Einzelbild herunterladen
 

WichterimMun g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

X 64.

Mittwoch, den 10. August 1904.

55. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Zu den Kaisermanövern, die in diesem Jahre bekanntlich in Mecklenburg und Holstein stattfinden, sind jetzt schon alle Dispositionen getroffen. Ein wirk­sames militärisches Schauspiel wird die Kaiserparade bei Alton« bilden. Am Zugang zum Paradefeld wird ein Zelt erbaut, vor bem die Kaiserin den Wagen ver­läßt und zu Pferde steigt. In der Uniform der 2ten Kürassiere (Pasewalk) wird sie ihrem Gemahl dieses Regiment vorführen. Ganz besonders glanzvoll wird die Parade schon durch die glänzende Kavallerieauf­stellung werden. Der Kaiser wird sein Hauptquartier am 13. bis 15. Sept. in Schwerin i. M. haben.

Soweit bis jetzt feststeht, wird der Kaiser am 12. August am späten Nachmittag, von Swinemünde kommend, in Berlin eintreffen und im Schlosse ab­steigen. Am 13. August abends erfolgt die Abreise nach Schloß Wilhelmshöhe und die Ankunft dort am 14. August früh. Der Aufenthalt in Wilhelmshöhe dürfte voraussichtlich bis zum 25. August dauern.

Das Kaiserpaar wird gelegentlich seines dies­jährigen Herbstaufenthaltes auf Jagdschloß Rominten der Einweihung der neuen evang. Kirche in Dubeninken beiwohnen, zu deren Bau der Kaiser eine nicht unbe­deutende Beihilfe gewährt hat.

Der Kaiser nahm vorgestern mit einigen Herren des Gefolges das Frühstück beim deutschen Konsul Mohr in Bergen ein und erledigte nachmittags Regierungs- geschäfte.

Kaiser Wilhelm ist heute gegen Mittag nach Odde abgereist.

In Südwestafrika ist vergangenen Dienstag die 2. Kompagnie des 2. Feldartillerie-Regiments von 150 Hereros angegriffen worden, die mit einem Verluste von 50 Toten zurückgeschlagen wurden. Diesseits sind zwei Witbois getötet und vier Personen verwundet.

Ein neuer Truppentransport in Stärke von 13 Offizieren und 355 Mann, sowie 530 Pferden geht am Sonnabend auf dem Dampfer des Norddeutschen Lloyd Wittekind" nach dem Kriegsschauplatz ab.

Die russische Regierung hat in Berlin die An­frage gestellt, wie man sich gegenüber dem Ersuchen um die Erlaubnis zur Durchfahrt des russischen Ost­seegeschwaders durch den Kaiser Wilhelmkanal gegebenen­falls zu verhalten habe. Darauf hin sei in freund­schaftlicher Weise gebeten worden, von einem solchen Ersuchen abzustehen, da man die Erlaubnis hierorts nicht vereinbar halten würde mit der amtlich erklärten Neutralität des Deutschen Reiches und des gegenwär­tigen russisch-japanischen Streitfalles.

Ausland.

Die russischen Streitkräfte besitzen eine Front von 37 Kilometer, welche in einem Dorfe 10 Kilomtr. nördlich von Haitscheng beginnt und sich bis Anting

südöstlich von Liaoyang erstreckt. Diese Streitkräfte bilden die Gesamtmacht, welche gegen die drei japanischen Armeen operiert. General Kuropatkin telegraphiert, daß sich die Lage der russischen Armee gebessert habe. Es sei keine Gefahr vorhanden, daß der linke Flügel umgangen werden könne.

Das Wladiwostokgeschwader wird in einigen Tagen, nachdem es sich genügend mit Kohlen versehen, seine Kreuzfahrten wieder aufnehmen. Wie es heißt, habe das Geschwader freie Hand behalten, alle gemachten Prisen in den Grund zu bohren.

Bei dem jüngsten Angriff auf Port Arthur wurde von den Japanern in die Festungswerke eine derartige Bresche gelegt, daß es den Russen unmöglich ist, solche auszubessern. Der Fall von Port Arthur wird daher in den nächsten Tagen erfolgen.

Flüchtlinge aus Port Arthur haben nach Tschifu ausführlichere Kunde von den letzten blutigen Kämpfen um die Festung gebracht. Danach richtete sich der japa­nische Sturmangriff gegen die drei noch nicht eroberten Außenforts Wolfshill, Greenhill und Christhill, von denen die ersten beiden genommen wurden, so daß Christhill als einziges Außenfort noch im Besitz der Russen ist. DieJapaner warfen über 100000 Schrapnells in den Festungsbezirk, ihr mörderisches Feuer wurde von 2000 russischen Geschützen erwidert. Von der auf 150 000 Mann geschätzten Zernierungsarmee fielen 1? 000; die Russen verloren nur 200 Tote und 700 Verwundete. Gleichzeitig machte die russische Flotte einen Ausfall aus dem Hafen, bei dessen Zurückweisung ein japanisches Kanonenboot durch eine Mine schwer beschädigt wurde. Am 15. d. M. soll angeblich ein neuer Sturm auf Port Arthur erfolgen.

