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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 19. November 1904.
55. Jahrgang.
Zum Totenfeste.
Häuf nicht aufs Grab erst Totenkränze Zum Zeugnis, wie dir lieb und wert, Die sich bis an des Lebens Grenze In Müh und Sorg um dich verzehrt! Umkränze sie zur Lebenszeit
Mit Rosen deiner Dankbarkeit!
Verspar nicht deine Lieb auf morgen,
Tu heute, was dein Herze spricht.
Heut kannst du noch in Treue sorgen, Heut scheinet deiner Sonne Licht.
Kurz ist dein Tag, bald kommt die Nacht, Nimm Zeit und Stunde wohl in acht!
Versäume nicht, heut abzubitten,
Bei denen, die du tief betrübt,
Noch weilest du in deren Mitten,
Die dich so treu, so stark geliebt;
Sag ihnen heut ein gutes Work,
Denn morgen sind sie von dir fort!
Laß heut sie kosten süße Früchte
Von Lieb und Treu und Dankbarkeit;
Bald klagst du sonst im Selbstgerichte,
Zu spät in Reu und Herzeleid:
„Ach, daß ich euch zu eurer Zeit
Erwies so wenig Freundlichkeit!"
Streu heut auf deines Nächsten Pfade,
Viel duftig schöne Blumen hin,
Erwachsen in dem Land der Gnade,
In liebevollem, lindem Sinn!
Versöhnlichkeit, die Blume süß,
Wird duften noch im Paradies!
Totenfest.
Ein stilles, ernstes Fest ist es, das wir Sonntag feiern: den Gedenktag unserer Toten. Auch wer sich in trotziger Verblendung losgelöst hat vom Christentum, wer im Leichtsinn des Weltlebens die Brücke abgebrochen hat, die ihn mit seiner Kirche verband, und wer verroht und verhärtet ist, kann sich der Macht nicht entziehen, welches dieses Fest ausübt. Sieht er die Massen hinausziehen in schwarzen Trauergewändern und mit Kränzen am Arme, um die Gräber der lieben Verstorbenen zu schmücken, dann ergreift auch ihn des Tages Bedeutung; er hat ja auch seine Toten, um die er trauert, und auch er mündet ein in den großen Strom, der zum Friedhofe flutet. Aber ist denn das ein Fest, wenn das Gedächtnis der Toten mit aller Lebhaftigkeit bei uns erwacht, wenn die frischen, kaum geschlossenen Wunden des Herzens wieder aufbrechen, wenn das eherne Gesetz des Werdens und Vergehens so unabweisbar und unwiderleglich unserm Bewußtsein sich aufdrängt? Ja, allerdings! nur scheiden sich hier die Geister, und hier setzt das Christliche ein.
Getrauert hat der Grieche auch und die Urnen
Die Va-eveLse.
Hmnoreske von Fr. Ferd. Tamborini.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Denke Dir, Benno", sagte sie, Hut und Caps abnehmend, „Bauunternehmers wollen diesen Sommer nach Norderney .... Denk Dir nur, nach Norderney! Frau Bauunternehmer meinte, sie seien das ihrer gesellschaftlichen Stellung schuldig." Und dabei blies sie jedes Stäubchen von ihrem Hute und knipste hier und knipste da mit dem Zeigefinger der Rechten ein kleines Anhängsel von ihrem Umhange.
„Hm!" machte der Bruder und nickte mit dem Kopfe.
„Es ist doch heutzutage — nein, nein!" fuhr Clementine fort. „Sogar ein Bauunternehmer. . . . eigentlich ist Berger doch nur Maurer .... kann nicht mehr einen Sommer in Gommern aushalten. Das muß in's Bad. Frau Berger meinte, wer nur ein wenig auf sich hielte, mache doch eine Badereise . ."
„Na, weißt Du", fiel Benno ein, „das ist recht kleinstädtisch gedacht von Frau Berger. „Immerhin, so ganz unrichtig ist es ja nicht; irgendwohin reist jetzt jeder: Steuereinnehmers nach Aachen, Buchdruckereibesitzer Nesemann nach Wiesbaden, Amtsrichters nach Senf, sogar Sekretärs wollen in diesem Jahre den Harz besuchen."
„Das ist so", gab Benno einsilbig zurück, und dann war es mäuschenstill in dem Gemach, denn jeder hing
geschmückt und der Verstorbenen liebend mit Wehmu gedacht. Mit schmerzlichem Bedauern müssen wir's sagen: auch bei uns kommen viele über die leidvolle Entsagung nicht hinaus- Much bei uns begnügt man sich vielfach mit der äußerlichen Betätigung des Gefühles. Man bemüht sich selbst hinwegzutäuschen. Das ist nichts anderes, als modernes Heidentum, in die Formen der christlichen Sitte gekleidet. Anders der Christ!
