in dieser welkenden, sterbenden Welt. Darum gibt dies Wort einen Halt inmitten des Wechsels; hier ist Sonnenglanz inmitten der sich jagenden Wolken, hier ist Leben, göttliches, ewiges Leben inmitten alles Sterbens. Gott ist die ewige Kraft und Jugend. Wer zu ihm kommt, dessen Wahlspruch ist: „Mein Leben in Unruhe, meine Ruhe in Gott."
Deutsches Reich.
— Zur Beisetzung der verstorbenen Herzogin-Witwe traf der Kaiser Dienstag Vormittag 11 Uhr in Coburg ein. Des abends kurz vor Mitternacht kehrte er aus Coburg nach dem Neuen Palais zurück. Am Mittwoch Vormittag hörte der Kaiser den Vvrtrag von Lucanus und unternahm später einen Spaziergang im Park von Sanssouci.
— Der Kultusminister läßt jetzt durch die Regierungen und Kreisschulinspektoren eilige Erhebungen anstellen über die Zahl der vorhandenen Schulen und Schulklassen, über die Art der Schulen, ob es öffentliche oder private, ob es evangeliche, katholische oder paritätische sind. Ferner soll festgestellt werden, wie viele der vollbeschäftigten Lehrkräfte evangelischer, katholischer oder jüdischer Konfession sind. Bezüglich der Schulkinder soll ermittelt werden, wie viele Kinder die
deutschen Haushalt gehört. Ist das nicht sehr hübsch von ihr?"
„Sehr, sehr hübsch und anerkennenswert," entgegnete der Doktor mit einem aufleuchtenden Blick. „FräuleinScho- bert konnte in keine bessere Schule kommen als bei Ihnen gnädige Frau."
Frau Schobert lächelte geschmeichelt uub antwortete: „Was man in einem guten bürgerlichen Hause braucht, das kann sie bei mir schon lernen, geht es freilich zu wie gestern, da weiß ich selber nicht recht ein und aus."
„Sie haben sich auch gestern vortrefflich aus der Affäre gezogen, gnädige Frau," versicherte Linderer und wandte sich an Konradine mit der Frage, wie sie sich gestern amüsiert habe und ob ihr das Fest gut bekommen sei.
„Sehr, sehr gut; es war himmlisch! Ich habe ein so schönes Fest noch nie mitgemacht!" antwortete sie, errötete aber, kaum daß ihr das Wort entfahren war, und blickte zu Boden, als ob sie etwas Ungehöriges gesagt habe.
Wieder nahm die Taute das Wort: „Mein Mann sagt, wir müßten jetzt, wo wir das Kind hier haben, öfter mehr Gäste bei uns sehen und auch mit ihr in Gesellschaft gehen. Mir ist ziemlich bange davor," gestand sie mit einem drollig klingenden Seufzer ein.
„Onein, nein, Tante," rief Konradine, „das sollst Du nicht! Ich werde auch ohne Festtrubel sehr glücklich bei Dir und dem Onkel sein. Um meinetwillen sollst Du Dir keinen Zwang auferlegen."
Frau Schobert nahm das junge Mädchen beim Kopf, gab ihr einen herzhaften Kuß und sprach: „Bist ein lieber, süßer Kerl! Nicht wahr, Doktor!" rief sie Linderer zum Zeugen auf, der ihr durch eine recht lebhafte Bewegung freudig zustimmte, während sie hinzusetzte: „Wirzwei haben darüber nicht viel zu bestimmen ; es kommt ganz darauf an, was Dein Onkel für richtig findet. Er ist der Herr im Hause. Nicht wahr, lieber Linderer?"
Der Doktor bejahte, konnte aber ein leises Lächeln nicht unterdrücken, denn es hieß allgemein, Herr Schobert, der sein ausgedehntes, verzweigtes Geschäft mit gro
:♦ 55. Jahrgang.
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deutsche, die polnische oder eine andere Muttersprache haben. Diese Erhebungen dürften im Zusammenhang mit dem Entwurf des Schulunterhaltungsgesetzes steheu.
— Nach einem Erlaß des Landwirtschaftsministers ist den- Wünschen der Holzbändler, auch für die Hinter« legung von Holzkaufgeldern Wechsel zuzulassen, in größerem Umfang als bisher Rechnung zu tragen. Der Erlaß enthält Anweisungen über die hierbei zu beobachtenden Vorsichtsmaßregeln.
