SchlüchternerMun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 67.
Samstag, den 20. August 1904.
55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar, die Prinzen Eitel Friedrich und 'Oskar und die Prinzessin Viktoria Luise trafen in Hameln ein. Unter dem Geläute der Glocken und den begeisterten Zurufen der zahlreichen Menge fuhren die Majestäten nach dem Rathause, wo der Bürgermeister eine Ansprache an dieselben hielt, worin er den tief empfundenen Dank für den Besuch ausdrückle. Der Kaiser erwiderte mit einer Ansprache. Daraus begab sich das Kaiserpaar zum Bahnhof zurück und fuhr von da zur Einweihung der neu ausgebauten Stiftskirche nach Fischbeck. -- Die Abfahrt des Kaiserpaares nach Wilhelmshöhe erfolgte gegen 1 Uhr.
— Ueber die Jagdausflüge des Kaisers wird nunmehr bekannt, daß der Kaiser im ersten Drittel des Monats November nach England reist, im Schlosse zu Windsor absteigt und in der Umgebung den ihm zu Ehren veranstalteten Hofjagden beiwohnen wird. Später wird der Kaiser drei Tage auf dem Landgute des Lord Londsdale verweilen, um als Gast des Lords in dessen umfangreichen Revieren zu jagen. Aus England kehrt der Kaiser im letzten Drittel des November nach Deutschland zurück. Er bleibt einen Tag in Hannover, um von dort aus einen Jagdausflug nach Springe zu unternehmen, wo im Saupark zwei eingestellte Jagden auf Sauen und Damwild stattfinden.
— Die auf dem Danipfer Prinz Heinrich im Roten Meere durch die Rusfen beschlagnahmten Postsäcke sind hier eingetrossen. Sie wurden in Gegenwart des deutschen, französischen und englischen Konsuls geöffnet und geprüft. Viele eingeschriebene und gewöhnliche Briefe fehlen. Die Konsuln bereiten einen energischen Protest vor.
— General von Trotha meldet aus Hamakari vom 12. ds.: Der Angriff gegen die Hereros hat am 11. ds. mit vollem Erfolg begonnen. Mühlenfels warf den Feind nach sehr heftigem Kampfe bis Hamakari zurück und nahm den Ort. Die Abteilung Heyde verblieb mit starken feindlichen Kräften sich gegenüber bis zur Nacht vom 12. d. M., 15 Kilometer nordöstlich von Hamakari. Estorff warf den bei Otjosongombe befindlichen Feind westwärts zurück. Deiniling trieb die Hereros aus Omuweroume und nahm abends die verschanzte Station Waterberg. Der Feind erlitt schwere Verluste und wurde zersprengt. Die Hauptmasse des Feindes begab sich ostwärts. Der Weg wurde ihm verlegt. Die Truppen kämpften mit höchster Bravour. Tot sind 5 Offiziere und 19 Mann, verwundet 5 Offiziere und 52 Mann.
— Dieser Tage sind in Karlsruhe zwei japanische Oberforstbeamte eingetroffen, um im Auftrag ihrer Regierung die als vorbildlich geltenden Einrichtungen der badischen Forstverwaltung zu studieren und Vorschläge für die Neuregelung des Forstwesens in Japan zu machen. Unter sachverständiger Führung werden
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Roehl.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Das Für und Wider der Partie war zweifellos unter Assistenz aller edlen Glieder des Hauses Schlick noch ein letztes endgültiges Mal haarscharf abgewogen worden, dann aber war das Verlöbnis erfolgt, 1 und der alte Gerber Dudek, der in dieser Verlobung einer seiner Tochter Franziska angetanen Tort erblickte, fing an Gift und Feuer zu speien.
Der alte Dudek war ein Original. Er war Millionär, aber anzusehen war es ihm nicht. Er ging salopp, wie ein Eckensteher gekleidet. In Pantoffeln und Schlafrock schlurfte er über seine Vorstadtstraßen und in Kutscherkneipen saß er an den Stammtischen und rühmte sich der Prozesse, die er, der alte händelsüchtige Mann, mit aller Well führte. Auch seine vor mehr als einem Jahrzehnt verstorbene Frau hat an seiner Seite kein beneidenswertes Leben gehabt.
Er war ein Bruder der Mutter Arnold Stahls. Der Reichtum des Brauers kam von seiner Familie. Der Grund und Boden, wo neben der alten jetzt ein- gegangenen Gerberei die große moderne schlotenreiche Brauerei stand und die Straßen aus der Erde wuchsen, war einst alles Dudeksch gewesen. Seine Spekulation ^t es, daß durch die Heirat seiner einzigen Tochter,
die beiden Japaner, welche die deutsche Sprache hinreichend beherrschen, verschiedene Forstbezirke Mittelbadens und des Schwarzwaldes bereisen.
Ausland.
