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k ^c'ck Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 M. — Anzeigen kosten die kleine Zeile vier deren Raum 10 Pfg.
99. Samstag, den 10. Dezember 1904. 55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, der am Montag den Herzog von Anhalt besuchte, ist bis Mittwoch abend, Jagdgast des Fürsten Stolberg-Wernigerode und kehrt dann nach Potsdam zurück.
— Die Kaiserin hat sich, wie jetzt bekannt wird, ihre Erkrankung (Influenza) bei der Pflege der gleichfalls an Jnfluenzu erkrankten Prinzessin Luise Viktoria zugezogen. Beide befinden sich aus dem Wege der Besserung.
— Die Beisetzung des Prinzen Friedrich von Hohenzollern fand am Dienstag in Sigmaringen statt. Der Kaiser, den der Kronprinz vertrat, der König von Rumänien, der Prinzregent von Bayern usw. hatten prachtvolle Kränze gespendet.
— Der Kaiser begab sich in Werningerode am Dienstag Vorm. 9,30 Uhr mit dem Fürsten Stolberg zur Suche auf Sauen in das Wolfsholz. Nach einem Frühstück fand die zweite Suche auf Dammwild und Sauen am Fenstermacherberg statt. Gegen 3,10 Uhr kehrten der Kaiser und der Fürst zum Schlosse zurück. Eine große Menschenmenge begrüßte den Kaiser mit jubelnden Zurufen.
— Bei dem Galadiner am Dienstag im Herzoglichen Palais in Dessau trug der Herzog das Band des Schwarzen Adlerorbens, welches dem Herzog von dem Kaiser persönlich überreicht worden war.
— Im Reichstage wurden am Sonnabend die Verhandlungen über den Reichshalts Etat, den Etat der Schutzgebiete und die Gesetzentwürfe über die Friedenspräsenzstärke des Heeres und die Aenderung der Wehrpflicht begonnen. Die Besprechung wurde eingeleitet durch eine eingehende Etatsrede des Staatssekretärs des Reichsamts, Fchr. v. Stengel. Wiederholt hob er bei seinen Ausführungen hervor, datz_^ir-- - / grMplich^^NeichÄMrnz-dreflrm uuv-o^ Erschießung neuer Hülfsmittel nötig seien. Krigsminister v. Einem beleuchtete in seiner Rebe die Militär-Forderungen hinsichtlich ihrer Bedeutung für die verschiedenen Waffengattungen und hob die Wichtigkeit hervor, die besonders der Kavallerie in einem zukünftigen Kriege zukommt. Den Schwerpunkt der Rede des Kriegsministers bildete der Nachweis, wie die Einführung der zweijährigen Dienstzeit gewirkt und wlche Folgen sie gezeitigt habe. Alle Beteiligten haben zu leisten sich Mühe gegeben, was in ihren KräftlN stand, um die Tüchtigkeit der Armee zu erhalten. Das Resultat sei aber nur mit Ueberanstrengung ter Kräfte zu
erreichen gewesen. Es müsse Sorge dafür getragen werden, das in Zukunft zu verhindern; insbesondere wies dabei der Kriegsminister auf die Fürsorge für das Unteroffizierskorps hin. Nach den Reden der beiden Regierungsvertretern vertagte sich das Haus.
