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M 66.
Mittwoch, den 17. August 1904,
55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar kommt am Mittwoch, den 17. d. Mts. nach Hameln.
— Aus Petersburg ist die telegraphische Nachricht eingetroffen, daß Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin von Rußland durch die Geburt eines Sohnes erfreut worden sind. Damit geht die Würde eines Großfürsten-Thronfolgers von dem Bruder des Kaisers, Großfürsten Michael, auf den neugeborenen Kaisersohn über. — Bei der Entbindung der Zarin war Professor Ott zugegen. Die Zarin wünscht ihren Sohn in der ersten Zeit selbst zu ernähren. Der Zustand der Kaiserin und des Neugeborenen ist sehr befriedigend.
— In einem soeben veröffentlichten Manifest gibt der Kaiser die Geburt des Großfürsten Alexis kund, und fordert alle russischen Untertanen auf, mit ihm vereint zum Höchsten Gebete um das Wohlergehen seines Sohnes emporzusenden, der berufen ist, der Erbe der Macht zu sein, die Gott dem Kaiser von Rußland verliehen hat. Der Titel Großfürst-Thronfolger, der dem Großfürsten Michael gegeben war, gehe nach den Grundsätzen des Reiches auf den Neugeborenen über.
— Die aktive Schlachtflotte ist nach beendeter Uebungsreise in den Kieler Hafen zurückgekehrt.
— Die „Norddeutsche Allg. Ztg." schreibt: Nachdem sich herausgestellt hat, daß die im Hafen von Tschingtau befindlichen russischen Kriegsschiffe nicht in der Lage sind, sich innerhalb der angemessenen Frist seetüchtig zu machen, ist Weisung ergangen, die russischen Schiffe zu entwaffnen._________________________________
Ausland.
— Der frühere Ministerpräsident Waldeck-Rousseau ist im Alter von 58 Jahren nach langem, schweren Leiden gestorben. Er war einer der begabtesten französischen Staatsmänner unter der dritten Republik und hat sich große Verdienste um sein Vaterland erworben. Er war bereits unter Gambetta Minister des Innern und bei der vorletzten Präsidentenwahl hatte er nicht geringe Aussicht zum Präsidenten der Republik gewählt zu werden. Die Regierung beabsichtigt, ihn auf Staats« kosten beerdigen zu lassen.
— Ueber den Ausbruch des Port Arthur Geschwaders liegen nunmehr auch amtliche russische Berichte vor, aus denen herauszulesen ist, daß die gesamte russische Flotte den Durchbruch versuchte und daß dieser auch gelungen ist. Als Ziel war Wladiwostok verabredet worden, allerdings wurden einige Schiffe beschädigt oder abgedrängt. Früh Morgens verließ das russische Geschwader, bestehend aus 6 Panzerschiffen, 4 Kreuzern und 8 Torpedobooten, Port Arthur. Die Japaner hatten 6 Panzerschiffe, 11 Kreuzer und 30 Torpedoboote gegen die Russen vereinigt. Der Kaiypf dauerte mehrere Stunden und der Kurs auf Schantung ge- nommen,
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Raehl,
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Der Bursche war Rex. Rex hatte sich zufällig, als sie sich daran machte, ihr Bild mit einer Figur zu beleben, an den Standort, wo sie malte, an Ihrer Seite befunden.
„Aha," dachte Stahl, »sogar auf Ihre Bilder muß Sie ihn bringen. Es ist alles richtig, ich täusche mich nicht. Dieser Windhund, der Graf, er steckt ihr im Kopfe.
Von der anderen Seite schürte Tassilo Rex.
„Sapperlot", sagte er eines Tages näselnd zu ihr, „Sapperlot, meine Gnädigste. So mordkühl und feucht es in der Geierau ist — es liegt auf der Hand, der Herr Vetter fängt hier doch noch Feuer. Ein Roman spinnt sich an." ‘
Das Gerede, das wie ein Lauffeuer durch den S Kurort lief, entsprang einem Vielliebchen, das » Stahl mit der kleinen blonden Mira Schlick «in hatte. Die kleine Baronesse hatte gewonnen
er Brauer hatte ihr ein Cadenc aus München geholt, daß alle Sommerfrischler acht Tage lang Stoff ihre Unterhaltung hatten.
Man erzählte sich, daß es ein Brillanten-Herz war, ras ein Vermögen an Wert repräsentiere.
