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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 27. August 1904
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist am Mittwoch nachmittag auf . dem Truppenübungsplatz bei Alienkrabow eingetroffen und hat im kaiserlichen Zeltlager Wohnung genommen.
— Das Kaiserpaar hat nunmehr die Einladung des Hamburger Senats zu einem Festmahl im dortigen Rathause und einer Galavorstellung im Deutschen Schauspielhause in Hamburg zu Dienstag, 6. Septbr. angenommen.
— Das Kaiserpaar trifft, wie nunmehr feststeht, bereits am 12. September in Schwerin ein, um dem großherzoglichen Hofe einen Gegenbesuch abzu^.atten.
— In der Antwort des Kaiseis auf das Huldigungstelegramm des Regensburger Katholikentages heißt es der „Germania" zufolge folgendermaßen: „Ich hoffe zu Gott, daß die Verhandlungen, vom Geiste des Friedens geleitet, guten Fortgang nehmen und der Ehre und dem Wohle des deutschen Vaterlandes dienen werde.
— Die Summe von fünf Milliarden hat zum erstenmal die Gesamtzahl der Postsendungen der Reichspost (ohne Bayern und Württemberg) im Jahre 1903 erreicht. Sowohl die Zahl der eingegangenen wie der aufgegebenen Postsendungen übersteigt 5 Milliarden. Die Zahl der aufgegebenen Postsendungen hat diese Summe aber bei weitem überschritten, denn sie betrug 5335 7* Millionen.
— Rittmeister Freiherr von Horn, der vor 1 7a Jahren unter Hinterlassung zahlreicher Schulden aus München flüchtete, wurde gestern vom Kriegsgericht wegen Fahnenflucht, Betrug, Mißbrauch der Dienstgewalt, Urkundenfälschung und Sittlichkeitsverbrechen zu 6 Jahren Zuchthaus, Ausstoßung aus dem Heer ■ und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Oeffent» ltchkeit war teilweise ausgeschlossen.
— Die Herero, die nach der Meldung des Generals v. Trotha vom 15. d. Mts. panikartig, hauptsächlich in östlicher Richtung flüchteten, haben es nach neueren Nachrichten aufgegeben, ihre Rettung in dieser Richtung zu suchen und ziehen sich in die Richtung zurück, aus der sie vor ihrer Konzentrierung bei Waterberg gekommen sind, in die Landstriche nordöstlich von Owikokorero. Nach einer Privatmeldung haben gefangene Herero ausgesagt, die Monaboleute seien bei Hamakari im Kampfe gewesen. Die Gefechtskraft der Herero scheint gebrochen. Alle Truppenabteilungen folgen dem Feinde zur Umfassung der Flanke. — Mag auch der Sieg am Waterberg seines tiefen moralischen Eindruckes auf die Hereros nicht verfehlen, von einem entscheidenden Schlage, der die Aussicht auf eine baldige Beendigung des Krieges eröffnet, läßt sich selbst bei optimistischster Auffassung nicht sprechen. Die Verfolgung der Hereros stellt an unsere Soldaten die größten Ansprüche und kann noch manche unliebsame Ueberraschung und manchen beklagenswerten Verlust
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Er war froh, Mira versöhnen zu können. Er hatte ihr wehe getan. Das hatte er genierkt. Und ihr Brauer schien doch ein ganz netter, anständiger Mensch zu sein.
„Darf ich auf die Ehre rechnen?" wandte er sich an Mira.
Mira hob ihren fragenden Blick zu Arnold Stahl empor.
„Wenn Du denkst", antwortete dieser.
„Also mit Vergnügen, Herr von Esebeck," stieß sie hierauf hervor.
Sehr entzückt war Arnold im Grunde von der Aufforderung nicht. Die Art und Weise, wie er sich eingeführt, hatte ihn einigermaßen gekränkt, indeß er fürchtete, den Schlag, den sein Selbstbewußtsein gelitten, einzugestehen, hätte er die Einladung von der Hand weisen wollen.
Herr von Esebeck führte sie also am nächsten Tage wirklich auf seine Nacht. Sie glitten zwischen einem Wald Masten und rauchenden Essen düsterer Schiffs- ungeheuer aus dem Hafen hinaus und an oliven- bekleideten Gestaden vorbei, von wo die Morgenglocken der in dem Grün verborgenen Bergkapellen in den
herbeiführen. — Einen Hirtenbrief an die Christen unter den Herero mit der dringenden Mahnung, Buße zu tun und zum Gehorsam gegen die Obrigkeit zurück- zukehren, hat Die Rheinische Missionsgesellschaft erlassen. Der Brief widerlegt die etwaigen Entschuldigungen der Ausständigen und weist auf die dem Lande von der deutschen Regierung erwiesenen Wohltaten hin. Der Erfolg dürfte leider ausbleiben.
