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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile vier deren Raum 10 Pfg.
3£ 100. Mittwoch, den 14. Dezember 1904. 5L. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, welcher am Sonnabend dem 40jährigen Jubiläum des Prinzen Albrecht von Preußen Regenten von Braunschweig, als Chef der Schwedter Dragoner beigewohnt hatte, stattete nach der Rückkehr nach Berlin dem Reichskanzler Grafen Bülow einen Besuch ab.
Prinzessin Heinrich von Preußen ist mit dem Prinzen Sigismund von Darmstadt nach Kiel zurück^ gekehrt.
— Der Reichstag setzte am Dienstag seine Etats- Beratung fort. Der Abg. von Richthofen (kons.) erklärte die Bereitwilligkeit seiner zu ernster und wohlwollender Prüfung aller Vorlagen des Bundesrates. Abg, Sattler (natl.) sprach s.dann die Zustimmung seiner Partei zu der Heeresvorlage aus als unbedingte Notwendigkeit zur Erhaltung der Wehrkraft unseres Volkes. — Am Mittwoch stimmte auch der Abgeordn. Schrader (fr. Vg.).,der Militär-Vorlage zu. — Am Donnerstag gab der Reichskanzler Graf Bülow dir Erklärung ab, daß die Handelsverträge mit den anderen Staaten gleich nach den Weihnachtsferien dem HauseIzur Beschlußfassung vorgelegt werden würden; es bietet sich die Aussicht, daß auch die Verhandlungen mit Oesterreich-Ungarn zu einem befriedigenden Abschluß gelangen würden. Die Inkraftsetzung der Handelsverträge und des Zolltarifs werde durch die Hinausschiebung der Beratung keine Verzögerung erfahren, das Reich werde aber keinem Vertrage mit Oesterreich- Ungarn beistimmen, der nicht genügenden Schutz für unseren Viehstand gegen die Seuchengefahr zusichere. —, AmAreitag kam es zu einer lebhaften Etatsdebatte zwischen! dem Reichskanzler und dem Abgeordneten, v. Vollmar (Soz ). Der Schatzsekretär Frhr. v. Stengel wies den ihm von der Zentrumspresse zugeschriebenen Plan einer Reichsvermögenssteuer entschieden zurück, während die Abg. v. Gerlach und Stöcker für eine derartige direkte Reichssteuer sprachen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus verhandelte am Mittwoch in zweiter Beratung über den Gesetzentwurf, betreffend die Freihaltung des Ueberschwem- mungsgebietes der Wasserläufe. Nachdem verschiedene Redner für Zurückweisung an die Kommission ge- sprocheu hatten, wurde der Entwurf an die alte Kommission zurückverwiesen. — Am Freitag nahm das Haus die Gesetzentwürfe, betreffend die Errichtung von Amtsgerichten in Langendreer und Vietz sowie die Verlegung der Landesgrenze gegen die Hansastadt Lübeck
und die Vermehrung der Wahlkreise für die Branden- burgisische Provinzialsynode in erster und zweiter Beratung an. Die Gesetzentwürfe wurden einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen.
— Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat durch Rundverfügung an die Eisenbahndirektionen angeordnet, daß die Polizeiorgane bei Durchführung der neuen Vorschriften über den Verkehr außerdeutscher Auswanderer über die preußische Grenze von feiten der Eisenbahnbediensteten tunlichst unterstützt werden sollen.
— Die Verhandlungen des Finanzministers Frhr. v. Rheinbaben zwischen der Preußischen Centralgenoffen- schaftskasse und der landwirtschaftlichen Reichsgenossenschaftsbank zü Darmstadt haben zu einer Vereinbarung geführt.
— Der mecklenburgische Landtag hat den Antrag eine Eisenbahngemeinschaft zwischen Mecklenburg und Preußen anzubahnen, der Regierung zur Erwägung überwiesen. Das der Großherzoglichen Generaldirektion in Schwerin unterstehende Eisenbahnnetz hat eine Länge von 1105,14 Kilometer, entspricht also ungefähr der einer preußischen Eisenbahndirektion.
— In der Beratung der Reichsjustizkommission sollen die Verhandlungen über die Ausgestaltung des Vorverfahrens fortgesetzt und zu Ende geführt werden. Als weitere Gegenstände der Tagesordnung sind angesetzt die Vorschriften über die Hauptverhandlung und die Beschwerde, über die Frage der bedingten Verurteilung, über das Verfahren in zweiter und in der Revisionsinstanz und über die Verteidigung.
Ausland.
— Der Zeitpunkt für offensives Vorgehen gegen die Hottentotten-Rebellen in Südwestafrika ist nunmehr gekommen. Oberst Deimling, der mit der Durchführung dieser Operationen beauftragt ist, hat gleich bei ihrem Beginn einen schönen Erfolg errungen, indem er an der Spitze einer größeren Truppenzahl den Feind zu einer fluchtartigen Aufgabe seines bisherigen stark besetzten Standortes bei Rietmont zwang und dabei eine stattliche Beute machte. Der Feind entwich in voller Flucht mit Hinterlassung von 8000 Stück Klein und Großvieh und zahlreichen Wagen. Er zog sich mit der Hauptmacht nach Kaltfontein zurück.
