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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 3. August 1904.
55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Ein Telegramm aus Molde meldet, der Kaiser hatte am Freitag zur Abendtafel die Admirale und Kommandanten des ersten Geschwaders geladen und nahm heute das Frühstück bei Admiral V. Klöster ein. An Bord alles wohl.
— Der neue deutsch-russische Handelsvertrag wurde durch den Reichskanzler Grafen Bülow und den Präsidenten des russischen Ministerkomites Witte unterzeichnet.
— Die südwestafrikanische Abordnung soll nicht in Wilhelmshaven, sondern in Wilhelmshöhe empfangen werden. Der Tag des Empfangs steht noch nicht fest.
— Der „Weserzeitung" wird aus Oldenburg gemeldet, daß der deutsche Dampfer „Lisboa" zwei Seemeilen von der russischen Insel Hogland von einem russischen Kriegsschiff durchsucht wurde, also innerhalb der russischen Küstenzone.
— Das Etappenkommando in Deutsch-Südwestafrika meldet: Kranke: 3 Offiziere und 26 Mann von der Schutztruppe; 3 Offiziere und 122 Mann des Marine- Expeditionskorps haben am 27. Juli Swakopmund mit dem Dampfer „Schleswig" verlassen; sie sind am 9j August in Madeira, am 15. August in Bremer- Haven.
— In Südwestafrika haben jetzt, wie dem „L.-A." von dort gemeldet wird, die Maßnahmen ihren Anfang genommen, die zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Hereros in Waterberg führen und sie möglichst noch am Ausweichen mit ihrer Hauptmacht nach Norden oder nordöstlich hindern sollen. Das Kommando, das zur Vereinigung mit den in Norden stehenden Abteilungen neu zusammengestellt worden ist, ist nämlich auS Owikokorero ausgerückt und soll sich mit dem ^Detachement Müller vereinigen.
Ausland.
— Der Mörder Plehwes wurde nach einer Untersuchungszelle überführt. Die Operation ist gelungen, sein Leben ist außer Gefahr. Die erste Vernehmung förderte nichts zu Tage. Der Mörder schweigt hartnäckig. — Im letzten Verhör erklärte angeblich der Verüber des Attentates, er sei terroristischer Revolutionär und habe im Auftrag des Komites gehandelt, welches den Tod des Ministers des Innern verfügt habe.
— Dem „Daily Expreß" wird aus Petersburg telegraphiert: nach Empfang der Unglücksbotschaft, die den Zaren furchtbar erschütterte, habe er sich in seine Privatgemächer zurückgezogen und sei erst am Nachmittag wieder zum Vorschein gekommen, um sich alle Einzelheiten des Verbrechens berichten zu lassen. Der Kaiser schien in jenen wenigen Stunden um Jahre gealtert zu sein. Mehrere Großfürsten und Minister, sowie hohe Polizeibeamte wurden sodann nach Peterhof berufen und kehrten abends nach Petersburg zurück. — Maßgebende Kreise bezeichnen als Nachfolger
Getrennte Wege,
Kriminal-Roman von Theo von Blankensee.
Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Finster und mürrisch blickte Kurt von Dalldorf vor ' fich nieder, ohne eine Antwort zu geben.
Der Kommissar ließ sich aber dadurch nicht beirren. „Dieses Schweigen ist ja nutzlos! Sie sind überführt und kann der Erfolg lediglich der sein, daß dem ' Baron von Schwertling nichts bewiesen werden kann. Nur den können Sie retten. Wenn Sie das erreichen wollen, dann kann Ihr Schweigen ja gut sein!"
„Ist der Baron entkommen?"
Treskow lächelte:
„Darüber darf ich keinen Aufschluß geben. Ich habe das Recht nicht dazu. So viel aber dürften Sie doch selbst einsehen, daß ein vom Gericht Verfolgter nur in den seltensten Fällen entkommt."
Noch immer zögerte Kurt von Dalldorf. Dann sagte er kurz und bestimmt:
»Gut. Ich bin der Mörder!"
„Das wissen wir schon!" gab der Kommissar zurück. „Aber wir möchten von Ihnen auch die Einzelheiten erfahren, um die Mittäterschaft der beiden anderen festzustellen."
„Dann will ich alles erzählen!" begann Kurt von Dalldorf. „Aus Veranlassung des Barons von Schwert- «ng wurde der ausgeführte Raub verabredet. Anlaß
Plehwes den Fürsten Obolenski oder den Justizminister Murawiew.
— Senator Durnovo, bisheriger Assistent Plehwes, wurde zum interimistischen Minister des Innern ernannt.
— Die russische Armee ist von einem harten Schlage getroffen worden, indem der General Keller von einer Granate getötet wurde.
