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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 6. August 1904
Deutsches Reich.
— Der Kaiser traf, wie aus Staareimswik telegraphiert wird, am Donnerstag an Bord der „Hohen- zollern" in Loen ein. An Bord ist alles wohl.
— Der Kaiser trifft voraussichtlich am 13. August in Berlin ein und reist nach kurzem Aufenthalt nach Wilhelmshöhe weiter, woselbst er am Vormittage des 14. ankommen wird.
— Das Wildschongesetz, welches bekanntlich den Schutz des jagdbaren Wildes wesentlich erweitert, namentlich auch insofern, als es den Verkauf von Wild- Pret nach Eintritt der Schonzeit stark beschränkt, wird im Reichsanzeiger veröffentlicht.
— Wie der „Morgenpost" von besonderer Seite mitgeteilt wird, hat eine große Anzahl deutscher Firmen von Rußland neue Aufträge zur Lieferung von Kriegsmaterial übernommen. Genannt werden die Firmen: Löwe'sche Munitions- und Waffenfabrik, die Krupp'sche Germania-Werft in Kiel, die Schichau-Werft in Elbing und Danzig und die Schwartzkopff'sche Maschinenfabrik. In Hamburg sind 5 große Dampfer gechartert worden, die deutsches Kriegsmaterial im Werte von über 30 Millionen Mark für Rußland an Bord nahmen und demnächst die Reise nach dem Mittelmeer antreten:
— Prinz Friedrich Leopold ist, wie Wolffs Bureau aus Potsdam meldet, zur Entsendung in das russische, Prinz Karl Anton von Hohenzollern zur Entsendung in das japanische Hauptquartier ausersehen worden.
— Ein Telegramm des Generals v. Trotha bestätigt, daß der Ring um den Waterberg nach Süden und Südwesten geschloffen ist. Unter der Einwirkung der z. Z. recht niedrigen Nachttemperatur hat die Zahl der Typhuserkrankungen schon etwas abgenommen und es steht zu erwarten, daß durch diesen Kälteeinfluß uvt Epidemie eine weitere Einschränkung erfahren wird. Selbstverständlich ist von sanitärer Seite alles mögliche geschehen, um der in heftigem Maße um sich greifenden Seuche nach Kräften Einhalt zu tun. Doch liegt es an den äußerst ungünstigen Wasserverhältnissen, daß dies bisher nur bis zu einem gewissen Grad erreicht ist. — Die Hereros sollen massenweise am Typhus sterben und viele Verwundete sollen sich im Lager befinden. Der Proviant ist sehr knapp. Nur Milch und Fleisch dient den Häuptlingen, ihren Frauen und den Kriegern zur Nahrung; die übrigen müssen sich mit Wurzeln und dergleichen begnügen. Viele Ochsen werden täglich geschlachtet.
Ausland.
— Das Wladiwostockgeschwader brächte am Morgen des 24. Juli den deutschen Dampfer „Thea", der mit einer Ladung Fischen von Amerika nach Dokohama fuhr, aus. Das Schiff wurde für eine rechtmäßige Prise erklärt. Da es unmöglich war, die „Thea" in einen russischen Hafen zu schaffen, wurde die Mann-
Glänzendes Elend.
Roman von Arthur Rocht.
Nachdruck verboten.
I.
Das Hochzeitsmahl ging zu Ende
Die Trauung hatte in der Dreifaltigkeitskirche eine kleine glänzende Festgesellschaft aus gewissen Kreisen der Aristokratie und Plutokratie von Berlin vereinigt. In schwungvoller Rede hatte der Priester vor dem Altar dem Brautpaar die Gnade des Himmels gezeigt, der sie mit Geld und Gut, mit Jugend und Rang und mit Allem, was der Mensch auf Erden erstrebenswert findet, beladen. Und dann war dem kirchlichen Akt die weltliche Feier gefolgt. Equipage auf Equipage rollte vor das Kirchenportal, und die Gaffer die sich um das schillernde, dem Gotteshause entströmenden Festgewirr drängten, und fort ging es durch die im hellen Herbstsonnenschein glänzenden Straßen, nach dem Hotel zum „Russischen Hof", in dessen prunkvollen Sälen das Hochzeitsdiner serviert wurde. Und nun hatte man sich endlich glücklich durch die schier endlose Zahl der Gänge des opulenten Menüs Hurchgearbeitet. Toast auf Toast war gesprochen. Den gewichtigsten hatte der Bruder des Brautvaters vom Stapel gelassen, der in großer Generalsuniform, das rothe Adlergesicht vorgestreckt über den steifen goldgestickten Kragen des Waffenrockes, dem Bräutigam zu seinem Eintritt in die gltfeudale, freiherrliche Familie Derer von Schlick be
schaff übernommen und das Schiff versenkt. Die Kreuzfahrt verlief ohne Menschenverlust und ohne Beschädigung der Schiffe.
