SchlüchtemerÄttung
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*M 87. Samstag, den 29. Oktober 1904. 55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser wird der Stadt Kiel um die Mitte des nächsten Monats einen kurzen Besuch abstatten und bei dieser Gelegenheit dem Stapellaufe des neuen Linienschiffes „N" beiwohnen.
-- Die Kaiserlichen Prinzen August Wilhelm, Oskar und Joachim haben Potsdam wieder verlassen und sich zur Fortsetzung des Unterrichts nach dem Prinzenhause in Plön zurückbegeben.
— Der Kaiser befahl eine Neuorganisation der Marineartillerie, indem eine Teilung dieser Inspektion angeordnet wurde. Und zwar tritt an Stelle der bisherigen Inspektion der Marineartillerie eine „Jn- spektio.. - er Schiffsartillerie" und eine „Inspektion der Küstenartillerie und des Minenwesens". Der Inspektion der Schiffsartillerie werden das Artillerie-Versuchskommando und die Artillerieschulschiffe, der Inspektion der Küstenartillerie und des Minenwesens die Matrosenartillerieabteilungen am Lande und die Minenversuchs- kommission unterstellt.
— In Darmstadt hielt die deutsche Anti-Duellliga unter Vorsitz des Fürsten zu Löwenstein ihre 2. Generalversammlung ab. Es wurden mehrere Anträge zur Verschärfung der Beleidigungs - Paragraphen des St.-G.-B. angenommen. Ferner entschied man sich dafür, daß Zweikampf mit blutigem Verlauf als beabsichtigte oder fahrlässige Tötung, als beabsichtigte oder fahrlässigen Körperverletzung bestraft wird, wenn auch mit Rücksicht auf die Eigenart des Tatbestandes milder als gemeine Tötung oder Körperverletzung. Auch Vorbereitungen zum Zweikampfe sollen mit Strafe bedroht werden. Schließlich wurden noch Ehren- kammern unter staatlicher Autorität verlangt.
— Ein volkswirtschaftlicher Verein zur Förderung der Obst- und Gemüseverwertung in Deutschland hat sich vor kurzem gebildet. Die Hauptaufgabe des Vereins soll darin bestehen, Obst und Gemüse in Deutschland mehr, als bisher, in den verschiedensten Formen der Bereitung zum Volksnahrungs - Mittel zu machen, und zwar durch Belehrung in Schrift und Wort, durch Wanderkurse, durch Gründung von Emmachekursen, durch ständige Aufklärung über Ver- besserungen und Neuerungen von Verwertungsmethoden, durch Einrichtung von Vermittelungsstellen, insbesondere aber durch dauernde Nachweise der sozialen, wirtschaftlichen und hygienischen Vorteile einer vermehrten und zweckmäßigen Obst- und Gemüseverwertung. Ein engerer Ausschuß wird Statuten und Arbeitsprogramm ausarbeiten und demnächst vorlegen.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht zur Frage der Notwendigkeit eines neuen preußischen Seuchengesetzes vier Urteile des Kammergerichts, aus denen hervorgeht, daß die zeitige Rechtslage auf dem Gebiete der Seuchenbekämpfung in Preußen durchaus rückständig ist, und daß auf diesem Gebiete wirkliche
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Der Stoß, den ihm Arnold Stahl vor die Brust versetzte, hatte ihn hilflos aus der Balance gebracht, und erst als er auf dem kühlen Erdboden angelangt toar, fing er an, nach Hilfe zu krähen, die ihm aber weder von seinem Freund Anton, der sich angesichts der Lage der Dinge schleunigst aus dem Staube gemacht, noch von dem famosen Baron gebracht wurde, der gleichwohl von der Theatertreppe aus, wo er stand, die Katastrophe mitangesehen haben mußte. Der Baron mit dem die beiden Rowdis in einemfort renommirten, war nämlich Niemand anders als Arnold Stahls lebenslustiger Schwager, Egon von Schlick, der von seiner Garnison aus eine Spritztour an die See gemacht hatte und hier mit Bekanntschaften vorlieb nahm die er daheim nicht über die Achsel angesehen hätte, Mit denen er aber noch verständig genug war, sich nicht zu affichiren. Seinetwegen hätte einer die Berliner Eommis windelweich prügeln können und er hätte sich nicht von der Theatertreppe gerührt. Er hatte Arnold Stahl bereits in der Theaterloge hinter ihnen gesehen und daher wohlweislich diese gemieden. Wie die Verhältnisse lagen, war er natürlich nicht übermäßig darauf erpicht, seinem Schwager in die Arme zu laufen, am allerwenigsten aber in dieser Gesellschaft, was aber nicht hinderte, daß er die Begegnung interessant genug
Notstände vorliegen, deren Beseitigung dringend geboten ist.
