MichternerMtung
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M 97. Samstag, den 3. Dezember 1904. 55. Jahrgang.
Die neue Militärvorlage.
welche von der „Nordd. Allg. Ztg " veröffentlicht wird,' fordert bis zum Jahre 1909 eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um 10339 Mann auf 505839 Mann an Gemeinen, Gefreiten und Obergefreiten. Diese Höhe soll bis zum 31. März 1910 bestehen bleiben. Bei der neuen Militärvorlage handelt es sich also wiederum um ein Quinquennat, d. h. eine Festlegung der Präsenz für einen Zeitraum von 5 Jahren. Das neue Gesetz soll am 1. April 1905 in Kraft treten. Gleichzeitig mit der neuen Militärvorlage haben die Verbündeten Regierungen beschlossen, die endgültige verfassungsmäßige Einführung der zweijährigen Dienstzeit bei den Fußtruppen, der fahrenden Feldartillerie und dem Train zu beantragen. Der betreffende Gesetzentwurf wird von der „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht.
Der Gesetzentwurf betr. die Aenderung der Wehrpflicht lautet: Artikel 1 streicht aus dem ersten Absatz des Artikel 59 der Reichsverfasfung die Bestimmung, wonach die ersten drei Jahre des Dienstes beim stehenden Heere bei den Fahnen zu leisten sind, fügt aber folgenden Absatz hinzu: „Während der Dauer der Dienstpflicht im stehenden Heere sind die Mannschaften der Kavallerie und reitenden Feldartillerie die ersten drei, alle übrigen Mannschaften die ersten zwei Jahre zum ununterbrochenen Dienst bei den Fahnen verpflichtet. Artikel 2 des Entwurfs bestimmt: Im Falle notwendiger Verstärkungen können auf Anordnung des Kaisers die nach dem neuhinzugefügten Absatz zu entlassenden Mannschaften im aktiven Dienst zurückbehalten ^werden. Solche Zurückbehaltung zählt rr eine Uebung im Sinne des letzten Absatzes des
6 des Gesetzes vom 9. November 1867. Die Mannschaften der Fußtruppen, der fahrenden Fet^ artillerie und des Trains, welche freiwillig, die anderen, welche gemäß der Dienstpflicht drei Jahre aktiv dienten, dienen in der Landwehr ersten Aufgebot nur drei Jahre. Die Mannschaften der Landwehrinfanterie können während der Dienstzeit in der Landwehr ersten Aufgebots zweimal zu Uebungen in besonderen aus den Mannschaften des beurlaubten Standes gebildeten Formationen auf acht bis vierzehn Tage, vom Tage des Eintreffens beim Truppenteil an gerechnet, einberufen werden. Die Landwehrkavallerie wird im Frieden zu Uebungen nicht herangezogen. Die Landwehrmann- schaften aller übrigen Waffengattungen üben im selben Umfange wie die Infanterie in besonderen Formationen, oder im Anschluß an die betreffenden Linientruppenteile.
Die Mehrforderungen betragen insgesamt 73913116
Der Kotteriekönig.
Roman von F. Wüstefeld. 1
(Nachdruck nicht gestattet.)
„Buchdruckerei und Buchhandlung von Konrad Schobert, Redaktion und Expedition der Morgen- und Abendzeitung" stand mit schwarzen Lettern über der Tür eines Hauses in der Adamstraße, das mit seinen zweiStockwer- ken grau und schmucklos dalag, in dem aber vom frühen Morgen bis zum späten Abend Personen jeden Alters und jeder Berufsart unaufhörlich aus- und eingingen. Wurde doch hier eines der gelesensten Blätter der Provinz redi- giert, gedruckt und ausgegeben, befand sich doch hier auch die Annahme der Annoncen für seinen sehr viel benutzten Inseratenteil.
