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ZchWernerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oler deren Raunt 10 Pfg.

X 95. Samstag, den 26. November 1904. 55. Jahrgang.

Advent.

In der Totenfestwoche haben wir das alte Kirchen­jahr zu Grabe getragen. Aber ein neues wird einge- täutet, und die Adventsglocken klingen zu fröhlichem | Weckruf zusammen: 'Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten!"

| Wie kommt doch dies kirchliche Jahr zu dem eigen­sinnigen, unbescheidenen Anspruch, als ein besonderes neben dem bürgerlichen herzugehen, das doch seine Weinherrschaft auf der Straße des Weltlaufs als selbstverständlich betrachtet, ja, früher aufzustehen und zeitiger die Schläfer aus ihren Träumen zu wecken, und schon jetzt vorauszuwissen, was seine Zeitung bringen wird? Daher, daß es weiß, was es will und kann, was es will. Sein Wollen und Können aber ist nicht weniger noch mehr, als Gottes Taten zu verkündigen, die urälten und ewig neuen Taten, für die Menschen und an den Menschen getan, allen, die es sehen wollen, zu zeigen, wie Gott ihnen ent- gegenkommt und seit Jahrtausenden entgegengekommen ist. Das Kirchenjahr weiß den Kirchenglieder nicht viel von der Beschaffenheit und dem Ausgang ihrer mannigfach verschlungenen, gewählten und gewiesenen Wegen zu sagen, aber eins weiß es, daß ihnen Gott begegnen wird.

Es will sie darauf, vorbereiten auf die erste

Begegnung zuerst. Darum muß es vor Sylvester, ja vor Weihnachten seine Weihnachtsarbeiten gemacht haben. Seine Arbeit ist Verkündigung und muß mit | einer Mahnung beginnen: Die Augen auf!Siehe dein König kommt zu dir." Und schauen wir nach Ihm aus, so ehrfurchtsvoll, wie man auf einen König

sieht, und doch so voll Vertrauen, wie Seine Sanftmut r $ begehrt, dann wird's hell in uns, wie von Weih ) «achtskerzen. Wache stehe auf,so wird biv j Christus erleuchten"!

J Wer Licht braucht für ein ganzes Jahr seines -Lebens, der höre, was der Advent ihm ernst und freundlich zuruft:Schicke dich, zu begegnen deinem Gott!"

Deutsches Reich.

Se. Majestät der Kaiser ist Dienstag Abend 6 Uhr in Groß-Strehlitz eingetroffen und am Bahnhof vom Grafen Tschirschky-Renard empfangen worden. Se. Majestät fuhr in Begleitung des Grafen durch die festlich geschmückten und durch Magnesiumfackeln be­leuchteten Straßen, überall jubelnd begrüßt, nach dem Schlosse.

Die Kaiserin ist aus Kiel und Plön wieder nach Potsdam zurückgekehrt und besuchte am Montag, dem Geburtstage der verewigten Kaiserin Friedrich, mit ihrer Tochter das Mausoleum bei der Friedenskirche, wo sie eine Andacht verrichtete und am Sarkophag

Die Sa^räfe.

Humoreske von Fr. Ferd. Tamborini.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Ja, warum denn?" fragte erstaunt Gertrud, und trat an das offene Fenster, welches in eine schmale Nebengasse hinausging.

Hier kann ja jeder 'reinsehen!"

Jeder? wer denn? die alte Blenkmeyern drüben?"

Nein, ihr neuer Zimmerherr, der Redakteur bei Nesemanns, ist erst hierher gezogen . . ."

»Der wohnt bei der Blenkmeyern i?^

Gertrud machte sich wieder am Schränk zu schaffen alles kramte sie aus. Natürlich hatte Tante Line das Fenster geschlossen.

Langsam, langsam!" wehrte sie,Du arbeitest Dich ja in Hitze, Kind!"

Es ist heute so heiß", erwiderte das junge Mäd­chen, und machte dabei das Fenster zu nicht zum Aushalten! Mach' doch wieder auf! Der junge Herr Wirb schon nichts von den Kleidern gucken.

Onkel Benno, immer noch schmunzelnd, hatte schon wieder geöffnet; Tante Clementine seufzte: Die Nach­barschaft des jungen Herrn war ihr eine rechte Plage; das Zimmer nach der Nebengasse ließ sich gar nicht mehr nach Gefallen lüften. Immer saß der Herr Redakteur am Fenster, das heißt in seinen Frei­stunden, von 12 bis 3 Uhr, und nach 6 Uhr des Abends. Und Manieren hatte der Mensch an sich!

ihrer Schwiegermutter einen Lorbeerkrang mit Marschal- Niel-Rosen niederlegte.

Se. Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preußen hat sich nach Darmstadt begeben, wo er bis Mitte Dezember zu bleiben gedenkt.