— Nach dem Bericht des Admirals Togo ist der geringe Schaden, den die japanischen Schiffe erlitten, wieder ausgebeffert. Fünf russische Schiffe sind kanipf- unfähig. Der „Zesarewitsch" liegt im Hafen von Tschingtau. Die „Pobjeda" hat zwei Masten verloren und ihre schweren Geschütze sind ebenfalls kampfunfähig, ebenso der Kreuzer „Retwisan." „Bajan" wurde durch eine Miene beschädigt und gelangte wieder nach Port Arthur und ein russischer Torpedobootszerstörer nach Tschifu. Admiral Wisgew wurde getötet. Der Fall von Port Arthur wird jede Stunde erwartet. Die Bevölkerung befindet sich in sehr lebhafter Erwartung.
— Admiral Kamimura meldet, sein Geschwader habe nach fünfstündigem schwerem Kampf mit drei Schiffen des Wladiwostok-Geschwaders nördlich von Tsushima den russischen Kreuzer „Ruri" ^um Sinken gebracht. Die beiden anderen Schiffe hätten anscheinend schwer gelitten und seien nordwärts geflohen. Die japanischen Verluste seien gering.
— Der Kaiser von Japan hat einen Beweis seiner Menschenfreundlichkeit gegeben, indem er befahl, den Frauen, Priestern und Kindern, Kaufleuten und den Offizieren der neutralen Mächte zu erlauben, Port Arthur zu verlassen und ihnen eine Unterkunft in Dalny anzubieten. Er wünsche aus Humanität die Nichtkombattanten in Port Arthur vor der durch Feuer und Schwert hervorgebrachten Verwüstung zu bewahren. Dieser Befehl, der sehr hochherzig zu nennen ist, läßt zugleich von Neuem erkennen, daß die Japaner gewillt sind, die Festung zu nehmen, koste es, was es wolle.
— Der „Daily Mail" zufolge ist definitiv beschlossen worden, die Leiche Krügers im Dezember zu beerdigen. Die Buren wünschen, daß die Beerdigung am 16. Dezember, d. h. am Dingaanstage stattfinde. An diesem Tage hielt Präsident Krüger am Paardekraal- monument im Jahre 1889 seine berühmte Rede, an deren Schluß die Buren schworen, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Jeder der Buren warf bei diesem Schwur einen Stein auf den großen Steinhaufen, der das Monument darstellt, und Krüger war der erste, der den Eid leistete und den Stein warf.
Males und Provinzielles.
Schlüchtern, 16. August 1904.
—* In der 2. Vorlesung am verflossenen Samstag verbreitete sich Herr Professor Diemar über Hessen zur fränkischen Zeit von 554— 887. Diesen Zeitraum teilte er in 5 Perioden. 1. die Zeit von 555—623, vom Ende des auftrasischen Sonderreiches bis zum abermaligen Selbständigwerden Austrasiens. In diese Zeit fällt der Sieg der Aristokratie über das mero^ wingische Königtum. Die Führer der ersteren waren der Bischof Arnulf von Metz und der Hansmeier Pipin der Aeltere. 2. von Anfang des zweiten auftrasischen
’ „Bah", meinte Franziska. „Er hat es dazu, Geld spielt für ihn keine Rolle."
„Einerlei!" sagten sich die Klatschbasen an dem Ort trotzdem, „solch ein kostbares Geschenk macht ein Rotschild trotzdem nicht, wenn er nichts damit bezweckt."
„Es ist klar," sagten die Klatschbasen, hie nun einmal für die Sache mobil gemacht waren, „er zielt 'auf die Hand der Baronesse von Schlick. Er liebt 'die kleine Blondine. Er ist alle Tage an ihrer Seite. Sie passen auch herrlich zusammen."
Es war die Wahrheit. Arnold Stahl hatte, wie er sich von Tag zu Tag mehr von Franziska Dudek abwandte und für ihre Gesellschaft bei Fräulein von Schlick Ersatz fand, dem blonden Edelfräulein in einer für Beide sehr gefährlichen Weise tief in die Augen gesehen.
Baronesse Miras Mama hatte längst, ehe sich der Klatsch mit den beiden jungen Leuten befaßte, zu ihrem Gemahl ihre warnende Stimme erhoben.
„Wenn er sich nur nicht Gedanken in den Kopf setzt," hatte sie zu Baron Balduin gesagt.
„Wie meinst Du das?" wollte der wissen.
„Ich glaube bemerkt zu haben, Balduin, daß ihm Mira nicht gleichgiltig ist. Er ist aber doch nur ein Bierbrauer."
„Aber auch Millionär."
„Gewiß, indeß was sollte Lutz dazu sagen?"