— Nachdem festgestellt worden ist, daß viele Japaner als Chinesen verkleidet auf den Bergen die Bewegungen der russischen Truppen verfolgen und ihren eigenen Patrouillen Signale geben, erfolgte der Befehl auf solche Spione in den Bergen zu schießen.
— Nicht Port Arthurs, sondern Kuropatkins Lage ist es, so schreibt ein alter preußischer Offizier der „Frkf. Ztg.", die heute das Interesse der Sachverständigen aller Welt in erster Linie erregt. Ob Port Arthur heute oder in Wochen fällt, ist gleichgültig für den eigentlichen Ausgang des Krieges, aber Kuropat- kins Geschick entscheidet vieles, es entscheidet vielleicht sogar das Verhalten Rußlands, das als asiatische Macht aus den Gedanken kommen könnte, in höchster Not durch eine Verallgemeinerung des Krieges „sein Gesicht zu retten".
— In Tschifu eingetroffene Flüchtlinge berichten, daß in der Nacht zum Donnerstag ein japanischer Kreuzer und ein Kanonenboot durch Minen zerstört wurden. — Am Freitag traf eine Dschunke mit 30 Ausländern aus Port Arthur ein. Dieselben gaben an, daß am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag heftige Kämpfe zu Lande und zu Wasser im Osten und Nordosten stattgefunden haben. Sie glauben, daß der Hauptangriff bevorstehe, und versichern, daß die Beschießung der Stadt am Donnerstag ohne Beispiel seit Beginn der Belagerung gewesen sei. Die Russen hätten das Feuer nicht sehr lebhaft erwidert. Der Marschall Oyama, der mit dem Generalstabe am Dienstag Dalny verlassen habe, leite persönlich die Operationen. Die Flüchtlinge bestätigen hier um- laufende Gerüchte über den schlechten Zustand der japanischen Flotte und erklären, daß die Vorräte an frischem Fleisch in Port Arthur erschöpft seien. Die Truppen erhalten nur noch gesalzenes Fleisch, während die Nichtkombattanten hauptsächlich vom Mehl, Hafer und Reis lebten.____
Males und Provinzielles.
Schlüchtern, 2. August 1904.
—* Mit der Verwaltung der durch das Ableben des Kanzleirats Winhold erledigten Kreissekretärstelle bei dem Landratsamt in Cassel ist Herr Kreissekretär Görz zu Schlüchtern vom 1. August d. I. ab beauftragt worden. (Sicherem Vernehmen nach wird als Nachfolger Hr. Regierungszivilsupernumerar Schultheiß in den nächsten Tagen hier eintreffen.)
—* Herr Rechtsanwalt und Notar H e n r i ch s in Schlüchtern wurde zum Justizrath ernannt.
hierzu gab das kolosfale Defizit, das in unserer Kasse war. In Spielsälen hatte ich des Barons Bekanntschaft gemacht. Gemäß unserer Vereinbarung wurde der Raub ausgeführt. Der Baron begab sich im schwarzen Domino, blonder Perrücke und rotem Barett durch den Haupteingang in die Gemächer. Ich schlich durch das rückwärtige Haus, durch den Garten, stieg zum Fenster des Gartenzimmers hinein, das vorher durch die Baronin, die zum Feste geladen war, geöffnet wurde. Von hier aus mengte ich mich mit dem bereits anwesenden Baron unter die Gäste. Nach Ausführung des Raubes, der Ihnen in seiner Einzelheit ja bekannt sein wird, entfernten wir beide uns durch das Gartenzimmer. Wir mußten hierbei den Rauchsalon durchqueren, in dem ich meinen Domino in einer Wasserpfeife versteckte, um auf der Straße weniger Aufsehen zu erregen. Wir waren ungesehen entkommen."
Hier hatte er eine Pause gemacht, die Treskow zu einer Zwischenfrage benutzte.
Haben Sie dabei jemanden gesehen oder bemerkt?" „Nein, niemand!"
Gut!"
Kurt von Dalldorf fuhr wieder fort:
„Noch in der Nacht desselben Tages erfuhren wir dann, daß zur Zeit des Raubes Herr von Kämmerer und die Tochter des Hauses nicht anwesend waren. Es hatte uns die Baronin das Zeichen zum Ueberfall zu früh gegeben. Diese übernahm es, in Erfahrung zu bringen, ob Herr von Kämmerer etwas von uns bemerkt
—* Herr Lehrer Fr. Kreis zu Dankerode, Kreis Rotenburg, ist vom 1. Okt. d. I. ab an die Präpa- randenschule dahier berufen worden.
