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Samstag, den 8. Oktober 1904.
55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die Kaiserin haben am Mittwoch nachmittag Rominleu verlassen und trafen abends in Königsberg ein. Während die Kaiserin bald darauf weiterreiste, besuchte der Kaiser sein Regiment „König Wilhelm" und am Donnerstag früh besichtigt der Monarch die Arbeiten an dem Ordensschloß in Marien- burg, mittags wohnt er der Einweihung der Technischen Hochschule in Danzig bei. Nach einem Besuch bei der Totenkopfbrigade setzt der Kaiser die Fahrt nach Jagdschloß Hubertusstock in der Mark fort.
— Es ist aufgefallen, daß sich Prinz Rupprecht von Bayern, der mutmaßliche Thronfolger, nach Karlsbad begeben hat. Wie nunmehr bekannt wird, soll er sich im Manövergelände ein Magenübel zugezogen haben, von dem er jetzt Heilung sucht.
— Der Minister für Handel und Gewerbe hat die Aufforderung des Vorstandes des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, daß der Königliche Bergfiskus dem Syndikat beitreten möge, zur Zeit abgelehnt.
— Ueber einen engeren Zusammenschluß der Süddeutschen Staatsbahnen und der preußisch-hessischen Gemeinschaft in der Richtung einer Betriebsmittelgemeinschaft fanden vor kurzem in Heidelberg auf Antrag der süddeutschen Staatsregierungen zwischen diesen und dem preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten Verhandlungen statt.
— Der Zentralverband deutscher Industrieller hat den Abschluß eines -Tarifvertrages Deutschlands mit Schweden und Holland für so lange unausführbar- erklärt, als die mit den acht Staaten, die bereits jetzt Tarifverträge mit Deutschland abgeschlossen haben, ein« ► geleiteten Verhandlungen wegen Erneuerung derHaudels- verträge noch nicht zum Abschluß gekommen sind.
— Für die Landtags-Ersatzwahl für Fulda ist an Stelle des verstorbenen Abg. Göbel nach der „Germania" als Zentrumskandidat der Reichstagsabgeordnete Reichsgerichtsrat Spähn aufgestellt worden.
— Wieder wird von Ausschreitungen von Streikenden berichtet, und zwar aus Dortmund. Dort drangen ausständige Former in der Nacht gewaltsam in die Eisengießerei von Suhrniann ein. Sie brachen von den meisten Dampfkesseln die Ventile ab und machten sie dadurch unbrauchbar, zerstörten die fertigen Formen und zerschnitten die Treibriemen und elektrischen Drahtleitungen, so daß der Betrieb ruhen muß. Der der Firma verursachte Schaden ist sehr bedeutend.
- - Ein neuer Ausstand ist in Berlin ausgebrochen. Die Arbeiter von 80 Klavierfabriken haben die Arbeit niedergelegt. 20 Firmen haben die Forderungen der Arbeiter bewilligt. Etwa 150 Betriebe sind in den Streit hineingezogen.
— Wegen Verdachts der Spionage waren Mitte September zwei Franzosen bei Wilhelmshaven ver-
GLänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Den Grafen Thassilo Rex hatte sein Schicksal ereilt. Seine Entfernung aus der Armee war eine Tatsache geworden, noch ehe ihn die Rache des Gerbers durch die Enterbung seiner Tochter traf. Er hatte das Regiment, das er mit seinem zerfahrenen Leben dis- kredirte, wie man es unter Eingeweihten längst vorhergesehen hatte, mit schlichtem Abschied verlassen müssen. Und die Maßregelung hatte in bem DragonerOffiziers- corps nur um der armen Frau willen Bedauern erregt, die in so unverdienter Weise alle die Schande ihres Gatten miterleiden mußte.
Franziska Dudek lebte in völliger Zurückgezogenheit längst ton dem Grafen getrennt, von dem augenblicklich kaum Jemand wußte, wo er sich aufhielt und wo er sein Unwesen trieb.
Das Testament des Gerbers war von den Testamentsvollstreckern mit unnachsichtlicher Strenge ausgeführt worden. Heinrich Volkmann, der die Erbschaft Dudeks schon mit manch einem Batzen beliehen, hatte, lvie wenn ihm Einer schwer auf die Füße getreten, laut aufgeschrieen, als er von den Klauseln, die ihn ein Vermögen kosteten, erfuhr. Und auch der Graf hatte geflucht und gedroht und sich eine Weile wie ein TvUhäusler geberdet, aber endlich, war er in dem Schlamm, in den er gesunken, stiller geworden und
haftet worden. Sie sind jetzt wieder aus der Haft entlassen.
— In Bochum ist das Kaiser Wilhelm-Denkmal in Gegenwart des Generaloberst von Hahnke als des Vertreters des Kaisers, des Oberpräsidenten von Westfalen u. a. feierlichst enthüllt worden.