— Das preußische Abgeordnetenhaus lehnte am Sonnabend einen Antrag auf Einrichtung von Meisterkursen in allen Provinzen ab, nahm aber eine Resolution an, nach der eine Zentralstelle geschaffen werden soll welche unter Heranziehung von Sachverständigen aus dem Handwerker- und Gewerbestande insbesondere die Förderung des Handwerks unterstellt ist. Der Antrag des Abg. v. Arnim (kons), der die bisherige Vorzugsstellung der landwirtschaftlichen Bezirksverbände bei dem Bezüge von Kalisalzen beim Kalisyndikat erhalten wissen will, gelangte nach einer entgegenkommenden Erklärung des Handelsminister zur Annahme. — Am Montag erledigte das Haus mehrere Petitionen. Bei der Erörterung einer solchen, die die wiederholte gebührenfreie Untersuchung des vom Lande in Gemeinden mit Schlachthauszwang eingeführten Fleisches wieder stattfinden lassen will, kam es zu einer erregten Auseinandersetzung zwischen der rechten und der linken Seite des Hauses, wobei sich die Abg. Rosenow,. Goldschmidt und Posseldt von der Linken und die Abgg. Wilckens, Frhr. v. Erffa, Busch und Graf v. Spee von der Rechten und dem Zentrum scharf gegenüber« traten. Endlich wurde der Kommissionsantrag auf Uebergang zur Tagesordnung angenommen.
Ausland.
— Nach einer amtlichen Meldung aus Südwestafrika wurde Hauptmann von Kopp in Warmbad am 29. November abends von Marengo, der etwa 300 Gewehre stark war, angegriffen. Der Angriff wurde unter schweren Verlusten des Feindes absewiesen. ^TnTTTmrnvTnr-g^alfem Koppfft emMießlich eines Burenkommandos 100 Gewehre und 2 Geschütze stark. Einige Tage vorher wurde eine Offizierspatroille auf dem Rückweg von Ramansdrift nach Warmbad bei Nacht überfallen; der Ausgang ist noch unbekannt. Entkommene Reiter brachten die Meldung hiervon nach Drift, von wo sie über Kapstadt weiter gegeben wurde.
— Auf dem mandschurischen Kriegsschauplatze folgen sich die kleineren Gefechte ununterbrochen. Auf russischer wie japanischer Seite ist eine gesteigerte Tätigkeit zu bemerken. Im allgemeinen scheint sich die äußere Spannung und der Wunsch nach Lösung zu verstärken. Die Japaner verschafften sich durch die letzten verlust
reichen Kämpfe Klarheit 'über die Ausdehnung |bet russischen Stellung. Die nächsten Tage werden zeige», ob diese AufklärungSgefechte auch diesmal die Einleitung zur Offensive bilden, wie es bisher Gepflogenheit der Japaner war. Inzwischen rüstet sich ihre Flotte, die auf dem Wege nach den ostasiatischen Gewässern »e- sindlichen Schiffsdivisionen des russ. Ostseegeschwader» zu empfangen und die durch langen Wachtdienst »der feindliche Geschosse mitgenommenen Schiffe wieder VoR’ kommen kampffähig zu machen.
— Die formelle Unterzeichnung des im März diese» Jahres paraphierten deutsch-italienischen Handelsvertrages hat jetzt durch den deutschen Botschafter <Arafm Monts und den italienischen Bevollmächtigten in R»m stattgefunden.
— Die Kommission der französischen Deputiertenkammer zur Beratung der Vorlage betreffen» die Trennung von Kirche und Staat hat den Entwurf bei sozialistischen Radikalen Devibe, durch den die vorher bereits abgelehnte RegierungSvorlag wieder hergestellt wird, angenommen. Die noch in der Kommission verbliebenen Mitglieder der Minderheit legten gegen den Beschluß als formell unzulässig Verwahrung ein.
— In der spanischen Kammer erklärte der Finanzminister, nach Maßgabe der Erhöhung des WechsÄ- kurses würden neue Verträge mit Spanien nachteilig sein. Die Bank von Spanien würde Rückzahlungen mittels der Ueberschüsse des Budgets erhalten, irgend eine Anleihe würde nicht ohne Ermächtigung der Kammer abgeschlossen werden.