— Ein kaiserlicher Erlaß verfügt die Abschaffung der körperlichen Züchtigung in ganz Rußland. Das Los der Bauern soll besser gestaltet werden. Zahlreiche Begnadigungen sind erfolgt.
— Aus den fpaltenlangen Telegrammen, die der „Daily Telegraph" aus Schanghai, Tschingtau und Tschifu veröffentlicht, sind noch die folgenden Einzelheiten hervorzuheben. Der Kampf soll entsetzlich gewesen sein, man sei wie in einer Hölle gewesen. Einige der Matrosen bekamen Krämpfe, während anderen die Haare mit einem Schlage grau wurden. Der Admiral sagte kurz vor seinem Tode: „Das ist unser letzter Kampf, Leute seid tapfer!" Man konnte die Befehle der Offiziere gar nicht hören, so laut war das Donnern der Geschütze. Der Pilot, der den „Zesarewitsch" in den Hafen brächte, sagte, das Schiff sei ein furchtbares Wrack. Es hat vier große Lecks, von anderthalb Fuß im Quadrat, die mit Holzplatten notdürftig bedeckt sind. Die Masten sind verschwunden und ein Teil der Brücke ist fortgerissen, die Schornsteine sind durchlöchert und nach allen Seiten verbogen. Das ganze Deck ist mit Splittern aller Arten wie besäet. Die Geschütze sind von den Granaten vollkommen auseinandergerissen. Kurz, der Anblick ist ein fürchterlicher.
— Nach einem ergänzenden Bericht des Admirals Togo belaufen sich die japanischen Verluste in der Seeschlacht vom 10. August auf 225 Mann.
— Nach amtlichen Nachrichten verlor die Garnison von Port Arthur vom 8.—10. August an Toten 7 Offiziere und 248 Soldaten, an Verwundeten 35 Offiziere und 1553 Soldaten. Verschollen sind ein Offizier und 83 Mann.
— Die Russen schätzen die Belagerungsarmee bei Port Arthur auf 90 000 Mann mit 400 Geschützen, davon 50 Mörser.
— Nach einer Meldung aus Tokio trieben die Japaner bei einem nächtlichen Sturmangriff auf Port Arthur die Russen aus die inneren Nordforts zurück. Ihre Batterien bestreichen Stadt und Hafen. Die Stadt brennt an mehreren Stellen. Marschall Oyama unterbrach das Bombardement morgens, um die Antwort auf die an die Verteidiger ergangene Aufforderung zur Uebergabe Port Arthurs abzuwarten.
— Die Japaner fuhren in die Taubenbucht ein und rückten von Palingtsching aus bis zwei Meilen nördlich von Port Arthur gegen die Festung vor. In der letzten Nacht wurde Port Arthur von der Taubenbucht her bombardiert.
— Wegen Ausbreitung der Cholera in Persien und Afghanistan wurde die Grenze gesperrt.
nnt ihrem Vetter all das Geld der Familie wieder in eine Hand kommen sollte. In der Tat aber unterstützte er diese Pläne so wenig wie möglich. Die bei den Haaren herbeigezogenen Händel, mit denen er auch seinen Neffen chikanierte, nahmen kein Ende. Er konnte mit Niemand in Frieden leben. Es war wunderbar genug, daß dieser Mann noch dafür Sorge getragen, daß seiner Tochter die vorzügliche Erziehung zu Teil geworden, die sie in der Tat erhalten hatte. Er hatte die teuersten Schulen für sie nicht gescheut, sie sogar, als sie ihre Klaffen durchgemacht hatte, in ein vornehmes Dresdener Pensionat gegeben, wo junge Damen der ersten Kreise ihre Erziehung vollendeten, aber als sie dann wieder aus der Pension nach Berlin in das Vaterhaus zurückkam, hatte es harte Kämpfe gekostet, bis es ihr gelang, dem Haushalt, dem sie vorstehen sollte, auf ein einigermaßen ihrer Bildung entsprechendes Niveau zu heben. Er war außer sich, als sie auf Renovierung des alten dunklen Hauses, in dem er geboren war und aus dem er, so lange er lebte, nicht auszuziehen entschlossen war, bestand.
Ein wünschenswerter Schwiegervater war es keinesfalls. Mit Recht oder Unrecht meinten die Leute, daß er allein das Hindernis war, daß aus Cousin und Cousine noch immer nicht ein Paar geworden.
Indeß war es um diese Aussicht geschehen und die Bierbänke in der Vorstadt waren mit Klatschstoff versehen. Man lachte und amüsierte sich, wenn der alte Emanuel gegen seinen Neffen loszutoben anfing und
Males und Provinzielles.
Schlüchtern, 19. August 1904.
—* Tagesordnung zu der am 22. d. M. nachm.