- Zur Förderung der Geflügelzucht im Jnlande hat der Landwirtschaftskammern einen Erlaß gerichtet, in welchem er darauf hinwies, daß Deutschland gegenüber dem Auslande in der Geflügelzucht noch sehr im Rückstände ist, und eine rationelle Wirtschaftsweise empfiehlt.
— Das Dresdener Journal veröffentlicht einen Amnestieerlaß des Königs Friedrich August, in welchem dieser folgende Strafen erläßt: Wegen Majestätsbeleidigung, Hausfriedensbruchs, wörtlicher Beleidigung einer Behörde oder eines Beamten, Preßvergehens, sowie Uebertretungen gegen das Forst- und Feldstrafgesetz. Die Vollstreckung soll am 25. d. M., vormittags 10 Uhr, aufgehoben werden. Die Amnestie gilt auch für die Fälle, wo die Rechtskraft am 1. November eintritt. Ausgeschlossen bleiben alle Strafen wegen Tierquälerei. Bezüglich der unter der Militärgerichtsbarkeit verhängten Strafen ist ein ähnlicher Gnadenerlaß ergangen.
— Der Kultusminister hat den Regierungen Mittel überwiesen zur Gewährung einmaliger persönlicher Zulagen für Lehrer und Lehrerinnen an öffentlichen Volksschulen, die sich um die Förderung des deutschen Volksschulwesens verdient gemacht haben. Auch hat der Minister eine namhafte Summe bewilligt zur Beschaffung vcn Lernmitteln an arme Kinder zweisprach- licher Schulen in der Provinz Posen. Endlich ist an die Regierungspräsidenten einen Erlaß gerichtet, in welchem unter Hinweis auf Beschwerden im Landtage angeordnet wird, daß die Lehrer mit der Weisung ! versehen werden sollen, in Gemäßheit des Runderlasses Y0!N 15. November 1895 Baumängel am Schulgebäude beim Schulvorstande rechtzeitig zur Anzeige zu bringen.
— Der Bundesrat hat die Vornahme einer Viehzählung am 1. Dezember 1904 beschlossen.
Ausland.
— Nach mehreren Meldungen Oberst Leutweins aus Rehoboth in Südwestafrika scheinen die Bastards treu zu bleiben. Der Feind sammelt sich hauptsächlich bei Mariental. Die Station Pforte, deren Besatzung sich nach Dassiesontain zurückgezogen hat, ist zerstört worden. Das erste Blut ist im Hottentotten-Aufstand bereits geflossen. Der Hauptmann von Burgsdorff, der unbewaffnet zu Hendrik Witboi kam, um ihm von seinem Vorhaben abzubringen, wird als sicher tot gemeldet, mit ihm zwei Unteroffiziere und ein Missionstechniker, vier Farmer und zehn Buren.
— Der russisch-japanische Krieg hat vor wenigen Tagen einige unschuldige Opfer gefordert. Die russische Ostseeflotte hielt eine englische Fischerflotille für verkappte Feinde und nahm sie unter. Mehrere Fischer wurden getötet, andere schwer verwundet und viele fand, um sofort darüber an die Seinen nach Berlin zu berichten.
Der Brauer ahnte nicht, wer ihn beobachtete, als er seiner froh erstaunten Cousine den Arm gab und sie, von Niemand behelligt, über den Fahrdamm nach der anderen Seite der Straße führte, wo ihre Zofe, die sie aus dem Theater abzuholen hatte, auf sie wartete.
»Ich sagte Ihnen, Irene, daß Sie vor dem Theater- Eingang auf mich zu warten haben," schalt die Gräfin das Mädchen.
„Was ich auch gern gethan hätte, verteidigte sich diese, „hätte mich nicht der Polizist von dem Trottoir drüben vertrieben, das er erklärte frei halten zu müssen. Ein Prinz ist in dem Hause."
„Nun Gott sei Dank, Du kamst dazwischen und befreitest mich von diesem Menschen," wandte sie sich an ihren Vetter. „Du hast ihm die Lektion gegeben, die ihm gebührt. Aber — wie kamst Du nur so plötzlich herzu, wie aus dem Erdboden auftauchend? Ich habe ja gar nicht gewußt, Arnold, daß Du in Heiligenhöh bist."
Er erzählte ihr, daß er auch erst vergangenen Abend eingetroffen war. Auch er hatte ihren Namen nicht in der Kurliste gefunden. Nein, meinte Franziska, sie haben den Namen Dudek, unter dem ich hier wohne, verdruckt. Und sie hatte keine Richtigstellung desselben beantragt.
