SchWernerMung
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32 86. Mittwoch, den 26. Oktober 1904. 55. Jahrgang.
Der Zusammentritt des Abgeordnetenhauses.
Mit dem heutigen Tage, dem 25. Oktober, wird das preußische Abgeordnetenhaus seine am 4. Juli durch die Vertagung unterbrochene Tätigkeit lieber aufnehmen; es beginnt dann also der zweite Sessionsabschnitt. Nur selten dürfte es dem Abgeordnetenhause beschieden gewesen sein, mit seinen Arbeiten im Winterhalbjahr so frühzeitig zu beginnen. Vielmehr ist die Einberufung des Landtages in der ersten Hälfte des Januar fast schon zur Regel geworden. Oft genug sind deshalb, besonders im Herrenhause, lebhafte Klagen laut geworden. Diesmal nun ist zu derartigen Klagen kein Grund vorhanden, da durch den frühen Wiederbeginn der Landtagsarbeiten volle zwei Monate Vorsprung gewonnen sind. Allerdings ist aber die Arbeitslast für den bevorstehenden Sessionsabschnitt auch eine außerordentlich große.
Nach einer offiziellen Zusammenstellung sind zum 25. Oktober d. I. für das Plenum reif 7 Regierungsvorlagen, 2 Interpellationen, 24 Anträge, 219 Kommissionsberichte über Petitionen. Dazu kommt dann noch eine ganze Reihe wichtiger Gegenstände, die sich erst im Stadium der Kommissionsberatung befinden. Endlich aber stehen auch noch neue Vorlagen, insbesondere das hochbedeutsame Schulunterhaltungs-Gesetz, sowie Anträge und Interpellationen in Aussicht. So soll beispielsweise der sogenannte staatliche „Eingriff in die Selbstverwaltung der Stadt Berlin" als Gegenstand für eine Interpellation verwertet werden. Durch derartige Interpellationen dürfte dafür gesorgt sein, daß den parlamentarischen Tagen mit trockenem Beratungsstoffe auch solche mit möglichst sensationellem Ausputze folgen werden.
Unter den bereits eingebrachten Vorlagen, die noch ihrer Verabschiedung harren, steht an Bedeutsamkeit die Kanalvorlage obenan. Um die Erledigung .cr- selben möglichst zu fördern, hat die Kanalkommission bereits am 19. d. Mts. wieder mit ihren Beratungen begonnen. Während der Vertagung aber hat die Regierung es sich mit außerordentlichem Fleiße und Eifer angelegen sein lassen, den in der Kommission bei der Generaldiskussion gestellten Fragen und Anträgen durch Beschaffung weiter» Materials gerecht zu werden. Es muß das durch neue umfassende Ermittelungen beschaffte Material, das zur Beantwortung der verschiedenartigsten Fragen dient, als eine überaus wertvolle Ergänzung des ohnehin schon reichlich vorhandenen Stoffes zur Beurteilung der Kanalfrage angesehen werden. Beispielsweise sind auf Ansuchen des Referenten der Kommission, Abgeordneten am Zehnhoff, Ermittelungen angestellt worden über die bei Kanalbauten eingetretenen Preissteigerungen des anliegenden Geländes. Ferner ist ein statistischer, durch graphische Darstellung unterstützter Nachweis über die Entwicklung des Kohlenbergbaus in der preußischen
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Er stand in dem kleinen ziemlich dunklen Theater- sttal in dem Hintergrund einer linkseitigen Prosceniumsloge, und die Dame, auf die er sein Glas gerichtet hielt, saß ihm gegenüber auf dem ersten Rang, halb und halb von einem den zweiten Rang tragenden Pfeiler verborgen.
Nur dann und wann, wenn sie sich zur Bühne borbeugte, kam ihr Kopf, aber dann auch noch in ungünstiger Haltung und halb von der Rückseite in Sicht. Gleichwohl glaubte Stahl sich nicht zu irren. Sie mußte es sein.
Er starrte eine Weile ohne jedes Interesse für das Spiel auf die Bühne. Es war, als ob die Entdeckung die er gemacht, ihn nicht grade erfreulich berührte. Vielleicht daß er sich sagte, daß, wenn ihn sein Blick nicht getäuscht, für ihn in Heiligenhöh kein Bleiben sein würde. Wohl hätte er persönlich kaum einen triftigen Grund für die Flucht angeben können, nur die Rücksicht auf das Urteil der Welt, das vor unserer aller Tür liegende Gericht trieb ihn, zog ihn weiter, von dannen; und am Ende widerstand es ihm auch, so fest und ein für alle Male abgebrochen er seine Beziehungen zu seiner Gemahlin und ihrer Familie hielt, Oel ins Feuer zu gießen.