Für ihn bedeutet der Tag wirklich ein Fest. Wohl wird auch seine Seele von Leid ergriffen, wenn er seiner Toten gedenkt, aber für ihn sind diese nicht nur gestorben, sondern heimgegangen. Er steht an den Gräbern nicht wie die, die keine Hoffnung haben, für ihn sind die Kränze, die er darauf niederlegt, nicht nur sinnige Zeichen des Gedenkens, sondern das frische Grün und die bunten Blumen sind ihm Symbole seiner Auferstehungs-Hoffnung. Darum richtet er seinen Blick hinauf zum Himmel, und das Auge des Glaubens dringt auch durch die dunkelste Wolkenhülle hindurch in die Herrlichkeit des himmlichen Reiches, bis hin zu der Verklärung der Kinder Gottes. Unter ihnen weiß er seine Lieben, die selig gestorben sind, und mit ihnen hofft er wieder vereinigt zu werden.
Das fromme Gemüt des Christen bedarf hierfür keiner Beweise, es hält sich an seinen Herrn und Meister, Jesus, den Auferstandenen. Mögen nun Zweifel und Anfälle sich erheben, mag die Welt ihm vorwerfen, das sei Schwärmerei und frommer Selbstbetrug, er ist dagegen gefeit; er hat in Jesus den Bürgen seiner Unsterblichkeits-Hoffnung, der es den Seinen verheißen hat, daß sie mit ihm vereinigt sein sollen. Allerdings den „Seinen"! Wird es für alle ein Fortleben nach dein Tode geben? Der Fromme grübele auch darüber nicht weiter. Er verlegt schon jetzt den Schwerpunkt seines Lebens in Jenseits, sein Wandel ist schon auf Erden im Himmel, er fühlt sich hier nur als Fremdling und Pilgrim, so daß sein Tod in der Tat ein Heimgang ist. So halten die Gräber eine ernste, aber tröstliche Predigt; wer's nur versteht und mit seinen Sinnen darauf achtet!
Auch als Volk stehen wir diesmal trauernd an Gräbern. So mancher tapfere und brave Sohn unsers Vaterlandes ist im fernen Süden im Kampfe für Kaiser und Reich, für Christentum und Kultur den Heldentod gestorben und hat weit von der Heimat sein Grab gefunden, das die Angehörigen an diesem Tage nicht schmücken können. Aber so gewiß wir davon überzeugt sein können, daß unsere Soldaten für eine heilige und gerechte Sache ausgezogen sind, so wenig dürfen wir auch über die Verluste murren und klagen. Wir wissen unsere tapfern Brüder, ob lebendig oder tot, in Gottes Hand. Nur klingt auch von diesen Gräbern herüber die leise Mahnung: Vergeht euern Herrgott nicht!
seinen Gedanken nach: Clementine konnte diese neuere Erscheinung nicht begreifen und Benno begriff sie zu sehr. Schon seit einigen Tagen wurde über dies Thema gesprochen, und zwar immer mit demselben Erfolg: man regte sich dabei auf.
„Hm!" begann Benno nach der minutenlangen Pause wieder, „Dr. Niemeyer war doch sehr dafür."
Clementine fragte gar nicht wofür, sie wußte ja, was Benno meinte. „Das Ziehen in deine» Gliedern", erwiderte sie, kommt wohl meist davon her, daß Du Dich bei der Wärme leicht der Zugluft aussetzest; ich habe Dir das schon oft gesagt, aber deshalb reist man doch nicht gleich in's Bad! Ich habe auch oft Reißen in den Gliedern, bin beinahe fünfzig alt, werde auch wohl noch älter — ohne Badereise . . ."
Benno antwortete jetzt nicht mehr; er wußte, daß sein Schwesterchen gleich Fortsetzung machen würde, deshalb schwieg er.
„Was soll man dazu sagen," legte Clementine wieder los. „Unsinn! Wer nur ein wenig auf sich hält — was das für eine Redensart ist? Als wenn wir nichts auf uns hielten . . . unser Vater war achtundzwanzig Jahre Stadtsekretär von Gommern gewesen ... das besagt doch genug!"
„Du faßt diese Worte nicht richtig auf", schaltete Benno ein. „Frau Bauunternehmer Berger meint das . . "
„Ich weiß ganz genau, wie sie das meint," fiel Clementine ein.
Deutsches Deich.