— Die Kosten des Herero-Feldzuges werden von kolonialer Seite in der „Dtsch. Tagesztg." berechnet. Es kommt eine nette Summe zusammen. Ohne Zweifel wird der dem Reichstage im Herbste zugehende Nachtragsetat die Summe von 30 Millionen Mark überschreiten und die Gesamtkosten für den Aufstand sind mindestens mit 50 Millionen M. zu beziffern.
Ausland.
— In der Peterhofer Palaiskirche wurde die Taufe des Thronfolgers am Mittwoch vormittag vollzogen. Der kaiserliche Konvoi wurde mit einer achtspännigen goldenen Staatskarosse unter Vorantritt von Husaren und Kosaken aus Alexandria nach dem Großen Palais gebracht. Nachdem der Metropolit dem Täufling das Abendmahl gereicht hatte, legte der Kaiser demselben den Andreasorden an. Glockengeläute und ein Salut von 301 Schüssen kündigten in Peterhof wie in den beiden Residenzen die vollzogene Taufe an.
— Der Kommandeur von Port Arthur, General Stössel, hat einen Bries an einen Freund in Petersburg gerichtet, worin er sagt, in Port Arthur werde sein Grab sein.
— Der Sturm auf Port Arthur dauert Tag und Nacht fort. Der in Saigon liegende Kreuzer „Jama" wartet eine günstige Gelegenheit ab, um den Weg nach Wladiwostock zu gewinnen.
— Nach chinesischen Berichten bedrängten die Japaner am 21. August das Zentrum der Russen entlang der Eisenbahn, sowie den rechten Flügel derselben in der Nähe des Goldenen Hügels sehr heiß. Die hier lebenden Japaner, an der Spitze der Konsul, sammeln Geld, um den Fall der Festung Port Arthur zu feiern.
Males und Provinzielles.
Schlüchteru, 26. August 1904.
—* Oed und leer sind nun wieder die Felder, das goldene wogende Aehrenmeer ist unter der Sense der Schnitter gefallen und in mächtigen Garben ist es in den Scheuern geborgen — der Wind geht über die Stoppeln. Aus den Dörfern heraus klingt das fröhliche Erntefest, es geht dem Herbst entgegen. In Feld und Wald ist es still geworden, verstummt ist der lustige Gesang der Vögel, dagegen ziehen mit klarer Luft und köstlichem Farbenspiel die Tage herbstlicher Schöne ins Land. In der Heide blüht die Erika und mit ihr zugleich erscheinen die verschiedenen Rispengräser, darunter frühen, sommerwarmen Herbsttag und auf die blaue Flut Hinausklangen. An Ort und Stelle war alles hergerichtet für die Feier. Ein Dutzend italienische Panzer, beflaggt und bewimpelt zur Ehre des Täuflings, hatten sich eingefunden. Die Königlichen Herrschaften waren auch schon zur Stelle und langweilten sich auf ihren rot und goldig drapierten Tribünen fast zu Tode. Das Schiff selbst, ein großes rot und schwarz angestrichenes Ding, sah in seinen Gerüsten wie ein Ungetüm in seiner Wiege aus. Das Wasser vor dem Arsenal war mit Vergnügungsdampfern bedeckt und jeden Augenblick langten neue Dampfer mit Schaulustigen aus Genua an. Und über dem Ganzen brütete die Herbstsonne mit hochsommerlicher Gewalt.
Mira hatte ein einfaches Rohseidenkleid an mit ein paar frischgeschnittenen Rosen an den Corsage und Arnold Stahl fand, daß sie entzückender denn je aussah. Er fand auch, wie sie sich am Arm des Barons über die Jacht hinbewegte, daß ihre Haltung eine elastischere und freimütigere als je an seiner Seite war. Eine Art von unbestimmtem, eifersüchtigem Argwohn beschlich ihn. Er schüttelte sich das unangenehme Gefühl mit Gewalt ab. Das wäre auch noch! Ein Schwarzseher kann Flecke auf dem Sonnenlicht sehen!
Im übrigen war Herr von Esebeck die Aufmerksamkeit auch selbst gegen ihn. Alles was man sich sagte, bestand natürlich nur aus einer endlosen Reihe konventioneller Banalitäten, indeß darin gipfelt doch gerade der Welt Contursion.
zierliches Zitter- und Perlgras, die Hagebutten, Ebereschen, Pech- und Steinnelken, der Löwenzahn und stolze Heinrich, die Sicheldolde und frischgrünen Farnkräuter. Auf der Waldwiese erblüht die Herbstzeitlose und der prächtige Enzian, an den Bergen die gelbe Jmmortella, während im Walde der Boden sich mit Flechten und Moosen überzieht, Fichten, Kiefern und Tannen sich mit Zapfen schmücken, Eichen und Buchen ihre Eicheln und Bucheckern entfalten und die Früchte des Haselnuß-, Schlehen- und Wachholderstrauches reifen. Das ist die Poesie herbstlichen Lebens und Webens in Wald und Feld, die uns in den Winter hinübergeleitet, ein Bild so erhaben und schön, daß wir jetzt täglich von neuem es beschauen und genießen sollen, bevor es wieder vergeht und, von Sturm und Regen getrieben, auch das letzte welke Blatt von den kahlen Bäumen fällt.