Er bat sie, sie bis vor die Tür der Villa, wo sie
Schiffe beschädigt. Die russische Regierung sprach ihr tiefstes Bedauern über diesen traurigen Vorfall aus; erklärte ihn als die Folge eines Mißverständnisses und versprach weitestgehenden Schadenersatz. Auf dem Kriegsschauplatze haben die Russen, wie berichtet wird, den Schaho wieder überschritten und führen eine Bewegung in der Richtung auf die japanischen Stellungen aus. Sie errichten Verschanzungen in dem Maße, wie sie vordringen. Auch die Japaner sind lebhaft mit dem Aufwerfen von Verschanzungen beschäftigt.
— Die französische Deputiertenkammer hat gezeigt, daß der „Bloc" in der Kirchenpolitik treu zu dem Ministerpräsidenten steht. Sie nahm nämlich mit 325 gegen 237 Stimmen eine Tagesordnung an, durch welche dem Kabinett Combes in dem Streit mit bem Vatikan das Vertrauen der Kammer ausgesprochen wird. Combes hielt eine längere Rede zur Verteidigung seiner Absicht der Kündigung des Konkordats, wogegen sich Ribot sehr heftig aussprach, so daß es einmal zu einem heftigen persönlichen Zusammenstoß kam, der jedoch bald wieder beigelegt wurde.
— Bei der Feier des sechzigsten Geburtstages des Wiener Bürgermeisters Dr. Lueger wurde dem Büraer- meister eine Stiftung überreicht, zu der bisher 341000 Kronen eingelaufen sind. Der Bürgermeister erklärte, er werde die Zinsen den Kleingewerbetreibenden und den bei ihnen tätigen Arbeitern zuwenden, und falls einmal eine Alters- und Jnvaliditäts-Versicherung für Gewerbetreibende in Oesterreich eingeführt werden sollte, dieser das Kapital übergeben.
— Im Hinblick auf die bevorstehende Reichratssitzung sind Verhandlungen mit den Tschechen im Zuge, um eine wirtschaftliche Kompromiß-Politik anzubahnen. Es handelt sich darum, die Notstandsvorlagen, das Budget und den Zolltarif aus der Obstruktion auszu- schalten.
— Der Gouverneur von Kreta, Prinz Georg von Griechenland, hat während seines Aufenthaltes in Kopenhagen unter anderm folgende Aeußerungen getan: Was die Lösung der kretensischen Frage angeht, so sind weder die Kreter, noch ich darüber im Zweifel, daß Kreta mit dem Mutterlande Griechenland vereinigt werden muß. Es ist indessen möglich, daß die Mächte zu einem andern Resultat kommen und dann die Frage entsteht, ob die kretensische Bevölkerung die angebotene Regelung annimmt oder ablehnt. Die Vereinigung Kretas mit Griechenland ist aber nach meiner Meinung die einzig richtige und gerechte Maßnahme und zugleich das beste Mittel zur Herstellung ruhiger und geordneter Zustände.
— Der Sultan von Marokko hat vom kommenden 6. November ab die Küstenschiffahrt mit Brotgetreide unter dem Vorwande verboten, es sei eine Hungersnot zu befürchten. Da durch diese An- ordnung der Handel von Tanger betroffen wird, wohnte, begleiten zu dürfen.
„Aber natürlich! Natürlich," sagte sie. „Ich freue mich doch so sehr, daß ich Dich getroffen. Wäre es nicht so spät, ich würde Dich bitten, noch ein Glas Thee bei mir zu trinken. Wir haben ein reizendes Quartier mit schattigem Garten und Aussicht auf die See. Aber das wirst Du Dir ja alles noch morgen ansehen können.
Er gab keine Antwort. Sein Plan war, morgen aus Heiligenhöh verschwunden zu sein. Mit dem ersten Vormittagszug wollte er reisen. Das Klopfen seines von ihm für tot gehaltenen Herzens warnte ihn wohl, daß es nicht gut tun würde, hier länger zu bleiben.
Sie verabschiedeten sich, ohne daß sie mit dem leisesten Fingerdruck die Wunden berührt, die sie am empfindlichsten stachen. Sie kannten ihr gegenseitiges Loos, Franziska Dudek wußte genau, was den Vetter von seinem Brauhofe und aus seinem Hause getrieben. Der Klatsch hat Flügel und dringt durch Wände und verschlossene Türen. Sie durchschaute auch die Gründe der etwas scheuen Zurückhaltung, die er auf bem abendlichen Heimweg gegen sie an den Tag legte und sie konnte sich unbestimmt sogar denken, warum er nun wo er sie getroffen, plötzlich solche Eile hatte, aus Heiligenhöh sortzukommen. Sie riet ihm, als er ihr beim Abschied zu verstehen gab, daß am Ende diese Begegnung mit ihr die erste und die letzte an dem Ort gewesen sein könnte, auch nicht weiter ab und zu, zu bleiben. Sie wußte, mit welchen vergifteten Pfeilen