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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 15. Oktober 1904.
55. Jahrgang.
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Amtliches.
J.-Nr. 3272 K.-A. Der bei der Wittwe Johanna Schäfer in Dienst stehende Dienstmagd Katharina Müller zu Schlüchtern ist für langjährige treue Dienstzeit eine zweite Prämie von 15 Mk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 7. Oktober 1904.
Der Vors. des Kreisausschusses: Gras zu Solms.
Deutsches Deich.
— Der Reichskanzler Graf von Bülow hat an den Vizepräsidenten des Lippeschen Landtages ein Schreiben gerichtet, in welchem er unter anderm ausspricht: Sie haben mich mündlich um eine authentische Interpretation des Telegramms Sr. Majestät des Kaisers und Königs vom 26. v. M. gebeten. Ich bin gern bereit, Ihnen meine Antwort schriftlich zu bestätigen, und ermächtige Sie, unter Berufung auf mich, öffentlich zu erklären, daß Se. Majestät der Kaiser mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nichtverteidigung der Truppen für den Regenten und den Grund der selben mitzuteilen. Jeder Eingriff in die verfasfungs- mäßigen Rechte des Fürstentums hat Sr. Majestät dem Kaiser selbstverständlich ferngelegen, und insbesondere liegt es außerhalb Allerhöchst seiner Absicht, der derzeitigen Ausübung der Regentschaft durch den Herrn Grafen Leopold zur Lippe irgend welches Hindernis zu bereiten.
— Die Braut des Kronprinzen, Herzogin Cecilie, wird Anfang nächster Woche die Kaiserin in Potsdam besuchen.
— Der frühere Minister der öffentlichen Arbeiten, Staatsminister v. Thielen, beging am Sonntag sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Alle Angehörigen der staatserhaltenden Parteien werden sich bei dieser Gelegenheit der hohen Verdienste des Jubilars um das deutsche Vaterland mit Freuden erinnern und ihm einen recht gesegneten Lebensabend wünschen.
- - In Bochum tagte im Anfang dieser Woche der nationalliberale Parteitag für Rheinland-Westfalen. Das Hauptereignis auf dieser Versammlung war eine Rede des Abg. D. Hackenberg, in welcher dieser das Schulkompromiß befürwortete. Die außerordentlich beifällige Aufnahme, welche der Vertrag fand, gestaltete sich zu einer Vertrauenskundgebung für die nationalliberale Fraktion des preußischen Landtages.
— Vor kurzem tagte in Heilbronn eine Konferenz von Vertretern der Neckarufer-Staaten, Baden, Reffen und Württemberg, die über die von Württemberg vorgeschlagenen Vorarbeiten für den Großschiffahrtsweg Mannheim—Heilbronn zu beraten hatte. Die Konferenz beschloß, eine ständige Kommission aus höhern technischen Beamten der drei Uferstaaten zu bilden. Der technische Entwurf für die Württembergische Neckarstrecke soll von em hydrographischen Bureau in Stuttgart, derjenige
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Die Zofe weiß es nicht. Sie hat, sagt sie, die ganze Nacht Licht in ihrem Zimmer gehabt und hat geweint. Die Zofe sagt, daß sie es deutlich gehört hat. Aber heute früh, wie sie in ihr Zimmer hineingehen und sie aufwecken und anziehen wollte, toar sie fort —"
Arnold sah den Mann, die Augenbrauen zusammen- gekniffen, an. Ihm war der Hergang nicht unklar. Er konnte sich denken, wie alles stand. Sie hatte nach der Aussprache von gestern Abend so wenig wie er Ruhe gefunden. Sie hatte geweint und getrotzt. Und in aller Frühe war sie dann, unbemerkt von dem Haushalt, zu den Ihrigen, in das Haus des Barones Balduin von Schlick und seiner Gemahlin Cäcilie geflohen, wo sie augenblicklich gewiß die geschlossene Phalanx auf der ganzen Linie gegen ihn mobilisirte.
Im übrigen hatte der Mann seinem Herrn feine Geschichte kaum zu Ende erzählt, als ihm auch schon die Zofe der gnädigen Frau in das Gemach nachgestürzt kam. Das Mädchen war so erregt, daß sie, ohne an- Mopfen, in das Zimmer hereinflog.
„Ist die gnädige Frau jetzt da?" fuhr er sie an. „Ist sie vielleicht nur in den Garten gegangen?"
„Nein, nein!" rief sie. „Aber es muß wirklich poch etwas paffirt fern. Auf ihrem Schreibtisch hab
für die badische Strecke von der badischen Rheinbau- Inspektion in Mannheim ausgearbeitet werden.