Die Tochter des bekannten Petersburger Arztes Mieszejewsky wurde dem Daily Chronicle zufolge in, der Festung Schlüffelburg wegen des Versuches, die Truppen in Ostasien zur Verletzung der Disziplin zu verleiten, mit dem Strange hingerichtet.

Males und Provinzielles.

Schlächtern, 9. August 1904.

* Die Postbehörde macht im Hinblick auf die bevorstehenden größeren Herbstübungen der Truppen darauf aufmerksam, daß es für die regelmäßige Be­förderung und pünktliche Zustellung der an die Offiziere und Mannschaften der Manövertruppen gerichteten Postsendungen durchaus erforderlich ist, in den Auf­schriften der Sendungen außer dem Namen und dem Dienstgrade des Empfängers, auch den Truppenteil (Regiment, Kompagnie, Eskadron, Batterie pp.) sowie den ständigen Garnison-Ort anzugeben.

* Zum Fernsprechverkehr mit Schlüchtern sind während der verkehrsschwachen Stunden 79 Bonn., 123 Nachm. und 79 Nachm. neu zugelassen: Hamburg, Altona (Elbe), Bergedorf (Bz. Hamburg),

Blankenesee, Fuhlsbüttel, Harburg (Elbe), Schiffbek und Wandsbek. Gesprächsgebühr je 1 M.

* DasRegierungsblatt" veröffentlicht soeben die Abänderung des Art. 227 des hessischen Polizei­strafgesetzbuches, nach welchem für die Folge das Aus­stellen und Aushängen von Waren an Sonn- und Feier­tagen nur während der für den Hauptgottesdienst be­stimmten Zeit untersagt ist. Seither war das Aus­stellen und Aushängen von Waren nicht allein während des Gottesdienstes, sondern während des ganzen Sonn­tags untersagt.

* Das diesjährige Weitzel'sche Stiftungsfest mußte leider durch die Ungunst der Witterung auf die Räum­lichkeiten desHess. Hofes" beschränkt werden, was sehr bedauerlich war, als gerade dieses Fest sich in dem Rahmen eines kleinen Volksfestes abzuspielen pflegte und bei der Schlüchterner Damen- und Herrenwelt, jüngeren und älteren Datums, hoch in Ehren steht. Die Garantien waren wirklich geboten, daß es ein schöner Sonntagnachmittag geworden wäre, allein der Regen­gott hatte kein Erbarmen und machte alle Hoffnungen zu nichte. Das Komitee mußte auch dieses Jahr einer Bestimmung gemäß sich der Mühe unterziehen und an diejenigen Schlüchterner Landwirte und Viehzüchter festgesetzte Geldprämien aus der Weitzel'schen Stiftung verteilen, welche hervorragende Fruchtarten und schönen reinen Viehbestand zur Schau stellten. Die Kommission

waltete ihres Amtes mit größter Gewissenhaftigkeit und bedachte nachstehende Aussteller mit folgenden Preisen: Witwe Feick für die schönste Zuchtkuh 1. Preis 20 M. Jean Denhard, Bäcker

Leonhard Kohlhepp

Adam Freund für das schönste Rind

Philipp Zipf, Spengler Georg Weitzel, Bäcker

tf

tf

Ludwig Bolender f. d. schönsten Roggen Ludwig Kling '

Heinrich Baist f. d. schönsten Weizen Adam Urbach

Jean Schickedanz für die schönste Gerste Philipp Bolender

Otto Köhler für den schönsten Hafer Friedrich Rüffer

Hrch. Gold, Seiler f. d. schönsten Erbsen

Johannes Simon

tf

2.

3.

2.

3.

1.

2.

1.

2.

1.

2.

1.

2.

1.

2.

Preis 20 M.

15

tf tf

tf

tf

//

tf

tf

10

20

15

10

10

7

10

7

8

5

8

5

10

7

tf

tf

tf

Dem großen Freunde und Gönner Johann Joachim Weitzel wird die Stadt Schlüchtern immerdar dankbar gedenken und seinen Namen hoch in Ehren halten, mögen aber auch noch andere mit Glücksgütern reich Gesegnete in seine Fußstapfen treten, zu Nutz und frommen der Allgemeinheit.

* Die erste Vorlesung des Herrn Professor Diemar aus Marburg fand am vorigen Samstag von 35 Uhr im Hotel Stern vor einigen 50 Zuhörern statt. Zunächst gab er eine ausführliche Disposition

Glänzendes Elend.

