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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 31. August 1904.
Deutsches Reich.
— Die Kaiserin ist wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetrosien. Zum Empfang war auch der Oberhofmeister Freiherr von Mirbach an der Wildparkstation erschienen.
— Ein Torpedo-Scharsschießen, eine sehr seltene Uebung, fand dieser Tage in der Kieler Außenföhrde statt. Elf Hochseetorpedoboote, sämtlich scharf geladen, näherten sich einem verankerten Wrack, das ein Schlachtschiff darstellte, auf etwa 400 Meter. Schon der erste Schuß brächte das Wrack zum Sinken; eine Wassersäule schoß hoch empor, Schisfsteile wirbelten in der Luft. Welche Wichtigkeit der Torpedowaffe beigemessen wird, beweist die Tatsache, daß den Unteroffizieren der Torpedoabteilungen, die das Befähigung-zeugnis als Rohrmeister besitzen und Torpedoschießübungen mit Erfolg durchgemacht haben, Schießprämien von 10 Mk. für jede Uebung bis zur Höchstsumme von 100 M. in jedem Schießjahr bewilligt werden.
— Nach dem neuesten amtlichen Saatenstands- bericht für das Reich hat sich besonders der Stand der Kartoffeln sehr verschlechtert; er beträgt jetzt 4, ist also gering. Die Beschaffenheit der Ernte an Wintergetreide wird allgemein als gut bezeichnet, während die Menge in Körnern und Stroh meist zu wünschen übrig läßt. Besonders die Weizenkörner sind infolge von Frühreife klein geblieben. Auch die Sommerhalmfrüchte waren um die Mitte dieses Monats bis auf etwas Hafer gut trocken eingeerntet. In manchen Gegenden ist der Ertrag des Sommergetreides immerhin noch befriedigend, wenn er auch nicht den zuerst gehegten Erwartungen entspricht; sehr häufig ist Notreife eingetreten. Der im Vormonat noch ziemlich gute Stand der Kartoffeln hat sich infolge der Dürre und Hitze bedeutend verschlechtert. Die Knollen sind meist wenig zahlreich und noch sehr klein, während das Kraut schon abzusterben beginnt. Die bisher gefallenen, ziemlich unbedeutenden Niederschläge konnten eine wesentliche Besserung noch nicht herbeiführen. Es bedarf baldigen durchdringenden Regens, um die vielfach befürchtete Mißernte fern zu halten. Klee und Luzerne sind mit ganz wenigen Ausnahmen, nur spärlich oder gar nicht nachgewachsen. Viele Felder sind derart ausgebrannt, daß auf einen zweiten Schnitt überhaupt nicht mehr zu rechnen ist. Es herrscht infolgedessen fast allgemeiner Mangel an Grünfutter, so daß schon zur Trockenfütterung übergegangen werden mußte. Auch die Wiesen haben durch die Dürre sehr gelitten und sehen meist trostlos aus.
— Von der Armeeverwaltung wurde dem Kornhaus in Einbeck die Lieferung von 120 Waggonladungen (etwa 25 000 Zentner) Hafer übertragen, der für die Pferde unserer Truppen in Deutsch-Südwestafrika bestimmt ist.
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Rocht.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Dicht vor der Kirche hatte er erst gemerkt, daß er etwas in dem Salon des Hotels, wo sie wohnten, vergessen hatte. Es war ein Notizbuch, das er vor den indiskreten Augen der Diener nicht herumliegen lassen mochte.
„Ich werde rasch zurückgehen," sagte er. „Wart ein Weilchen auf mich im Schatten der Kirche. Ich bin gleich wieder da."
Das Haus lag keine drei Minuten zurück. Indeß einem Wartenden"kann eine Minute lang werden, und Frau Mira war auch gerade nicht die Geduldigste. Sie stand eine Weile vor den Stufen des Gotteshauses, ben roten Sonnenschirm über ihre blonden Locken gespannt, endlich trat sie, wie sie das Portal offen sah, ein. Es war nur eine kleine einfache Kirche mit einem Boden aus weißen Ziegeln und ein paar wenigen Reihen von Bänken und Strohstühlen darauf. Aber das Chor war ein Prachtwerk. Es lag hinten im Dunkel. Das durch die bunten Fensterscheiben fallende Acht erfüllte den Raum mit einer milden, goldenen Morie, daß der Altar und die Orgel dahinter wie zu t'ner anderen Welt gehörig aussahen.,
Als Mira eintrat, sah sie, daß sie allein war, nur
— Das „Berl. Tagbl." erfährt, daß in Petersburg die Bildung einer zweiten großen russischen Armee für Ostasien beschlossen ist. Als ihre Führer werden der General Baron Kaulbars und General Ssuzkomlinow genannt. Diese Armee soll bei Mulden versammelt werden und aus 3—4 Armeekorps bestehen.