— Auf dem mandschurischen Kriegsschauplatze läßt die Untätigkeit, in der die Armeen verharren, immer wahrscheinlicher werden, daß große Operationen dort vor Ablauf des Winters nicht zu erwarten sind. Die Lage vor Port Arthur ist sehr ernst. Unbestritten be-
herrscht die japanische Belagerungs-Artillerie die Gewässer und die Tragödie des russischen Geschwader» erscheint fast abgeschlossen. Ein Schiff nach dem anderen erliegt der mit größter Präzision geleiteten Beschießung; noch halten sich wohl einige an günstigen Stellen liegende Fahrzeuge, aber als Streitmacht scheidet die russische Port Arthur-Flotte von nun an aus der Rechnung aus. Dabei wird auch der Angriff auf die Festungswerke unermüdlich fortgesetzt; die tapfere Besatzung hält aber immer noch aus und hofft auf die Hülfe der baltischen Flotte, die dem Kriegsschauplatze immer näher kommt.
— Das japanische Prisengericht hat den deutschen Dampfer „Veteran", der in der Nähe von Port Arthur beschlagnahmt wurde, samt der Ladung all eine rechtmäßige Prise erklärt. Die Besatzung, einschließlich der Offiziere wurde in Freiheit gesetzt.
— In Rom hat die Taufe des italienischen Tron- erben stattgefunden. Kaiser Wilhelm als Taufpate war durch den Prinzen Albrecht von Preußen vertreten.
— Der nationalistische französische Abgeordnete Syveton, der durch sein Vorgehen gegen den Kriegsminister Andrer weit über die Grenzen Frankreichs bekannt geworden ist, ist am Tage vor der gegen ihn angesetzten gerichtlichen Verhandlung plötzlich gestorben. Man weiß nicht, ob nicht Selbstmord vorliegt.
— Zu weiteren Verhandlungen über den deutschösterreichischen Handelsvertrag werden, wie verlautet, demnächst Vertreter Oesterreich-Un-arnS in Berlin eintreffen.
— Der finnische Landtag ist in HelsingforS mit einer Thronrede des Zaren eröffnet worden, in der eS mit Bezug auf die neuere Gesetzgebung in Finnland heißt, daß die Gesetze, welche der Reichsmacht Mittel zur Unterdrückung des gegen sie gerichteten Widerstandes in die Hand geben, aufgehoben werden sollen, sobald der Militärgouverneur davon überzeugt ist, daß die Verhältnisse, die den Erlaß dieser Gesetze bedingten, deren Beibehaltung nicht mehr fordern.
— In Wien verunstalteten 300 deutsche Studenten in der Vorhalle der Universität eine Kundgebung gegen den Rektor wegen dessen ablehnender Verhaltung gegenüber den Forderungen des deutschen HochschulauSschusseS indem sie Abzugsrufe und Pfuirufe gegen ihn aul* stießen. Der akademische Senat hat die Schließung der Universität verfügt.
— Zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Combe» und Briant ist eine Verständigung bezüglich des kirchen-politischen Trennungsgesetze» erfolgt. Der
Der KotterieKömg.
Roman von F. Wüstefeld. 8
Als die Musik der Polonaise in die eines Walzers überging, führte er seine Tänzerin auf deren Wunsch zu einem Sitze inS Nebenzimmer; bald überließ man allgemein der Jugend das Feld. Die Gäste hatten jetzt erst Gelegenheit, zu bewundern, wie geräumig die Schobertsche Wohnung war, und mit welcher Geschicklichkeit auch der kleinste Fleck dem heute vorwaltenden Zwecke dienstbar gemacht worden.
Die älteren Damen fanden behagliche Plätzchen, wo sie keim Genusse der fortdauernd angebotenen Erfrischungen recht vertraute Gespräche führen konnten; in anderen Zimmern waren Spieltische aufgestellt, und der Hausherr ließ es sich angelegen sein die Skatpartien passend zu arrangieren, ja, er wußte einigen alten Herren die geeigneten Partner für ihre Partie zu verschaffen.
Endlich war auch für solche Gäste gesorgt, die einen guten Tropfen zu schätzen und, was mehr ist, zu vertra- gen verstehen, und die es lieben, beim gefüllten Glase kluge Reden zu führen und ihr Teil „zur Verbesserung der Welt" beitragen.
Jung und Alt fand bei dem Schobertschen Feste seine Rechnung; die ersten Stunden des neuen Tages waren vorüber, bevor es sein Ende erreichte, und eS gab kaum einen Gast, der eS unbefriedigt verlassen hätte.
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„Justizrat, jetzt habe ich Sie fest, nun gestehen Sie ein, Sie sind mit im Komplott gewesen!" rief der Oberst von Unruh, aus den Spielzimmern in die mäßig große Trinkhalle der Schobertschen Festräume tretend, wo eine Anzahl nicht mehr junger Herren sich um einen großen, »vbebeckten, blankgescheuerten Eichentisch gereiht hatte.