— Der Jahresbericht des bayerischen Lanöwirt- schaftsrates für das Jahr 1903 hebt hervor, daß die allgemeine Lage der Landwirtschaft eine wesentliche Aenderung nicht bemerkbar gemacht habe, so daß günstigere Handelsverträge und durchgreifender Schutz gegen die Viehseuchen nach wie vor ein dringendes Bedürfnis seien.
— Nach einem Erlasse der Minister des Innern und des Krieges wird der Kaiser in Zukunft in der Regel nur solchen Kriegervereinen, welche 50 Jahre bestanden und sich während dieser Zeit gut bewährt haben, auf Antrag Fahnen verleihen. In den Ost- marken ist indessen eine Abweichung von diesem Grundsätze zulässig. Die ministerielle Erlaubnis zur Führung selbstbeschaffter Fahnen wird den Kriegervereinen nach wie vor schon dann erteilt werden, wenn sie bei einwandfreier Haltung ununterbrochen drei Jahre hindurch mehr als 50 Mitglieder gehabt haben.
— Die Kölner Akademie für praktische Medizin wurde am Montag in Anwesenheit des Prinzen Friedrich Heinrich als Vertreters des Kaisers und des Kultusministers Dr. Studt feierlich eröffnet. An den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm gesandt.
— In der Hibernia-Angelegenheit hatte die Dresdener Bank gegen die Beschlüsse der General-Versammlung der Hibernia vom 27. August d. J. die Anfechtungsklage angestrengt. Das Landgericht in Bochum hat am Montag diese Klage in allen Punkten zurückgewiesen und die Kosten den Klägern, Dresdener Bank und Genossen, auferlegt: diese legten gegen das Urteil des Landgerichts Berufung ein. Das letzte Wort in dieser Sache ist mithin noch nicht gesprochen.
Ausland.
— Im russisch-japanischen Kriege hat sich neuesten Nachrichten zufolge eine erhebliche Aenderung vollzogen. Die Rollen scheinen getauscht zu sein. Seit wenigen Tagen sind die Russen in energischem Vorgehen begriffen, und die Japaner rücken südwärts zurück. General Kuropatkin hat einen Tagesbefehl erlassen, in den er den Grund für sein bisheriges zielbewußtes Zurückgehen darlegt und erklärt, es sei der unbeugsame Wille des Zaren, den Sieg zu erringen, und dieser Wille werde unbeugsam durchgeführt werden. Die Russen haben bereits Jantei besetzt und legen südlich von Mukden Gräben an, errichten starke Erdwerke und befestigen den Eisernen Berg und Tieling. Für den Krieg ist die Eröffnung der Baikal-Ringbahn, die einen ununterbrochenen Transport zum fernen Osten gestattet, von größter Bedeutung. Port Arthur hält sich immer heldenhaft trotz Verluste an Menschen- und Kriegsmaterial.
— Der deutsch-rumänische Handelsvertrag ist
ich eben einen Brief gefunden. Einen Brief an —"
„An mich?" erriet Stahl, den allerhand wilde Ahnungen erschrecken und erbleichen ließen,
Er griff nach dem Briefe, der in der Tat seinen Namen trug, er riß ihn auf. Sie war gestern Abend in einer so hochgradigen Erregung gewesen, daß sie sich am Ende — wer konnte wissen, welch ein Leid angetan hätte. Seine Finger flogen, wie er das gefaltete Papier aufbog. Es waren nur zwei, drei kurze mit steilen trotzigen Zügen darauf geschriebene Zeilen, aber er atmete auf, als er sie durchflogen. Zum Wenigsten hatte sie nichts, was er oder sie hinterher zu bereuen, getan. Der Wortlaut ihres Briefchens besagte einfach, daß sie seinem Hause den Rücken gewandt. Nie und nimmermehr, schrieb sie, würde sie dahin zurückkehren, wo sie ihrem Mann ein Schrecken und eine Last und ein Hin dernis zu seinem Glück war! Unb die Zeilen hatte sie provozirend 'nur mit ihrem Mädchennamen „Mira von Schlick" unterzeichnet.
Die arme Mira! Wenn sie die Folgen, die ihre Flucht zeitigte, geahnt. Ja, hätte sie auch nur den Empfang geahnt, den sie im Elternhaus fand.
Baron Balduin und Baronin Cäcilie waren starr, als sie in aller Herrgottsfrühe in aufgelöster Verfassung vor ihrer Tür anlangte.