- Der wirkliche Name des Mörders Plehwes ist noch immer unbekannt. Er erklärte wiederholt, um keinen Preis seinen Namen zu nennen. Der Arzt, welcher ihn behandelt, will bemerkt haben, daß er große Anstrengungen machte, russisch mit deutschem Akzent zu sprechen. Es steht jedoch außer Zweifel, daß er geborener Russe ist.
— Dem „Standard" wird aus Schanghai gemeldet: Ein Flüchtling aus Dalny berichtet, die Japaner hätten schwere Belagerungsgeschütze auf den Port Arthur beherrschenden Anhöhen aufgestellt. Der Fall der Festung wird etwa am 10. August erwartet. — Nach einer Meldung der „Central News" aus Tokio heißt es, die Verteidiger von Port Arthur zeigten nicht viel Energie und wagten sich selten aus ihren Linien heraus. Sie würden stets weiter zurückgetrieben, als sie hergekommen.
— Der dreitägige Sturm der Japaner, der hartnäckig gegen die inneren Verteidigungswerke im Norden und Osten von Port Arthur gerichtet wurde, ist erfolglos geblieben.
— Nach zweitägigem Kampfe hat General Kuroki die Russen in zwei gesonderten Gefechten bei Aushulikyu und Ianzuling geschlagen.
— Die russischen Lazarette in Port Arthur sind überfüllt, Tausende Verwundete sind in den Geschäften und Wohnhäusern von Chinesen untergebracht, die ihre Häuser dazu hergeben mußten.
— Wie dem Bureau Reuter aus Tschifu gemeldet wird, wurden die Japaner mit einem Hagel von Geschossen niedergemacht und die Mienen explodierten unter ihnen. Sie verloren 20000 Mann. (?) Die Russen verloren 5000—6000 Mann. Diese Nachrichten stammen allerdings aus einer Quelle, die sich bis jetzt als wenig zuverlässig erwiesen hat.
Males und Provinzielles.
Schlüchtern, 5. August 1904.
—* Heute Morgen traf Herr Regierungsbureauhilfsarbeiter Schultheiß aus Gaffel hier ein, welcher mit der vorläufigen Wahrnehmung der Kreissekretärgeschäfte beauftragt wurde.
—* Uebende Reservisten sind steuerfrei! Reservisten seien bei den jetzt wieder bevorstehenden großen mili
tärischen Uebungen darauf aufmerksam gemacht, daß sie für die Monate, in denen sie zu diesem Zweck eingezogen sind, von allen persönlichen Steuern befreit. Wenn auch nur ein einziger Uebungstag in den betr. Monat fällt, so ist der ganze Monat steuerfrei. Da jedoch ohne besonderen Antrag eine Steuerbefreiung nicht erfolgt, so müssen die Eingezogenen sich unter
gezogenen sich unter Militärpasses bei der
Vorlegung oder Einsendung des
Gemetndebehörde ihres Wohnortes melden.
glückwünscht hatte. Der Herr General war ein Mann von starrem Adelsstolze, und es hatte seinem Bruder Mühe genug gekostet, ihn zu bewegen, die Vermählungsfeier seiner Nichte mit seiner Gegenwart zu verschönern. Allen inständigen Bitten zum Trotz aber hatte er seine Gemahlin, eine geborene Komteß Beulwitz doch daheim gelassen.
Der General hatte den Bräutigam auf dem Standes- anite, wo er ihm als Zeuge gedient hatte, zum ersten Male gesehen. Er hatte keinen üblen Eindruck auf ihn gemacht. Er war groß und schlank, von distinguierter Erscheinung und tadellos in seinen Manieren. Aber er war ein Parvenü, ein Geschäftsmann, ein Brauer. „Das Geld! Das Geld," dachte er bei sich. „Das dreht heutzutage das Unterste zu oberst!" Herr Arnold Stahl, der Bräutigam seiner Nichte, galt für einen vielfachen Millionär.
Er heftete seinen stechenden Blick ein paar Mal forschend auf die Erscheinung der jungen Braut. Er hatte sie seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. „Eine Larve", dachte er, wie er in das kleine schleierumwallte, puppenhafte Gesicht sah. Er warf einen Seitenblick auf ihre Mutter, die weiterhin an der Tafel, strotzend in schwerem lila Brokat den Brautmutterplatz inne hatte. Das waren dieselben belanglosen, unbedeutenden, un- selbstständigen Züge wie die der Braut. Er zuckte die Achseln.
Freifrau von Schlick war in der Tat das leibhaf-
—* Bei der Untersuchung eines hier geschlachteten Schweines wurden zahlreiche Trichinen gefunden. Das Fleisch mußte vernichtet werden; angekauft wurde das Tier in Rückers bei Flieden.
