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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 71.
Samstag, den 3. September 1904.
55. Jahrgang.
Fortwährend
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■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt. ______
Deutsches Reich.
— In Londoner politischen Kreisen versichert man, Kaiser Wilhelm beschäftige sich damit, eine Hauptaktion der Mächte einzuleiten, um dem Blutvergießen im äußersten Osten ein Ende zu machen.
— Gestern Abend nach 11 Uhr traf mit dem Personenzug von Rußland kommend ein Detachement russischer Matrosen (Sanitätssoldaten) unter Leitung von Sanitätsoffizieren hier ein. Dieselben fuhren um 12 Uhr mit dem V-Zuge nach Toulon weiter, wo sie von einem russischen Hospitalschiffe ausgenommen und zum Kriegsschauplatze befördert werden sollen.
— In Proßnitz (Mähren) kam es gestern zu Ausschreitungen gegen die Deutschen. Die Promenade blieb infolge Kurzschlusses der elektrischen Straßenbeleuchtung einige Zeit unbeleuchtet. Dies benutzte der tschechische Pöbel, um einen deutschen Studenten zu überfallen und mit Stöcken zu schlagen. Es entstand eine allgemeine Rauferei, bei der deutsche Frauen und Kinder mißhandelt wurden._________________________
Ausland.
— Nach in Shanghai eingetroffenen Meldungen sind die japanischen Angriffe auf Liaoyang und Port Arthur mißglückt. Beim gestrigen Kampf um die russischen Stellungen im Osten und Süden von Liaoyang sollen 200 000 Mann beteiligt gewesen sein.
— Der gestrige Artilleriekampf dauerte von 5—9 Uhr morgens auf allen Linien. Die russische Stellung wurde tatsächlich von einem Hagel von Geschossen überschüttet. Nach 4stündigem Geschützkampfe wurde der Vormarsch ausgenommen. Angesichts der Heftigkeit der Beschießung sind die russischen Verluste gering.
— Dem „Standard" wird aus Tientsin gemeldet, die Japaner hätten einen 1200 Meter von der Neustadt Port Arthurs gelegenen Punkt besetzt. Sie be« finden sich nunmehr noch eine Meile von dem östlichen Hafen entfernt.
— Nach einer Meldung aus Tokio haben die Japaner die Wasserleitung von Port Arthur in der Nähe von Choueisiyeng erobert. Es verlautet, die Wegnahme bereite Stössel große Verlegenheit.
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
„Wie Du das sagst," meinte sie. „Was sollen wir denn hoffen?"
Er nahm ihre Hand.
„Mira," sagte er. „Vor allem daß wir glücklich, recht von Herzen glücklich miteinander werden. Sprich — Fühlst Du Dich glücklich?"
Sie säumte eine Weile, dann verzog sich ihr frischer Kindermund zu einem ihre weißen Perlenzähne zeigenden Lächeln.
„Und Du, Arnold, Du?"
„Oh, ich," stieß er hervor, „wenn ich ehrlich sein soll — ganz kann ich es nicht von mir sagen, weil -- weil — " -
„Weil — weil?" forschte sie.
„Weil ich glaube, daß Du es nicht bist."
Und das sagte er mit einem Gesicht, das auf ein Haar einer Leichenbitter-Physiognomie glich.
Als sie auf den Strand kamen, stand die Sonne riesengroß und glutrot dicht über dem Wasserstreifen am Horizont, hinter dem sie langsam zu versinken im begriff stand. Sie stellten sich an eine Brustwehr im Meer und blickten schweigend auf die immer wieder und wieder frisch an das Land heranrollenden Wogen
— Vorgestern und gestern ist noch um die letzten Höhen südlich und östlich von Liaoyang gekämpft worden, doch scheint noch von keiner Seite ein bestimmtes Resultat erreicht worden zu sein. Wie man dem „Temps" aus Liaoyang meldet, sind die Japaner 200 000 Mann stark mit 700 Geschützen. Die Russen sind jedenfalls noch in der Minderheit. Das neueste „Militärwochenblatt" berechnet die Sollstärke der russischen Mandschurei-Armee auf 205 000 Mann und 556 Geschützen. Hiervon gehen aber noch die Kranken und Verwundeten ab.
• — Aus Tokio wird unterm 1. September gemeldet: Nach zweitägigen Kämpfen ist Liaoyang heute von den Japanern eingenommen worden. Die Japaner verfolgen die Russen. Tokio ist festlich geschmückt.