Ausland.
— An die Abfahrt der russischen Ostseeflotte nach Ostasien ist einstweilen noch nicht zu denken. Es scheint auch, als böse Hände im Spiele seien, um die see- und kampffähige Herstellung des Geschwaders immer aufs neue hinzuhalten. Im Lager der Hauptwelle des Kreuzers „Oreal" wurde dieser Tage Sand entdeckt, der jede Bewegung unmöglich machte. Es werden Wochen vergehen, ehe der Schaden kuriert ist. So geht es fort und fort. . '
— Aus Newyork wird gemeldet: Die Dynamit- Attentate nehmen in erschreckender Weise zu. Ein Unbekannter versuchte mit einer Mine in Wisconsin das Thompson-Haus in die Luft zu sprengen. Auf der Chicagoer Rennbahn waren in der Nähe des Buchmacherstandes viele Dynamit-Patronen gelegt worden, offenbar in der Absicht, eine Panik zu erzeugen.
3 Patronen explodierten, wodurch mehrere Personen verletzt wurden. Eine Beraubung der Kasse scheiterte, die Banditen entkamen.
— Der Befehl der englischen Behörden, russischen Kriegsschiffen keine Kohle zu liefern, macht hier böses Blut. Die Nowoje Wremja tröstet sich damit, daß bereits Vorkehrungen getroffen worden seien, damit die russischen Kriegsschiffe von englischer Kohle vollständig unabhängig sind. Schließlich macht das Blatt darauf aufmerksam, daß durch die Hindernisse, die man Rußland in den Weg lege, die Wiederherstellung normaler Verhältnisse für den Handel der neutralen Mächte unbedingt verzögert werden würde.
— In den Petroleum-Lagern in Antwerpen explodierte Freitag früh 11 Uhr ein Reservoir der Ämerican-Petroleum-Company. Binnen kurzer Zeit brannten von 40 Petroleum-Reservoirs 38. Etwa 80 Millionen Liter Petroleum stehen in Flammen. Ueber der Brandstelle lagert eine undurchdringliche schwarze Wolke. Auf 25 Meter Entfernung ist das Straßenpflaster glühend. Die Zahl der Toten wird auf 7 angegeben, mehreren Arbeitern gelang es, sich im Petroleum schwimmend zu retten. Der Schaden beträgt jetzt schon über 7 Millionen Mark. Das dürste einige Tage anhalten.
— Wie Telegramme aus Shanghai berichten, haben die Japaner bis unter das Fort 5, das wichtigste vor Port Arthur, eine Mine gelegt.
— Der „Evening Standard" erhielt am Samstag abend ein Kabeltelegramm aus Tientsin, worin auf das bestimmteste gemeldet wird, daß die Japaner bereits "ganz hinten im Gotteshause bewegte sich ein schlurfender Tritt auf die Orgel zu. Es war ein Mönch, der sich an das Instrument setzte, den Kopf neigte und die Hand hob, unter der plötzlich eine gar sehnsuchtsvolle Melodie hervorklang, die wie der Schrei aus einer bedrückten Seele nach Freiheit und Licht klang.
Sie trat auf den Zehen vor, nahm einen Stuhl, drehte ihn um, kniete nieder und verbarg ihr Gesicht.
Als Arnold Stahl, der wohl in dem Hotel nicht so schnell gefunden was er suchte, zurückkam und Mira nicht sah, wo er sie verlassen hatte, trat auch er, gleich richtig erratend, wo sie geblieben war, in das Kirchen- Jnnere ein. Als er den Friesvorhang hob, sah er sie an dem Stuhl, an dem sie kniete, weinen. Die bitteren Tränen tröpfelten auf ihre weißen Finger und das ganze Leben in ihr schien von Sorgen erschüttert.
Erschrocken stand er einen Augenblick wie eine Bildsäule da. Er trat an sie heran.
„Mira!" stieß er hervor.
Sie drehte sich bei seinem Rufe um.
Sie wischte sich die Tränen von den Augen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Ach Du," sagte sie mit einem Ton, als ob sie rasch noch ein paar letzte Tränen hinunterschlucken wollte. „Du! Du bist es."
„Es hat allerdings etwas länger gedauert," lispelte er. „Ich dachte mir, daß Dir das Warten draußen unerträglich geworden."