— Die fremden Gesandten in China haben bei der chinesischen Regierung gegen die Erhebung von Tr- gänzungs-Transitabgaben Einspruch erhoben, da diese den Verträgen mit den Mächten widerspreche. Die chin^che' Behörden erhoben bis vor kurzem einen Zou von 27i vom Hundert auf nach und von den Verträgshäfen abgesandte Waren, forderten aber neuerdings erhöhte Beträge, angeblich um die Betriebskosten zu decken. Auf den Protest hat die chinesische Regierung nocht nicht geantwortet.
— In Buenos Aires ist ein allgemeiner Ausstand veranstaltet worden als Antwort auf das Verhalten der Polizei von Rosairo bei den hier ausgebrochenen Unruhru. Es üreiken viele Arbeiter aber nur wenige Geschäfte sind geschlossen. Der öffentliche Dienst voll zieht sich regelmäßig. Die Arbeitenden werden durch die Polizei geschützt, uno Kavalleriepatrouillen verhindern Ansammlungen großer Menschenmassen.
Der Aotteriekönig,
Roman von F. Wüstefe d. *
Tuch die jungen Mädchen, von denentas eine dunkles Haar, dunkle Augen und den Typus der Brünette hatte, daS andere blond, blauäugig, mit einet Worte eine echt deutsche Erscheinung war, waren für ekopaische Begriffe »u sehr mit Edelsteinen überladen, ub es wurden sich leichte, duftige Kleider besser für sie geschickt haben als jene von schwerer, weißer Seide, diele trugen. Sie sa- ben aber doch sehr liebreizend aus, ud schon jetzt wurde ihnen von den anwesendenjüngerenunälteren Herren der Preis der Schönheit zuerkannt
Herr Schobert schüttelte seinem Gste kräftig die Hand und begrüßte dessen Begleiterin mit eiem Handkuß, wäh. rend seine Gattin, die an seine Seitqeeilt war, die jun- gen Mädchen umarmte und küßte.
Nachdem auch zwischen ihr und'em alteren Paare Höflichkeiten ausgetauscht worden wan, nahm Herr Scho- bert mit erhobener Stimme, offenbc in der Absicht, von recht vielen Anwesenden verstanden ztverden, das Wort: Es ist meiner Frau und mir eine «ße Freude zu teil geworden, und wir haben uns erlauf Sie zu uns einzu- laben, um deren Zengen zu sein. Diemzige Tochter das einzige Kind meines in Chicago zu so verstorbenen Bru- ders und seiner ebenfalls verstorben Gattin, Konradme Schobert, ist zu uns gekommen, umortan bei uns zu leben und unser Alter zu verschönende hat die Reise gemacht in der Begleitung und um dem Schutze der Freunde ihrer Eltern, Mr. und MrFarlow aus Chl- cago, die mit ihrer Nichte, Miß Angehich em paar Jahre in Europa aushalten und davon eueZelt m unserer Stadt zubringen wollen. ES wird nn Bestreben sem, es ihnen hierselbst so angenehm zurmen, daß sie sich ent- schließen, dauernd bei uns zu bleib und ich hoffe und bitte daß alle meine lieben Gäste w dabei unterstützen wollen. Und nun, meine Herrschaftsitte ich zu Tische!« schloß er seine von Beifallsbezeugum begleitete Rede.
Die bisher noch verschlossen gehaltenen Türen öffneten sich, Heller Lichterglanz und eine von Blumenduft ge- würzte Luft quoll aus diesen Räumen hervor. Die Tafeln waren in drei Zimmern gedeckt, die gleich den übrigen niedrig und schlicht möbliert waren, von deren Einrichtung heute aber nicht viel wahrzunehmen war. Sie glichen mit der darin ausgestellten Fülle von Palmen, Myrten, Geranien, Orangen, Feigen und Koniferen blühenden Hainen, in denen es sich vortrefflich schmausen und trinken ließ.