— Das Kaiserpaar unternahm am Mittwoch Nachmittag einen Spaziergang im Parke von Sans- sortci. An demselben nahmen die Prinzen Gustav Adolf und Wilhelm von Schweden teil. Donnerstag Vormittag wohnte der Kaiser einer Sitzung der Schiffsbautechnischen Gesellschaft in Charlottenburg bei.
— Die kaiserlichen Prinzen August Wilhelm und Oskar trafen am Samstag nachmittag in Hamburg ein und erschienen kurz nach 4 Uhr am Kai, um der Einschiffung von 384 Mann und 408 Pferden auf dem Dampfer „Eduard Woermann" sowie von 168 Mann und 224 Pferden auf dem Dampfer „Erich Woermann" beizuwohnen. Um 6 Uhr abends gingen die beiden Dampfer nach Südwestafrika in See.
— Die Kanalkommission des preußischen Abgeordnetenhauses hat den ganzen Rhein-Hannoverkanal mit 18 gegen 10 Stimmen angenommen, dazu die Kanalisierung der Lippe und den Wasserstraßenbeirat. Die Anträge auf Kanalisierung der Mosel, Saar und Lahn wurden abgelehnt.
— Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Deutschen Ostmarkenvereins fand in Posen eine Feier statt, an der Abordnungen von Ortsgruppen aus dem ganzen Reiche teilnahmen. Landesökonomierat Kennemann brächte ein Hoch auf den Kaiser aus, an den sodann wie an den Reichskanzler Grafen Bülow ein Huldigungstelegramm gesandt wurde. Der Kaiser antwortete in einem huldvollen Telegramm, in dem er seine Anerkennung über die Tätigkeit des Vereins aussprach. Die Festrede hielt Prof. Dr. Heyck-Berlin. Der Gesamtausschuß des Vereins beschloß einen Ost- markenschatz zu gründen, der durch jährliche Beiträge aufgefüllt werden soll.
— Die Ansiedelungs-Kommission hat gegenwärtig gegen 1200 Stellen verschiedener Größe besiedelungs- fertig ausgelegt. Außer spannfähigen Bauernstellen von 60 bis 80 Morgen werden auch kleine Halb- bauernstellen, Arbeiter- und Handwerkerpachtstellen zu günstigen Kauf- und Pachtbedingungen begeben. Anmeldungen Kauflustiger treffen recht zahlreich ein.
— Zur wirksamen Milderung der Webernot in Thüringen begünstigt die Regiernng augenblicklich die Bildung eines „Unterstützungsvereins für Handweber im Regierungsbezirk Erfurt". Es kommen dabei vorwiegend das Obereichsfeld und die preußischen Teile Thüringens in Frage. Die Regierung hat die Statuten des Verbandes, der am 1. Januar 1905 in Kraft treten soll, entwerfen lassen; sie werden gegenwärtig in den Bezirksversammlungen der Weber beraten.
— Zwischen der Neuwieder Organisation der Raiffeisen-Genossenschaften und dem Reichsverband der deutschen Genossenschaften ist nach Zeitungsmeldungen ein Einigungsprogramm vereinbart worden.
„Jeder muß wissen, was er zu tun und zu lassen hat."
„Gewiß! Wenn sie aber etwa meint, wir könnten keine Badereise machen? . . ."
Dieser Ausspruch gefiel Benno sehr. Wenn er hier versuchte, seine Ideen endlich einmal offenkundig zum Ausdruck zu bringen. „Ja, weißt Du," hub er mit ernster Miene an, „habe vielfach darüber nachgedacht ob es nicht doch besser wäre, wenn wir . . . allerdings Oeynhausen, das Dr. Niemeyer vorschlug, ist zu weit, neun Stunden Eisenbahnfahrt ..."
„Ich bitte Dich", unterbrach die Schwester erregt, „wie können wir unser Haus so lange ohne Aufsicht lassen!"
Es schlug gerade halb acht, als dieses Wort fiel und als die Abendmahlzeit beendet war, hatte man den Gedanken einer Badereise nach Oeynhausen so.weit ventiliert, daß man im Prinzip einig war.
Schon des anderen Mittags wußte ganz Gommern, daß Günthers in's Bad reisen wollten. Das war doch endlich eine faßbare Neuigkeit. Diese beiden saßhaften Personen — es war kaum zu glauben.
Aber die Sache schien kein müßiges Gerede zu sein. Am Nachmittage trat Fräulein Günther bei Kaufmann Teichgräber ein; sie verlangte Stoffmuster; dann ging sie zum Buchdruckereibesitzer Nesemann und forschte nach Reisehandbüchern. Nun aber mußte sie unbedingt zu ihrem verheirateten Bruder Friedo.
Fortsetzung folgt.