„Ja, unerträglich," wiederholte sie, wie sie sich lang-
im Besitze Port Arthurs seien. Sie hätten sich gestern und vorgestern unter enormen Verlusten beim Fort Stzeschan einen Weg durch die innere russische Verteidigungslinie erzwungen. Die offizielle japanische Siegesmeldung solle indes bis zur völligen Okkupation der Festung verschoben werden.
— Nach einer Meldung des „Soir" ist der Zar heute fester denn je entschlossen, den Krieg fortzusetzen. Er habe sogar erklärt, daß derselbe mit einem völligen Siege der Russen endigen könne.
— In offiziellen Kreisen heißt es, daß Rußland keine Vermittelung zur Beilegung des Konfliktes mit Japan annehmen werde. In diesem Sinne veröffentlicht auch das Blatt „Ruß" einen längeren Artikel.
— 'Nach Meldungen aus Teheran richtet die Cholera in Persien furchtbare Verheerungen an. Ueber 200 000 sollen derselben bereits zum Opfer gefallen sein, davon in Teheran allein 30 000. Alle Zeitungen in Teheran mußten ihr Erscheinen einstellen.
— Dem „Standard" wird aus Tientsin unterm 25. Aug. gemeldet: Im Bezirke Tsinanfu wurden Maueranschläge angeheftet mit den Worten: „Tod den fremden Teufeln vom siebenten Monat an!" Die christlichen Chinesen fliehen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 30. August 1904.
*— Am verflossenen Samstag beleuchtete Herr Professor Diemar die „Thüringische Zeit" von 1122 bis 1264. Hessen war in dieser Zeit bald enger bald l'offr mit Thüringen verbunden. Während von den thüringischen Landgrafen der älteste Bruder — gewöhnlich ein „Ludwig" — die Regierung im Haupt - oder Stammlande führte, so besorgte dieselbe der zweite Bruder — ein „Heinrich" mit dem Zunamen „Raspe"
— in Hessen. Es sind aus dieser Periode folgende Fürsten zu nennen:
1) Ludwig I. und Heinrich Raspe I. n. 1122—1155
2) „ IJ. „ „ „ II. „ 1155-1172
3) „ III. „ „ „ III. „ 1172-1190
4) Hermann I. „ 1190—1217
5) Ludwig IV. „ 1217—1225
6) Heinrich Raspe IV., Konr. u. Hermann II.
v. 1225—1241
7) Alleinherrschaft Heinrich Raspe IV. „ 1241—1247
8) Festsetzung des Hauses Brabant seit 1247—1264 Hessen teilte in diesem Zeitraum die Geschicke Thüringens. Sehr oft war es mit in die Händel seiner Landgrafen verwickelt, erfuhr aber auch in jeder Beziehung eine mächtige Förderung seitens dieser meist zielbewußten und tatkräftigen Fürsten. In der Zeit Ludwig II. und Heinrich II. blühten verschiedene hessische Dynastengeschlechter empor, die von Waldeck, Naumburg, Bielshein, Schauenburg, Felsberg, Reichenbach, Wittgenstein, Gleiberg, Solms, Mehrenberg,
sam erhob, „aber nun gehen wir weiter. Die Kirchen- luft und das Orgelgebrause bringen einen auf schwere Gedanken.
Er gab ihr seinen Arm und führte sie aus der Kirche hinaus. Er überflog ein paar mal mit raschem, ängstlich musterndem Seitenblick ihr Gesicht. Aber er suchte vergebens in den jugendlichen Zügen zu lesen. Ihre Wangen waren frisch und bleich. Keine Hitze, keine Kälte konnte ihrer weißen Haut etwas anhaben, ihr lockiges Haar war so dicht und ihre Augen wieder so hell —
Warum hatte sie also geweint?"
Er sann nach, was er ihr getan, womit er sie verletzt haben oder ihr nahe getreten sein konnte. Er wußte nicht, welchen Vorwurf er sich zu machen hatte.
Sie gingen eine ganze Weile schweigend neben einander her.
Mira war die erste, die die Stille brach.
„Wie herrlich grün alles ist," sagte sie.
„Ja," antwortete er, aber er dachte an ganz etwas anderes. Die einfache banale Bemerkung konnte ihn seinen Gedanken nicht gleich entreißen, indeß suchte er sie sich mit Gewalt abzuschütteln und eifrig meinte er dann:
„Ja, liebe Mira, es ist so köstlich grün, und grün ist die Farbe der Hoffnung. Hoffen auch wir —"
Mira sah ihn mit ihren hellen blauen Kinderaugen groß an.
(Fortsetzung folgt.)