Baron Balduin hatte einen großen Teil der Nacht in seinem Klub oder sonstwo, wo man sich beim edlen Rebensaft lustig macht, zugebracht, und konnte, als er von dem durch die ganze Wohnung hallenden Gejammer
nunmehr unterzeichnet worden. Zur Feier der Unter zeichnung fand bei dem Minister des Aeußern, Brautiano, ein Festessen statt, an dem die deutschen und rumänischen Unterhändler teilnahmen.
— Die österreichische Unterhändler für den Handelsvertrag mit dem deutschen Reiche befinden sich gegenwärtig in Wien und Pest. Im Kreise der Regierungen werden in den nächsten Tagen die Vorbesprechungen mit den Vertretern der Jndustriekreise zur Vorbereitung der Zoll- und Handelskonferenz stattfinden, und die Zollkonfercnz um den 20. Oktober herum zusammentreten. Zum Zwecke der Vorbesprechung wird' sich auch der österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin, v. Szögyeny-Marich, in Wien einfinden. Vermutlich wird die Zollkonferenz noch in diesem Monat die Feststellung der Instruktionen beenden. Dann könnten die österreichisch-ungarischen Unterhändler sich Anfang November nach Deutschland begeben.
— In Italien scheint die Regierung sich nun doch zur Ausschreibung neuer Kammerwahlen entschlossen zu haben. Wenigstens sprechen Anzeichen dafür, daß das Zünglein mehr zu einer Entscheidung für Neuwahlen neigt, woran die im Lande sich immer mehr steigernde Bewegung gegen den letzten allgemeinen Ausstand ihren Anteil haben dürfte. Die aufreizende Sprache, mit der die äußersten Parteien die drohende Gefahr beschwören zu können glauben, wirkt eher int Sinne einer bejahenden Entscheidung der Regierung, welche fest entschlossen ist, alle Pressionsversuche zurück- zuweisen. Um gegen etwaige Ruhestörnngen bei der Wahlbewegung gewappnet zu sein, hat das Kriegsministerium die Jahresklasse 1880, 60 000 Mann, einberufe-'. Die Einberufenen müssen sich am 12. Oktober stellen.
— Der neue russische Minister des Innern, Fürst Swiatopolk Mirsky, hat eine Antrittsrede gehalten, die einen überaus günstigen Eindruck gemacht hat. Die Vertretungen größerer Städte schicken sich an, ihren Beifall zu den vom Minister verkündeten Grundsätzen, insbesondere zu seinen Anschauungen über den großen Wert der lokalen Selbstverwaltung, durch Zustimmungs-Telegramme und Begrüßungs-Adreffen zum Ausdrucke zu bringen. Als einer der künftigen Gehülfen des neuen Ministers wird in sonst gut unterrichteten St. Petersburger Kreisen der ehemalige Gouverneur von Pskow, Fürst Wassiltschikow, genannt, welcher als Gegner der unter dem Minister Plehwe verfolgten Politik und Anhänger der Zemstwos und ihres weiteren Ausbaues gilt.
— Die Salbung des König Peter von Serbien hat unter zahlreicher Beteiligung des Volkes feierlichst stattgefunden. Nach vollzogener Salbung reichte der Metropolitan dem König die Kommunion in beiderlei Gestalt.
seiner flüchtigen Tochter herbeigelockt, aus seinem Bett ankam, kaum gleich fassen, was los war. Und selbst Baronin Cäcilie, die in der Nachthaube und Nachtjacke und noch in halber Schlaftrunkenheit auf dem Plan war, wußte eine ganze Weile nicht recht, warum sie die Weinende streichelte und ihr gut zuzureden versuchte.
Aber als sie Alles begriffen, machten sie beide lange Gesichter. Unter Umständen erwies sich also selbst die geschlossene Phalanx nicht als stichhaltig.
Natürlich war es ja unerhört und unverantwortlich von ihrem Mann, sie zu diesem Schritt zu treiben. Was sie — das Kind! — gelitten haben mußte, bis sie zu diesem äußersten Entschlüsse gekommen, das konnte Jedermann sich ja denken.
Und dann schienen Vater und Mutter auch noch ganz andere Bedenken gegen das Zerwürfnis zu hegen. Auf alle Fälle fant es ihnen mit seiner Plötzlichkeit überaus ungelegen. Baron Balduin trug sich seit Wochen schon wieder mit dem peinlichen aber nun einmal nicht von der Hand zu weisenden Gedanken an eine neue Anleihe bei seinem Schwiegersohn und Baronin Cäeilie rechnete für den zu dem bevorstehenden Oster-Quartal fällig werdenden Mietszins mit Bestimmtheit auf die Hilfe des Brauers.
Und was sollte werden, wenn der Bruch zwischen den beiden trotzigen jungen Leuten sich nicht wieder einrenken ließ!
(Fortsetzung folgt.)