Roman von Arthur Roehl.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Er hob sein Sektglas.Weihen wir ihr einen Mitgefühlstrunk. Einer kann in jedem Kampfe eben nur gewinnen.

Er tat einen neuen schneidigen Zug. Dann schlug er ein neues Thema an. Er fing an, das Repertoire seiner unverfänglichen Kasinoschnurren auszukramen und seine Dame kam nicht aus dem Lachen heraus. Er war so lebhaft, daß ganz unten am Ende der Tafel, da wo die belangloseren Elemente der Gesellschaft ihren Platz gefunden, ein alter, weißhaariger Herr, der als Direktor des Stahlschen Brauerei-Elabliffements zu dem Feste hinzugezogen war, leise bei sich meinte:

Das schlechteste Rad an dem klapperigen Familien- lvagen knarrt am lautesten."

Der alte Direktor Krötke, der in der Stahl'schen Brauerei schon ein gewichtiges Wort mitzureden hatte, als der jetzige Inhaber noch in der Wiege lag und die Firma sich noch in ihren bescheidensten Anfängen be­fand, hatte zufällig, als Baron Egons Nachbarin Fräulein Dudek erwähnte, ebenfalls an diese Dame gedacht! Wann hatte er an diesem Tage nicht an sie gedacht! Er war alt, grau und weiß im Dienste der Firma geworden, und all die langen Jahre hatte ihn kein Ding so in die Verwunderung gesetzt, wie die Verlobung

seines Chefs mit dem Edelfräulein, das heute seine Gemahlin geworden war. Gewiß, sein junger Chef war, das wußte er, ein Mann, der mit seinem Ver­mögen in den anspruchsvollsten Kreisen seine Wahl treffen konnte. Allein er hatte ihn sein ganzes Leben unter den Augen gehabt und ihn nie als eitel und geckig kennen gelernt. Obgleich Millionärssohn war er in dem Hause seiner an ein schlichtes Leben ge­wohnten Eltern in bürgerlicher Bescheidenheit erzogen. Und wenn er auch, seit er Erbe des Stahlschen Reich­tums geworden war, mancherlei den Eltern fremden Neigungen huldigte, in seinen Ställen wertvolle Pferde hwlt, sich hübsche Equipagen anschaffte und sogar einen Teil seiner Staatspapiere in seinem Geldschrank zum Ankauf eines Landsitzes verwandte, wo er den Freuden des Waidwerkes auf eigener Scholle nachgehen konnte, so war er doch immer natürlich und unprätenziös, ein Mann von gutem Bürgersinn geblieben. Die Schlicksche Heirat war ihm, er konnte nicht sagen wie, von Anfang an zuwider gewesen. Auch er hatte immer geglaubt, ganz genau Diejenige zu kennen, die, wenn Arnold Stahl heiratete, seine Frau werden würde.

Der Direktor blickte die Tafel hinauf, nach dem Platz, wo die Braut saß.

Und wäre sie es noch allein," dachte er bei sich. Weiß der Himmel was er an ihr findet. Kann sie einen Vergleich mit der anderen aushalten. Die Puppe. Indeß die Familie! Diese Familie!"

Er richtete sein Auge auf Baron Balduin, auf die

Baronin und die Herren Söhne. Gerade ihm, seinem Chef, der an diesen ausgefahrenen, mit Hoheit und Dünkel beladenen Familienkarren geraten war.

Im klebrigen ließen sich die Hochzeitsgäste von den stillen Betrachtungen des griesgrämigen Alten in ihrer Festesfreude nicht stören. Der Bräutigam und die Braut, die, wie bekannt war, die Flitterwochen im Süden zu verleben gedachten, waren plötzlich, noch ehe der Nachtisch aufgetragen wurde, verschwunden, was der Herr Generalmajor für das Signal hielt, sich gleich­falls aus dem Staube zu machen. Indeß man bat ihn, der Gesellschaft noch eine Weile, noch eine ganz kleine Weile der Gesellschaft zu schenken.

Nur bis die Kinder aus Berneuchen telegraphiren, daß sie angekommen sind, Schwager," bat Frau von Schlick.

Berneuchen war das Arnold Stahlsche Landgut gleich hinter Spandau, wo die Neuvermählten für den Tag ihre italienische Reise unterbrachen und Station machten.

Die Depesche muß binnen einer Stunde da sein, und wer weiß, wenn wir uns Wiedersehen, Bruder", drang Baron Balduin in ihn.

Der Herr General sah sich wirklich genötigt, zu bleiben, obgleich er mehr als einmal seine edle Falten- nase rümpfte, wenn man an sein Interesse für den neuen Bier brauenden Sohn appellierte. Er blieb wirk­lich bis die Depesche eintraf.

Baron Balduin brächte sie unter gespannter Auf-