— Die Handelskammer in Duisburg erklärte, daß sie die von anderer Seite geäußerte Befürchtung, die Kanalisation der Mosel und Saar werde für die rheinisch-westfälische Eisenindustrie gefährlich werden, nicht teilen könne. Sie halte vielmehr jede Erleichterung des Verkehrs für einen Fortschritt.
— Eine neue ostasiatische Reichspostdampferlinie Australiem-Japan eröffnet in diesem Monat der Norddeutsche Lloyd. Die Dampfer werden von Singapore über Batavia, Makassar, Friedrich-Wilhelms-Hafen, Herbertshöhe, Matupe, Jownsville und Brisbane nach Sydney und zurück fahren und von Sidney über Neu- guinea, Manila und Hongkong nach Pokohama.___
Ausland
— Im russisch-japanischen Kriege ist seit einiger Zeit Ruhe in den Unternehmungen eingetreten. Beide Parteien bereiten Truppennachschübe vor und rüsten sich zum Winterfeldzug. Die Japaner beeilen ihre Aushebungen, und von russischer Seite sind vier Kriegsschiffe „Orel", „Oleg", „Schemtschug" und „Jsumroud" aus Kronstadt ausgelaufen, um sich mit dem Ostsee-Geschwader zu vereinigen. Nach den neuesten Bestimmungen soll die Flotte die Reise nach dem fernen Osten am 15. d. M. von Libau aus unter Admiral Roschdjestwenski antreten. Die Kommandierende der zweiten Armee, General Gripenberg, wird Ende Oktober nach dem Kriegsschauplatz abreisen. Vor Port Arthur kam es wieder zu heftigen Kämpfen. Die Japaner nahmen den Hohen Hügel, wurden aber mit schweren Verlusten durch Freiwillige der Russen aus allen ihren Positionen wieder vertrieben.
— Vom Herero-Aufstand in Südwestafrika wird berichtet, daß die Verbindung des Etappenkommandos in Okahandja mit dem Oberkommando durch Gewitterregen seit mehreren Tagen unterbrochen ist.
— In Italien hat die äußerste Linke sofortige Einberufung der Kammer beantragt. Nach Rücksprache mit sämtlichen Mitgliedern des Bureaus beschloß der Präsident, dem Anträge nicht stattzugeben.
— In London ist der frühere liberale Führer Sir William Harcourt im Alter von 77 Jahren gestorben.
— In Südchina ist in der Provinz Huangsi ein neuer Aufstand in größerm Umfange ausgebrochen. 3000 meuternde Soldaten vereinigten sich mit den Aufständischen und raubten und ermordeten in der Präfekturstadt Liutschou. China fürchtet ein Eingreifen Frankreichs mit bewaffneter Macht, sobald der Aufstand dem südwestlich benachbarten Tongking zu nahe kommt. schließlich schien er ganz darin untergegangen zu sein.
Der letzte Gewaltsakt des alten Gerbers hatte sich als ein überaus glückliches Radikalmittel erwiesen Seine Spekulation war eine verblüffend richtige gewesen. Wo für den Grafen nichts mehr zu finden, war auch er nicht länger zu finden.
Unverbürgten Gerüchten zufolge befand sich Thassilo Rer augenblicklich anf der Reise nach Klondyke oder grub dort auch schon im Schweiße.seines Angesichtes nach dem schimmernden Erz, das ihm in früheren Tagen wie Wasser durch die Finger gelaufen.
Aber er, Arnold Stahl, seufzte noch immer unter dem Druck der Gewitter Temperatur in feinem Hause und hatte noch immer nicht den Mut gefunden, mit oder ohne Miras Hilfe die Luft, die er atmen mußte, zu reinigen, wenn es auch alltäglich den Anschein hatte, daß ihm endlich einmal der Geduldsaden reißen mußte.
Sie trieben es aber auch in der Tat mit ihm bunt.
Aus Groß - Berneuchen war eines Tages die Meldung nach dem Brauhof gekommen: Der Herr Leutnant Egon von Schlick war auf dem Dominium mit einem ganzen Rudel seiner Freunde eingebrochen und hatte sich dort im Namen der Schwägerschaft mit dem Besitzer des Schlosses, der Küche, der Keller und der Jagdgründe bemächtigt. Wie eine feindliche Einquartierung hausten die Herren in den Forsten und in den Weinkellereien. Die Frauen im Schloß flohen vor ihnen wie vor einer Horde Vandalen. Und als die Inspektoren endlich den Mut fanden, sich gegen
— Zur Verbesserung der drahtlosen Telegraphie hat der Erfinder des Telegraphons, Poulsen in Kopenhagen, eine neue Erfindung gemacht, nach der ein Auffangen der Depeschen von unbefugter Seite aus- geschlosseu ist. Auch bietet die Erfindung die Möglichkeit der drathlosen Telephonie sowie des Steuerns eines Bootes und des Abfeuerns eines Torpedos auf große Entfernungen ohne direkte Verbindung.