—* Gestern mittag wurde die Leiche des Eisenbahnarbeiters Föller von hier aus der Kinzig geländet, welche schon einige Tage im Wasser gelegen haben mag. Föller hat sich am Montag von seiner Familie entfernt; welche Motive den Mann in den Tod getrieben, sind unbekannt. Föller hinterläßt eine zahlreiche Familie.
—* Die wiedergefundenen Dollarscheine. Ein aus Breitenbach gebürtiger Herr, welcher dem schönen Lande des Dollars auf einige Zeit den Rücken kehrte, machte dieser Tage mit Hrn. Fritz Denhard eine Ge> schäftstour, wobei (wir wollen den Namen verraten) Herrn Spähn das Malheur passierte, daß er seine vollgespickte Börse im Betrage von 540 Mark nebst seinem Ueberfahrtsbillet beim Nachhausegehen verlor und den Verlust erst in Schlüchtern bemerkte. Da war guter Rat teuer. Herr Denhard machte sich bei Tagesgrauen auf die Beine, schlug das richtige Metzgerstempo ein und in ganz kurzer Zeit fand er das Kleinod aus der Strecke nach dem Distelrasen. Die Freude des amerikanischen Freundes war groß und wollte dem glücklichen Finder eine königliche Belohnung von 50 Mark durch warmen Händedruck in seine Hand geleiten lassen, was Herr Denhard aber ausschlug.
—* Ueber die nasfauische Simultanschule spricht sich in der „Schulpflege", dem Organ des preußischen Rektorenvereins, ein katholischer Rektor aus dem Rheinlande höchst lobend aus. Nach einer Schilderung der historischen Entwicklung der dortigen Simultanschule und ihrer Einrichtungen fällt der Rektor über die Einrichtungen folgendes Urteil: Nun herrscht aber in Nassau allerwärts ein gutes religiöses Leben, durchaus kirchlich und gläubig. Das gilt von Katholiken wie Protestanten. Selten werden kirchliche Trauung und Taufe verschmäht, regelmäßig wird das Abendmahl empfangen, mit wenig Ausnahmen. Das ist eine Tatsache von Bedeutung sowohl an sich wie auch für die Beurteilung der Simultanschule. Zur Entchristlichung des Volkes und zur Religionslosigkeit hat die Simultanschule in Nassau nicht geführt. Wenn vielfach gesagt wird, in der Konfessionsschule und der Simultanschule stehen sich zwei entgegengesetzte Weltanschauungen gegenüber, die sie verkörpern, die theistische und atheistische, so trifft das für Nassau nach der fast hundertjährigen Erfahrung nicht zu. Denn dort hat die atheistische Weltanschauung noch wenig Fuß gefaßt.
—* Aus den Feldern klingen die Sensen und die Schaar der Schnitter ist mit emsigem Fleiß bemüht, zu ernten, was der Landmann einst auf Hoffnung gesäet. In stattlicher Reihe erblicken wir da draußen schon die ersten Garben und recht erfreulich ist es, daß im Gegen - tige, natürlich ihrem Alter entsprechende Abbild ihrer bräutlichen Tochter. Sie war mit den Jahren in die Breite gegangen, auf ihrein Gesicht hatte sich um Mund und Schläfe schon manch eine bedenkliche Falte gelegt, aber ihr Auge von demselben etwas weichlichen unsicheren Ausdruck, wie das ihrer Tochter, strahlte noch immer licht und blau, als ob der Mann, der frisiert und pomadisier!, mit steif gewichstem Schnurrbart und allen den Allüren eines alten Gecken, die Brautvater- rolle an der Tafel spielte, ihr Zeit seines Lebens eitel Rosen in ihr Dasein geflochten hätte. Und das war doch keineswegs der Fall gewesen. Im Gegenteil, über manch stacheligen Dornenweg hatte sie ihm zu folgen gehabt, seit er sie, ein geborenes Fräulein von Platow, heimgeführt und auf seiner Majoratsbefitzung, die jetzt fremde Menschen mit Beschlag belegt hatten, um die von ihm aufgetürmten Schulden abzuwirtschaften, Heimatsrecht verloren hatte. Von ihren Gütern verjagt, die die Gläubiger auf Jahrzehnte in ihren Griffen hatten, lebte die Familie Schlick in Berlin, gewissermaßen in Verbannung. Indeß es konnte keinen ' lustigeren König ohne Land geben, als es Baron Bal- duin von Schlick war, und wenn heute, wie er in dem Kreise seiner edlen Anverwandten dasaß, über sein Lebemanns-Anilitz dann und wann ein bei ihm ungewöhnlicher Zug von Einst flog, mochte es das doch etwas drückende Gefühl sein bei einer trotz alledem so handgreiflichen Mesalliance als Brautvater zu paradieren. An der Wiege war ihm und seiner Tochter das