An einem Januarabend hatte das arbeitsreiche Haus seinen Charakter gänzlich verändert. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß in seinem Innern ein Fest gefeiert werden sollte, und trotz der herrschenden Kälte und des durch die Straße wehenden, scharfen Ostwindes hatte sich eine schaulustige Menge versammelt.
Noch war von ankommenden Gästen nichts zu erblicken. Die Zuschauer hatten sich frühzeitig eingestellt, um sich gute Plätze zu sichern, und harrten geduldig des Augenblickes, wo eS für sie etwas zu sehen geben würde. Inzwischen vertrieben sie sich die Zeit mit der Unterhaltung über die in AuSsicht stehende Festlichkeit und deren Ver- anstalter, denn eS war schon an und für sich ein die Ber- Wunderung erregendes Ereignis, daß die Bewohner dieses Hauses eine größere Anzahl von Gästen eingeladen hatten.
„Wenn mir nur einer sagen wollte, was heute beim alten Schobert los ist!" ließ sich die nach einem Kröpf klm- gende Stimme einer Frau vernehmen, die in einen langen, schwarzen Mantel ganz eingewickelt war und zum Schutz gegen die Kälte ein dickes, wollenes, rot- und grünkarrier- tes Tuch über den Kpps genommen hatte. „In der alten,
langen Bude gibt es ja vom Keller bis zum Dach kein Fenster, das dunkel wäre, und überall elektrisches Licht." „Das hat er extra für den heutigen Tag in die Wohn- räume legen lassen. Tag und Nacht hat daran gearbeitet werden müssen, um es fertig zu bekommen; bin selber dabei gewesen und habe einen schönen Extraverdienst für die Ueberstunden gehabt, der Alte hat sich nicht lumpen lassen," erzählte ein Bursche, der über den Arbeitskittel einen Paletot gezogen und auf den struppigen Kopf einen breitkrempigen, runden Filzhut gestülpt hatte.
„Das schadet ihm nichts, er ist ja klotzig reich," sagte ein älterer Mann, ebenfalls in Arbeiterkleidung.
„Aber er macht keinen Gebrauch davon!" rief ein Dritter und belachte selbst sehr laut den ihm vorzüglich scheinenden Witz. „In der Schobertschen Wirtschaft soll Schmalhans Küchenmeister sein."
„Da bist Du im Irrtum," wurde er von mehreren Seiten belehrt, „Schobertund seine Frau wissen, was gut schmeckt, und lassen sich nichts abgehen."
„Wären auch schön dumm, wenn sie eS täten!" warf der junge Arbeiter lachend dazwischen, während der ältere mit finster zusammengezogener Stirn und eingekniffenen Lippen erklärte: „Aber für andere haben sie nichts übrig." Ein mehrstimmiges Gelächter unterbrach ihn, und ein schon bejahrter, schlicht, aber gut gekleideter Mann sagte, die Pelzmütze tiefer in die Stirn rückend: „Strenge Dich nicht so an, Grunert, Du bist nicht in einer sozialdemokratischen Versammlung und brauchst nicht den Mund so voll zu nehmen."
„Schobert bezahlt seine Leute ganz ordentlich und hat durch Unfall-und Krankenversicherung, Witwen- und Wai- senkassen für sie gesorgt, ich kann es wissen, denn ich bin schon viele Jahre bei ihm," fügte ein anderer hinzu.
„Lumpige Abschlagszahlung, die ein gesinnungStüchti- ger Arbeiter gar nicht nehmen dürfte," brummte Grunert, aber man achtete nicht mehr auf ihn, sondern wandte sich wieder der Betrachtunß des Hauses zu.
Mark, wovon 11795 646 Mk. fortdauernde und 62117 470 Mk. einmalige Ausgaben sind.