Hm übrigen sollte er sich alsbald überzeugen, daß
Monarchie während der letzten zehn Jahre geliefert worden, eine Anfrage des freikonservativen Abgeordneten Dr. Rewoldt über den Einfluß des Großschiffahrtsweges Berlin—Stettin auf das Gewerbe der Klein- schiffer hat zur Ausarbeitung einer die Begründung des Gesetzentwurfs ergänzenden Darstellung des Entwicklungsganges der deutschen Kwinschiffahrt Anlaß gegeben usw.
Von den Vorlagen, die noch erwartet werden, steht naturgemäß das Volksschulunte Haltungs-Gesetz im Brennpunkte des öffentlichen Interesses. Nach der sympathischen Haltung, welche die Regierung dem Schulantrage der vereinigten Nationalliberalen, Frei- konservativen gegenüber an den Tag gelegt hat, ist wohl mit Sicherheit zu erwarten, daß der in Aussicht stehende Gesetzentwurf sich auf den Grundlagen jenes Antrages aufbauen wird. Hoffentlich stehen die drei genannten Parteien auch fernerhin treu zum Kompro- miffe und sorgen mit imponierender Mäjorität für die Annahme eines Sinn und Inhalt des Kompromisses erfüllenden Schulunterhaltungs-Gesetzes.
Zahlreich, wichtig und schwierig sind die Aufgaben, welche das preußische Abgeordnetenhaus in dem bevorstehenden Tagungs-Abschnitte zu bewältigen haben wird. Freudiger Arbeitseifer und eine gewissenhafte Ausübung der Mandatspflichten sind daher dringend erforderlich.
Deutsches Reich.
— Am Samstag Nachmittag unternahmen die Majestäten mit sämtlichen anwesenden Fürstlichkeiten eine Spazierfahrt in der Umgebung des Neuen Palais. Sonntag Vormittag wohnten die Majestäten dem Gottesdienst in der Garnisonkirche zu Potsdam bei. Nach beendetem Gottesdienst in der ' Garnisonkirche begab sich der Kaiser zu Fuß nach dem Offizierkasino des ersten Garderegiments. Ihre Majestät die Kaiserin, der Kronprinz nebst hoher Braut, der Großherzog und die Großherzogin von Mecklenburg, Prinzessin Viktoria und die Prinzen August und Oskar begaben sich zu Wagen nach dem Kabinettshause und besichtigten dort die vom Kronprinzen bewohnten Räumlichkeiten. Nach einem Aufenthalt von etwa '/^ Stunde fuhren die Allerhöchsten Herrschaften unter den Hurrahrufen des inzwischen vor dem Kabinettshause zahlreich angesammelten Publikums nach dem Neuen Palais.
— Am 18. Oktober, dem Geburtstage des Kaisers Friedrich, fand die feierliche Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals und die Eröffnung des Kaiser Friedrich-Museums statt. An ihr nahmen das Kaiserpaar mit der kaiserlichen Familie, die Großherzogin von Baden, Prinz Heinrich nebst Gemahlin, Prinz Friedrich Leopold nebst Gemahlin und andere Fürstlichkeiten teil. Auch die Minister und Staatssekretäre, an ihrer Spitze Graf Bülow, die Vertreter der gesetz
er sich wirklich nicht in der Person der Dame an dem Pfeiler des ersten Ranges getäuscht hatte.
Auf den Stühlen vor ihm saßen in seiner Loge zwei gigerlhafte Bürschchen in den zwanziger Jahren, die während der ganzen Vorstellung das Publikum mit ihren Gläsern fixirten und sich dazu ihre Glossen zu- rannten, manchmal in so ungebührlich lauter Weise, daß im Theater die Andacht gestört ward. Arnold Stahl glaubte die jungen Leute für Commis auf Sommerreisen halten zu müssen. Aber sie renommirten unter sich mit aristokratischen Connaiffancen. Vornehmlich wurde von ihnen ein Baron, ein Leutnant von den Husaren erwähnt, mit dem sie in Heiligenhöh in einem und demselben Hotel zu wohnen und mit dem sie zu verkehren schienen.
„Der Baron noch nicht da?" zogen sie ihre großen goldenen Remontoirs. „Wo steckt und wo bleibt der Baron? Ein Prachtkerl, dieser Baron! Ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle! Aber er versprach doch zu kommen."
„Wenn er hier wäre," meinte dann der eine, „würde er sicherlich glauben, auf feine Kosten gekommen zu sein."
„Wieso?" fragte der andere.
„Na, sehen Sie doch nur mal — dort! -- nach dem ersten Rang hinüber."
Der junge Mann hob sein Glas.