Lutz war der jüngere Bruder Balduins, der es bis zum Generalmajor gebracht hatte, und der während
Reiches bis zur Schlacht von Testri, 623—987. Der Adel hatte^die Macht des Königtums immer mehr beschränkt und der Hausmeier, damals Pipin der Mittlere, führte nicht nur die eigentliche Herrschaft, sondern nannte sich auch Fürst und Herzog v. Franken. In diese Zeit fällt die Wirksamkeit des hl. Kilian und seiner Schottenmönche, die sich bis in unsere Gegend erstreckte. 3) v. der Schlacht bei Testri 687 bis zum Bunde des fränkischen Königs mit dem Papste 754. Die bedeutendsten Männer dieser Zeit sind Karl Martell, Pipin der Jüngere und Bonifatius. Unter dem Schutze der erstgenannten Fürsten konnte Bonifatius in Hessen, Thüringen und Franken seine bedeutungsvolle Wirksamkeit entfalten. Am wichtigsten wurde aber diese für Hessen, wo auf seine Veranlassung die Klöster Büna- berg bei Fritzlar, Fulda und Hersfeld gegründet wurden. Durch den Vertrag Pipins mit Papst Stephan II., bei welchem Bonifatius als Vermittler Übergängen wurde, fühlte er sich vielleicht mit veranlaßt, seine letzte Reise nach Friesland zu unternehmen. 4. von dem Vertrag mit Stephan II. 754 bis zur ersten Teilung des karolingischen Großreiches 817. Hessen tritt in dieser Zeit mehr in den Vordergrund. Mit ihm wird der sächsische Teil südlich der Diemel vereinigt. Bei dem Einfall der Sachsen im Jahre 787 wurde es' sehr verwüstet und die Mönche von Fulda waren sogar gezwungen mit den Gebeinen des Bonifatius zu flüchten. In dieser Zeit entstanden auch die verschiedenen Gaue des Hessenlandes: a) Hessengau, b) Oberlahngau, c) Niederlahngau, d) Gau Wetteweiler
— das Gebiet von Wetter, Nidda und Kinzig umfassend
— und e) Buchonien oberes Kinzigtal und die Rhön.
5. von 817—887, von der ersten Teilung bis zur Auflösung des Karolingerreiches. Die Gauverfassung, die den Zweck hatte, zu zentralisieren, wirkte nach Karls Tode dezentralisierend und führte schließlich zu dem Zerfall des Reiches. Durch die letzte Teilung im Jahre 843 wurden die Grundlagen der nationalen Staaten Deutschland, Frankreich und Italien geschaffen. Fuldas Bedeutung wuchs in dieser Periode außerordentlich und das Kloster Hersfeld wurde eine Pflegestätte spezifisch karolingischer Kultur. Mit der Absetzung Karls des Dicken, der auf zwei Jahre noch einmal das Gesamtreich Karls des Großen vereinigte, schließt die fränkische Periode.
—* Deni Vernehmen nach ist in Aussicht genommen, in den Städten Schlüchtern, Steinau, Salmünster und Bad Soden (Stolzenberg) eine gemeinsame elektrische Beleuchtungsanlage mit oberirdischem Leitungsnetz unter der Bezeichnung „Kinziggau-Elektrizitätswerke" zu errichten. Als Zentrale zur Erzeugung der elektrischen Kraft soll Steinau in Aussicht genommen werden. (Mit Freuden würde es begrüßt werden, wenn eine Stimme von maßgebender Seite über dieses Projekt sich hören ließe. D. Red.)
des finanziellen Niederganges der älteren Linie Schlick zeitweilig der Repräsentant des Hauses war.
Und was sollte Eberhard sagen? Eberhard, ihr ältester Sohn, der erst vor Kurzem ein Buch über die vor Allem wünschenswerte Reinerhaltung des alten Adels der Nation herausgegeben hatte. Und Egon, der jüngere Bruder, der die Ehre hatte, einem illustren Reiterregiment anzugehören, wo sich noch nie ein Mann bürgerlichen Namens die Offiziersschärpe um die Taille gewunden.
Der ganze Adel würde aufstehen.
Inzwischen aber befand man sich auf den Freiheit atmenden Bergen und Mira nahm die Huldigungen des Berliner Brauers mit unzweideutigem Wohlgefallen entgegen.
„Sie ist des Teufels", meinte Tassilo Rex. „Er hat sie mit seinen Millionen geblendet".
Franziska Dudek sah der Entwickelung des Romans scheelen Blickes und mit Bestürzung entgegen. Es dünkte ihr Aberwitz, was sie vor ihren Augen sich abspielen sah!
„Es ist unmöglich", dachte sie. Er wird, er muß zur Besinnung kommen."
Indeß daran war nicht zu denken. Arnold Stahl war im Zuge, daß ihn höchstens noch die Unüberwind- lichkeit socialer Vorurteile hätte aufhalten können. Die aber räumte sein Geld beiseite. Die Sache kam, sobald die Schlicks wieder nach Berlin zurückgekehrt waren, zu Ende.
(Fortsetzung folgt.)