— In Frankreich ist am Sonnabend zwischen der Compagnie Transatlantique und den Vertretern der eingeschriebenen Seeleute ein Vertrag abgeschlossen worden, welcher die Arbeit an Bord regelt.
— Die von der internationalen Zuckerkonferenz in Brüssel eingesetzte ständige Kommission wird demnächst wieder zusammentreten. Die nächste Sitzung findet nach der „Vossischen Ztg." am 10. Oktober statt. Das permanente Bureau hat inzwischen Erkundigungen über die Gesetzgebung der verschiedenen Länder betreffs der Zuckerprodukte eingezogen; die Kommission wird nach Einsicht der Dokumente über das Verfahren entscheiden, das in den Vertragsländern auf die Zuckerprodukte Anwendung finden wird.
— Mit der Reform des chinesischen Heeres scheint es Ernst zu werden. Die Seele der dahin zielenden Bestrebungen ist, nach der „Köln. Ztg.", Tiehliang, Vizepräsident des Staatssekretariats des Krieges. Er wird demnächst die Provinzen an Jangsekiang besuchen und die dort stehenden Truppen, ferner auch die Arsenale, Geschützgießereien und Gewehrfabriken in Augenschein nehmen. Auf seiner Rückreise nach Peking will er außerdem noch die Provinzen Schantung und Honan berühren. Von seinem ausführlichen Bericht an den Thron wird es dann abhängen, was weiter in der Angelegenheit geschehen soll. Man geht aber kaum fehl, wenn man als ziemlich sicher annimmt, daß das japanische Vorbild als Muster dienen soll. Schon der Umstand, daß sich mehrere in Japan ausgebildete Militärmandarinen in Tiehliangs Begleitung befinden, deutet darauf hin.____________________________
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 7. Oktober 1904.
—* In den Tagen vom 3. bis 5. d. Mts. feierte der Seminarkursus' 1876/79 sein 25jähriges Amtsjubiläum. Der Kursus zählte seinerzeit 35 junge Leute, von denen inzwischen 5 abgerufen sind in die ewige Heimat. Von den 30 gereiften Männern, die noch im Amt sind, hatten sich 28 zur Feier eingefunden. Der Montag Abend galt dem Wiedersehen und der gegenseitigen Begrüßung der Freunde. Am Dienstag früh versammelten sich die Herren in der Aula des Seminars zu einer ernsten, würdigen Feier. Nach derselben besichtigten sie das Seminar, das in diesen 25 Jahren starke bauliche Veränderungen erfahren hat, und begaben sich darauf auf den Friedhof, pietätvoll die Gräber ihrer Heimgegangenen Seminarlehrer zu dies Treiben aufzulehnen und sich bei ihrem Herrn in Berlin zu beschweren drohten, da hatte Egon Schlick einfach gelacht. „Telegraphiren Sie dem alten lieben Rauhbein lieber, daß er selbst zu uns Herkommen soll, Inspektor," rief er im Uebermut oder im Rausch. „Und sagen Sie ihm gleich, daß er, wenn er herüber- kommt, für seine Gäste 'was Schnuddeliges aus der Hauptstadt mitbringen soll, da hier, scheint es, so was doch nicht zu geben."
Arnold Stahl war außer sich über die Meldung, aber sein Schwiegerpapa, der gerade, als die Beschwerde- Depesche eintraf, in seinem Hause anwesend war, schien sich über die Invasion seines Sohnes in seines Eidam Besitzung halb tot lachen zu wollen.
„Rasse! Rasse! Das ist ein Stückchen, das Rasse bezeugt," rief er. „Nein wirklich, Herr Sohn, Sie müßten die Geschichte unseres Hauses besser kennen, um zu begreifen, wie ich mich über das Abenteuer freue. Der Junge schlägt nach den Alten. Ein Joachim von Schlick, der dreihundert Jahre vor uns gelebt, hat einmal gerade so ein Schwedenlager vor Stralsund überrumpelt. Und im siebenjährigen Kriege hat mal ein Schlick so ein nettes Kloster aufgehoben." Er rieb sich die Hände. „Bon chien chasse de vace,“ meckerte er. „Aber den Administrator, Herr Sohn, den Administrator, der die Vermessenheit hatte, meinen Sohn zu bedrohen und Ihnen diese dreiste Litanei herzudrahten, den würde ich mir kaufen. Herr Sohn, den würde ich mir kaufen, daß ihm für alle Zeiten