--* Den zu militärischen Uebungen eingezogenen Landwehrleuten und Reservisten wird von der Militärbehörde bezüglich der Lohnzahlung eine bemerkenswerte Belehrung erteilt; die Leute werden laut „Volksztg." darauf hingewiesen, daß in Fällen, wo eine rechtzeitige Kündigung des Arbeitsverhältnisses nicht erfolgt ist, der Arbeitgeber verpflichtet sei, dem Arbeitnehmer auch für die Zeit einer militärischen Uebung den Lohn weiter zu zahlen. Es sei indessen zulässig, daß der Arbeitgeber von dem Lohn die dem Arbeitnehiner von der Militärverwaltung gewährten Beträge zur Verpflegung und Löhnung in Abzug bringt. Wenn jedoch eine rechtzeitige Kündigung erfolgt ist, so hat der Arbeitnehmer, auch wenn er nach beendeter Militärübung wieder in den alten Arbeitsposten eintritt, selbstverständlich keinen Anspruch auf Lohnerhöhung für die Zeit der Uebung.
—* Zu der Schlägerei am vergangenen Sonntag auf dem Acisbrunnen ist noch ergänzend nachzutragen, daß tv rauflustigen Gesellen auf der Heimkehr unter sich in Streit gerieten und sich dermaßen durchprügelten, daß ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte. Im Interesse der Sicherheit wäre es sehr erwünscht, diesen Rempelbrüdern einen Denkzettel an- zukleben, der ihnen für längere Zeit die Lust für derartige rohe Ausschreitungen verleiden dürfte.
—* Der Durchschnitt der höchsten Tagespreise für Fourage beträgt mit einem Aufschlage von 5 vom Hundert für den Monat August 1904 in dem Kreise Schlüchtern für Hafer 7 M. 35 Pf., für Heu 2 M. 63 Pf., für Stroh 2 M. 63 Ps. pro.Zentner.
—* Die Grummeternte im Nassauischen liefert infolge der anhaltenden Dürre einen sehr geringen Ertrag. Manche Wiesen brauchen gar nicht gemäht zu werden.
—* Aus den deutschen Rebengauen kommen hocherfreuliche Nachrichten. Sie stimmen meist darin llberein, daß die diesjährige Weinlese ein Tröpfchen von vorzüglicher Güte ergeben wird. Ueber die Menge rechnet man allgemein auf einen „halben Herbst". Teilweise sind die „Wingerte" schon geschlossen, was
Während Alles so auf den großen Moment des Stapellaufes wartete und Niemand wußte, warum die Ceremonie, wie das bei solch Gelegenheiten üblich, sich immer mehr und mehr hinausschob, bekam Herr von Esebeck plötzlich auf seiner Nacht Besuch. Ein paar Mitglieder der deutschen Botschaft in Rom, die eigens zu dieser Feier aus der Hauptstadt des Landes nach dem Norden gekommen, hatten ihn von ihrem Boot aus erkannt und segelten heran, um ihm ihre Aufwartung zu machen.
Die Herren, die ungeheuer erfreut taten, ihren Freund Esebeck auf dem Wasser zu treffen, wurden natürlich auch dem Brauer und seiner Gemahlin vorgestellt. Es waren einer wie der andere, Herren mit gar voll klingenden Titeln und sei es, daß den Besitzer der Nacht eine Art Höflichkeitsgefühl trieb, sei es, daß es ein lapsus linguae war, kurz Herr von Esebeck stellte seine Gäste seinen römischen Freunden als Herr und Frau von Stahl aus Berlin vor.
Stahl glaubte das Adelsprädikat, das ihm nicht zustand, deutlich gehört zu haben, und er stand im Begriff, zu protestieren. Er blickte seine Frau an, aber diese machte ein höchst befriedigtes Gesicht, als ob sich alles in Ordnung befände. Er musterte sie eine Weile. Sie zwinkerte ihm zu. Es war, als wollte sie ihm zurufen: Laß nur! War ihr der einfache, bürgerliche Raine, der. er ihr gegeben, vor allen den betitelten Kavalieren am Ende zu wenig? Er biß sich auf die Lippen aber ex protestierte auch nicht. Er tat, als hätte er