Auch die mit glänzendem Damast bedeckten Tafeln tru- gen sehr reichen Blumenschmuck und waren mit schönem Porzellan, Krystall und wertvollem Silber, zum Teil in künstlerischer Ausführung, besetzt. Mehr als ein Auge, besonders der weiblichen Gäste, ruhte mit stillem Neide, mit Staunen und Verwunderung darauf, manche Lippe vermochte sich nicht zu enthalten, dem Nachbarn darüber Be- merkungen zuzuflüstern. Man erging sich in Vermutun- gen darüber, ob die Vorratsschränke desSchobertschenHau- ses diese Schätze schon längere Zeit geborgen haben mochten, oder ob alles erst zu dem heutigen Feste angeschafft worden sei.
„Altes Familiensilber und altes Porzellan ist es nicht," sagte die Geh. Finanzrätin von Wegenberg, indem sie mit prüfendem Blick die Tafel überflog, „es sind Formen, wie man sie heutzutage in den Magazinen findet; ich verstehe mich ein wenig darauf." Sie lächelte ihrem Nachbarn, dem pensionierten Oberst von Unruh, herausfordernd zu.
Dieser beeilte sich denn auch zu antworten: „Wer aus einem Hause ist wie Sie, meine Gnädigste, der versteht sich auf alten Familienbesitz; bei Gottlieb Schobert, dem Vater unseres Gastgebers, ließ sich dergleichen allerdings nicht erwarten."
„Herr Schobert hat sich aus kleinen Verhältnissen her- ausgearbeitet, das ist anerkennenswert," bemerkte dieGe- heimrätin, begleitete dieses Lob aber mit einer unbeschreib- lich hochmütigen Miene.
Lachend erwiderte ibrNachbar: „Er ist ein mehrfach« Millionär und könnte jede Woche ein Fest wie da» heutige geben, ohne seinem Geldkasten einen fühlbaren Schaden zuzufügen.«
„Und die soeben angekommene Nichte scheint die ein- zige Erbin," sagte Frau von Wegenberg und bedauerte im stillen, daß ihr Sohn, der in Diedenhofen bei denDra- gonern stand, so weit entfernt war
„Sie ist wie aus den Wolken gefallen, da» reine Mäb- chen aus der Fremde," spöttelte der Oberst, aber die Ge- Heimrätin legte warnend die Hand auf die seinige.
Nachdem alle Eingeladenen ihre Plätze eingenommen hatten und während die vor der Suppe gereichten Austern serviert wurden, war Stille eingetreten. Da» Gespräch wenn auch nur halblaut, konnte von den Umsitzenden leicht gehört werden, und nur in geringer Entfernung von dem medisterenden Paare hatte Frau Mathilde Schobert mit ihrem Tischherrn, Mr. Farlow, Platz genommen.
Die Gesellschaft speiste in drei Zimmern. In dem einem präsidierte Frau Schobert, in dem zweiten ihr Gatte, der Mrs. Farlow zu Tische geführt hatte, und mit der er sich nur in englischer Sprache unterhalten konnte, da die Dame des Deutschen sehr wenig mächtig schien. Das dritte, sehr große Zimmer, von Frau Schobert der Saal genannt und ,m gewöhnlichen Leben zum Legen der Wäsche, Plätte» und anderen Raum erheischenden Häuslichen Verrichtun- gen benutzt, war vorzugsweise der Jugend eingeräumt worden. Hier führte Doktor Linderer,Redakteur bei Feuilletons der Tages- und Abendzeitung, ein noch junger Mann auf den Herr Schobert große Stücke hielt, den Vorsitz; er hatte Angela Farlow zur Seite. Ihnen gegenüber hatte Konradme zwischen zwei Offizieren ihren Platz erhalten.
Die Bewirtung übertraf alle Erwartungen, die sich die Gäste davon gemacht hatten, und stellte selbst die darunter befindlichen größten Feinschmecker zufrieden. Ein ausgesuchtes Gericht in tadelloser Ausführung folgte dem andern, und zu jedem wurden erlesene Weinsorten angebo- ten. 116,iß