— Um die Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleischbeschau statistisch zu erfassen, sind kürzlich seitens der zuständigen preußischen Minister im Anschluß an die vom Bundesrat erlassenen Vorschriften ausführliche Anordnungen getroffen worden, die sich mit den jährlichen Nachweisen über das aus dem Auslande eingeführte Fleisch, die Ergebnisse der Jnlandsschau, die Befunde von Tuberkulose, die Ergebnisse der inländischen Trichinen- und Finnenschau usw. befassen.
— Dem Vernehmen nach wird der Entwurf des Amtlichen Warenverzeichnisses zum Zolltarif im Bmldes- rate noch veschiedenen Aenderungen unterworfen werden. Man wird das Verzeichnis noch mehr den Bedürfnissen des Handels anzupassen suchen. Die Arbeiten an dem Entwürfe werden sich deshalb noch einige Zeit hinziehen. Jedoch besteht die Absicht, sie möglichst zu beschleunigen, damit die Interessentenkreise frühzeitig über die Interpretation der einzelnen Zolltarispositionen, wie sie das Amtliche Warenverzeichnis bringen wird, aufgeklärt werden.
— Die Strafkammer in Bochum beschloß vor kurzem die Beschlagnahme und Unbrauchbarmachung de- n Krakau erschienenen und stark verbreiteten pü ischen Liederbuches „Spiernik Sokoli". In den Clevern wird zum Kampfe für die Losreißung der polnischen Provinzen von Preußen aufgefordert.
— Der altenburgische Landtag nahm Aas Gesetz über die Lehrerbesoldung nach einem Antrag an, wonach ein Anfangsgehalt von 1150 Mark und ein Höchstgehalt von 2250 Mark gezahlt wird.
— Vor dem Reichsgericht wurde vor mehreren Tagen der Landesverratsprozeß gegen den Friseur Hense verhandelt. Dieser hatte durch Vermittlung des französischen Grenzkommissars Venner den frühern Zeugfeldwebel Schütze mit dem Spionagechef in Nancy, Hauptmann Maugin, in Verbindung gebracht, welcher von Schütze Auskunft über Geschütze verlangte und für ein Buch 500 Mk. versprach. Das Urteil lautete aus zwei Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust, Stellung unter Polizeiaufsicht und Zahlung der Kosten des Verfahrens.
ßer Selbständigkeit führte, gebe seiner Frau in häuslichen Dingen recht viel nach. Sie lieferte auch sogleich eine Probe davon, daß sie sehr gut durchzusetzen wußte, was sie sich vorgenommen, indem sie hinzufügte: „In manchen Dingen hat er freilich seine sonderbaren Ansichten, nach denen man sich doch nicht immer richten kann. Denken Sie nur, er hat uns heute zivei Billets zum Opernhaus« holen las- sen."
„Das ist ja sehr freundlich von Herrn Schobert," er- tvibcttc ßinbcrcv.
„Ach, stellen Sie sich doch nicht so, Doktorchen, Sie wissen recht gut, was ich meine! Kauft der Mann für schweres Geld Billets, und drüben bei Ihnen liegen sie umsonst und werden vielleicht gar nicht benutzt."
„Sie sind aber für die Redaktion bestimmt," warf Robert Linderer etwas zaghaft ein, denn es war heute nicht das erste Mal, daß er in den Streit der Gatten wegen der Freiplätze in den Theatern hineingezogen ward.
„Fangen Sie mir nicht auch so an, Lindererchen! Ich mache keine Ansprüche auf einen Freiplatz, wenn ein Stück neu aufgeführt wird, oder Rollen neu besetzt sind, aber heute in dem Tannhäuser ist alles beim alten. Da geht kein Referent hin, die Billets bleiben liegen oder kommen an einen Reporter."
„Herr Schobert meint aber, es schicke sich nicht für seine Gemahlin," begann Linderer.
Frau Schobert hielt sich aber die Ohren zu und fiel ihm in die Rede: „Weiß alles, was Sie sagen wollen. Mein Alter hat mir erst beim Frühstück eine Pauke gehalten ; aber ich kann's nicht einsehen. Ich finde nichts Unpassendes und Unehrenhaftes darin, wenn wir Billets benutzen, die der Redaktion gegeben werden und die mir doch weit eher zukommen, als Liesemanns und Krauses, und wie die Leutchen, die Sie unter sich haben, sonst noch heißen mögen. Geben Sie ihnen meinetwegen, was da ist, und was sonst nicht gevrancht wird, aber mir müssen Sie die Vorhand lassen, lieber Doktor. Um Sie darum zu bit- ten, habe ich Sie herüberrufen lassen." 116.18