„Hm," meinte er endlich. „Meinen Sie die Donna drüben in Weiß, die der Baron auf der Reunion
gebenden Körperschaften und viele Künstler und Gelehrte waren anwesend. Nach der Enthüllung des Denkmals, bei der Generalsuperintendent D. Faber das Weihegebet ' sprach, hielt Kultusminister Dr. Studt in der Halle des neuen Museums eine Ansprache an das Kaiserpaar, in der er den Kaiser Friedrich als den Protektor der Kunst feierte. Der Kaiser erwiderte in längerer Rede, in der er auf die Zerklüftung in unserer Kunst hinwies und den Künstlern an das Herz legte, welch hehre Güter in ihre Hand gelegt seien, und ihnen das Studium der Meister der Vergangenheit anempfahl. Zur Erinnerung an den Tag erfolgte eine große Reihe von Ordens-Auszeichnungen.
— Mit allem irdischen Glänze, den eine Krone zu vergeben hat, wurde König Georg von Sachsen in der Hof- und Pfarrkirche in Dresden feierlich beigesetzt. Zu der Feier war der Kaiser, der Erzherzog Ferdinand von Oesterreich, die Großherzoge von Sachsen-Weimar, von Mecklenburg-Schwerin und -Strelitz, Prinz Albrecht von Preußen, Prinz Ludwig von Bayern, der Erbgroß- Herzog von Baden, der Herzog von Anhalt und viele andere Fürstlichkeiten erschienen. Nach der Einsegnung der Leiche durch Bischof Wuschensky hielt der Hofprediger Dr. Kummer die Trauerrede, in der er den Verstorbenen als einen durchaus frommen Mann schilderte, der in Gott seinen König sah, dem er sich zu Dienst verpflichtet fühlte; er erinnerte mit beredten Worten an das hochherzige Dulden des Königs und an den Lorbeer, den der Schmerz um sein Haupt gewunden, wie an die Siege, die er auf dem Felde der Ehre errungen. Während dumpfer Kanonendonner von außen in die Kirche hineintönte, senkte sich der Sarg unter feierlichem Gesänge des Kirchenchors vor den Augen des hohen Trauergefolges langsam in die Gruft. Ehre seinem Andenken!
— In Frankfurt am Main fand in diesen Tagen die erste Sitzung des zahlreich besuchten Wohnungskongresses statt. Auch das Reichsamt des Innern, das Reichsschatzamt sowie mehrere Regierungen der Einzelstaaten und viele Städte waren vertreten. Zunächst sprach Professor Dr. Pohle-Frankfurt a. M. über die Entwicklung der Wohnungsverhältnisse in Deutschland in den letzten Jahrzehnten. An den Vor- trag schloß sich eine lebhafte Diskussion, in der allgemein eine Reform des Wohnungswesens gefordert wurde. Privatdozent Dr. Sinzheimer sprach alsdann über die Aufgaben von Reich, Staat und andern öffentlichen Körperschaften und suchte die Notwendigkeit eines Reichs-Wohnungsgesetzes nachzuweisen. Am zweiten Tage wandte sich Reichstagsabgeordneter Jäger-Speier gegen die Selbstverwaltung der Gemeinden und verlangte vor allem Aufhebung der Hausbesitzer- Privilegien und eine ernstliche Bodenpolitik. Landrat Dr. Heydweiler plädierte für die Einrichtung prävi- legierter Hypothekenbanken für den Umfang einer
vorigen Donnerstag Abend fast zu Tode getanzt hat."
„Nee," sagte der andere, „aber die Donna gleich nebenan an dem Pfeiler."
Der andere nickte hinter seinem Glas. „Nicht mehr die Jüngste," sagte er. „Aber gar nicht so übel. Ein ganz annehmbarer Kerl. Wer ist das? Kennst Du sie, Anton."
Anton grinste.
„Aber das ist doch die Freundin des Barons. Du weißt, die, den Grafen aus seinem Regiment geheiratet hat, der dann, nachdem er eine ordentliche Bresche in das Geld ihres Vaters gelegt, der irgend ein reichgewordener Handwerker oder so etwas gewesen sein soll, auf und davon ging und sie mit einem Kind und ihrer Liebessehnsucht sitzen ließ."
„So daß sie also — meinst Du — jetzt hier an See ist, sich diese Sehnsucht stillen zu lassen?"
„Wenn der richtige Mann kommt — wie der Baron meint —warum nicht?" sagte der andere und beide Laffen grinsten sich an, als ob sich etwaigenfalls beide für die geeigneten Retter in der Not halten könnten.
Arnold Stahl, den das freche Geschwätz der beiden Schlingel ärgerte, trat aus der Loge heraus und stellte sich für den Rest der Vorstellung auf dem Seitengang des Parketts auf. Es konnte ihm nach dem, was er gehört, kaum noch ein Zweifel fein, daß seine Cousine in dem Theatersaal anwesend war. Den Schwätzern in der Loge, die er verlassen, hätte er am liebsten die