5 Uhr stattfindenden Stadtverordneten-Versammlung.
1. Geschäftliche Mitteilungen; 2. Wiedervorlage des Pachtvertrages mit der Firma W. Thaler über die Wasserentnahme aus dem Riedwasser; 3. Wiedervorlage des von dem Finanzausschuß mit dem Magistrat geprüften Kostenanschlages über den Ausbau des Schlößchens; 4. Abhörung der Armenkassenrechnung pro 1903. In geheimer Sitzung: 5. Genehmigung einer Ordnung betr. Gewährung von Reise- und Tagegeldern an städtische Beamten; 6. Gewährung einer llnterstützung an einen Lehrer zur Teilnahme an einem Zeichenlehrer-Kursus.
--* Ernannt wurde der zweite Pfarrer zu Steinau, Theodor Schneider, zum Pfarrer in Ginnheim, Klasse Bockenheim.
—* Die Hundstage gehen nunmehr zu Ende, am 23. August, an dem die Sonne in das Zeichen der Jungfrau tritt, sagen sie uns Lebewohl. Die ersten beiden Drittel dieser am 23. Juli begonnenen Periode brachten uns große Hitze und Dürre, deren Folgen in landwirtschaftlicher Beziehung allgemein schwer empfunden werden, erst in den letzten Tagen der Hundstagszeit trat die ersehnte kühlere Witterung ein. Geht es den alten Bauernregeln zu lieb, so hätten wir nach solchem Verlauf einen schönen Herbst bezw. ein gesegnetes Jahr zu erwarten, denn Hundstage hell und klar, zeigen an ein gutes Jahr, werden Regen sie begleiten, kommen nicht die besten Zeiten."
—* An Liebesgaben für das südwestafrikanische Expeditionskorps sind bis zum 15. Juli weiter aus der Provinz Hessen-Nassau nach einer vom Oberpräsidenten v. Windheim gemachten Mitteilung eingegangen: 15 Kisten Wein von L. Rettenmayer, Wiesbaden, 1 Kiste Zigarren von Burkart, Hattenheim, 2 Kisten Tabak von G. P. Hoffe, Hanau, 1 Kiste und ein Ballen Liebesgaben vom Roten Kreuz, Cassel, 1 Kiste Essenzen von Adolf Haybach, Wiesbaden, 1 Kiste Schaumwein vom Verein vom Roten Kreuz, Rüdesheim, 1 Kiste Wein vom Vaterländischen Frauenverein Wiesbaden, 2 Kisten Wein von demselben, 1 Kiste Schuhe, 5 Kisten Taschentücher rc. von demselben.
* Am Mittwoch verschied auf Schloß Bierstein der Königlich Preuß. Landrat a. D. Erlaucht Graf Georg zu Asenburg-Büdingen-Philippseich im 65. Lebensjahre.
* Die Polizei in Hanau verhaftete den hier stationierten Briefträger Schmidt unter dem Verdacht Briefe unterschlagen und darin liegende Wertpapiere entwendet zu haben. Auf diese Weise soll Schmidt Wertpapiere, Schecks u. dergl. über mehrere tausend Mark veruntreut haben, welche er durch seine Schwester bei aus- sich verschwor, die ganze Rechtsanwaltschaft von Berlin aufzubieten und mit Prozessen, die er ihm an den Hals hängen wollte, in Nahrung zu setzen. Licht und Luft, die Straße nach seiner Brauerei, das Recht, auf seinem Grund und Boden zu brauen, das Alles glaubte er ihm abschneiden zu können. Es war nur ein Wunder, daß er ihm das liebe Leben lassen wollte.
Und wenn er dann gar auf die Familie kam, mit der sich der Brauer zu verschwägern tm Begriff stand, hei, ging er da aus dem Häuschen. Er hatte, obgleich er sonst ohne Not keinen Sechser ausgab, kein Geld gescheut, um sich mit den intimsten Mißlichkeiten der in Niedergang geratenen freiherrlichen Familie bekannt zu machen. Von jedem Pfund Fleisch, das sie in ihrer Straße dem Schlächter schuldig waren, von jedem Laib Brod, das unbezahlt in ihrem Hause verzehrt wurde, wußte er. Dem vorsichtigst unter ihrem Dach verborgenen Skelett hatte er nachgeschnüffelt und _ alles packte er auf der Bierbank aus. Er fluchte und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Prosit Mahlzeit", rief er. „Eine gediegene Verwandtschaft."
Er zuckte verächtlich die Achseln. Die Baronschaft der neuen Verwandten imponierte ihm gar nicht.
Die ihm zuhörten, wußten, wenn er so anfing, wo er hinaus wollte. Ein jeder wußte, es war für seine Freunde nichts Neues, wo seine Tochter, seine Fränze, just an demselben Ort, wo der Brauer den ausgebeutelten Schlicks ins Garn gegangen war, einen Grafen, einer,