—* In der Frühe des letzten Sonntags starb nach 14tägigem Krankenlager der Ehrenbürger unserer Stadt, Herr Kantor Karl Anacker. Geboren war er am 25. Oktober 1821; er absolvierte das hiesige Seminar und war zuerst als Seminarhilfslehrer tätig, dann wurde er als Lehrer an der Stadtschule angestellt. Als solcher hat er die Mehrzahl der älteren und jüngeren Generation unter uns unterrichtet und sich ein dauerndes Denkmal in den Herzen seiner Schüler gesetzt, die ihren Kantor Anacker nicht vergessen können. Nach seiner Pensionierung war ihm noch ein langer friedlicher Lebensabend beschieden, und als er starb, galt auch von ihm: „Seine Augen waren nicht dunkel geworden und seine Kraft war nicht verfallen." Bis zu seiner Erkrankung führte er die Geschäfte des Bibliothekars und Kassierers der Weitzel'schen Stiftung und an dem Aufblühen derselben hat er einen wesentlichen Anteil gehabt. Jahrzehntelang hat er als Organist in unserer Kirche gewirkt und für die Arbeit der Gustav-Adolf- Stiftung und des Evangelischen Bundes seine Kraft eingesetzt. Mit ihm ist ein Stück Geschichte unserer Stadt und der evangelischen Gemeinde dahingegangen. Er war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit voll Ueberzeugungstreue und lauteren Wesens. Sein Andenken wird im Segen bleiben.
—* Nächsten Samstag beginnt im Hotel „Stern" dahier Herr Professor Diemar-Marburg einen Vor- tragskursus über „hessische Geschichte im Mittelalter." Gewiß werden außer den Herren Lehrern des Kreises noch andere Teilnehmer sich finden, die diese günstige Gelegenheit benutzen werden, etwas aus der glorreichen Geschichte ihrer engeren Heimat zu vernehmen.
—* Am vergangenen Sonntag feierte der Kriegerverein unseres Nachbarortes Bellings die Feier seiner Fahnenweihe vom herrlichsten Wetter begünstigt. Der idyllisch gelegene Ort und der Festplaß waren aufs schönste geschmückt und ein stattlicher Festzug, an dem sich ca. 12 Vereine mit Fahnen beteiligten, durchzog unter klingendem Spiel die Straßen. Auf dem Festplatze angekommen, nahmen die Vereine vor der Festtribüne Aufstellung, wobei Herr Bürgermeister Löffert Namens der Gemeinde und des festgebenden Vereins die Anwesenden bewillkommnete. Herr Amtsrichter Hengsberger von Schlüchtern vollzog den Weiheakt. In seiner von ächt kameradschaftlichem und patriotischem Geiste durchwehten Rede ermähnte er die Kriegervereine, immer treu zu Kaiser und Reich zu halten, sei es als schlichter Bürger sei es als Soldat. Sein Hoch galt unserm allergnädigsten Kaiser und König, Wilhelm II., dem Förderer und Pfleger der Kriegervereine, in das alle Festteilnehmer einstimmten. Bei Musik und Tanz flossen die Stunden dahin, wobei habe. Deshalb begab sie sich am Morgen des nächsten Tages frühzeitig in dessen Wohnung um eventuell etwas zu erfahren."
„Aha!" Treskow wandte sich dem Richter zu. „Die war es also, die von Kämmerer am Tage seiner Ermordung besucht hatte. Da finde ich nun auch ihren Besuch in meinem Bureau begreiflich."
„Von dieser erhielt ich dann bald hernach den von der Baronin geschriebenen Zettel, der mich vor einem Verrat durch von Kämmerer warnte. Als ich dann kurz hernach durch den Kurfürstendamm ging, sah ich von Kämmerer in das Haus meines Vaters treten. Ich mußte jetzt natürlich annehmen, daß er nur wegen des ausgeführten Raubes Enthüllungen machen wollte. Da packte mich eine tollkühne Idee. Auf demselben Wege wie am Abend vorher war ich in das Gartenzimmer gekommen. Ich hörte, wie meine Schwester Rahel sagte: „Papa muß jeden Augenblick kommen." Darauf hatte von Kämmerer gesagt: „Das ist ja gut. Dann kann ich alles sagen!" Natürlich bezog sich auch diese Aeßerung auf unsere gemeinsame Tat. Als sich dann Rahel entfernt hatte, führte ich von rückwärts gegen von Kämmerer zwei Hiebe in die Halsgegend, um mich vor seinem Verrat zu sichern. Als dies geschehen, reinigte ich im Klosett, wo ich mich hierauf verbarg, den Dolch und wusch mir die Hände. Dann schlich ich mich wieder fort und eilte durch den Hintern Aufgang davon, nachdem ich im Gartenzimmer jemanden vermutete. Das ist die ganze Geschichte."