Das preußische Abgeordnetenhaus ist nach kurzer Unterbrechung wieder zusammengetreten und hielt am Montag feine 100. Sitzung ab. Zur Be­ratung gelangte zunächst die Uebersicht von den Staats- Einnahmen und -Aufgaben für das Etatsjahr 1902 und die Uebersicht von den Verwaltungs-Einnahmen und Ausgaben der Preußischen Zentral-Genoffenschafts- kasse für dasselbe Jahr. Die Uebertreibungen wurden nachträglich genehmigt. Der dann zur Beratung kommende Antrag des Abg. Dr. Arendt (freik.), welcher die gesetzliche Regelung der Besoldungsverhältnisse der Leiter, Lehrer und Lehrerinnen an öffentlichen höhern Mädchenschulen fordert, wurde nach lebhafter Er­örterung angenommen. Zwei zu diesem eingegangene Petitionen wurden der Regierung zur Berücksichtigung empfohlen. Zum Schluß erstattete der Abg. v. Viereck (freik.) den Bericht der Kommission über den Antrag des Abg. Keruth (frs. V.) auf Erhöhung des Gehaltes und Einführung der Dienstaltersstufen für die Richter und Staatsanwälte und auf Vermehrung der Richter­und Anwaltsstellen.

Auf der Germaniawerft in Kiel erfolgte der Stopellauf des LinienschiffesN". Nach einer Fest­rede des Reichskanzlers Graf v. Bülow gab der Kaiser dem Schiffe dcn NamenDeutschland". Der Stapellauf

Siehe »ging glatt von statten.

.** _ Die Staatsregierung hat dem Abgeordnetenhause

die Hibernia Vorlage zugehen zu lassen. iJn der Begründung erklärt sie, daß sie an ihrer Absicht, den Hibernia-Besitz zu erwerben, festhält, aber eine darüber hinausgehende Verstaatlichung des rheinisch-Westfälischen T.rgbaues aus Wirtschaft"^« und volitischen Gründen für durchaus widerrätlich hält.

Im Großherzogtum Sachsen-Koburg-Gotha ist wegen der Domänenfrage ein Konflikt ausgebrochen, in dessen Verlaufe der Staatsminister Hentig zurücktrat.

Die Wahl desGenoffen" Hug zum Gemeinde­vorsteher von Bant ist vom oldenburgischen Staats­ministerium wieder nicht bestätigt worden. Hug hatte, um eher auf Bestätigung rechnen zu können, seinen Anhängern in der Banter Bürgerschaft versprochen, in Zukunft auf alle Partei-Agitation verzichten und ausschließlich als friedlicher Stadtvater leben zu wollen. Dieser löbliche Vorsatz hat ihm aber nichts geholfen.

Die Sozialdemokraten haben in Kalbe-Aschers­leben den Schneider Albrecht aus Halle a. S. als Reichstagskandidaten ausgestellt.

Die außerordentliche Gefährlichkeit des Gast- wictsberufes, über die Geh. Medizinalrat Prof. Dr. med. A. Gutrstadt unlängst für Preußen eingehende

Er war weit hergekommen, von der französischen Grenze trug immer eine weiße Mütze mit einer Quaste, wie ein' reisender Engländer, rauchte aus einer kleinen Meerschaumpseife eine Sorte Tabak, was das wohl für Zeug war? Jeden Mittag saß er an seinem Fenster und schabte von einer großen, schwarzen Rolle ab, rieb es zwischen den Händen und stopfte es dann in die Meerschaumpfeife. Und des Abends erst da paukte er auf dem geliehenen Klavier wie ein Wilder herum, sang französische Lieder . . . nein, diese Nach­barschaft war eine Qual. Rock anziehen gab's bei ihm nur, wenn er auf der Straße ging, im Zimmer stets in Hemdärmeln, und diese waren noch einmal nicht weiß, sondern gelb, gewebte oder gestrickte Hautjacken trug er ... o, das war ein Ausbund von Liederlich­keit! Um 10 Uhr des Abends schob er noch in die Kneipe . . .

Alles das erfuhr Gertrud nach und nach von der Tante, die ihr beim Auskramen des Schrankes be­hilflich gewesen war. Da hörte man die Haustüre in's Schloß fallen, wahrscheinlich schickte der Kauf- niann den Stoff. Onkel und Tante verließen das Gemach Gertrud blieb allein. Und als Onkel Benno nach einer Stunde wieder eintrat, fand er Ger­trud beschäftigt, alle Kleidungsstücke aus dem Fenster zu schütteln, damit, wie sie sagte, auch kein Stäubchen darin blieb. Und gegenüber .... Onkel Benno mußte sich auf die Zunge beißen ... im Hintergründe des Blenkmeyer'schen Zimmers schimmerte eine weiße Mütze

Untersuchungen veröffentlichte, wird auch durch das Verhalten der Lebensversicherungs-Gesellschaften zum Ausdruck gebracht. So befanden sich unter den an die Lebensversicherungsbank zu Gotha in den Jahren 1895 bis 1898 gestellten 25 582 Versicherungsanträgen 3237, welche abgewiesen wurden, darunter 157 von Gastwirten, Weinhändlern, Brauern und Brennern. Bei 71 Männern gab die Berufsbeschäftigung den Anlaß zur Ablehnung, darunter waren 26 Gastwirte.