— Der Sekretär der japanischen Gesandtschaft in London erklärte, daß die Entscheidung bei Port Arthur nur mehr eine Frage von wenigen Tagen sein werde.
— Ein Vertreter der Exchange-Telegraphen-Kom- pagnie in London hatte eine Unterredung mit dem japanischen Gesandten, welcher erklärte, die japanische Regierung werde nichts über die Angriffe auf Port Arthur verlauten lassen, so lange nicht die Festung in den Händen der Japaner sei.
— Wie aus Tokio mitgeteilt wird, bestellte die japanische Regierung bei der Firma Samuel Samuel für drei Millionen Den Wolldecken. — Wie verlautet, ist das von den Japanern gebrauchte Shimosepulver eine Nachahmung des deutschen Pulvers.
Males und Provinzielles.
Schlüchteru, 2. September 1904.
—* In der Zeit vom 22. bis 30. August fand am hiesigen Seminar die Entlassungsprüfung statt, welcher sich die 33 Zöglinge der I. Seminarklasse unterzogen. Die Prüfung ist eine schriftliche und eine mündliche. In der schriftlichen Prüfung wurden folgende Aufgaben bearbeitet:
1. Deutscher Aufsatz: „Wie erreicht Schiller es in seiner Trilogie, daß wir Wallenstein, dem Verräter, unsere Teilnahme nicht versagen können?"
2. Erdkunde: „Schulgemäße Behandlung des schwäbisch- fränkischen Stufenlandes."
3. Religion: „Wie sucht die Innere Mission die mannigfachen Nöte unserer Zeit zu lindern?"
4. Naturkunde: „Welche Stellung hat die Menschenkunde im Lehrplan der Volksschule? Uebersicht über den in der Volksschule zu behandelnden Stoff."
5. Musik: Harmonisierung der Choralmelodie: „Nun danket alle Gott."
6. Geschichte: „Deutsche Kolonisation im Osten im Mittelalter und in der Neuzeit."
7. Französisch: Eine Uebersetzung aus dem Französischen ins Deutsche. und die mit deutlich vernehmbarem Flügelschlag krächzend über das Wasser jagender Möven. Sie hatten sich ausgesprochen und waren doch für das Leben aneinander gebunden. Sie waren Mann und Frau und berufen, den Freuden und Sorgen des Lebens Hand in Hand entgegenzugehen, in einer ganzen Welt betrogener Geschöpfe eines zu sein, und um dieser Gemeinschaft willen auf die ganze Welt um sich zu verzichten.
Als sie an dem Abend nach Hause kamen, war für Arnold ein ganzer Stoß Briefe mit der Post angelangt. Er erhielt wöchentlich mehrmals geschäftliche Berichte aus der Heimat. Der Direktor der Brauerei reichte ihm Tag über Tag ein Verzeichnis der Geschäftsvorgänge ein und er war im fernen Italien mit dem Stand der Brauerei so gut vertraut, als ob er nie seinen Fuß von dem Brauhof heruntergesetzt hätte.
Mira verzog, wenn diese Korrespondenzen eintrafen und ihn nötigten, sich in sie zu versenken, stets in höchst ungnädiger Weise ihr zartes Gesicht.
„Immer wieder dies Bier," sagte sie. „Dies Bier, um das Du mich Stunden lang allein sitzen läßt, daß ich mich fast zu Tode langweile.
„Das ist das Geschäft," lachte Arnold Stahl. Wenn sie länger mit ihm zusammen sein würde, würde sie, hoffte er, für das Geschäft auch mehr Interesse be- kommen. Vorerst war das — begriff er — noch nicht von ihr zu verlangen.
„Aber Mira," protestierte er also höchstens einmal
8. Mathematik: „Vervielfachen, Enthaltensein und Teilen im Bereiche des Einmaleins."
Auf Grund durchweg guter schriftlicher Arbeiten wurden 5 Examinanden von der mündlichen Prüfung befreit, nämlich 1. Henning, 2. Wilhelm Mäder, 3. Johannes Neumann, 4. Rode und 5. Zobel. Die mündliche Prüfung erstreckte sich auf sämtliche Zweige des Seminar-Lehrplanes und schloß mit einer fröhlichen Vorführung im Turnen. Sämtliche Prüflinge konnten für bestanden erklärt werden. Den Vorsitz in der Prüfungs-Kommission führte Herr Provinzial-Schulrat Dr. Otto. Als Vertreter der Königlichen Regierung war Herr Geheimrat Sternkopf und als Vertreter des Konsistoriums Herr Generalsuperintendent Pfeiffer anwesend ; letzterer wohnte der Prüfung in der Religion bei.