Aus der Begründung des Gesetzentwurfs heben wir hervor: Zur Fortsetzung seiner seit mehr als 30 Jahren friedlichen Politik bedarf das deutsche Reich eines starken, jederzeit schlagfertigen, kriegstüchtigen Heeres. Es kann sich nicht darum handeln, allen möglichen Gegnern an Zahl überlegen oder auch nur gewachsen zu sein. Wohl aber kann und muß gefordert werden, daß das deutsche Reich in der Heranziehung seiner Volkskraft zum persönlichen Dienste in der Landesverteidigung mit den Nachbarmächten gleichen Schritt hält. Das ist bis jetzt nicht der Fall. Bei dem stetigen Anwachsen seiner Bevölkerung kann Deutschland in Rücksicht auf die Finanzkraft des Landes den Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht in voller Reinheit niemals durchführen, sondern muß sich eine Beschränkung auferlegen, die seine Wehrkraft nachteilig beeinflußt. Frankreich dagegen stellte, und zwar unter ausdrücklichem Hinweis auf Deutschland, schon bisher fast jeden wehrfähigen Mann ein, so daß es trotz seiner um fast 20 Millionen geringeren Volkszahl in der Gesamtzahl der Streitbaren Deutschland überflügelt. Dies wird nach Einführung der zweijährigen Dienstzeit in noch ausgedehnterem Maße der Fall sein können. Wir müssen daher danach streben, daß .das in der Stärke unserer Bevölkerung liegende Machtelement in der Zahl der ausgebildeten Mannschaften zum vollen Ausdrucke gelangt. Dieses Ziel würde nach und nach durch Bewilligung der geforderten Erhöhung der Friedenspräsenzstärke erreicht werden. Diese Erhöhung soll gleichzeitig der Beseitigung von solchen Schwächen und Lücken in der Organisation dienen, welche die Friedensausbildung erschweren, den Uebergang in die Kriegsformation verlangsamen und bei der Mobil- i Buchung zu unheilvollen Verhältnissen führen können.
In' der Begründung zur Einführung der zweijährigen Dienstzeit heißt es: Auf die dreijährige Dienstzeit zurückzugreifen, verbietet sich aus politischen und aus militärischen Interessen, um so mehr, als auch heute bei den Verbündeten Regierungen die allerdings nur auf die Friedenserfahrung gegründete Anschauung besteht, daß der zweijährige Dienst an sich genügt, die Mannschaften der Fußtruppen, der fahrenden Feldartillerie und des Trains kriegsmäßig auszubilden. Das Endurteil über die Zweckmäßigkeit der zweijährigen Dienstzeit kann erst der Krieg fällen. Bis dahin kann aber nicht gewartet werden. Es handelt sich jetzt darum die Vorbedingungen für die verkürzte Dienstzeit zu schaffen, d. h. diejenigen Maßnahmen durchzuführen, die zur Erleichterung des Dienstes durchaus notwendig ist.
Deutsches Reich.
— Der Jagdaufenthalt des Kaisers in Oberschlesien nähert sich seinem Ende. Der Kaiser jagt in diesen Tagen noch bei Neudeck und kehrt am Donnerstag nach Potsdam zurück. Die Jagdbeute ist überaus reich.
— Die Kaiser hat von dem in der Feldherrnhalle des Zeughauses in Berlin befindlichen großen Gemälde „Die Schlittenfahrt des Großen Kurfürsten über das Frische Haff im Jahre 1679" eine größere Anzahl Reproduktionen herstellen lassen und diese vaterländischen Frauen- und sonstigen wohltätigen und gemeinnützigen Vereinen zuni Zwecke von Verlosungen und für Weihnachtsbescherungen überwiesen.
— Zwischen dem Kaiser Wilhelm und dem Präsidenten Roosevelt hat nach der Denkmalsfeier in Washington ein Telegrammwechsel stattgefunden, der zur Befestigung der guten Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika dient. Der Kaiser wies auf den Schiedsvertrag hin, der die Beziehungen noch fester knüpfen werde, und sprach Amerika und seinen Bürgern die besten Wünsche aus; der Präsident dankte herzlichst und erwiderte die Wünsche.