„Was wollen Sie von mir, Herr Oberst?" erwiderte der Angeredete, ein kleiner, überaus sorgfältig gekleideter Herr mit dem roten Adler- und noch einem ausländischen Orden aus dem schwarzen Frack und mit einem feinen,
bleichen Gesichte, dessen Züge wie gemeißelt waren. Er setzte dabei den Kneifer auf und betrachtete aus seinen klugen, stahlgrauen Augen den alten Soldaten mit über- legenen Blicken.
Der Fragende ließ sich jedoch nicht abweisen, sondern entgegnete: „Was ich von Ihnen will? Ich sage e» JH- nen auf den Kopf zu, Sie haben gewußt, welche Ueber- raschung uns heute zugedacht war. So gut Sie sich zu be- herrschen vermögen, hab ich'» Ihnen doch angesehen, al» die exotische Ueberraschung eingesührt ward."
„ExotischeUeberraschung ist gut, "lachten dieUmsitzenden.
Justizrat Wehnert fragte aber ganz gelassen: „Und wenn ich'S gewußt, wenn Schobert mir win Geheimnis anvertraut hätte, war es da nicht meine Schuldigkeit, eS zu bewahren?"
„Die war es, die war e», Kollege," nickt« berLänb- gerichtsrat Kleinschmidt.
Oberst von Unruh fiel jedoch ein: „Jetzt aber ist eS Ihre Schuldigkeit, uns hübsch aufzuklären. Das können wir, Ihre alten Freunde und Zechgenossen, von Ihnen verlangen."
„Der Oberst hat recht. Wehnert muß erzählen," riefen mehrere Stimmen.
„Nehmt ihm da» Glas und die Flasche weg. Nicht einen Tropfen deS vortreffllichenNtersteiner» darf er mehr trinken, bevor er bekannt hat."
„Aber ich verstehe Sie nicht, meine Herren, waS wollen Sie denn wissen? Es liegt ja jetzt alles klar am Tage, fragte, sich betroffen stellend, der Justizrat und suchte die noch halb gefüllte Flasche und da» volle GlaS vor den Andringen in Sicherheit zu bringen.
Man lachte stärker. „ES liegt noch lange nicht alles klar am Tage, wir stehen erst am Anfangs der Enthüllungen."
„Und die erwarten Sie von mir?"
„Gewiß. Wenn Sie auch nicht allwissend sind, so ist Ihnen doch viel bewußt I" rief SanitätSrat Adelmann mit einer leichten Umschreibung deS Götheschen BerseS.
„Um es kurz zu machen, wer istKonradine Schobert?" fügte Professor Rudloff hinzu.
Der Justizrat lachte. „Eine Nichte unseres verehrten Gastgeber»; eine Tochter feine» Bruder», da» haben Sie ja aus seinem Munde gehört."
„Aber wer war dieser Bruder? Wie ist er «ach Amerika gekommen?"
Wieder lachte der Justizrat. „Aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem Dampfschiff."
Oberst von Unruh drohte ihm mit der erhobenen Hand.
Kommerzienrat Freund, der ebenfall» der Tafelrunde angehörte, sagte, den Kopf wiegend: „Nun aber basta, Freund Wehnert, jetzt haben Sie uns lange genug zappeln lassen, nun erzählen Sie endlich. In der Hoffnung, etwa» von Ihnen zu erfahren, habe ich keine Karte genommen, so gerne ich sonst meine Partie spiele. Also or- deutlich, ausführlich! Wer ist Konradine Schobert? Wer war ihr Vater? Wie ist er nach Amerika geraten? Was hat er dort getrieben? Wie kommt e», daß man nie etwas von ihm gehört hat?"
„Kommerzienrat, an Ihnen ist ein UnterfuchungSrich- ter verloren gegangen I" lachte der Landgerichtsrat.
Justizrat Wehnert sagte: .Da» sind viele Fragen auf einmal. Um sie zu beantworten, müßte ich ziemlich weit ausholen und auf die ganze Familiengeschichte der Scho- bert» eingehen."
„Tun Sie da», Justizrat, tun Sie bai!" hieß e« von allen Seiten. „Wir können un» gar nicht» Bessere» wün- schen. Man sitzt hier so traulich beisammen, und Sie sind ein vortreffllicher Erzähler."
Justizrat Wehnert verbeugte sich dankend. „Ich habe nichts zu berichten, was unserem Gastgeber zur Unehre gereichen könnte, also mag e» sein. Doch vorher nröchten wir dafür sorgen, daß uns die Kehlen nicht trocken werden."
Ein jüngerer Teilnehmer des Kreise» beeilt« sich, dem Wink des Justizrates zu folgen, und rief einen der Hin- und hereilenden Diener herbei, der schleunigst die geleer- ten Flaschen entfernte und gefüllte dafür aufsetzte. 116,18