—* Der auf der Schäferschen Fabrik beschäftigte Weber Josef Schäfer II. von Herolz feiert am 8. September sein 25jähriges Arbeitsjubiläum.
—* Bauernregeln für September. Wenn Sankt Aegidius bläst ins Horn, so heißt es, Bauer, säe dein Korn. — War es am Aegiditage schön, so wird das Wetter noch vier Wochen gut bestehn. — Wenn Septemberregen den Winzer trifft, so ist er schlecht wie Gift. — Regnets am Sankt Gorgonstag, geht die Saat verloren bis auf den Sack. Zu Michael Nord und Ost bedeutet starken Winterfrost. — Zu Maria Geburt fliegen die Schwalben fort. Septemberdonner prophezeit vielen Schnee zur Winterszeit. — Isis auf Lambert hell und klar, folgt ein trockenes Frühjahr. — Ein Herbst, der warm und klar, ist gut fürs nächste Jahr. — Je größer die Ameisenhügel, desto straffer des Winters Zügel. — Fällt das Laub sehr früh im Ward, kommt ein böser Winter bald. — Nie hat der September verbessern vermocht, was ein ungünstiger August nicht gekocht. — Wenn am Michael das Wetter- ist gut, steckt der Schäfer eine goldene Feder an den Hut. - Wer Roggen sät in Schollen hat alles stets im vollen.
—* Lustige Klänge ziehen durch Stadt und Land: wir stehen im Zeichen der Ernte-, Kirmeß- und Kirch- weihfeste, welch letztere man bei einem guten Bissen und labenden Trank, bei geselliger Unterhaltung und einem flotten Tänzchen daheim oder in den Gasthäusern altem deutschen Brauch gemäß begeht. Es ist dies die Entschädigung, der wohlverdiente Lohn für heiße, arbeitsreiche Wochen, die für Herrschaft und Gesinde auf dem Lande in der nun verflossenen Erntezeit aufs neue gekommen waren. Tages Arbeit, abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste! Hat die große Hitze und Dürre auch manch folgenschwere Nachteile gebracht, so war die Getreideernte in bezug auf Stroh wie auf Körnerertrag im allgemeinen doch eine zufriedenstellende und bei der vorhandenen Aussicht auf gutes Herbstwetter dürfte auch die Ernte der übrigen Feld- und Gartenfrüchte, insonderheit der Kartoffeln, eine be- gegen ihre liebe ungeduldige Beschwerde, „hat denn Dein Vater nicht auch täglich seine Geschäfte zu erledigen gehabt."
„Papa har keine Geschäfte", entgegnete sie kurz.
„Nein, liebes Kind, nein, aber er hat Hohenschlick, und so lange das Gut noch nicht von Anderen bewirtschaftet ward —"
„Da hat er auch seine Verwalter gehabt," war ihre Antwort, auf die Arnold vorzog, zu schweigen
Dem geschäftlichen Vorbild, das ihm sein freiherrlicher Schwiegervater gegeben, empfahl es sich jedenfalls nicht, nachzueifern. Er ließ sich also, so bereitwillig er sich sonst in jede Laune seiner jungen Frau fügte, wenn die Geschäfte an ihn herantraten, nicht abhalten, sie mit dem Ernst und dem Zeitaufwand, den sie erforderten, zu erledigen. Ihm vergingen dabei die Stunden meist im Fluge, manchmal bedünkten sie ihm die bedeutungsvollsten der ganzen Reise.
Und auch heute dauerte es, als er sich mit seinen Korrespondenzen zurückzog, wieder eine volle Stunde und noch darüber, ehe er wieder zu seiner Gemahlin zurückkam, die inzwischen vor Ungeduld ihr Nachtmahl auf der Terrasse des Hotels allein eingenommen hatte.
„Ich dachte, Du würdest heute überhaupt keine Zeit mehr für mich Haben," empfing sie ihn, als er sich endlich wieder sehen ließ. „Du machst solch böses Gesicht. Haben Dich die Leute in der Brauerei wieder geärgert?"