— Im preußischen Abgeordnetenhaus gelangten am Sonnabend drei Anträge der Abgeordneten v. Wentzel (kons.), Frhr. v. Zedlitz (freikons.) und Kirsch (Ztr.) znr Beratung, die Erleichterungen in der Staatseinkommensteuer herbeizuführen beabsichtigen. Nach der Erkärung der Regierung, daß der Finanzminister in absehbarer Zeit eine dahinzielende Vorlage in Aussicht stellen könne, wurden die Anträge einer Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen. — Am Montag stand die Beratung des Kommissions-Antrages auf Einführung der Dienstaltersstufen für Richter und erhebliche Hermehrung der Stellen der Richter und Staats- anw—e zusammen mit einem Ac trage auf Gleichstellung der Richter mit den Verwaltungsbeamten auf der Tagesordnung. Nachdem Justizminister Dr. Schönstedt mittgeteilt hatte, daß die Wünsche auf Vermehrung der Stellen schon im nächsten Etat Erfüllung finden würden und die Einführung von Dienstalterszulagen erwünscht sei, wurden die Anträge angenommen. Der Antrag des Abgeordneten Graf Strachwitz (Ztr.) auf Gewährung freier Fahrt für beurlaubte Soldaten gelangte ebenfalls zur Annahme.
— In der Budget-Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses wurde über eine Erhöhung des Wohnungsgeld-Zuschusses der Beamten verhandelt, i Der Regierungsvertreter sagte eine allgemeine Erhöhung des Wohnungsgeld-Zuschusses für die untern Beamten NM Etat von 1906 zu.
„Bis auf den Straßendamm liegt ein Teppich und über der Haustür liegt ein Zelt auSgespannt," sagte ein junges Mädchen, den unbedeckten, blonden Kopf bedächtig schüttelnd, und rieb sich die frostbebenden Hände, um sie zu erwärmen. „Man erkennt das alte Haus gar nicht wieder."
„Na, wegen der Toiletten der Bogenfängerinnen und Falzgräfinnen braucht freilich kein Zelt auSgespanntzu werden, die können schon einen Tropfen Regen vertragen," spottete der Bursche, und die Frau im schwarzen Mantel nahm wieder das Wort: „Ich bleibe dabei, eS muß bei Schoberts ganz besonders was los sein."
„Diner und nachher Tanz!" erklärte ein etwas ältere» Mädchen mit wichtiger Miene. „Ich habe eine von den großen Einladungskarten mit Goldrand gesehen."
„Schon recht, aber warum das alles?" lautete die Gegenfrage. „Große Gesellschaften sind doch sonst bei Schoberts nicht Mode gewesen. Ich bleibe dabei, e» muß ein besonderer Anlaß dazu sein."
Die Bemerkung fand Anklang, und man erging sich in Vermutungen darüber, was das schon bejahrte Schobert- sche Ehepaar veranlaßt haben könne, aus feiner beschaulichen Ruhe herauSzutreten, viele Personen zu einem glän- zenden Feste zu laden und große Vorbereitungen dafür zu treffen.
Die sehr lebhafte Unterhaltung ward durch das Her- beirollen des ersten Wagens unterbrochen. Näher drängte man sich an den Teppichstreifen, den die Aussteigenden zu überschreiten hatten, höher reckten sich die Hälse, um diese zu mustern und gleichzeitig einen Blick in den hellerleuchteten, breiten Hausflur, der jetzt ebenfalls mit Tep- pichen belegt war und dessen beide Torflügel sich weit geöffnet hatten, zu werfen.
Wagen auf Wagen fuhr vor, zuletzt so schnell aufein- ander, daß sie nnr langsam vorrücken konnten und eS mehrere Minuten währte, bevor ihre Insassen aussteigen und unter den Späherblicken der Zukchauenden in das Haus zu gelangn vermochte»!. u^l»