Ausland.

Wie General v. Trotha aus Windhuk in Südwestafrika meldet, wurde bei dem am 3. Oktober in dem Gefecht von Ombakaha gefallenen Häuptling Joel Kawizeri ein Brief seines Sohnes Gottlieb ge­funden, worin dieser dem Vater mitteilt, daß die Waterberger Herero völlig aufgerieben und dreihundert von ihnen im Sandfelde umgekommen seien. Während bisher alle Truppentransporte nach Südwest­afrika ungefährdet ihr Ziel erreichten, ist der Dampfer Gertrud Wörmann" kurz (vor seinem Bestimmungs­hafen Swakopmund gescheitert. Der Dampfer gilt als verloren, doch ist erfreulicherweise kein Verlust an Menschenleben zu beklagen. Die Post ist gerettet, und vielleicht können auch die Pferde geborgen werden.

Die Erkundigungsgefechte auf dem mandschurischen Kriegsschauplatze haben in den letzten Tagen einen heftigeren Charakter angenommen. Besonders scharf waren die Kämpfe am Putilowhügel, wo aber die Japaner mit starken Verlusten zurückgeschlagen wurden. Alle diese Ereignisse deuten aus das nahe Bevorstehen größerer Ereignisse hin. Die Nachrichten über Port Arthur lauten widersprechend und geben kein klares Bild über den Stand der Festsetzung. Es ist aber bestimmt anzunehmen, daß die heldenmütige Besatzung bis zum äußersten Moment aushalten wird. Ein deutscher Dampfer, der mit Kleidern und Lebensmitteln nach Port Arthur Gestimmt war, ist kurz vor seinem Ziele von den Japanern beschlagnahmt worden. Der Dampfer wurde nach Saseho gebracht.

In Washington wurde das Denkmal Friedrichs des Großen unter großer Beteiligung des amerikanischen Volkes feierlichst enthüllt. Der Deputierte Kaiser Wilhelms, General v. Löwenfeld, sowie der Botschafter Frhr. Speck v. Sternburg hielten Reden, auf die Präsident Roosevelt in einer die deutsche Nation unge- mein ehrenden Ansprache erwiderte.

Die mexikanische Regierung forderte vom Kon­greß die Ermächtigung zur Durchführung ihres Münz- reformplanes. Wie verlautet, will die Regierung die Münze für die freie Silberprägung auf Rechnung von Privatpersonen, jedoch nicht für Zwecke der Ausfuhr schließen. Nach Durchführung der Reform soll der gegenwärtige mexikanische Dollar die Hälfte des amerikanischen Golddollars wert sein. h rüber und aus dem geöffneten Fenster zogen leichte Dampfwölkchen. Jetzt trat der junge Herr an's Fenster. . .

In diesem Momente trat Tante Tine ins Zimmer; sie überblickte sofort die Situation. Dieser abscheuliche Mensch! Wo er nur jetzt herkam, es war doch nicht um 12 Uhr.

Gertrud schien ibn noch nicht erblickt zu haben, denn sie legte jetzt die Kleidungsstücke mit der gleich­gültigsten Miene von der Welt zusammen und meinte, von dem genüge die Hälfte auch zum Mitnehmen.

Von der Abreise wurde gar nicht mehr gesprochen. III.

Merkwürdig Gertrud sprach jetzt täglich bei Onkel und Tante vor, und meist immer kurz vor zwölf Uhr und nach sechs Uhr; dann setzte sie sich meist in das Zimmer, wo der Kleiderschrank stand. Hier stand ja auch die Nähmaschine. Und Gertrud wollte einen Ueberzug über eine etwas schadhaft ge« wordene Reisetasche nähen. Das gute Kind! So einen Ueberzug herzustellen, war keine leichte Sache. Und mit welcher Beharrlichkeit sie der Sache oblag! Merk­würdig sonst war sie nur recht selten zu Aktuars gegangen, und jetzt lag sie täglich hier. Merkwürdig? Durchaus nicht! Sie half bei den Reisevorbe­reitungen.

Am fünften Tage nach Festsetzung des Beschlusses, eine Reise nach Oeynhausen zu unternehmen, kam die